Als er herausfand, 32 Geschwister zu haben

Samenspenden und künstliche Befruchtung „für alle“

Künstliche Befruchtung und ihre Folgen: Eli Baden-Lasar mit einer Halbschwester.
Künstliche Befruchtung und ihre Folgen: Eli Baden-Lasar mit einer Halbschwester.

Eli Baden-Lasar ist das Kind sei­ner Zeit, unse­rer Zeit. Er ist natür­lich der Sohn eines Vaters und einer Mut­ter. Doch die Din­ge sind in sei­nem Leben etwas kom­pli­zier­ter. Nicht weil er es sich kom­pli­zier­ter gemacht hät­te, son­dern weil es sei­ne Eltern für ihn getan haben. Dabei ken­nen sich sei­ne Eltern nicht einmal.

Die „zwei Müt­ter“ von Eli Baden-Lasar haben ihm nicht ver­schwie­gen, daß er mit Hil­fe eines Samen­spen­ders gezeugt wur­de. Als er elf Jah­re alt war, begann er Fra­gen zu stel­len. So wur­de ihm der anony­me Fra­ge­bo­gen in die Hand gedrückt, den sein Vater aus­ge­füllt hat­te, und der dar­auf mit einer Num­mer iden­ti­fi­ziert ist. Das sind die ein­zi­gen Infor­ma­tio­nen, die den Kun­din­nen der Cali­for­nia Cryo­bank, einer der größ­ten Samen­ban­ken der Welt, gege­ben werden.

Der Vater eine Nummer? 

Eli trug den Zet­tel seit­her in sei­nem Ruck­sack immer bei sich. Immer wie­der hol­te er ihn her­aus, um die Hand­schrift anzu­schau­en. Es war alles, was er von sei­nem Vater wuß­te, aber es war zumin­dest etwas Kon­kre­tes, etwas, das er in sei­nen Hän­den hal­ten konn­te. Er woll­te sei­nen Vater nicht unbe­dingt ken­nen­ler­nen. Beden­ken über­wo­gen. „Es genüg­te mir, zu wis­sen, daß er real war, daß sein Leben irgend­wie mit dem mei­nen ver­bun­den ist, obwohl die­ses Doku­ment gleich­zei­tig besag­te, daß es total getrennt davon war.“

„Kom­pli­ziert“ ist ein Wort, das sich häu­fig in Elis Schil­de­rung wie­der­holt, wenn er mit Vivia­na Maz­za, Jour­na­li­stin des Cor­rie­re del­la Sera am Tele­fon spricht. Sie in Mai­land, er in Kali­for­ni­en. „Kom­pli­ziert“ ist irgend­wie alles, was die Her­kunft und die Exi­stenz des heu­te 20-Jäh­ri­gen betrifft. Es wer­de immer „kom­pli­ziert“, wenn er dar­über nach­zu­den­ken begin­ne. Es fällt ihm schwer, sei­ne Gefüh­le näher zu defi­nie­ren. Nicht weil er es nicht könn­te, son­dern weil alles so „kom­pli­ziert“ ist. Er spricht weder von „Vater“ noch von „Bru­der“ oder „Schwe­ster“:

„Das sind kei­ne Begrif­fe, die genau zutref­fen. Sie kön­nen nicht wirk­lich beschrei­ben, was die­se Bezie­hun­gen wirk­lich sind, und das ist ein zusätz­li­ches Hin­der­nis, wenn man ver­sucht, zu erar­bei­ten, was man wirk­lich empfindet.“ 

Bis zum ver­gan­ge­nen Som­mer, obwohl Eli wuß­te, daß er einen ech­ten Vater hat­te, irgend­wo, hat­te er nie dar­an gedacht, auch Halb­ge­schwi­ster zu haben, daß es noch mehr von „sei­ner Sor­te“ geben könnte.

Er dach­te erst dar­über nach, als er erfah­ren hat­te, daß zwei sei­ner Freun­de, vom sel­ben Samen­spen­der abstamm­ten. Mög­lich wur­de das durch das Donor Sil­bing Regi­s­try, einer vor 17 Jah­ren geschaf­fe­nen Inter­net­sei­te von Wen­dy Kra­mer und ihrem Sohn Ryan, weil sie der Über­zeu­gung sind, daß die Anony­mi­tät zwar den Inter­es­sen der Samen­ban­ken ent­spre­chen, aber nicht denen der betrof­fe­nen Menschen.

Es genügt, die Num­mer des Spen­ders ein­zu­ge­ben. Wenn sie mit dem Ein­trag eines ande­ren Nut­zers über­ein­stimmt, erhält man per E‑Mail eine Benach­rich­ti­gung. Auch wenn der „Vater“ viel­leicht nicht zum Vor­schein kom­men soll­te, besteht zumin­dest die Mög­lich­keit, mit even­tu­el­len Halb­ge­schwi­stern in Kon­takt zu treten. 

Eli ent­deck­te auf die­se Wei­se, 32 Halb­brü­der und Halb­schwe­stern zu haben. Eine Zahl, die ihn schockier­te, die aber in die­sem ethisch dunk­len Sek­tor alles ande­re als unge­wöhn­lich ist. In den USA gibt es kei­ne Geset­ze, mit denen die Kin­der­zahl je Samen­spen­der ein­ge­schränkt wird. Die Ent­schei­dung liegt allein bei den Samen­ban­ken, und die wol­len Geld machen. 

Als die Cali­for­nia Cryo­bank 1977 gegrün­det wur­de, ahn­te auch noch nie­mand, daß DNA-Tests und Inter­net­sei­ten wie Ancestry.com die Anony­mi­tät unmög­lich machen würden. 

So kam in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ans Licht, daß Hun­der­te von Samen­spen­dern in den USA Dut­zen­de von Kin­dern gezeugt hat­ten, nicht weni­ge sogar mehr als hundert.

Für Eli war es eine Ent­deckung, als befin­de er sich inmit­ten eines per­ver­sen Sozi­al­ex­pe­ri­ments. Er fühl­te sich wie ein Indu­strie­pro­dukt, das am Fließ­band erzeugt wor­den war. 

Damit fin­gen die Über­ra­schun­gen aller­dings erst an. Eine der ersten war, her­aus­zu­fin­den, daß sein ehe­ma­li­ger Mit­schü­ler, Gus Lamb aus Bos­ton, in Wirk­lich­keit sein Bru­der war. Es fällt ihm noch immer schwer, die Mischung aus Freu­de und Ent­set­zen zu beschrei­ben, die er dabei emp­fand. Nicht nur Gus ist gleich alt wie Eli. Vie­le der 32 Geschwi­ster sind mehr oder weni­ger Gleichaltrige. 

Als er damit begann, sich mit ihnen zu tref­fen, befiel ihn jedes­mal ein Schau­er. Er begeg­ne­te völ­lig frem­den Men­schen, die aber zugleich nicht fremd waren, oder es irgend­wie jeden­falls nicht sein soll­ten. Sie hat­ten doch alle einen Teil mit ihm gemein­sam. Er stell­te Ähn­lich­kei­ten fest und begann iden­ti­sche Ver­hal­tens­wei­sen zu ent­decken. Nach der drit­ten Begeg­nung stell­te er sich die Fra­ge, wie vie­le es wirk­lich „davon“ da drau­ßen in der Welt geben wird.

Eine sei­ner „bei­den Müt­ter“, die in einer les­bi­schen Bezie­hun­gen leben, bekam auch gewis­se Beden­ken. Sie sag­te, er müs­se einen DNA-Test machen, bevor er eine sexu­el­le Bezie­hung ein­ge­he, um Inzest zu vermeiden. 

Eli besuch­te alle 32 Halb­ge­schwi­ster und nahm einen Foto­ap­pa­rat mit, um die Begeg­nun­gen zu doku­men­tie­ren. Eigent­lich woll­te er sie gar nicht kennenlernen. 

„Es war die Angst, die mich antrieb. Ich hat­te Angst vor dem, was sie dar­stel­len. Ich war aus dem Gleich­ge­wicht und hoff­te, daß mir mein Inter­es­se für die Foto­gra­fie dabei hel­fen könn­te, es wie­der­zu­fin­den. Ich woll­te das System begrei­fen, das uns gezeugt hat­te, und ver­such­te das über die krea­ti­ve Sei­te der Fotografie.“

Schließ­lich bot er dem New York Times Maga­zi­ne an, die Por­träts zu ver­öf­fent­li­chen, die er fest­ge­hal­ten hat­te. Auf die­se Wei­se finan­zier­te er sich die Rei­se von zehn Mona­ten durch 16 US-Staa­ten. Vivia­na Maz­za schrieb dazu am 19. Juli:

„Wir alle haben ein Fami­li­en­al­bum, wir blät­tern dar­in, um uns zu erin­nern, wer wir sind, um den Blick wie­der­zu­fin­den, den wir als Kin­der hat­ten und die Per­so­nen zu sehen, die wir lie­ben. Das Album von Eli, das Ende Juni von der ame­ri­ka­ni­schen Zeit­schrift erst­mals ver­öf­fent­licht wur­de, exi­stiert durch eine Abwe­sen­heit, die des bio­lo­gi­schen Vaters, der die ‚Kin­der‘ dazu treibt, sich unter­ein­an­der ken­nen­zu­ler­nen, um etwas Neu­es über sich selbst zu erfahren.“

Eli ver­wen­det eine moder­ne Ver­si­on eines alten Foto­ap­pa­rats. Für jedes Bild braucht er eine Stun­de. Eine guter Vor­wand, um die Objek­te lan­ge zu beob­ach­ten. Eli beob­ach­te­te genau, er such­te. Dazu Mazza:

„Die Lang­sam­keit die­ses Ken­nen­lern­pro­zes­ses ist auch ein Ver­such, das Unbe­ha­gen zu ‚hei­len‘, das durch den Ein­druck ent­stan­den ist, das Pro­dukt einer schnel­len Finanz­trans­ak­ti­on zu sein.“

32 Halbgeschwister: „Dramatische Begegnungen"
32 Halb­ge­schwi­ster: „Dra­ma­ti­sche Begegnungen“

Mit man­chen Halb­ge­schwi­stern ver­bringt er einen Nach­mit­tag, mit ande­ren einen gan­zen Tag. Am Ende dreht sich das Gespräch immer um „ihn“, den Samen­spen­der. Man ver­sucht sein Aus­se­hen zu erra­ten oder sich sei­nen Cha­rak­ter vor­zu­stel­len, indem Ähn­lich­kei­ten zwi­schen den Kin­dern zusam­men­ge­fügt wer­den: Lip­pen, Haa­re, meh­re­re sind Künst­ler. Etli­che habe auch „unty­pi­sche Fami­li­en­ver­hält­nis­se“ wie Eli, weil die Müt­ter auf die hete­ro­lo­ge In-Vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on zurück­ge­grif­fen haben.

Die gewoll­te Dra­ma­tik in sei­nen Auf­nah­men ist Elis Ant­wort auf „die leicht­fer­ti­ge Wer­bung, die Samen­spen­der als Super­hel­den dar­stellt“. Dar­in steckt eine offe­ne Kri­tik am System, dem er sein Leben ver­dankt, wenn auch kei­ne Ver­ur­tei­lung. Dazu ist er nicht nur ein Kind sei­ner Zeit, unse­rer Zeit, es ist auch ein Art Selbstschutz.

Eli beschäf­tigt vor allem die Fra­ge, ob Samen­spen­dern Gren­zen gesetzt wer­den. Geschich­ten wie sei­ne kom­men in den USA immer mehr zum Vor­schein. Hol­ly­wood reagier­te dar­auf mit dem Film „Deli­very Man“, der in der Bevöl­ke­rung auf­kom­men­de Beden­ken durch ein Hap­py End zer­streu­en soll. Mit ober­fläch­li­cher Sim­pli­fi­zie­rung ver­si­chert der Film, daß Vin­ce Vaughn, sei­ne 533 künst­lich gezeug­ten Kin­der und sei­ne künf­ti­ge Frau, die von ihm schwan­ger ist, alle eine gro­ße Fami­lie und glück­lich sein wer­den. Auch im Film wird ein les­bi­sches Paar gezeigt, der übri­gens — man darf stau­nen — von der Frei­wil­li­gen Selbst­kon­trol­le der Film­wirt­schaft mit dem ab 0 Jah­ren frei­ge­ge­ben wur­de. Ein ech­ter „Fami­li­en­film“? Das Leben ist aber kein Hol­ly­wood-Film. Der Film­va­ter hat drei­mal in der Woche für 25 Dol­lar Samen gespen­det, um sich damit die Mie­te zu bezah­len. Jahrelang.

Anders als im Film ist bei Eli alles kom­pli­zier­ter. Nach­dem er zwölf Stun­den mit einer sei­ner „Schwe­stern“ ver­brach­te, sag­te die­se ein net­tes Wort zu ihm. Doch das irri­tier­te mehr, als es half. In allen Begeg­nun­gen herrsch­te auf bei­den Sei­ten gro­ße „Ver­wir­rung“, wie Eli es beschreibt. Ein Emp­fin­den das er und sei­ne Halb­ge­schwi­ster teilten. 

„Ich bin in das Leben die­ser Men­schen ein­ge­drun­gen, manch­mal für einen Tag oder zwei, manch­mal auch weni­ger, und jede Begeg­nung war dramatisch.“

Frank­reichs Regie­rung leg­te am Mitt­woch einen Gesetz­ent­wurf vor, mit dem die „Künst­li­che Befruch­tung für alle“ ein­ge­führt wer­den soll, auch für Les­ben und allein­ste­hen­de Frau­en. Das Gesetz soll erlau­ben, was in den USA seit Jahr­zehn­ten mög­lich ist – obwohl Lebens­ge­schich­ten wie jene von Eli bekannt sind. 

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: CR/NYT (Screen­shot)

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