Kindsein vor Gott: Die Heilig- und Seligsprechungen durch Papst Benedikt XV.

Ein Beitrag zum 100. Jahrestag des Kriegsendes 1918

Benedikt XV., der Friedenspapst
Benedikt XV., der Friedenspapst

von Dr. Mar­kus Büning*

Die Ausgangslage: Benedikt XV. „nur“ ein Friedenspapst?

Papst Bene­dikt XV. (Regie­rungs­zeit von 1914–1922), mit Geburts­na­men Gia­co­mo del­la Chie­sa, der oft­mals als der ver­ges­se­ne oder unbe­kann­te Papst titu­lier­te wur­de und immer noch wird, trat im Jahr 2005 beson­ders in das Licht der Welt­öf­fent­lich­keit. Grund hier­für war die Namens­ge­bung des frisch gekür­ten Kar­di­nals JOSEF RATZINGERS, der sich in Erin­ne­rung an den Mönchs­va­ter Bene­dikt aber auch in bewuss­ter Anknüp­fung an den Del­la-Chie­sa-Papst den Namen Bene­dikt für sein Pon­ti­fi­kat wähl­te. Im Jahr 2016 erschien eine groß­zü­gig ange­leg­te Bio­gra­phie über die­sen Pon­ti­fex von JÖRG ERNESTI, die durch­aus beacht­lich ist. (1) Bekannt ist er vor allem bis heu­te für sei­ne, frei­lich geschei­ter­ten, inten­si­ven Frie­dens­be­mü­hun­gen wäh­rend der Kata­stro­phe des Ersten Welt­krie­ges. GEORG SCHWAIGER qua­li­fi­ziert die­sen histo­ri­schen Umstand die­ses Pon­ti­fi­ka­tes als eine „Tra­gö­die, dass die Regie­rungs­zeit des gro­ßen und edlen Pap­stes Bene­dikt XV. in eine so schreck­li­che Zeit fiel.“ (2) Zu Recht stellt SCHWAIGER dann fol­gen­de rhe­to­ri­sche Fra­ge: „Wel­che Wirk­sam­keit hät­te die­ser Ober­hirt, den einer sei­ner Bio­gra­phen nicht mit Unrecht als den unbe­kann­ten Papst genannt hat, in ruhi­gen Zei­ten ent­fal­ten kön­nen?“ Doch mei­ne ich dem­ge­gen­über, von einer bis heu­te klar wahr­nehm­ba­ren Wirk­sam­keit die­ses Pon­ti­fi­ka­tes spre­chen zu kön­nen. (3) War­um dem so ist, sol­len die fol­gen­den Zei­len deut­lich machen. Aus mei­ner Sicht wird die Bedeu­tung die­ses Pon­ti­fi­ka­tes gegen­wär­tig lei­der völ­lig zu Unrecht unter­schätzt.

Weit­ge­hend unbe­kannt ist in der bis­he­ri­gen Rezep­ti­on die­ses Pon­ti­fi­ka­tes die Kano­ni­sie­rungs­pra­xis, die ein beson­de­res Papst­pro­fil erken­nen lässt, wel­ches für den Hagio­gra­phen beson­ders fas­zi­nie­rend ist. Aus die­sem Grun­de möch­te ich an die­ser Stel­le die Hei­lig- und Selig­spre­chun­gen die­ses Pap­stes beson­ders in den Blick neh­men. Bene­dikt XV. ging es vor allem dar­um, die all­ge­mei­ne Beru­fung zur Hei­lig­keit beson­ders her­z­aus­zu­stel­len. Nicht nur Kle­ri­ker und Ordens­leu­te, nein alle Chri­sten sind zur Hei­lig­keit beru­fen. Und genau dies hat er mit sei­nen Kano­ni­sa­ti­ons­ent­schei­den, die bis heu­te auf­se­hen­er­re­gend sind, gezeigt. Es ist eben nicht so, dass die­se Dimen­si­on hei­li­gen Lebens sei­tens der Kir­che erst in der nach­kon­zi­lia­ren Zeit in den Blick genom­men wur­de. Nein, gera­de in die­sem vor­kon­zi­lia­ren Pon­ti­fi­kat liegt die Wur­zel die­ser neu­en Fokus­sie­rung. Die­sem Phä­no­men wol­len wir nun nach­ge­hen und abschlie­ßend die Fra­ge beant­wor­ten, wel­che Bedeu­tung die­se Sicht des Pap­stes vom Hei­lig­sein für die Kir­che von heu­te hat.

Zwei Kano­ni­sie­run­gen sind für uns Heu­ti­ge beson­ders pro­vo­zie­rend: Da ist die tap­fe­re Jean­ne d´Arc, die auf­grund emp­fan­ge­ner Him­mels­stim­men ihrem Volk wäh­rend der grau­en­vol­len Zeit der eng­li­schen Besat­zung im Hun­dert­jäh­ri­gen Krieg tap­fer als Sol­da­tin zur Sei­te stand. In Zei­ten eines bil­li­gen Pazi­fis­mus sicher eine „schwer ver­dau­li­che Hei­li­ge“! Bei der Jung­frau von Orlé­ans leuch­tet eine gro­ße Glau­bens­fe­stig­keit auf, die selbst der unge­rech­ten Ver­fol­gun­gen durch die kirch­li­che Auto­ri­tät nicht zum Opfer fiel. Nein, ganz im Gegen­teil, Johan­na blieb bis zu ihrem unge­rech­ten und grau­sa­men Feu­er­tod eine tief gläu­bi­ge Katho­li­kin, die noch in den Flam­men von Rou­en vol­ler Ver­trau­en den Namen Jesu aus­ru­fen konn­te. Ihre unge­rech­ten geist­li­chen Rich­ter konn­ten ihr eines eben nicht neh­men, ihren uner­schüt­ter­li­chen Glau­ben und ihre Hoff­nung auf das unver­lier­ba­re Heil. Da sind die tap­fe­ren Mär­ty­rer um Karl Lwan­ga aus Ugan­da, die sich dem unzüch­ti­gen Ver­lan­gen ihres Herr­schers tap­fer ent­ge­gen­stell­ten und dar­auf­hin um der Keusch­heit Wil­len den Mar­ter­tod auf sich nah­men. In Zei­ten zügel­lo­sen Sexu­al­kon­sums und weit ver­brei­te­ter Por­no­sucht tre­ten die­se jun­gen Hei­li­gen wie eine War­nung her­vor, sich eben nicht der Unzucht zu ver­schrei­ben. Allein die­se Pole des Kano­ni­sie­rungs­han­delns Bene­dikt XV. zei­gen uns, wie sehr die­se von ihm her­vor­ge­ho­be­nen Gestal­ten gera­de uns heu­te noch eine Bot­schaft von gro­ßer Bedeut­sam­keit mit auf den Weg geben kön­nen.

Faktenlage: Die Heilig- und Seligsprechungen des Pontifikates

Bevor wir der inne­ren Moti­va­ti­on die­ses päpst­li­chen Tätig­keits­fel­des nach­ge­hen, sol­len die Fak­ten zur Spra­che gebracht wer­den. Papst Bene­dikt XV. hat in sei­nem fünf Jah­re andau­ern­den Pon­ti­fi­kat nur drei Hei­lig­spre­chun­gen vor­ge­nom­men. Hin­ter­grund hier­für ist sicher auch der Umstand, dass die Sor­ge um den Frie­den in der Welt das in den Kriegs­jah­ren beherr­schen­de The­ma gewe­sen ist. Alle Hei­lig­spre­chun­gen erfolg­ten erst zwei Jah­re nach Kriegs­en­de. Am 13. Mai 1920 kano­ni­sier­te der Hei­li­ge Vater den jun­gen Pas­sio­ni­sten­f­ra­ter Gabri­el von der Schmerz­haf­ten Jung­frau (1838–1862) und die Herz-Jesu-Mysit­ke­rin Mar­ga­re­ta Maria Ala­co­que (1647–1690) und schließ­lich am 16. Mai 1920 Jean­ne d’Arc (1412–1431), die loth­rin­gi­sche Bau­ern­toch­ter und Kämp­fe­rin für Frank­reich, die im Jahr 1431 von den Män­nern der Kir­che zum schreck­li­chen Ver­bren­nungs­tod auf dem Schei­ter­hau­fen als Ket­ze­rin ver­ur­teilt wur­de.

Bereits wäh­rend der Kriegs­zeit erfolg­ten zwei Selig­spre­chun­gen: Am 29. April 1917 den Turi­ner Prie­ster Giu­sep­pe Bene­det­to Cot­to­len­go, der als Apo­stel der Näch­sten­lie­be in die Geschich­te ein­ge­gan­gen ist und am 23. Janu­ar 1918 Nuno Álva­res Perei­ra, einen spät­be­ru­fe­nen Kar­me­li­ter­mönch, der das Leben zuvor auch als Offi­zier und Ehe­mann ken­nen­ge­lernt hat­te. Letz­te­rer wur­de immer­hin von Papst Bene­dikt XVI. im Jahr 2009 hei­lig­ge­spro­chen. Sel­bi­ger Papst erwähn­te Cot­to­len­go, der von Pius XI. hei­lig­ge­spro­chen wur­de, übri­gens aus­drück­lich in der Auf­li­stung der Cari­tas­hei­li­gen in sei­ner Enzy­kli­ka DEUS CARITAS EST. (4) Auch hier kommt wie­der die Kon­ti­nui­tät bei­der Pon­ti­fi­ka­te zum Aus­druck. Im Jahr 1920 erfolg­ten noch vier wei­te­re Selig­spre­chungs­fei­ern: Am 9. Mai 1920 die von Lui­se von Maril­lac, eine fran­zö­si­sche Adli­ge und Ordens­grün­de­rin aus dem 17. Jahr­hun­dert, am 23. Mai 1920 der iri­sche Mär­tyrer­bi­schof Oli­ver Plunkett aus dem 17. Jahr­hun­dert und am 30. Mai 1920 die Lai­in und Mysti­ke­rin Anna Maria Tai­gi aus dem Ita­li­en des aus­ge­hen­den 18. und begin­nen­den 19. Jahr­hun­derts.

Ein ganz außer­ge­wöhn­li­ches Ereig­nis war am 6. Juni 1920 die Bea­ti­fi­ka­ti­on der Grup­pe der Ugan­di­schen Mär­ty­rer, dar­un­ter vor­nehm­lich jun­ge Pagen am ugan­di­schen Königs­hof, alle­samt Schwarz­afri­ka­ner und Lai­en (!). Der bekann­te­ste unter ihnen ist Karl Lwan­ga. (5) Papst Paul VI. sprach die­se Grup­pe wäh­rend des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils im Jahr 1964 hei­lig. Gera­de die­ser letz­te Kano­ni­sie­rungs­akt des Pap­stes Bene­dikt XV. signa­li­siert bereits über­deut­lich die Stoß­rich­tung, die die Kir­che der Zukunft aus sei­ner Sicht ein­schla­gen soll: Hei­li­ge gibt es auf allen Kon­ti­nen­ten, in allen Stän­den der Kir­che, in allen Lebens­al­tern und zu allen Zei­ten der Geschich­te. Auch die Lai­en sind auf­ge­ru­fen, nach Hei­lig­keit zu stre­ben. Es ist gera­de­zu anrüh­rend, wie sehr Papst Bene­dikt XV. gera­de die­se Grup­pe der Seli­gen am Her­zen lag. Beim Abend­essen am Tag der Selig­spre­chung saßen Mis­sio­na­re und sogar Über­le­ben­de aus der Ver­fol­gungs­zeit Ugan­das an der Tafel des Pap­stes als Ehren­ge­äste. Der Papst ver­wies wäh­rend der Unter­hal­tung auf die gro­ße Liste der Hei­li­gen und Seli­gen hin. Dann tat er fol­gen­den bemer­kens­wer­ten Aus­spruch über die Ugan­di­schen Mär­ty­rer: „Dies hin­ge­gen sind mei­ne Seli­gen.“ (6) Ganz innig scheint sei­ne Bezie­hung gera­de zu die­sen neu­en Seli­gen gewe­sen zu sein. Wir wer­den noch sehen, wie­so dies so war.

Hintergrund: Kindsein vor Gott als Grundhaltung des Heiligen

Der Blick auf die Kano­ni­sie­run­gen durch Papst Bene­dikt XV. zeigt uns, dass die­ser Papst mit die­sen Akten päpst­li­cher Auto­ri­tät der Kir­che ein Ver­mächt­nis geschenkt hat, wel­ches erst unter dem Pon­ti­fi­kat Johan­nes Pauls II. in vol­ler Kon­se­quenz zur Fort­set­zung gelangt ist. Gera­de der Hl. Johan­ne Paul II. war davon über­zeugt, mit den Kano­ni­sie­run­gen der Kir­che und ihren Glie­dern die all­ge­mei­ne Bedeu­tung des Rufes zur Hei­lig­keit, die ein jeder Christ in der Tau­fe emp­fan­gen hat, zum Aus­druck zu brin­gen. Die­ses Grund­an­lie­gen hat er dann so ein­drück­lich for­mu­liert: „Die Wege der Hei­lig­keit sind viel­fäl­tig, und der Beru­fung eines jeden ange­passt. Ich dan­ke dem Herrn, dass er es mir geschenkt hat, in die­sen Jah­ren so vie­le Chri­sten selig- und hei­lig­spre­chen zu dür­fen. Dar­un­ter waren auch vie­le Lai­en, die unter Bedin­gun­gen, wie sie das ganz gewöhn­li­che Leben vor­gibt, hei­lig wur­den. Es ist jetzt an der Zeit, allen mit Über­zeu­gungs­kraft die­sen »hohen Maß­stab« des gewöhn­li­chen christ­li­chen Lebens neu vor Augen zu stel­len. Das gan­ze Leben der kirch­li­chen Gemein­schaft und der christ­li­chen Fami­li­en muss in die­se Rich­tung füh­ren.“ (7)

Vor die­sem Hin­ter­grund erklärt sich auch die hohe Zahl der Hei­lig- und Selig­spre­chun­gen in die­sem Pon­ti­fi­kat. Mit­un­ter wur­de ihm dies­be­züg­lich – mei­nes Erach­tens völ­lig zu Unrecht – eine Infla­ti­on der Kano­ni­sie­run­gen vor­ge­wor­fen. Nein, Johan­nes Paul II. nahm gleich­sam den Staf­fel­stab an, den bereits Papst Bene­dikt XV. in sei­nem Para­dig­men­wech­sel zum hier dis­ku­tier­ten The­ma fort­an sei­nen Nach­fol­gern über­ge­ben hat. Die­se Neu­heit in der Sicht der Din­ge hat der Del­la-Chie­sa-Bio­graph ERNESTI zutref­fend so for­mu­liert: Bene­dikt XV. „ver­trat einen neu­en Ansatz, der sich in sei­nen Direk­ti­ven an die Hei­lig­spre­chungs­kon­gre­ga­ti­on und in sei­nen Kano­ni­sa­tio­nen durch­hält: Hei­lig­keit ist in jedem Stand mög­lich, weil es eine all­ge­mei­ne Beru­fung zur Hei­lig­keit gibt. In die­sem Sinn nahm er pro­gram­ma­ti­sche Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen vor und wid­me­te ein­zel­nen Hei­li­gen zu bestimm­ten Jah­res­ta­gen eige­ne Doku­men­te.“ (8) Genau die­se Linie wird deut­lich, wenn man sich noch­mals die zuvor beschrie­be­ne Fak­ten­la­ge ver­ge­gen­wär­tigt. Bene­dikt XV. woll­te ins­be­son­de­re deut­lich machen, dass auch Lai­en zur Hei­lig­keit beru­fen sind und ver­stand dies als Ansporn an alle ihm anver­trau­ten Söh­ne und Töch­ter der uni­ver­sa­len Kir­che. Lan­ge vor dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil war hier schon die theo­lo­gi­sche Erkennt­nis vor­han­den, das Wesen der Hei­lig­keit der Kir­che von Grund auf neu in den Blick zu neh­men. Genau dar­um lag ihm ins­be­son­de­re auch die Grup­pe der Ugan­di­schen Mär­ty­rer, alle­samt Lai­en, und das jun­ge Mäd­chen aus Frank­reich, die hl. Johan­na von Orlé­ans, so sehr am Her­zen. Gera­de die­se Kano­ni­sie­run­gen setz­ten in die­ser Rich­tung ein gera­de­zu pro­phe­tisch Zei­chen für die spä­ter sich immer mehr durch­set­zen­de Kano­nise­rungs­pra­xis der ihm fol­gen­den Päp­ste.

Ganz in die­sem Kon­text steht dann auch die Her­vor­he­bung der ver­trau­ens­vol­len Hal­tung gegen­über Gott, die Papst Bene­dikt XV. gera­de in der Hal­tung des Kind­seins vor Gott ver­wirk­licht sieht. Er war es auch, der die klei­ne The­re­se von Lisieux beson­ders in den Blick nahm und im Jahr 1921 die­ser jun­gen Ordens­frau im Rah­men ihres Ver­fah­rens den heroi­schen Tugend­grad ver­lieh. Hier­bei ließ der Papst dann fol­gen­de Begrün­dung für sei­ne Ent­schei­dung ver­lau­ten, die gera­de­zu para­dig­ma­tisch für sein Ver­ständ­nis von Hei­lig­keit ist: „In sei­ner Anspra­che hob der Papst her­vor, dass das Leben The­re­ses ‚voll­stän­dig durch das Ver­dienst der gei­sti­gen Kind­heit gekenn­zeich­net‘ ist. Dar­in sah Bene­dikt XV. auch für alle Chri­sten das Geheim­nis der Hei­lig­keit und defi­nier­te die­se als Ver­trau­en auf Gott und als Hin­ga­be in sei­ne Hand. Mah­nend rief der Papst in Erin­ne­rung, dass man nach Jesu Wort nicht in das Him­mel­reich ein­ge­hen kann, wür­de man es nicht wie ein Kind anneh­men (vgl. Mt 18,3; Mk 10,15). Das ‚Wer­den wie die Kin­der‘ sah Bene­dikt XV. als eine Ein­lass­be­din­gung für das Reich Got­tes an, und die­ses Heil hät­te The­re­se durch die Tugen­den der gei­sti­gen Kind­heit gewirkt. So müs­se man ‚aner­ken­nen‘, dass die Hei­lig­keit The­re­ses ‚aus hel­den­mü­ti­gen Tugen­den gebil­det wur­de, die aus der bestän­di­gen und wirk­sa­men Lie­be zur gei­sti­gen Kind­heit her­vor­gin­gen. […] Daher wün­schen Wir, dass das Geheim­nis der Hei­lig­keit The­re­ses kei­nem unse­rer Söh­ne ver­bor­gen blei­be. […] Je mehr die neue Hel­din bekannt wird, umso grö­ßer wird auch die Zahl ihrer Nach­fol­ger wer­den, die Gott durch Übung der Tugen­den der gei­sti­gen Kind­heit ver­herr­li­chen!‘“ (9)

Das „Wer­den wie die Kin­der“ als Ein­lass­be­din­gung für den Him­mel! Das war die Blick­rich­tung des Pap­stes, der gera­de ja in sei­nen Kano­ni­sie­run­gen ins­be­son­de­re auch die jun­gen Hei­li­gen und Seli­gen in den Blick nahm. Gera­de in die­sen Gestal­ten erblick­te er die Rein­heit der Her­zen, die zum Erlan­gen der ewi­gen Selig­keit erfor­der­lich ist (vgl. Mt 5,8). Vor die­sem Hin­ter­grund wird klar, wie­so Bene­dikt XV. gera­de in den Jugend­ge­stal­ten eines Gabri­el Pos­sen­ti, einer Jean d´Arc und der Ugan­di­schen Pagen die Vor­bil­der für die Chri­stus­nach­fol­ge sehen konn­te. Die wah­re Schön­heit der Jugend, die nicht vor dem Opfer zurück­scheut, hat gera­de die­ser Papst der Kir­che mit die­sen Hei­li­gen der Kir­che vor Augen stel­len wol­len. Bis in unse­re Tage kön­nen wir ihm dafür dank­bar sein.

Ein Beispielsfall: Die Jungfrau von Orléans

Nun soll noch ein nähe­rer Blick auf eine Hei­li­ge gewor­fen wer­den, deren Kano­ni­sie­rung in mehr­fa­cher Hin­sicht bemer­kens­wert ist: Johan­na von Orlé­ans.  (10) Sie war Laie und eine am Ende ihres Lebens von der Kir­che zu Unrecht Ver­folg­te. Trotz die­ses Unrechts hielt sie uner­schrocken an ihrem Bekennt­nis zu Jesus Chri­stus und sei­ner Kir­che fest. Es ist Papst Bene­dikt XV. bis heu­te hoch anzu­rech­nen, dass er auch den Mut hat­te, bei einer Hei­lig­spre­chung auf die Schat­ten­sei­te der Kir­che sei­nen unge­schmink­ten Blick zu rich­ten. Die­ser Papst brach­te in der Hei­lig­spre­chungs­bul­le unum­wun­den sei­nen tie­fen Respekt gegen­über Johan­na zum Aus­druck, die sich wäh­rend der Zeit des Inqui­si­ti­ons­pro­zes­ses ihren unge­rech­ten Rich­tern in gro­ßer Gelas­sen­heit und Glau­bens­treue ent­ge­gen­stell­te: „Das Ver­hal­ten der Jung­frau war in die­ser Zeit wirk­lich bewun­derns­wert: obschon sie noch kei­ne zwan­zig Jah­re alt war, wahr­te sie eine sol­che See­len­ru­he und gab auf die Fra­gen der Rich­ter so klu­ge Ant­wor­ten, dass alle mit Bewun­de­rung auf sie schau­ten. Bezüg­lich ihrer Reli­gi­on und Fröm­mig­keit wäh­rend jener Zeit aber leg­ten die Zeu­gen nie­der, sie habe instän­dig dar­um gebe­ten, beson­ders an Fest­ta­gen die Mes­se zu hören und die hei­lig­ste Eucha­ri­stie emp­fan­gen zu dür­fen, und sie habe sich sehr dar­über beklagt, dass ihr die geist­li­chen Hilfs­mit­tel ver­sagt wur­den.“ (11) Dem Papst war völ­lig klar, dass es sich bei die­ser Hei­li­gen um einen Mensch han­del­te, dem von den Ver­tre­tern der Kir­che gro­ßes Unrecht zuge­fügt wor­den war. Trotz die­ses Unrechts blieb Johan­na stand­haft. Hier mag sich Bene­dikt auch an die Stand­haf­tig­keit „sei­ner“ seli­gen Ugan­di­schen Mär­ty­rer erin­nert haben.

Wer war die­se jun­ge Frau, die bis heu­te vie­le Men­schen in ihren Bann zieht? Was macht sie für uns so fas­zi­nie­rend? Eine Ant­wort gibt uns bereits der Welt­ka­te­chis­mus, in dem Johan­na mehr­mals erwähnt wird. Es ist erstaun­lich, dass der Kate­chis­mus an vier expo­nier­ten Stel­len neben vie­len Kir­chen­vä­ter- und Theo­lo­gen­zi­ta­ten ein fran­zö­si­sches Bau­ern­mäd­chen zitiert, das weder lesen, noch schrei­ben konn­te. Zunächst wird im Abschnitt über die „Bedeu­tung des Glau­bens an den ein­zi­gen Gott“ (12) ein Aus­spruch Jean­ne d´Arcs erwähnt, den sie ihren Rich­tern wäh­rend des Pro­zes­ses ent­geg­ne­te: „Gott kommt an erster Stel­le.“ (13) Die­sen Glau­ben leb­te sie bis zur letz­ten Kon­se­quenz, bis sie ihr Leben für ihren Glau­ben hin­gab.

Die zwei­te Erwäh­nung fin­det sich im Abschnitt der Chri­sto­lo­gie über den Namen Jesu: „Vie­le Chri­sten ster­ben, wie die hei­li­ge Jean­ne d´Arc, mit dem Wort ‚Jesus‘ auf den Lip­pen.“ (14) Die­se letz­ten Wor­te Johan­nas haben bereits die Zeu­gen der Hin­rich­tung auf dem Markt­platz von Rou­en zutiefst erschüt­tert. Wie kann ein Mensch, der solch grau­sa­men Schmer­zen aus­ge­lie­fert ist, noch vol­ler Inbrunst den Namen Jesu anru­fen? Sie ver­trau­te in der größ­ten Not dar­auf, dass Jesus ihr Ret­ter sein wür­de. Ihr heroi­sches Ster­ben ist eines der gro­ßen Glanz­lich­ter in der Kir­chen­ge­schich­te. Es macht uns Mut, das Ver­trau­en auf die ret­ten­de Kraft des Erlö­sers nie auf­zu­ge­ben.

Die drit­te Erwäh­nung im Kate­chis­mus fin­det sich im Abschnitt über die Kir­che: „Der von den hei­li­gen Glau­bens­leh­rern gelehr­te Glau­be und das gesun­de Emp­fin­den der Gläu­bi­gen äußern sich in einem Wort der hei­li­gen Jean­ne d´Arc an ihre Rich­ter: ‚Von Jesus und der Kir­che den­ke ich, dass das alles eins ist und dass man dar­aus kein Pro­blem machen soll‘.“ (15) Aus­ge­rech­net ein Mensch, der von offi­zi­el­len Ver­tre­tern der Kir­che völ­lig ver­kannt vor Gericht gezo­gen, ver­leum­det, beschimpft, gequält und schließ­lich zum Tode ver­ur­teilt wur­de, konn­te selbst in die­ser gro­ßen Bedräng­nis das Wesen der Kir­che, ihre Ver­bun­den­heit mit Jesus, beken­nen. Johan­na ließ sich ihren Glau­ben nicht zer­stö­ren. Sie ver­trau­te ganz dar­auf, dass die Kir­che, trotz aller sün­di­gen Glie­der, der mysti­sche Leib Chri­sti ist. Dar­um hat sie die Kir­che bis zu ihrem letz­ten Atem­zug auf dem Schei­ter­hau­fen geliebt.

Die letz­te Erwäh­nung fin­det sich im Abschnitt über die Gna­de. Hier wird die Ant­wort auf eine Fang­fra­ge ihrer Rich­ter zitiert: „Befragt, ob sie wis­se, dass sie in Got­tes Gna­de sei, ant­wor­te­te sie: ‚Falls ich nicht in ihr bin, wol­le Gott mich in sie ver­set­zen; falls ich in ihr bin, möge Gott mich in ihr bewah­ren‘.“ (16) Die­ser Satz ver­deut­licht die Hal­tung ver­trau­en­der Armut, die Johan­na ihr gan­zes Leben in sich trug. Trotz tie­fer mysti­scher Erleb­nis­se und der kla­ren Gewiss­heit, von Gott eine Beru­fung für ihr Vater­land emp­fan­gen zu haben, wur­de sie nie arro­gant und über­heb­lich. Sie ver­trau­te sich ganz dem gnä­di­gen Gott an und wuss­te, dass all das Gute, wel­ches sie in sich tra­gen durf­te, allein von Gott kam. Die­se Erwäh­nun­gen Jean­ne d´Arcs im Kate­chis­mus der Kir­che zei­gen bereits deut­lich, wofür die­se Hei­li­ge steht: ein uner­schüt­ter­li­ches Gott­ver­trau­en, ein unbe­ding­ter Gehor­sam Got­tes Wil­len gegen­über und eine tie­fe Lie­be zum Namen Jesu und zu sei­ner Kir­che.

Blicken wir nun auf das Leben der Hei­li­gen: Johan­na wur­de am 6. Janu­ar 1412 gebo­ren. Bezeich­nend ist, dass unse­re Hei­li­ge am Tag der hl. Drei Köni­ge, dem Epi­pha­nias­fest, gebo­ren wur­de. Denn auch durch ihre Geburt zeig­te Gott sich wie­der auf eine ganz uner­war­te­te und wun­der­vol­le Wei­se. Durch ein loth­rin­gi­sches Bau­ern­mäd­chen woll­te er den Mäch­ti­gen jener Zeit zei­gen, wer der wah­re König des Him­mels ist. Im Leben der Hei­li­gen mani­fe­stiert sich durch alle Zei­ten die wun­der­ba­re Epi­pha­nie unse­res Got­tes, da in ihnen sei­ne Mensch­wer­dung immer wie­der auf sicht­ba­re Wei­se prä­sent wird. Es war die schwe­re Zeit des abend­län­di­schen Schis­mas, in der drei Män­ner gleich­zei­tig den Stuhl Petri für sich bean­spruch­ten. Zu der Zer­ris­sen­heit inner­halb der Kir­che kamen Bru­der­krie­ge zwi­schen den christ­li­chen Völ­kern Euro­pas. Der schlimm­ste unter ihnen war der nicht enden wol­len­de soge­nann­te „Hun­dert­jäh­ri­ge Krieg“ zwi­schen Eng­land und Frank­reich. Die Fran­zo­sen lit­ten unter der eng­li­schen Besat­zung, unter Gewalt und Gegen­ge­walt. Gebo­ren wur­de Johan­na in Dom­ré­my, einem klei­nen, an der Maas gele­ge­nen Dorf an der Gren­ze zwi­schen Frank­reich und Loth­rin­gen. Sie ent­stamm­te einer durch­aus wohl­ha­ben­den Bau­ern­fa­mi­lie. Ihre Eltern waren tief reli­gi­ös und führ­ten die Kin­der in den Glau­ben der Kir­che ein. Von Kin­der­ta­gen an zeig­te Johan­na in der dra­ma­ti­schen Situa­ti­on des Krie­ges eine gro­ße Lie­be den Armen, Kran­ken und Lei­den­den gegen­über. Mit drei­zehn Jah­ren hör­te Johan­na erst­mals eine Stim­me, die von Gott kam. Sie erkann­te hier­in die Stim­me des Erz­engels Micha­el. Im Pro­zess berich­te­te sie dar­über:

„Sie hat mich gelehrt, brav zu sein und oft in die Kir­che zu gehen. Auch sag­te sie zu mir, ich müs­se unbe­dingt nach Frank­reich kom­men. […] Sie sag­te noch, ich wür­de Orlé­ans von der Bela­ge­rung ent­set­zen. Fer­ner, ich sol­le nach Vau­cou­leurs gehen zu Robert de Baud­ri­court, dem Kom­man­dan­ten die­ses Plat­zes. Er wür­de mir Leu­te mit­ge­ben. Ich gab zur Ant­wort: Ich bin ja nur ein Mäd­chen und ver­ste­he nichts vom Rei­ten und vom Krieg­füh­ren.“ (17)

Die ver­ständ­li­che Reak­ti­on Johan­nas erin­nert an den Ein­wand des Pro­phe­ten Jere­mia gegen­über dem Anruf Got­tes: „Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung.“ (Jer 1,6). Doch Gott ent­geg­ne­te Jere­mia und eben­so auch Jean­ne d´Arc mit einem kla­ren Befehl: „Wohin ich dich auch sen­de, dahin sollst du gehen!“ (Jer 1,7). Bei­de, Jere­mia und Johan­na, befolg­ten den Wil­len Got­tes. Über­haupt scheint die hl. Johan­na für uns Heu­ti­ge wie eine alt­te­sta­ment­li­che Hei­li­ge zu sein: Sie erin­nert an den Kampf des Mose gegen die Ägyp­ter und an das ener­gi­sche Auf­tre­ten der Pro­phe­ten gegen die Miss­stän­de im dama­li­gen Isra­el. Sie ist alles ande­re als eine „nied­li­che Hei­li­ge“. Johan­na zeigt uns sehr ein­dring­lich, dass Gott der Herr der Geschich­te sein will. Gott greift immer wie­der mit sei­nen Werk­zeu­gen, den Hei­li­gen, in das Gesche­hen die­ser Welt ein.

Zwei Din­ge bewirk­te die­se Stim­me: Johan­na ver­sprach gegen­über Gott die Jung­fräu­lich­keit und wand­te sich ver­tieft dem sakra­men­ta­len Leben der Kir­che zu. Die täg­li­che Teil­nah­me an der Hl. Mes­se, häu­fi­ge Beich­te und Kom­mu­ni­on und das betrach­ten­de Gebet vor dem Bild des Gekreu­zig­ten und dem sei­ner Mut­ter waren ganz selbst­ver­ständ­li­che Punk­te ihres geist­li­chen Lebens. Dies war ihre Beru­fung zur mysti­schen Ver­ei­ni­gung mit Gott. Zudem erkann­te sie eine ganz unge­heu­er­li­che Beru­fung für Frank­reich: Sie soll­te das Instru­ment Got­tes zur Befrei­ung ihres Lan­des sein. Nach mensch­li­chem Ermes­sen eine ganz und gar unglaub­li­che Bot­schaft: ein Bau­ern­mäd­chen vom Ran­de Frank­reichs soll­te den Zug gestan­de­ner Offi­zie­re und Heer­füh­rer anfüh­ren, der Frank­reich von der Schreckens­herr­schaft der Eng­län­der befrei­en soll­te. Das war ihr poli­ti­scher Auf­trag. „Einer der urei­gen­sten Aspek­te der Hei­lig­keit die­ses jun­gen Mäd­chens ist die Ver­bin­dung zwi­schen mysti­scher Erfah­rung und poli­ti­scher Sen­dung.“ (18)

Johan­na erkann­te, dass sie die­ser Stim­me gegen­über nicht unge­hor­sam sein durf­te, da sie den Wil­len Got­tes zum Aus­druck brach­te. So mach­te sie sich zu Beginn des Jah­res 1429 auf, um ihr Land mit Got­tes Hil­fe von der Unter­drückung zu befrei­en. Von ihrer Erschei­nung muss eine über­wäl­ti­gen­de Aus­strah­lung aus­ge­gan­gen sein. Unsi­che­re und ent­mu­tig­te Män­ner, Offi­zie­re und Ade­li­ge konn­te sie über­zeu­gen, dass sie „la pucel­le“, die von Gott gesand­te Jung­frau war. Nach der Über­win­dung vie­ler Hin­der­nis­se gelang es ihr schließ­lich, den fran­zö­si­schen Dau­phin und zukünf­ti­gen König Karl VII. in Poi­tiers zu tref­fen und auch die­sen von ihrer Sen­dung zu über­zeu­gen. Sie muss­te sich dort bereits har­ten Prü­fun­gen unter­zie­hen, doch die damals ver­hö­ren­den Theo­lo­gen gelang­ten zu der Auf­fas­sung, dass die­se jun­ge Frau kei­ne Häre­ti­ke­rin sei, und glaub­ten an ihre Sen­dung.

Am 22. März 1429 dik­tier­te Johan­na den berühmt gewor­de­nen Brief an den König von Eng­land und sei­ne Gefolgs­leu­te. Ganz ihrer Fröm­mig­keit ent­spre­chend ste­hen in der Brief­über­schrift die hei­lig­sten Namen Jesu und Mari­ens. Auch hier bringt sie demon­stra­tiv zum Aus­druck, unter wes­sen wirk­mäch­ti­gen Schutz sie ihre Sen­dung zur Befrei­ung Frank­reichs sieht. Mit den Namen Jesu und dem sei­ner Mut­ter fühlt sie sich gewapp­net, dem schein­bar über­mäch­ti­gen Geg­ner gegen­über­zu­tre­ten. Schon zu Zei­ten Johan­nas wirk­te die­ses Schrei­ben wie ein Pau­ken­schlag und wur­de weit über die Gren­zen Frank­reichs mit Bewun­de­rung und Erstau­nen zur Kennt­nis genom­men. Sein Inhalt wur­de zu einem euro­päi­schen Poli­ti­kum. Selbst in der Kanz­lei des hei­lig-römi­schen Königs Sigis­mund wur­de er in mit­tel­hoch­deut­scher Spra­che zu Papier gebracht. Johan­na brach­te hier den Eng­län­dern gegen­über ihre Sen­dung unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck:

„Gebt dem König des Him­mels sein Recht. Lie­fert der Jung­frau, die von Gott, dem König des Him­mels hier­her gesandt ward, die Schlüs­sel aus von allen festen Städ­ten, die Ihr Frank­reich genom­men und geschä­digt habt. Sie kommt hier­her im Namen Got­tes, um das könig­li­che Blut zurück­zu­for­dern. Sie möch­te nichts lie­ber, als Frie­den schlie­ßen, wenn ihr von Euch Gerech­tig­keit zuteil wird, indem Ihr von Frank­reich lässt und Ent­schä­di­gung dafür gewährt, dass Ihr es inne­hat­tet. Ihr alle, Bogen­schüt­zen, Kriegs­ge­sel­len, Edle und wer Ihr sonst noch vor den Mau­ern Orlé­ans liegt, im Namen Got­tes, zie­het ab in Euer Land. Tut Ihr das nicht, so gewär­tigt neue Kun­de von der Jung­frau, die bin­nen kur­zem Euch heim­su­chen wird, zu Eurem größ­ten Scha­den. (…) Wenn Ihr die Bot­schaft nicht glau­ben wollt, die durch Gott und die Jung­frau ergeht, so wer­den wir drein­schla­gen, wo immer wir Euch tref­fen, und wenn Ihr Euch nicht zum Rech­te ver­steht, dann wer­den wir ein so gewal­ti­ges Hahay (19) erhe­ben, wie man es seit tau­send Jah­ren in Frank­reich nicht gehört hat.“ (20)

Doch die Eng­län­der konn­ten nicht dar­an glau­ben, dass sie in Johan­na ein Werk­zeug Got­tes vor sich hat­ten. Sie ver­lach­ten und ver­spot­te­ten sie. Schließ­lich kam es zur ent­schei­den­den Schlacht um Orleans. Am 8. Mai 1429 wur­de die Stadt, die bis heu­te die­sen Tag fei­ert, dank Johan­nas Hil­fe und Ansporn von den eng­li­schen Besat­zern befreit. Johan­na war alles ande­re als kriegs­lü­stern. Sie woll­te nur ihrem Volk zum Recht ver­hel­fen. Dazu hat­te Gott selbst sie gesandt. Der Höhe­punkt ihres öffent­li­chen Wir­kens war schließ­lich die Krö­nung des Dau­phins in Reims am 17. Juli 1429 zum König Karl VII. von Frank­reich.

Johan­na leb­te ein Jahr lang bei den Sol­da­ten und wur­de von die­sen nach anfäng­li­cher Skep­sis voll­ends akzep­tiert und mit gro­ßer Ehr­furcht geschätzt. Es fin­den sich ergrei­fen­de Zeug­nis­se von Offi­zie­ren der fran­zö­si­schen Armee, die schon zu Johan­nas Leb­zei­ten von ihrer Hei­lig­keit über­zeugt waren. Sie bewirk­te bei vie­len Sol­da­ten eine Bekeh­rung zum Glau­ben. So ver­lang­te sie vor den Schlach­ten von allen Män­nern, vor­her das Beichtsa­kra­ment zu emp­fan­gen. Sie ver­trieb alle Mar­ke­ten­de­rin­nen und Huren, die bis dahin ganz selbst­ver­ständ­lich den Sol­da­ten­tross beglei­te­ten. Sie woll­te, dass die Sol­da­ten in wirk­li­cher Abkehr vom Bösen und mit einem tie­fen Glau­ben ihren Beruf aus­üb­ten. Auch gegen­über den Fein­den emp­fand Johan­na trotz aller Erfol­ge immer tief­stes Mit­leid. Sie bete­te für die ver­wun­de­ten und ver­stor­be­nen Eng­län­der. Nie hör­te sie auf, auch in ihnen Geschöp­fe Got­tes zu sehen. Aber Gott woll­te die Befrei­ung ihres Vol­kes. Da das Frie­dens­an­ge­bot aus­ge­schla­gen wur­de, stand kein ande­res Mit­tel als Krieg zur Ver­fü­gung.

Johan­nas Kreuz­weg begann am 23. Mai 1430, als sie in die Hän­de ihrer Geg­ner fiel. Der Inqui­si­ti­ons­pro­zess, der unter der Füh­rung des Bischofs Pierre Cauchon erst zu Beginn des Jah­res 1431 in Rou­en begann, ende­te mit der Ver­bren­nung Johan­nas auf dem Schei­ter­hau­fen am 30. Mai 1431. Johan­na stand als unge­lern­tes Bau­ern­mäd­chen einer gro­ßen Meu­te gegen sie auf­ge­brach­ter Kle­ri­ker und Theo­lo­gen, zumeist Gelehr­te der berühm­ten Pari­ser Sor­bon­ne, gegen­über. Die Pro­zess­ak­ten sind bis heu­te über­lie­fert. Beim Lesen die­ser Akten fällt einer­seits auf, mit wie viel Nie­der­tracht und Falsch­heit die Rich­ter gegen Johan­na vor­gin­gen. Ande­rer­seits ist man beim Lesen die­ser Tex­te erstaunt, mit welch einem Mut, ja teil­wei­se sogar Humor die Ange­klag­te ihren Rich­tern gegen­über­trat. Papst Bene­dikt XVI. umschrieb die Bedeu­tung des Pro­zes­ses für die Kir­chen­ge­schich­te: „Die­ser Pro­zess ist ein erschüt­tern­der Abschnitt der Geschich­te der Hei­lig­keit und auch ein Abschnitt, der das Geheim­nis der Kir­che beleuch­tet. Die­se ist, mit den Wor­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, ‚zugleich hei­lig und stets der Rei­ni­gung bedürf­tig‘ (Lumen Gen­ti­um, 8). Es ist die dra­ma­ti­sche Begeg­nung zwi­schen die­ser Hei­li­gen und ihren Rich­tern, die Kle­ri­ker sind. Von ihnen wird Jean­ne ange­klagt und einer Prü­fung unter­zo­gen. Am Ende wird sie als Ket­ze­rin ver­ur­teilt und in den schreck­li­chen Tod auf dem Schei­ter­hau­fen geschickt. Im Gegen­satz zu den hei­li­gen Theo­lo­gen, die die Uni­ver­si­tät von Paris mit Glanz erfüllt hat­ten – wie der hl. Bona­ven­tu­ra, der hl. Tho­mas von Aquin und der sel. Duns Sco­tus, (…) sind die­se Rich­ter Theo­lo­gen, denen es an Lie­be und Demut man­gelt, um in die­sem jun­gen Mäd­chen das Han­deln Got­tes zu sehen.“ (21)

Der Pro­zess konn­te ihren Glau­ben nicht zer­stö­ren. Johan­na ging tap­fer den Weg in den erzwun­ge­nen Tod. Auf dem Schei­ter­hau­fen ver­lang­te sie nach Weih­was­ser. (22) Sie wuss­te in die­sem für sie so aus­weg­lo­sen Moment um die trö­sten­de Kraft die­ses Zei­chens. Auch wenn das Weih­was­ser das Feu­er des Schei­ter­hau­fens nicht zu löschen ver­moch­te, für Johan­na war es in die­sem Moment ihres Lebens­op­fers ein stär­ken­des Zei­chen des Segens. Als Hexe ver­ur­teilt, zeig­te sie auch auf dem Schei­ter­hau­fen, dass sie kei­ne war: Auch jetzt mied sie, anders als bekannt­lich der Teu­fel es tut, nicht das Weih­was­ser. Des Wei­te­ren ver­lang­te sie nach einem Kru­zi­fix. Nach­dem ihr die­se Bit­te gewährt wor­den war, starb sie in den Flam­men mit dem Namen Jesu auf den Lip­pen.

Mit­un­ter ist der Hei­lig­spre­chungs­akt Jean­ne d´Arcs als rein poli­tisch moti­vier­ter Akt der Annä­he­rung des Hei­li­gen Stuhls an die Fran­zö­si­sche Repu­blik abge­wer­tet wor­den. (23) Sicher spiel­ten und spie­len bei Kano­ni­sie­rungs­ver­fah­ren immer auch die poli­ti­schen und kir­chen­po­li­ti­schen Zeit­um­stän­de eine gewis­se Rol­le, mit welch einer Inten­si­tät ein Ver­fah­ren vor­an­ge­trie­ben wird oder nicht. Die Kir­che geht auch hier ihren Weg durch die Zeit. Auch bei die­sem Han­deln der Kir­che gilt es, die Zei­chen der Zeit zu erken­nen. Aber das Leben Johan­nas und das Pro­fil der Hei­lig­keit, wel­ches gera­de Papst Bene­dikt XV. an die Kan­di­da­ten anleg­te, zei­gen ganz deut­lich, dass gera­de die Jung­frau von Orlé­ans die­sem geist­li­chen Maß­stab der Hei­lig­keit ent­sprach. Gera­de das Leben die­ser jun­gen Hei­li­gen hat es dem hoch­ge­bil­de­ten und fein­sin­ni­gen Del­la-Chie­sa-Papst beson­ders ange­tan. Denn die­se Hei­li­gen­ge­stalt ver­mag uns zu zei­gen, was es bedeu­tet, in schwe­rer Bedräng­nis ganz auf Got­tes Zuwen­dung zu ver­trau­en. Vor die­sem Hin­ter­grund war das geist­lich-theo­lo­gi­sche Motiv sicher­lich das vor­herr­schen­de bei der Kano­ni­sie­rungs­ent­schei­dung des Pap­stes.

Gegenwartsbedeutung: Berufung aller zur Heiligkeit

Es ist deut­lich gewor­den, dass Papst Bene­dikt XV. der Papst war, der die all­ge­mei­ne Beru­fung zur Hei­lig­keit ganz aus­drück­lich unter dem Gesichts­punkt des Kind­seins vor Gott der Kir­che ans Herz gelegt hat. Die­ser neue Blick­wink­le auf das Insti­tut der Hei­lig- und Selig­spre­chun­gen hat vor allem unter dem Pon­ti­fi­kat des Pap­stes Johan­nes Pauls II. sei­ne kon­se­quen­te Fort­set­zung erfah­ren. Hier­bei nahm er vor allem auch die Lai­en und die jun­gen Men­schen in den Fokus.

Gera­de heu­te ste­hen vie­le jun­ge Men­schen, die sich trau­en, klar und offen­her­zig ihren katho­li­schen Glau­ben zu beken­nen, oft ganz allei­ne da. Oft fehlt bereits die Unter­stüt­zung im Eltern­haus. Der Beken­ner­mut vie­ler Jugend­li­cher ist heu­te umso beein­drucken­der. Die Kir­che tut gut dar­an, gera­de sol­che Vor­bil­der aus der Jugend der gan­zen Kir­che als Hei­li­ge und Seli­ge vor Augen zu stel­len.

Und noch ein aktu­el­ler Gesichts­punkt: Vie­le Men­schen lei­den dar­un­ter, dass sie sich in ihren Kir­chen­ge­mein­den und Diö­ze­sen wegen ihrer kla­ren katho­li­schen Posi­tio­nie­rung nicht mehr ver­stan­den füh­len. Gera­de in den rei­chen Kir­chen des euro­päi­schen Westens gibt es gegen­über Gläu­bi­gen, die treu zum Wort Got­tes und der Leh­re der Kir­che ste­hen, oft viel Aus­gren­zung und mit­un­ter sogar inner­kirch­li­che Ver­fol­gungs­ten­den­zen. Die­sen Men­schen ist gera­de mit der Jung­frau von Orlé­ans eine Mit­strei­te­rin für die Wahr­heit an die Sei­te gestellt wor­den. Für die­se Hil­fe­stel­lung in der Not inner­kirch­li­cher Ver­fol­gung (24) kann bis heu­te dem unbe­kann­ten Papst, der den Namen des fünf­zehn­ten Bene­dikt trug, nur Dank gezollt wer­den.

*Mar­kus Büning, gebo­ren 1966 in Ahaus (West­fa­len), stu­dier­te katho­li­sche Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie in Mün­ster in West­fa­len und Mün­chen sowie Rechts­wis­sen­schaf­ten an den Uni­ver­si­tä­ten von Kon­stanz und Mün­ster; 2001 Pro­mo­ti­on zum Dok­tor der Rechts­wis­sen­schaf­ten, zunächst Assi­stent an den Uni­ver­si­tä­ten Kon­stanz und Mün­ster, dann Ein­tritt als Jurist in den Ver­wal­tungs­dienst. Der aus­ge­wie­se­ne Kir­chen­recht­ler ver­öf­fent­lich­te zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen zu kir­chen­recht­li­chen und theo­lo­gi­schen The­men und über Hei­li­ge. Dr. Mar­kus Büning ist ver­hei­ra­tet und Vater von zwei Kin­dern.


(1) JÖRG ERNESTI, Bene­dikt XV. – Papst zwi­schen den Fron­ten, Frei­burg im Breis­gau 2016.

(2) FRANZ XAVER SEPPELT/GEORG SCHWAIGER, Geschich­te der Päp­ste. Von den Anfän­gen bis zur Gegen­wart, Mün­chen 1964, S. 477.

(3) Ebd., S. 477.

(4) Nr. 40.

(5) Zumin­dest in der Fuß­no­te sol­len die Namen der wei­te­ren Mär­ty­rer aus Grün­den der Voll­stän­dig­keit und des ihnen gebüh­ren­den Respek­tes genannt wer­den. Aller­dings han­delt es sich bei die­sen Gestal­ten nicht um Rand­no­ti­zen der Kir­chen­ge­schich­te, son­dern um wah­re Glanz­punk­te des Ein­ste­hens für den Glau­ben und die Moral: Achi­leo Kiwa­nu­ka, Adol­phus Ludi­go-Muka­sa, Ambro­si­us Kibu­uka, Ana­to­li Kirigg­wa­j­jo, Ande­rea Kagg­wa, Antan­an­sio Bazze­ku­ket­ta, Bru­no Sse­run­kuuma, Denis Sse­bug­g­wa­wo Wass­wa, Gon­za­ga Gon­za, Gya­vi­ra Mus­o­ke, James Buuzaa­ba­ly­aa­wo, John Maria Muzeeyi, Joseph Muka­sa Bali­kud­dem­be, Kizi­to, Luk­ka Baa­na­bak­in­tu, Mati­ya Mulum­ba, Mba­ga Tuzin­de, Mugag­ga Lub­o­wa, Muka­sa Kiri­wa­wan­vu, Nowa Mawag­ga­li und Pon­sia­no Ngond­we.

(6) Zit. nach cva­fri­ka­hil­fe.

(7) Apo­sto­li­sches Schrei­ben NOVO MILLENNIO INEUNTE, Nr. 30.

(8) ERNESTI, ebd., S. 214.

(9) Zit. nach The­re­si­en­werk.

(10) Aus der umfang­rei­chen Fül­le der Lite­ra­tur zu die­ser Hei­li­gen wird auf fol­gen­de Wer­ke beson­ders hin­ge­wie­sen: Vgl. die Kurz­bio­gra­fien von W. NIGG, Gro­ße Hei­li­ge, Zürich 1993, S. 96–143 und G. KRANZ, Poli­ti­sche Hei­li­ge und katho­li­sche Refor­mer, Augs­burg 1958, S. 73–97. Zudem ver­wei­se ich auf G. KRUMEICH, Jean­ne d´Arc. Die Geschich­te der Jung­frau von Orleans, 2. Aufl., Mün­chen 2012; C.J. ABEGG, Die Fackel Got­tes. Johan­na von Orlé­ans (1412–1431), 2. Aufl., Stein am Rhein 1976. Die Pro­zess­ak­ten fin­den sich in deut­scher Über­set­zung zusam­men­ge­stellt bei J. BÜTLER, (Hrsg.), Jean­ne d´Arc. Die Akten der Ver­ur­tei­lung, in: Men­schen der Kir­che in Zeug­nis und Urkun­de, hrsg. v. H.U.V. BALTHASAR, Bd. IV., Ein­sie­deln 1943. Vgl. zudem die erste in deut­scher Spra­che erschie­ne­ne Bio­gra­fie von G. GÖRRES, Die Jung­frau von Orleans. Nach den Pro­zess­ak­ten und gleich­zei­ti­gen Chro­ni­ken, Regens­burg 1834 und die über die hl. Johan­na gehal­te­ne Audi­en­z­an­spra­che von PAPST BENEDIKT XVI. in: Ders., Hei­li­ge und Seli­ge. Gro­ße Frau­en­gestal­ten des Mit­tel­al­ters, Iller­tis­sen 2011, S. 141–149.

(11) Zit. nach BÜTLER, S. 315.

(12) Vgl. KATECHISMUS DER KATHOLISCHEN KIRCHE. Neu­über­set­zung auf­grund der edi­tio typi­ca Lati­na, Mün­chen 2005 (KKK), Nr. 222–227.

(13) Ebd., Nr. 223.

(14) Ebd., Nr. 435.

(15) Ebd., Nr. 795.

(16) Ebd., Nr. 2005.

(17) BÜTLER, ebd., S. 65 f.

(18) BENEDIKT XVI., Hei­li­ge und Seli­ge, S. 143.

(19) Anm. des Autors: Damit ist das Kriegs­ge­schrei gemeint.

(20) Zit. nach BÜTLER, ebd., S. 172.

(21) BENEDIKT XVI., Hei­li­ge und Seli­ge, S. 145

(22) Dies wird v.a. bei GÖRRES, ebd., S. 332, ein­drucks­voll her­aus­ge­stellt: „Als end­lich Rauch und Feu­er sie umhüll­te, ver­lang­te sie noch Weih­was­ser, sie rief dann zum letz­ten Mal den Erz­engel Micha­el und die übri­gen Hei­li­gen um Bei­stand an, dank­te noch ein­mal Gott für alles Gute, was er ihr ver­lie­hen und als nun die Flam­men ihrer Mei­ster gewor­den und sie ster­bend das Haupt senk­te, da war das letz­te Wort, wel­ches sie mit hel­ler, ver­nehm­li­cher Stim­me, dass es die Umste­hen­den ver­stan­den, aus dem Schei­ter­hau­fen zum Him­mel rief: Jesus! Jesus! Jesus!“

(23) Zum Dis­kus­si­ons­stand vgl. hier v.a. ERNESTI, ebd., S. 179 und KRUMEICH, ebd., S. 111 fff.

(24) Der US-Ame­ri­ka­ni­sche Hagio­graf THOMAS J. CHRAUGWELL ver­öf­fent­lich­te im Jahr 2011 ein Buch mit dem Titel „The Saint will chan­ge your life“. Dar­in wird der Ver­such unter­nom­men, die Patro­na­te der Hei­li­gen neu in den Blick zu neh­men und den Erfor­der­nis­sen unse­rer Zeit, frei­lich unter Berück­sich­ti­gung der Tra­di­ti­on, anzu­pas­sen. Johan­na von Orlé­ans wird dort als beson­de­re Schutz­pa­tro­nin der von der Kir­che Ver­folg­ten vor­ge­stellt. Auf Deutsch erschien die­ses Buch im Jahr 2012 unter dem viel­sa­gen­den Titel „O Him­mel Hilf! – 300 himm­li­sche Ver­bün­de­te für Archi­tek­ten, Blog­ger, Kran­ken­schwe­stern, Taxi­fah­rer, Schau­spie­le­rin­nen, Teen­ager, Unver­hei­ra­te­te, Vege­ta­ri­er … und dich!“ Patt­loch. Zu Johan­na von Orlé­ans, vgl. dort S. 419 f.