Der Priester, der Freimaurer war – bis in den Tod

Freimauerei und Kirche

Ein Priester als Logenbruder auf der Suche nach dem Arkanum.
Ein Priester als Logenbruder auf der Suche nach dem Arkanum.

(Rom) Am 1. Novem­ber 2006 starb der Prie­ster San­dro Curio­so Naiaret­ti (1950–2006) bei einem Auto­un­fall. Er war Pfar­rer im Erz­bis­tum Udi­ne in Fri­aul (nord­öst­li­ches Ita­li­en). Das Requi­em zele­brier­te am 4. Novem­ber in der Pfarr­kir­che des Ver­stor­be­nen der dama­li­ge Erz­bi­schof von Udi­ne, Msgr. Pie­tro Brol­lo (2000–2009). Nun kam es zu einer Über­ra­schung.

Was nicht von den Medi­en in der Bericht­erstat­tung und in den Nach­ru­fen berich­tet wur­de: Don San­dro Curio­so Naiaret­ti, auch als Schrift­stel­ler und Dich­ter in Fri­aul sehr bekannt, war auch Frei­mau­rer und Mei­ster des Regu­lä­ren Groß­lo­ge von Ita­li­en (GLRI).

Bekannt wur­de die­ses „Detail“ durch eine DVD, die von der Groß­lo­ge im Jahr 2006, kurz nach dem Tod des Prie­sters, her­ge­stellt wur­de, aber erst jetzt in ande­re Hän­de gelang­te. Auf der DVD sind sie­ben Vide­os ent­hal­ten.

Großmeister Fabio Venzi
Groß­mei­ster Fabio Ven­zi

Das erste Video zeigt zunächst das Logo der Regu­lä­ren Groß­lo­ge von Ita­li­en. Die Auf­nah­men sind mit der Mau­re­ri­schen Trau­er­mu­sik von Wolf­gang Ama­de­us Mozart unter­legt. Gezeigt wird auch die Ket­te, die Don San­dro Curio­so Naiaret­ti in sei­nem Amt trug, das er in der Loge beklei­de­te. Es folgt eine Bot­schaft von Groß­mei­ster Fabio Ven­zi, der den ver­stor­be­nen Prie­ster als „frei­en und nicht kon­for­mi­sti­schen Geist“ beschreibt, „obwohl von einem tie­fen reli­giö­sen Glau­ben und der Beru­fung getra­gen“.

Das Video hält Momen­te des Begräb­nis­ses fest. Auf dem Sarg sind drei rote Rosen zu sehen. In sei­nem „gei­sti­gen Testa­ment“, das zum Teil im Falt­blatt zur DVD abge­druckt ist, sagt Don San­dro Curio­so Naiaret­ti, daß er drei rote Rosen auf sei­nem Sarg haben möch­te. Er begrün­de­te das als „Sym­bol der unend­li­chen Lie­be der Hei­lig­sten Drei­fal­tig­keit“.

Was für ein Zufall, daß es zum Toten­ri­tus der Frei­mau­rer gehört, einem ver­stor­be­nen Mei­ster drei rote Rosen auf den Sarg zu legen.

In sei­nem Testa­ment bit­tet der Prie­ster zudem jene um Ver­ge­bung, die er nicht zu lie­ben ver­stand, sowie Gott und die Kir­che. Er ruft die Got­tes­mut­ter an, daß sie ihn „im immer schwie­ri­gen Über­gang ins Jen­seits“ beglei­ten möge. Don San­dro war zum Zeit­punkt sei­nes Todes 56 Jah­re alt: Wuß­te er bereits, daß der Auto­un­fall unmit­tel­bar bevor­stand, um die­ses gei­sti­ge Testa­ment zu for­mu­lie­ren?

Das zwei­te Video ist ein Inter­view von Don San­dro mit dem loka­len Fern­seh­sen­der Tele­friu­li. Dar­in spricht er über sei­ne Hei­mat und sei­ne Gedicht.

Das drit­te Video zeigt Auf­nah­men einer „Hei­li­ge Mes­se auf der Alm 93“. Die Datums­an­ga­be im Video lau­tet aller­dings auf den 31. August 2003. Don San­dro zele­briert dar­auf eine Mes­se vor weni­gen Gläu­bi­gen in einem Haus. Der Altar ist ein Tisch. Auf den Neben­ti­schen ist bereits für das Mit­tag­essen gedeckt. In der Pre­digt auf Fri­au­lisch, einer alpen­ro­ma­ni­schen Spra­che, erklärt er den Anwe­sen­den, daß bis zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil die Kom­mu­ni­on nur emp­fan­gen durf­te, wer zuvor die Abso­lu­ti­on in der Beich­te erhal­ten hat­te. Seit dem Kon­zil, so der Prie­ster, kön­ne man die Kom­mu­ni­on auch ohne Beich­te emp­fan­gen, denn ent­schei­dend sei es, den Herrn zu emp­fan­gen. Die Kom­mu­ni­on wur­de dann in bei­der­lei Gestalt gespen­det, das Blut Chri­sti dabei von einem Lai­en.

Logenausweis von Don Sandro
Logen­aus­weis von Don San­dro

Man kann auf dem Video sehen, daß nach der Kom­mu­ni­on im Kelch, aus dem alle getrun­ken haben, Blut Chri­sti übrig­blieb. Der Kelch wur­de von dem Lai­en zu einem Kreuz gestellt. Dane­ben dampf­te eine Polen­ta-Fla­de. Wer wird das Blut Chri­sti neben der Polen­ta wann getrun­ken haben?

Im vier­ten Video ist eine Wall­fahrt nach Maria Lug­gau im Kärnt­ner Lesach­tal fest­ge­hal­ten.

Im fünf­ten Video ist ein Mann im schwar­zen Anzug zu sehen. Er war auch bei der Beer­di­gung anwe­send. Wäh­rend er über die Gedich­te von Don San­dro sprach, schwenkt die Kame­ra auf Frei­mau­re­r­uten­si­li­en, den Schurz, die Hand­schu­he, der Kom­paß und ande­re mehr, die dem Prie­ster gehör­ten. Die Kame­ra blen­det auch den Frei­mau­rer­aus­weis von Don San­dro ein:

„Regu­lä­re Groß­lo­ge von Ita­li­en 2006. Bru­der San­dro Curio­so Naiaret­ti, Matri­kel-Nr. 3841, Loge Mar­si­lio Fici­no Nr. 162”.

Der unbe­kann­te Herr in Schwarz spricht über die „Dra­ma­tik“ der Gedich­te von Don San­dro. Er schließt mit den Wor­ten:

„Eines sei­ner Gedich­te war der von ihm erwähl­te Tod als stil­le und treue Schwe­ster bis zum letz­ten Atem­zug. Nur an jenem Tag wird sie den Mund öff­nen und sagen: ‚Das ist mei­ne Zeit. Dei­ne ist zu Ende.“

Und wei­ter:

„Von Don San­dro Curio­so Naiaret­ti wird in unse­ren Augen und in unse­rem Her­zen immer sein Lächeln blei­ben, gren­zen­los wie sei­ne Ber­ge, aber durch­drun­gen von einer unend­li­chen Trau­rig­keit.“

Im sech­ste Video mit der Über­schrift „Gedicht von N., dem Mär­ty­rer“ (N. wie Naiaret­ti?) sagt die­sel­be unbe­kann­te Per­son, wahr­schein­lich ein Frei­mau­rer:

„Don San­dro, gelieb­ter Bru­der, das ist erst der Beginn dei­ner drit­ten Rei­se, nicht dein Tod. Als du aus dem Nichts ins Licht kamst aus dem Schoß einer Frau, das war die erste. Die ande­re Rei­se war, als du ängst­lich die Erde ver­las­sen hast, um das Licht zu suchen. Jetzt, im Fin­stern, suchst du erneut das Arka­num und rückst wie­der in die Fer­ne. Dort, wo du in den Mut­ter­schoß kamst, ant­wor­tet dein Engel an dei­ner Brust, er umarmt dich, löst wie­der die Bin­de von Dei­nem Gesicht, und in einem ein­zig­ar­ti­gen Licht erstrahlt der Beginn und das Ende. Ein ein­zi­ger Punkt eint die Extre­me. Du kehrst für immer zum Tem­pel zurück. Erneut bil­det sich zwi­schen den Säu­len der irdi­schen Zeit unse­re Bru­der­ket­te der Lie­be. Wir, noch mit der Bin­de auf den Augen, du für immer mit dem wah­ren Licht.“

Das letz­te Video mit dem Titel „Tri­est, Kapu­zi­ner­brü­der“ zeigt Auf­nah­men, die wahr­schein­lich im Klo­ster und in der Kir­che des Kapu­zi­ner­kon­vents von Tri­est auf­ge­nom­men wur­den. Don San­dro führt eine Pro­zes­si­on von etwa 20 Frei­mau­rern an, einer hin­ter dem ande­ren, in die Kir­che hin­ein. Die Frei­mau­rer­pro­zes­si­on wird vom unbe­kann­ten Mann in Schwarz koor­di­niert. Er trägt als ein­zi­ger kei­nen Frei­mau­rer­schurz. Die Pro­zes­si­on geht von einem Gang aus, der sich im Klo­ster befin­det. Wäh­rend Don San­dro und die Frei­mau­rer in die Kir­che gehen, grüßt sie ein Kapu­zi­ner lächelnd. Man hört im Video das Klir­ren der Metall­tei­le auf den Schür­zen und der Brust­ket­ten der Frei­mau­rer in Bewe­gung.

In der Kir­che neh­men die Frei­mau­rer in den Kir­chen­bän­ken Platz und hören eine mas­so­nisch-gno­sti­sche Pre­digt von Don San­dro:

„Die Bru­der­schaft, die uns ver­bin­det, bedeu­tet, nach dem Bewußt­sein der Gemein­schaft des vita­len Hauchs zu stre­ben, der uns ver­eint: eben­so gleich in der spi­ri­tu­el­len Essenz wie ver­schie­den in unse­ren Beson­der­hei­ten als Men­schen. Das Zeug­nis die­ser Bru­der­schaft ist die Bin­dung, die uns im Ein­satz für das uni­ver­sa­le Wohl sieht und in der rigo­ro­sen Teil­nah­me an der Erfül­lung des Gro­ßen Werks zum Zweck, bestän­dig zu wach­sen in unse­rer Nähe zum Gro­ßen Archi­tek­ten des Uni­ver­sums.“

Am Ende erteil­te Don San­dro Curio­so Naiaret­ti, zusam­men mit einem wei­te­ren Prie­ster im Alter von etwa 30–40 Jah­ren, den ver­sam­mel­ten Frei­mau­rern den Segen. Anschlie­ßend setz­te sich die unge­wöhn­li­che Pro­zes­si­on wie­der in Bewe­gung, ange­führt von Don San­dro und dem ande­ren Prie­ster, und zog aus der Kir­che aus. Auch das Refek­to­ri­um der Kapu­zi­ner wird gezeigt, wo noch ein­mal der Mann in Schwarz zu sehen ist, der bereits in ande­ren Vide­os zu sehen war.

Das Video wirft zahl­rei­che Fra­gen auf. Seit wann war Don San­dro Curio­so Naiaret­ti Frei­mau­rer? Ist auch der zwei­te Prie­ster im Video Frei­mau­rer? Was mach­te Don San­dro als Frei­mau­rer in Udi­ne mit ande­ren Frei­mau­rern im Kapu­zi­ner­klo­ster von Tri­est? War­um haben die Kapu­zi­ner die skur­ri­le Ver­an­stal­tung der beschürz­ten Brü­der zuge­las­sen? Wuß­te man in der Diö­ze­san­füh­rung im Erz­bis­tum Udi­ne von der Logen­mit­glied­schaft von Don San­dro?

Und vor allem:

Sind Prie­ster, die Logen­brü­der sind, fähig, Prie­ster, die nicht Frei­mau­rer sind, als Hin­der­nis oder Geg­ner der Loge zu ver­fol­gen? Natür­lich immer dis­kret, ver­bor­gen und ohne Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Die Logen­zu­ge­hö­rig­keit von Don San­dro Curio­so Naiaret­ti wur­de auch erst nach sei­nem Tod bekannt, weil die Logen­brü­der es zuge­las­sen haben.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

1 Kommentar

  1. Es geht den Brü­dern, die aus tief­stem Her­zen an dem gro­ßen Bau arbei­ten, stets dar­um. ihr mensch­li­ches Schaf­fen in den Dienst sei­ner Schöp­fung zu stel­len. Aber in jedem Men­schen wühlt die Schwä­che des Judas Ischa­ri­ot, die begrenz­te Sicht auf die mate­ri­el­le Welt. Vie­le Men­schen (auch Mau­rer) blei­ben daher „Welt­ver­bes­se­rer“ und ver­lie­ren den Zusam­men­hang zu sei­ner Gna­de. Die aber im Her­zen bau­en, ken­nen die Wir­kung der bei­den Säu­len im Vor­hof des Tem­pels: Der Herr hat Dich auf­ge­rich­tet und nur die Ver­wirk­li­chung sei­ner Stär­ke führt Dich zum Lohn. Erken­ne sei­ne Hei­lig­keit in der Welt und sei­ne Anwe­sen­heit in Dir! Ler­ne an der Säu­le zur Rech­ten (Jachin) zu beten und an der Säu­le zur Lin­ken (Boas) zu beich­ten!

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