Papst Pius V. ein „Massenmörder“? Die unbekannte Geschichte der Waldenser in Kalabrien

Streiflichter der Geschichte

Die Waldenser in Kalabrien und ihr Ende sind ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte. Manche machen eine Anklage gegen den späteren Papst Pius V. daraus – zu Unrecht.
Die Waldenser in Kalabrien und ihr Ende sind ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte. Manche machen eine Anklage gegen den späteren Papst Pius V. daraus – zu Unrecht.

Zu den „Schwar­zen Legen­den“, die gegen die katho­li­sche Kir­che ins Feld geführt wer­den, gehö­ren auch weni­ger bekann­te Epi­so­den wie das Mas­sa­ker an den Wal­densern in Kala­bri­en. Dafür wird gar ein Papst, nicht irgend­ein Papst, son­dern der hei­li­ge Pius V. ver­ant­wort­lich gemacht, jener Papst, der nach dem pro­te­stan­ti­schen Zer­fled­dern der Lit­ur­gie den Römi­schen Ritus wie­der­her­stell­te und fest­schrieb, daß des­sen Zele­bra­ti­on den Prie­stern „auf ewig“ erlaubt ist. Ein Punkt, der in die­sen Tagen, da Papst Fran­zis­kus mit dem Motu pro­prio Tra­di­tio­nis custo­des eben­das bestrei­tet, wie­der von gro­ßer Bedeu­tung ist. Was aber hat es mit dem genann­ten Mas­sa­ker auf sich?

Die „Schwar­ze Legen­de“ behaup­tet, eine blut­rün­sti­ge katho­li­sche Kir­che habe 1561 die okzi­ta­nisch­spra­chi­gen Wal­den­ser Kala­bri­ens in einem „Kreuz­zug“ aus­ge­rot­tet. Wer es etwas genau­er zu wis­sen meint, behaup­tet, daß die Trup­pen der Kir­che oder der Inqui­si­ti­on im spä­ten Früh­jahr 1561 zwei­tau­send oder gar sechs­tau­send Wal­den­ser in Kala­bri­en nie­der­met­zel­ten und der Befehl dazu von Kar­di­nal Miche­le Ghis­lie­ri, dem spä­te­ren Papst Pius V. (1566–1572), erteilt wor­den sei. Pius V. wur­de 1712 hei­lig­ge­spro­chen. Soll­te er ein „Mas­sen­mör­der“ sein? In anti-katho­li­schen Krei­sen und unter Geschichts­un­kun­di­gen fin­den sol­che Phan­ta­sien bereit­wil­li­ge Annah­me, doch was ist dar­an wahr?

Gleich vor­weg sei rich­tig­ge­stellt, daß natür­lich weder „die Kir­che“ noch „die Inqui­si­ti­on“ Trup­pen im König­reich Nea­pel auf­mar­schie­ren oder irgend­wel­che Mas­sa­ker ver­üben las­sen konn­te. Eben­so­we­nig hät­te Kar­di­nal Ghis­lie­ri Trup­pen einen ent­spre­chen­den Befehl geben können. 

Die erwähn­te Dar­stel­lung, nicht zuletzt die Opfer­zahl von immer­hin 2000 Toten, fand sogar Ein­gang in einen DuMont-Rei­se­füh­rer und damit in die Köp­fe deut­scher Bil­dungs­rei­sen­der. Der Rei­se­füh­rer wur­de sogar zur Quel­le für die deut­sche Dar­stel­lung auf Wiki­pe­dia, was ange­sichts der rei­chen histo­ri­schen Fach­li­te­ra­tur doch erstaunt. Nicht nur die Wal­den­ser ver­brei­ten die­se und noch höhe­re Zah­len. Ab dem 19. Jahr­hun­dert wur­den sie von Kir­chen­geg­nern als Instru­ment im Macht- und Kul­tur­kampf ent­deckt. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten haben sich lin­gu­isti­sche und tou­ri­sti­sche Inter­es­sen ver­mengt und auch ein im Inter­net-Zeit­al­ter schnell durch­ge­führ­tes Copy & Paste trägt nicht zu einer ange­mes­se­nen Dar­stel­lung der histo­ri­schen Ereig­nis­se bei.

Die Wal­den­ser sind eine mit­tel­al­ter­li­che pau­per­i­sti­sche Sek­te, die vom Lyo­ner Kauf­mann Petrus Val­des (ca. 1140–1205), einem Zeit­ge­nos­sen des hei­li­gen Franz von Assi­si, gegrün­det wur­de. Die Lebens­we­ge von Val­des und dem Hei­li­gen von Assi­si hät­ten aber nicht unter­schied­li­cher ver­lau­fen kön­nen. Val­des wur­de 1182 exkom­mu­ni­ziert, Fran­zis­kus 1228 hei­lig­ge­spro­chen. 1184 wur­de die Leh­re der Wal­den­ser, die jede Mitt­ler­rol­le der Kir­che und damit die kirch­li­che Hier­ar­chie ablehn­te, als häre­tisch ver­ur­teilt. Ob Val­des, was von man­chen behaup­tet wird, sich im Alter noch bekehr­te, kann nicht mit Sicher­heit gesagt wer­den. Die von ihm gegrün­de­te Sek­te über­leb­te ihn jeden­falls und führ­te in mythi­scher Ver­klä­rung ihren Ursprung auf die Apo­stel zurück. Da die Wal­den­ser selbst über kei­ne Hier­ar­chie und kei­nen Kul­tus ver­füg­ten, da die Glau­bens­un­ter­wei­sung durch Lai­en­pre­di­ger erfolg­te, fiel es ihnen nicht schwer, in einem Unter­grund­da­sein aus­zu­har­ren und sich inmit­ten einer katho­li­schen Umge­bung als die „unsicht­ba­ren“ wah­ren Jün­ger Chri­sti zu sehen.

Das Zen­trum der Wal­den­ser lag dies­seits und jen­seits der West­al­pen ent­lang der heu­ti­gen ita­lie­nisch-fran­zö­si­schen Gren­ze mit beson­de­rem Schwer­punkt im Pie­mont. Eine Urkun­de aus dem Jahr 1268 von Karl I. von Anjou, König von Sizi­li­en (der damals auch über Süd­ita­li­en regier­te), bestä­tigt, daß sich Wal­den­ser in Kala­bri­en nie­der­ge­las­sen hat­ten, kon­kret in Guar­dia Lom­bar­do­rum. Ihrer Her­kunft nach stamm­ten die Wal­den­ser Kala­bri­ens aus dem Pie­mont, dem Del­fi­nat und der Pro­vence. Eine 1800 Ein­woh­ner zäh­len­de Gemein­de in der Pro­vinz Cosen­za heißt heu­te Guar­dia Pie­mon­te­se, aller­dings erst seit 1863 und mehr auf­grund eines Miß­ver­ständ­nis­ses. Der bewohn­te Ort liegt fast 600 Meter über dem Mee­res­spie­gel im küsten­na­hen Gebir­ge. Das Gemein­de­ge­biet reicht aber bis zum Tyr­rhe­ni­schen Meer. Der Groß­teil der Ein­woh­ner­schaft lebt heu­te aller­dings nicht mehr im alten Ort auf dem Berg, son­dern unten im noch jun­gen Orts­teil Guar­dia Mari­na, wo am Mee­res­strand der Frem­den­ver­kehr blüht. Die­ser führt seit den spä­ten 70er Jah­ren zu einem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum, das aller­dings durch Zuzug von ande­ren Gegen­den Kala­bri­ens und aus dem Aus­land gespeist ist.

Beson­de­res Inter­es­se fin­det in jün­ge­rer Zeit, daß Guar­dia eine okzi­ta­ni­sche Sprach­in­sel in Süd­ita­li­en ist. Die Ansied­lung der Wal­den­ser erfolg­te in eini­gen Schü­ben, blieb in ihrem Aus­maß aber beschei­den. Ihrer Her­kunft nach spra­chen sie auch nicht alle okzi­ta­nisch, doch konn­te sich die­se Spra­che unter ihnen durch­set­zen, was sie heu­te im tie­fen Süden Ita­li­ens zur inter­es­san­ten, aller­dings schwin­den­den Kurio­si­tät macht. Die eige­ne Spra­che, in der sie unter­ein­an­der ver­kehr­ten, bot eine zusätz­li­che Hil­fe, ihren Son­der­glau­ben zu bewah­ren. Wäh­rend der wal­den­si­sche Glau­ben völ­lig ver­schwun­den ist, wird die Zahl der Okzi­ta­nisch­spra­chi­gen nach jüng­sten Schät­zun­gen (2019) nur mehr mit 200–300 ange­ge­ben.

Guar­dia Lom­bar­do­rum (heu­te Guar­dia Pie­mon­te­se) mit Blick auf die Insel Stromboli

1860 wur­de das König­reich Bei­der Sizi­li­en besei­tigt und Kala­bri­en vom neu­ge­schaf­fe­nen König­reich Ita­li­en annek­tiert. Die füh­ren­den Wal­den­ser, in ihrem Zen­trum Turin libe­ral und frei­mau­re­risch gesinnt, hat­ten sich im 19. Jahrund­ert der ita­lie­ni­schen Natio­nal­be­we­gung ver­schrie­ben, die sie nicht zuletzt als anti-katho­li­sche Revan­che betrach­te­ten. Die „Wie­der­ent­deckung“ des wal­den­si­schen Zwi­schen­spiels in Kala­bri­en fand um die­se Zeit auch unter die­sem Gesichts­punkt statt. Und da die ita­lie­ni­sche Eini­gungs­be­we­gung vom Pie­mont (Haus Savoy­en) ange­führt wur­de, erfolg­te die Umbe­nen­nung von Guar­dia Lom­bar­do­rum in Guar­dia Pie­mon­te­se, denn die Wal­den­ser ja kei­ne Lom­bar­den oder gar Lan­go­bar­den gewe­sen. Dem lag ein Denk­feh­ler zugrun­de. Der Hin­weis auf die Lom­bar­den bezog sich nicht auf das Her­kunfts­ge­biet der ursprüng­li­chen Bewoh­ner, son­dern auf die Pau­pe­r­es Lom­bar­do­rum, die „Armen Lom­bar­den“, eine Strö­mung inner­halb der Wal­den­ser, die sich von den Pau­pe­r­es Lug­du­nen­ses, den von Petrus Val­des gegrün­de­ten „Armen von Lyon“, abge­spal­ten hat­te. Nach dem Tod von Val­des war sei­ne Anhän­ger­schaft in ver­schie­de­ne Grup­pen und Rich­tun­gen zer­fal­len, deren bedeu­tend­ste soeben genannt wurden.

Es war ein ört­li­cher Lehns­herr, der Wal­densern im 13. Jahr­hun­dert die Mög­lich­keit gab, sich in Kala­bri­en nie­der­zu­las­sen. Guar­dia war nicht der erste Ort ihrer Ansied­lung, aber der bedeu­tend­ste. Der Orts­na­me, ein Wart-Name, geht auf einen Wehr- und Signal­turm zurück, der Teil jenes Befe­sti­gungs- und Siche­rungs­sy­stems ent­lang der Küsten war, das die Staufer­herr­scher, beson­ders Kai­ser Fried­rich II., in den König­rei­chen Sizi­li­en und Nea­pel gegen die isla­mi­sche Gefahr ein­ge­rich­tet hat­ten und vie­ler­orts noch heu­te bestaunt wer­den kann.

Die nach Kala­bri­en kom­men­den Wal­den­ser wur­den von ört­li­chen Adels­ge­schlech­tern, den Her­ren von Fuscal­do und den Her­zö­gen von Mon­tal­to, zur Auf­sied­lung ein­ge­setzt, um brach­lie­gen­des Land zu kul­ti­vie­ren. 1315 kam eine zwei­te Grup­pe, die in Mon­tal­to den Stadt­teil der „Ultra­mon­ta­nen“ – so nann­ten die ein­hei­mi­schen Kala­bre­sen die Frem­den aus dem Nor­den – grün­de­ten. Die Bezeich­nung „ultra­mon­tan“ weist auf eine Her­kunft jen­seits der West­al­pen hin, also aus einem heu­te zu Frank­reich gehö­ren­den Gebiet. Eine Bezeich­nung, die in Kala­bri­en ins­ge­samt auf die Wal­den­ser über­tra­gen wur­de. Glei­ches gilt umge­kehrt für die zwei­te, aller­dings erst nach­träg­lich in jün­ge­rer Zeit gebräuch­li­che Bezeich­nung als „Pie­mon­tesen“.

1370 kamen Wal­den­ser aus dem Del­fi­nat hin­zu. Sie waren kei­ne Glau­bens­flücht­lin­ge, wie es wahr­schein­lich auch jene nicht waren, die sich vor ihnen in Kala­bri­en nie­der­ge­las­sen hat­ten. Bei den Neu­an­kömm­lin­gen han­del­te es sich um Wei­chen­de, jün­ge­re Söh­ne und ihre Fami­li­en, die zu Hau­se kein Aus­kom­men fan­den. Anders war es bei der letz­ten Grup­pe, die 1497 nach einem geschei­ter­ten Auf­stand gegen Her­zog Phil­ipp II. von Savoy­en ihre Hei­mat ver­ließ. Unter König Fried­rich I. von Ara­gon, den Papst Alex­an­der VI. im Jahr zuvor belehnt und in Capua gekrönt hat­te, fan­den auch sie Auf­nah­me im König­reich Nea­pel.

Die Ent­ste­hung der trotz allem klei­nen wal­den­sisch-okzi­ta­nisch-pie­mon­te­si­schen Insel in Kala­bri­en zeigt, daß das Ver­hält­nis trotz der reli­giö­sen Dif­fe­ren­zen ent­spannt war. Die Wal­den­ser, die ihren Glau­ben geheim­hiel­ten, waren dank­bar, eine neue Hei­mat gefun­den zu haben und ver­mie­den reli­giö­se Pro­vo­ka­tio­nen. Sie gin­gen in ihrer katho­li­schen Umge­bung weit­ge­hend auf. In den Wal­denser­or­ten, mit Aus­nah­me von Guar­dia, bil­de­ten sie nur eine Min­der­heit. Tau­fen, Hoch­zei­ten und Beer­di­gun­gen wur­den in der katho­li­schen Pfarr­kir­che gefei­ert. Alle zwei Jah­re lie­ßen sie wal­den­si­sche Pre­di­ger aus dem Nor­den kom­men, um ihren Glau­ben auf­zu­fri­schen. Zudem prak­ti­zier­ten sie ein stren­ges Hei­rats­ver­bot mit Nicht-Wal­densern. Die welt­li­chen und kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten wuß­ten von ihrer Exi­stenz. Die Kir­che ver­füg­te über genaue Kennt­nis­se der wal­den­si­schen „Simu­la­ti­on“ und ihrer abwei­chen­den Leh­ren. Man hat­te jedoch von Anfang an unter der Schirm­herr­schaft des ört­li­chen Adels eine Form der fried­li­chen Koexi­stenz gefun­den, sodaß die Wal­den­ser in Kala­bri­en von ihrer Umge­bung nicht als Häre­ti­ker wahr­ge­nom­men wur­den, was dar­in zum Aus­druck kam, daß sie auch nicht als „Wal­den­ser“ bezeich­net wur­den, was zur dama­li­gen Zeit ein Syn­onym für Häre­ti­ker war.

Die Wende: Als die Waldenser zu Calvinisten wurden

Das änder­te sich schlag­ar­tig mit der pro­te­stan­ti­schen Refor­ma­ti­on. Die Cal­vi­ni­sten übten schar­fe Kri­tik an der „Ver­bor­gen­heit“ der Wal­den­ser. Ihre For­de­rung, immer und über­all Bekennt­nis abzu­le­gen, ver­än­der­te unter dem Ein­druck der all­ge­mei­nen Umbrü­che jener Zeit das wal­den­si­sche Den­ken. Die Wal­den­ser im Nor­den schlos­sen sich schließ­lich 1532 auf der Syn­ode von Chan­for­an der Refor­ma­ti­on an und grün­de­ten sich als cal­vi­ni­sti­sche Wal­dens­er­kir­che neu. Erst damit ver­lie­ßen sie sicht­bar und end­gül­tig die katho­li­sche Kir­che. Anders aus­ge­drückt, die Wal­den­ser sind seit­her die Cal­vi­ni­sten in Ita­li­en. Ange­spornt von den pro­te­stan­ti­schen Erfol­gen faß­ten sie den Ent­schluß, ihr Unter­grund­da­sein auf­zu­ge­ben und öffent­lich auf­zu­tre­ten. Bald gerie­ten auch die Wal­den­ser in Kala­bri­en in die­sen Sog und damit mit­ten in den katho­lisch-pro­te­stan­ti­schen Kon­flikt, der Tei­le Euro­pas durchzog.

Auf katho­li­scher Sei­te hat­te 1556 Phil­ipp II., der Sohn von Kai­ser Karl V., das väter­li­che Erbe in Süd­ita­li­en ange­tre­ten. Sein Vater, der mäch­tig­ste Herr­scher sei­ner Zeit, sah sich am Glau­bens­kon­flikt geschei­tert, da es ihm nicht gelun­gen war, die Glau­bens­ein­heit in sei­nem Reich, in dem die Son­ne nicht unter­ging, zu bewah­ren. Sei­nem Sohn hat­te er den mah­nen­den Auf­trag mit­ge­ge­ben, uner­schüt­ter­lich an der Reli­gi­on fest­zu­hal­ten und den katho­li­schen Glau­ben rein zu bewahren.

Blick von Guar­dia auf die Küste des Tyr­rhe­ni­schen Meeres

Süd­ita­li­en stand als Neben­land Ara­gons unter spa­ni­schem Regi­ment. Das Vize­kö­nig­reich Nea­pel ließ Phil­ipp II. vom Her­zog von Alcalá (1559–1571) regie­ren, der mit den Fol­gen von Hun­gers­nö­ten, Epi­de­mien, Erd­be­ben, Über­fäl­len isla­mi­scher See­räu­ber, Angrif­fen der Tür­ken und Ban­den­bil­dung zu kämp­fen hat­te, zu denen nun auch noch die cal­vi­ni­sti­sche Häre­sie hin­zu­kam. Hat­te sich das Zusam­men­le­ben mit den Wal­densern in Kala­bri­en, solan­ge sie Wal­den­ser waren, 300 Jah­re pro­blem­los gestal­tet, änder­te sich das, sobald sie zu Cal­vi­ni­sten wur­den und ab 1560 auch in Kala­bri­en deren anti-katho­li­sche Radi­ka­li­tät annahmen. 

Gil­les des Gil­les, einer der letz­ten wal­den­si­schen Pre­di­ger, der sich nicht der Refor­ma­ti­on ange­schlos­sen hat­te, Vater des bekann­ten Histo­ri­kers Pierre des Gil­les (Petrus Gyil­li­us), pre­dig­te 1556 in Kala­bri­en und dräng­te die dor­ti­gen Wal­den­ser zu Klug­heit und Mäßi­gung. Die von Cal­vin per­sön­lich 1559 aus Genf ent­sand­ten Pre­di­ger Gian Lui­gi Pas­ca­le und Gia­co­mo Bonel­lo fan­den jedoch mehr Gehör und wie­gel­ten die Wal­den­ser Kala­bri­ens auf, sich öffent­lich zu beken­nen, die katho­li­sche Kir­che als Teu­fels­werk und Göt­zen­die­ne­rei zu ver­dam­men und Pro­se­ly­ten zu machen. Die ört­li­chen Behör­den, kirch­li­che wie welt­li­che, gerie­ten in Unru­he. Der sei­nen bis dahin treu­en Unter­ta­nen wohl­wol­len­de Grund­herr der klei­nen Wal­dens­er­ge­gend, Sal­va­to­re Spi­nel­li, Herr von Fuscal­do, der die­se 1540 durch Hei­rat erwor­ben hat­te, begab sich nach Nea­pel, in die Haupt­stadt des König­reichs, um am Hof des Vize­kö­nigs zu hören, wie mit dem neu­en Phä­no­men umzu­ge­hen sei.

Der Erz­bi­schof von Sor­rent, der Domi­ni­ka­ner Giu­lio Pave­si, mein­te in einer ersten Reak­ti­on, aller­dings nur in einem pri­va­ten Brief an Kar­di­nal Giro­la­mo Seri­pran­do, man sol­le zur Abschreckung „zehn oder zwan­zig der ver­stock­te­sten Häre­ti­ker ergrei­fen und ver­bren­nen“. Die kirch­li­che Auto­ri­tät und ziel­te jedoch auf die Bekeh­rung und setz­te auf die gewohn­ten mil­de­ren Mit­tel der Inqui­si­ti­on. Der Häre­sie Ver­däch­tig­te wur­den vor­ge­la­den, leg­ten das katho­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis ab und wur­den wie­der nach Hau­se ent­las­sen, nur eini­ge cal­vi­ni­sti­sche Pre­di­ger taten es nicht.

Als Fol­ge der Refor­ma­ti­on wur­de 1542 vom Hei­li­gen Stuhl die Kon­gre­ga­ti­on der römi­schen und all­ge­mei­nen Inqui­si­ti­on errich­tet, aus der spä­ter die heu­ti­ge Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on wur­de. 1554 ver­ur­teil­te die­se Kon­gre­ga­ti­on die nun­mehr cal­vi­ni­sti­schen Wal­den­ser. Akti­on und Reak­ti­on schau­kel­ten sich auf.

Der Aufruhr

Im Zen­trum der Wal­den­ser began­nen sich aber die Ereig­nis­se zu über­schla­gen. Die Reli­gi­ons­kon­flik­te, die ande­re Gegen­den Euro­pas ent­flamm­ten, nicht zuletzt die Kämp­fe zwi­schen den cal­vi­ni­stisch gewor­de­nen Wal­densern in Pie­mont und ihrem Lan­des­herrn, dem Her­zog von Savoy­en, und der Krieg zwi­schen den Spa­ni­ern und den nie­der­län­di­schen Cal­vi­ni­sten, blie­ben auf bei­den Sei­ten nicht ohne Aus­wir­kung auf die Stim­mung. Die von den cal­vi­ni­sti­schen Pre­di­gern zu einem über­stei­ger­ten Selbst­be­wußt­sein ange­sta­chel­ten Wal­den­ser began­nen in San Sisto pro­vo­kant auf­zu­tre­ten. Der Vikar des Erz­bi­schofs von Cosen­za dräng­te auf die Ver­haf­tung der Rädels­füh­rer. Der ört­li­che Statt­hal­ter von San Sisto namens Cas­ta­gne­ta wand­te Restrik­tio­nen an, weil der auf­rüh­re­ri­sche Cha­rak­ter auch der welt­li­chen Macht gefähr­lich schien. In den Augen der Kir­che waren die zu Cal­vi­ni­sten gewor­de­nen Wal­den­ser Häre­ti­ker, in jenen des Staa­tes aber Rebel­len. Dabei soll der staat­li­che Wil­len der spa­ni­schen Herr­scher, damals der Habs­bur­ger, den katho­li­schen Glau­ben zu schüt­zen und ihrem Reich zu bewah­ren, nicht unter­schätzt werden. 

Der Her­zog von Alcalá, Vize­kö­nig von Nea­pel, for­der­te ein stren­ges Vor­ge­hen zur Wie­der­her­stel­lung der öffent­li­chen Ord­nung. Für die Beur­tei­lung, ob es sich um Häre­ti­ker han­del­te, war die Inqui­si­ti­on zustän­dig, für die Bestra­fung von Auf­ruhr aber der Staat. Der Her­zog schrieb dem Vikar des Erz­bi­schofs von Cosen­za, daß über­führ­te Häre­ti­ker „nicht unge­straft“ blei­ben dürf­ten. Die bei­den cal­vi­ni­sti­schen Haupt­agi­ta­to­ren Bonel­lo und Pas­ca­le wur­den ergrif­fen und hin­ge­rich­tet. Bonel­lo im Febru­ar 1560 in Paler­mo, Pas­ca­le im Sep­tem­ber 1560 in Rom. Letz­te­rer war einer der weni­gen, die von der römi­schen Inqui­si­ti­on zum Tode ver­ur­teilt und im Kir­chen­staat hin­ge­rich­tet wur­den. Die heu­te das kol­lek­ti­ve Bild zum The­ma Inqui­si­ti­on prä­gen­de spa­ni­sche Inqui­si­ti­on wur­de im Süden Ita­li­ens, obwohl spa­ni­sches Herr­schafts­ge­biet, nie ein­ge­führt. 1559 hat­te Phil­ipp II. den Her­zog von Alca­là zu des­sen Ernen­nung zum Vize­kö­nig ange­wie­sen, auf dies­be­züg­li­che Ver­su­che zu ver­zich­ten. Das spa­ni­sche Regie­rungs­mo­dell mit sei­ner spe­zi­el­len Ver­schrän­kung von Staat und Reli­gi­on wider­sprach dem Den­ken und den Gewohn­hei­ten Süd­ita­li­ens, was man in Madrid zur Kennt­nis genom­men hat­te. Häre­si­en wur­den in Süd­ita­li­en seit den Zei­ten Fried­richs II. nicht unter dem Aspekt der Reli­gi­on, son­dern der Rebel­li­on betrach­tet und als „Maje­stäts­be­lei­di­gung“ ver­stan­den. Was unter dem Stauf­erkai­ser noch ziem­lich wider­sprüch­lich zum Ein­satz kam, hat­te sich im Lau­fe der Jahr­hun­der­te orga­ni­scher strukturiert.

Meh­re­re kala­bri­sche Bischö­fe mel­de­ten Erfol­ge gegen die Häre­ti­ker ver­schie­de­ner Pro­ve­ni­enz, nach­dem die­se öffent­lich abge­schwo­ren hat­ten. An die­ser Stel­le tritt Kar­di­nal Miche­le Ghis­lie­ri in die Geschich­te ein, aller­dings anders, als manch­mal zu hören ist. Er war seit 1558 Groß­in­qui­si­tor der Kir­che, was dem heu­ti­gen Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ent­sprach. Als sol­cher äußer­te er Zwei­fel an den Erfolgs­be­rich­ten und ermahn­te die Bischö­fe Kala­bri­ens, daß sich Häre­si­en nicht durch blo­ße Abbit­te besei­ti­gen las­sen, son­dern bis zur „Wur­zel“ vor­ge­sto­ßen wer­den müsse.

Kar­di­nal Ghis­lie­ri hat­te objek­ti­ve Grün­de für sei­ne Kri­tik. Ihm lag der detail­lier­te Bericht des Domi­ni­ka­ners Vale­rio Mal­vi­ci­no vor. Die­ser war als Dele­gat der römi­schen Inqui­si­ti­on und der staat­li­chen Auto­ri­tät nach Kala­bri­en geschickt wor­den, um die Wal­den­ser-Fra­ge zu lösen. Dort muß­te er fest­stel­len, daß die Wal­den­ser zwar 1560 anstands­los vor dem Bischof von Cosen­za abge­schwo­ren, aber bloß „simu­liert“ hat­ten, wäh­rend sie ihr häre­ti­sches Bekennt­nis beibehielten.

Der bewaffnete Konflikt

Mal­vi­ci­no erar­bei­te­te gemäß sei­nem Auf­trag ein Pro­gramm, um bis zur „Wur­zel“ vor­zu­sto­ßen, das im Febru­ar 1561 vom ört­li­chen Burg­haupt­mann Cas­ta­gne­ta in Kraft gesetzt wur­de. Die bei­den wich­tig­sten Punk­te waren die Ver­bo­te, okzi­ta­nisch zu spre­chen und unter­ein­an­der zu hei­ra­ten. Die Wal­den­ser in Pie­mont hat­ten längst zu den Waf­fen gegrif­fen, nun taten es auch die Wal­den­ser von San Sisto und töte­ten Cas­ta­gne­ta. Sie über­nah­men selbst die Kon­trol­le über das Land, und die Wal­den­ser von Guar­dia schlos­sen sich ihrem Auf­stand an. Die welt­li­che Macht schick­te nun Sol­da­ten. Eine Ein­heit von 40 Mann geriet in einen Hin­ter­halt und wur­de von den Wal­densern auf­ge­rie­ben. Das war eine offe­ne Kriegs­er­klä­rung, und die Ant­wort ließ nicht lan­ge auf sich warten.

Asca­nio Carac­cio­lo, der Mar­che­se von Bri­en­za, rück­te im Auf­trag des Vize­kö­nigs mit einer bewaff­ne­ten Streit­macht gegen die Auf­stän­di­schen vor. Inner­halb weni­ger Tage, zwi­schen dem 26. Mai und dem 5. Juni 1561, stell­te er die Ord­nung mili­tä­risch wie­der her. In die­sen Tagen ereig­ne­te sich das „Mas­sa­ker“, von dem ein­gangs die Rede war und das seit dem 19. Jahr­hun­dert reich­lich aus­ge­schmückt durch zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen gei­stert. Mit Hin­ter­list hät­ten sich Carac­cio­los Män­ner Zutritt zu Guar­dia ver­schafft und Mann und Maus, Frau­en und Kin­der nie­der­ge­met­zelt. Ein Stadt­tor hei­ße seit­her „Blut­tor“, weil das Blut der gemor­de­ten Wal­den­ser aus der Stadt zum Tor hin­aus­ge­flos­sen sei. 2000 Wal­den­ser sei­en in die­sen Tagen abge­schlach­tet wor­den, so zumin­dest die am häu­fig­sten genann­ten Zahl. Es fin­den sich auch Anga­ben, die von bis zu 6000 Getö­te­ten sprechen.

Wie in jedem Krieg, im kon­kre­ten Fall han­del­te es sich für die Spa­ni­er um einen „gerech­ten Krieg“ gegen Rebel­len, in Sum­me kann von bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Unru­hen gespro­chen wer­den, fließt Blut, aller­dings floß damals weit weni­ger davon als häu­fig ange­ge­ben. Es sind meh­re­re direk­te Augen­zeu­gen­be­rich­te erhal­ten, die ein über­schau­ba­res Bild lie­fern. Ein nament­lich nicht bekann­ter Gefolgs­mann Carac­cio­los schrieb am 5. Juni 1561, am Tag des Mas­sa­kers, einen Bericht aus Guar­dia; am 21. Juni sand­te Car­lo Stu­er­do, der Bot­schaf­ter des Her­zogs von Par­ma beim Hei­li­gen Stuhl, einen Bericht an sei­nen Her­zog; am 27. Juni berich­te­te Lui­gi d’Ap­pia­no, Sekre­tär von Gas­pa­re del Fos­so, dem Erz­bi­schof von Reg­gio Cala­b­ria, an Kar­di­nal Miche­le Ghis­lie­ri. Auf d’Ap­pia­no wird die maß­los über­zo­ge­ne Zahl von 2000 Hin­ge­rich­te­ten zurück­ge­führt, aller­dings ist die­se Zuschrei­bung nicht mehr nach­voll­zieh­bar. In sei­nem Bericht fin­det sie sich nicht.

Carac­cio­lo ließ, nach­dem er San Sisto und dann auch Guar­dia ein­ge­nom­men hat­te, 86 Auf­stän­di­sche hin­rich­ten, Häu­ser der Anfüh­rer nie­der­bren­nen und deren Reb­stöcke abschnei­den. Von den 86 ließ er in Guar­dia etli­che vom Stadt­tor wer­fen, das dadurch als „Blut­tor“ bekannt wur­de. Eigent­lich soll­ten 150 hin­ge­rich­tet wer­den, was durch die Für­spra­che von zwei ein­tref­fen­den Jesui­ten ver­hin­dert wer­den konn­te. Der direk­te Zeu­ge, der am 5. Juni unter dem Ein­druck der Ereig­nis­se schrieb, schil­dert das Ent­set­zen, das die Hin­rich­tun­gen selbst unter den anwe­sen­den Ver­tre­tern der Staats­macht aus­lö­ste. Die Hin­ge­rich­te­ten wur­den ent­zwei­ge­teilt und ent­lang der Stra­ße in die benach­bar­te Stadt aufgehängt.

Das „Blut­tor“, Por­ta dal Sang, von Guardia

Der Bericht wirkt wie ein Hil­fe­ruf, wenn es heißt, Carac­cio­lo wer­de wohl wei­te­re Hin­rich­tun­gen durch­füh­ren, falls ihm nicht Ein­halt gebo­ten wer­de durch jene, die ihm Ein­halt gebie­ten kön­nen. Dar­aus folgt, daß der Brief offen­bar eine ent­spre­chen­de Auf­for­de­rung an den Vize­kö­nig war. Er schil­dert, daß die grau­sa­men Sze­nen und die Kla­gen der Besieg­ten nach Mit­leid ver­lan­gen. Nach Blut­rün­stig­keit klingt das nicht. 

Laut den erwähn­ten Berich­ten konn­ten die Trup­pen ins­ge­samt 1400 Auf­stän­di­scher hab­haft wer­den (nicht hin­rich­ten, wie fälsch­lich da und dort zu lesen ist), was die behaup­te­te Zahl von 2000 oder gar 6000 hin­ge­rich­te­ten Wal­densern wider­legt. 150 von ihnen, die zunächst in die Ber­ge geflüch­tet waren, hat­ten sich selbst gestellt, da ein Kopf­geld auf ihre Ergrei­fung aus­ge­setzt wor­den war. 

Der größ­te Teil der Gefan­ge­nen, die nach Mon­tal­to gebracht wor­den waren, lei­ste­te Abbit­te mit dem Hin­weis, von radi­ka­len Pre­di­gern ver­führt wor­den zu sein. Eini­ge Hart­näcki­ge, deren Zahl nicht bekannt ist, wur­den auf die Galee­ren ver­bannt, und die Ver­stock­te­sten, fünf Frau­en, wur­den „nach einem lan­gen Ver­such, sie zum Glau­ben zu brin­gen, nach from­mem Fleiß und from­mer Sorg­falt, die in sol­chen Fäl­len ange­wandt wird“, in Cosen­za der welt­li­chen Macht über­ant­wor­tet. Am 28. Juni 1561 soll­ten sie hin­ge­rich­tet wer­den. Aus spä­te­ren Berich­ten geht jedoch her­vor, daß es nicht dazu kam, da man Mil­de wal­ten ließ, wie es zur dama­li­gen Zeit häu­fig der Fall war. Sie wur­den als Dienst­bo­ten Frau­en­klö­stern zugewiesen.

Erz­bi­schof Del Fos­so, der im Auf­trag von Kar­di­nal Ghis­lie­ri als Ver­tre­ter der Inqui­si­ti­on nach Cosen­za ent­sandt wor­den war, nahm dort Ende Juni das Vor­ge­hen der welt­li­chen und kirch­li­chen Auto­ri­tät zur Kennt­nis. Auf noch­ma­li­ges Abschwö­ren vor ihm, dem beauf­trag­ten Inqui­si­tor, ver­zich­te­te er, um durch Mil­de die gan­zen Sache zu Ende zu brin­gen. Der größ­te Teil der Gefan­ge­nen wur­de dar­auf wie­der in die Frei­heit ent­las­sen mit dem Ver­spre­chen, die ihnen auf­er­leg­te Buße ein­zu­hal­ten. Erz­bi­schof Del Fos­so kehr­te in sei­ne Bischofs­stadt Reg­gio Cala­b­ria zurück, in der er hoch­ver­ehrt 1592 im hohen Alter von 96 Jah­ren verstarb.

Wir fas­sen zusam­men: Nicht zwei­tau­send oder sechs­tau­send, son­dern 125 Auf­stän­di­sche ver­lo­ren ihr Leben: 86 im „Mas­sa­ker“ von Guar­dia, 32 bei den Kämp­fen davor und sie­ben Rädels­füh­rer in Moro­ne, drei aus San Sisto und vier aus Guar­dia. Ihre Namen sind bekannt. Erste­re wur­den wegen der Ermor­dung Cas­ta­gne­tas hin­ge­rich­tet, alle ande­ren, sofern sie nicht im Kampf star­ben, wegen des bewaff­ne­ten Auf­stan­des und Häresie.

Kar­di­nal Ghis­lie­ri, der spä­te­re Papst Pius V., steht in kei­nem Zusam­men­hang mit der Mili­tär­ak­ti­on Carac­cio­los. Von ihm ist noch ein indi­rek­ter Hin­weis zur Wal­denser­fra­ge in Kala­bri­en über­lie­fert. Die­se wird von Fra Gio­van­ni da Fium­e­fred­do, einem bekehr­ten Wal­den­ser, in einem Schrei­ben vom 28. Juni 1561 dem Kar­di­nal Ales­sand­ri­no mit­ge­teilt. Kar­di­nal Ghis­lie­ri habe geäu­ßert, daß durch die Ehe­schlie­ßun­gen mit „Ita­lie­nern“, die Wal­den­ser wur­den wegen ihrer okzi­ta­ni­schen Spra­che offen­sicht­lich nicht als sol­che betrach­tet, die Gegend in Spra­che, Sit­te und Glau­ben bald ita­lie­nisch werde. 

Nach Guar­dia, San Sisto und in die Nach­bar­or­te wur­den zudem Jesui­ten ent­sandt mit dem Auf­trag, „durch Glau­ben und Mit­leid mit­tels Pre­digt und reli­giö­ser Unter­wei­sung“ die Men­schen zum katho­li­schen Glau­ben zu füh­ren. Unter ihnen ragen P. Nic­colò Boba­dil­la und P. Cri­sto­fo­ro Rodrí­guez her­aus. Letz­te­rer, von Kar­di­nal Ghis­lie­ri sehr geschätzt, wirk­te 1663/64 in der Wal­dens­er­ge­gend von Kala­bri­en, wohin er aus einer Mis­si­on im ägyp­ti­schen Kai­ro geru­fen wur­de. Ihm wird durch sein Vor­bild und sei­ne Pre­digt die Bekeh­rung von 900 See­len zuge­schrie­ben, in denen noch die wal­den­si­sche oder eine ande­re Häre­sie prä­sent war.

Gele­gent­lich tauch­te noch der Ver­dacht auf, es könn­te noch ver­bor­ge­ne Wal­den­ser geben, doch kurz nach 1700 schloß das Hei­li­ge Offi­zi­um defi­ni­tiv den Akt, ohne seit den Ereig­nis­sen von 1561 noch inqui­si­to­ri­sche Maß­nah­men ergrif­fen zu haben

Nicht ohne Iro­nie ist, daß genau an jenem 5. Juni 1561 in Pie­mont zwi­schen Wal­densern und dem Her­zog von Savoy­en der Frie­den von Cavour unter­zeich­net wur­de, mit dem ein fast 30 Jah­re dau­ern­der Klein­krieg sein Ende fand, indem den cal­vi­ni­sti­schen Wal­densern in eini­gen okzi­ta­ni­schen Tälern, in denen sie sich kon­zen­trier­ten, eini­ge Rech­te ein­ge­räumt wurden.

Nicht uner­wähnt blei­ben soll Ven­an­zio Negri, ein cal­vi­ni­sti­scher Pre­di­ger aus Cosen­za. Er dürf­te nicht von den „Ultra­mon­ta­nen“ der okzi­ta­ni­schen Sprach­in­sel abge­stammt haben, soll sich jedoch wegen deren Ver­fol­gung dem Cal­vi­nis­mus ange­schlos­sen haben. Ihm gelang die Flucht nach Genf, wo er aller­dings in Kon­flikt mit den Cal­vi­ni­sten geriet und deren Ver­fol­gung zu erlei­den hat­te. Ein ande­rer Exi­lant, ein gewis­ser Gen­ti­le von Nea­pel, wur­de 1566 von den Refor­mier­ten in Bern sogar hingerichtet.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: valdesidicalabria.org/Wikicommons/sapiencia.eu (Screen­shots)


Wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur:

Alfon­so Torto­ra: La guer­ra di Spa­gna con­tro i val­desi del­la pri­ma età moder­na (1559–1563). Nar­ra­zio­ni e Rappre­sen­ta­zio­ne di una „guer­ra giu­s­ta“, in: Magal­lá­ni­ca. Revi­sta de Histo­ria Moder­na, 5/10 2019.

Pier­rober­to Sca­ra­mel­la: “Sot­to man­to de san­ti­tà”. L’Inquisizione roma­na, i Cala­b­ro­val­desi e l’accusa di simu­la­zio­ne reli­gio­sa, in: Les Dos­siers de Grihl. Grou­pe de Recher­ches Inter­di­sci­plin­aires sur l’Hi­stoire du Lit­tér­ai­re, 2/2009.

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