Der religiöse Krieg des 4. Jahrhunderts und unsere Zeit

Heiliger Athanasius
Der Heiliger Athanasius und die Krise der Kirche.

Von Rober­to de Mattei*

Die Kir­che schrei­tet in der Geschich­te, nach den uner­war­te­ten Plä­nen Got­tes, immer sieg­reich vor­an. In den ersten drei Jahr­hun­der­ten erreich­te die Ver­fol­gung unter Kai­ser Dio­kle­ti­an (284–305) ihren Höhe­punkt. Alles schien ver­lo­ren.

Die Ent­mu­ti­gung war für vie­le Chri­sten eine Ver­su­chung und es fehl­te nicht an jene, die den Glau­ben ver­lo­ren. Wer ihn aber bewahr­te, erleb­te nur weni­ge Jah­re spä­ter die größ­te Freu­de, als das Kreuz Chri­sti in der Schlacht an der Mil­vi­schen Brücke (312) auf den Stan­dar­ten Kon­stan­tins erstrahl­te. Die­ser Sieg ver­än­der­te den Lauf der Geschich­te. Das Edikt von Mai­land-Niko­me­dia von 313 gewähr­te den Chri­sten die Frei­heit der Reli­gi­ons­aus­übung und hob das Senats­kon­sult von Nero auf, mit dem das Chri­sten­tum super­sti­tio illi­ci­ta erklärt wor­den war.

Der „dritte Weg“ der Halbarianer

Die öffent­li­che Chri­stia­ni­sie­rung der Gesell­schaft nahm ihren Anfang in einem Kli­ma der Begei­ste­rung und des Eifers. 325 schien das Kon­zil von Nicäa mit dem Ver­ur­tei­lung des Ari­us, der die Gott­heit des Wor­tes leug­ne­te, die dok­tri­nel­le Wie­der­ge­burt der Kir­che anzu­zei­gen. In Nicäa wur­de, dank des ent­schei­den­den Bei­tra­ges des Dia­kons Atha­na­si­us (295–373), dem spä­te­ren Bischof von Alex­an­dria, die Leh­re der Kon­sub­stan­tia­li­tät, der Wesens­gleich­heit des Soh­nes mit dem Vater, also zwi­schen den drei Per­so­nen der Hei­lig­sten Drei­fal­tig­keit defi­niert.

Trinität von Jerónimo Cósida (1510-1592)
Tri­ni­tät von Jeró­ni­mo Cósi­da (1510–1592)

In den fol­gen­den Jah­ren bahn­te sich zwi­schen der ortho­do­xen Posi­ti­on und jener der aria­ni­schen Häre­ti­ker eine „drit­te Par­tei“ einen Weg, jene der „Halb­aria­ner“, die ihrer­seits wie­der in ver­schie­de­ne Strö­mun­gen zer­fie­len. Sie erkann­ten eine gewis­se Ähn­lich­keit zwi­schen dem Vater und dem Sohn an, leug­ne­ten aber das „gezeugt, nicht geschaf­fen, eines Wesens mit dem Vater“, wie es das Glau­bens­be­kennt­nis von Nicäa bekräf­tig­te((„[…] natum, non fac­tum, uni­us sub­stan­tiae cum Patre (quod grae­ce dicunt homou­si­on).)). Sie ersetz­ten das Wort homou­si­on, „wesens­gleich“, durch den Begriff homoiou­si­os, was bedeu­tet „wesens­ähn­lich“.

Die Häre­ti­ker, Aria­ner und Halb­aria­ner, hat­ten erkannt, daß ihr Erfolg von zwei Fak­to­ren abhän­gen wür­de. Der erste Fak­tor war, in der Kir­che zu blei­ben. Der zwei­te war, die Unter­stüt­zung durch die poli­ti­sche Macht zu erlan­gen, also von Kon­stan­tin und sei­ner Nach­fol­ger. Und so geschah es auch. Es kam zu einer bis dahin bei­spiel­lo­sen Kri­se in der Kir­che, die mehr als 60 Jah­re andau­ern soll­te.

Nie­mand hat die­se Kri­se bes­ser beschrie­ben als Kar­di­nal New­man in sei­nem Buch „Die Aria­ner des vier­ten Jahr­hun­derts“ (1833), in dem er alle Schat­tie­run­gen der Lehr­fra­ge aus­leuch­te­te. Ein ita­lie­ni­scher Wis­sen­schaft­ler, Prof. Clau­dio Pier­an­to­ni, zog jüngst eine erhel­len­de Par­al­le­le zwi­schen dem Aria­ni­schen Streit und dem aktu­el­len Streit über das Apo­sto­li­sche Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia.

Der heilige Athanasius

Bereits 1973 ver­glich Msgr. Rudolf Gra­ber (1903–1992), Bischof von Regens­burg, durch Ver­weis auf den hei­li­gen Atha­na­si­us zu sei­nem 1600. Todes­tag, die Kri­se im 4. Jahr­hun­dert mit jener, die auf das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil folgte.((Athanasius und die Kir­che unse­rer Zeit. Zu sei­nem 1600. Todes­tag, Kral Ver­lag, Abens­berg 1973.)) Atha­na­si­us wur­de wegen sei­ner Treue zur Ortho­do­xie von sei­nen Mit­brü­dern ver­folgt und gan­ze fünf­mal zwi­schen 336 und 366 gezwun­gen, sei­ne Bischofs­stadt zu ver­las­sen. Vie­le Jah­re muß­te er im Exil leben und für den Kampf zur Ver­tei­di­gung des Glau­bens in der Kir­che auf­wen­den. Von zwei Bischofs­ver­samm­lun­gen in Cae­sarea und in Tyros (334–335) wur­de er wegen Unge­hor­sam und Fana­tis­mus ver­ur­teilt.

Wäh­rend 341 ein Kon­zil aus 50 Bischö­fen in Rom Atha­na­si­us für unschul­dig erklär­te, bestä­tig­te ein Kon­zil in Antio­chi­en, an dem mehr als 90 Bischö­fe teil­nah­men, die Beschlüs­se der Syn­oden von Cae­sarea und Tyros und setz­ten einen Aria­ner auf den Bischofs­stuhl des Atha­na­si­us.

Das fol­gen­de Kon­zil von Sar­di­ca im Jahr 343 ende­te mit einem Schis­ma: die Kon­zils­vä­ter des Westens erklär­ten die Abset­zung des Atha­na­si­us für ille­gal und bekräf­tig­ten die Beschlüs­se des Kon­zils von Nicäa. Die Kon­zils­vä­ter des Ostens ver­ur­teil­ten nicht nur Atha­na­si­us, son­dern auch Papst Juli­us I., der spä­ter hei­lig­ge­spro­chen wur­de, weil er Atha­na­si­us unter­stützt hat­te.

Der falsche Kompromiß

Das Kon­zil von Sir­mi­um von 351 ver­such­te einen Mit­tel­weg zwi­schen katho­li­scher Ortho­do­xie und dem Aria­nis­mus zu gehen.

Athanasius von Alexandria
Atha­na­si­us von Alex­an­dria

Beim Kon­zil von Arles, 353, unter­zeich­ne­ten die Kon­zils­vä­ter ein­schließ­lich des Lega­ten von Libe­ri­us, der dem hei­li­gen Juli­us I. als Papst nach­ge­folgt war, eine erneu­te Ver­ur­tei­lung von Atha­na­si­us. Die Bischö­fe hat­ten sich laut kai­ser­li­chem Edikt zu ent­schei­den, ent­we­der für die Ver­ur­tei­lung zu stim­men oder ins Exil gehen zu müs­sen. Allein der hei­li­ge Pau­li­nus, Bischof von Trier, ver­tei­dig­te das Bekennt­nis von Nicäa und unter­schrieb nicht. Dafür wur­de er nach Phry­gi­en in Klein­asi­en ver­bannt, wo er an den Miß­hand­lun­gen durch die Aria­ner starb.

Zwei Jahr spä­ter unter­schrie­ben auf dem Kon­zil von Mai­land (355) mehr als 300 Bischö­fe des Westens die Ver­ur­tei­lung des Atha­na­si­us. Ein wei­te­rer recht­gläu­bi­ger Bischof, der hei­li­ge Hil­ari­us von Poi­tiers, wur­de wegen sei­ner unbeug­sa­men Treue zur Recht­gläu­big­keit und sei­ner Wei­ge­rung, Atha­na­si­us zu ver­ur­tei­len, nach Phry­gi­en ver­bannt.

357 unter­zeich­ne­te auch Papst Libe­ri­us, von der Ver­ban­nung gebeugt und auf Druck sei­ner Freun­de, aber auch aus „Frie­dens­lie­be“, die halb­aria­ni­sche For­mu­lie­rung von Sir­mi­um und zer­brach damit die Gemein­schaft mit dem hei­li­gen Atha­na­si­us. Die­sen erklär­te er aus der Kir­che für aus­ge­schlos­sen wegen des von ihm ver­wen­de­ten Begriffs Wesens­gleich­heit, wie vier erhal­ten geblie­be­ne Brie­fe des hei­li­gen Hil­ari­us überliefern((Manlio Simo­net­ti, La cri­si aria­na del IV seco­lo (Die aria­ni­sche Kri­se des vier­ten Jahr­hun­derts), Insti­tutum Patri­sti­cum Augu­sti­nia­num, Rom 1975, S. 235–236)). Unter dem Pon­ti­fi­kat von Libe­ri­us gaben die Kon­zi­le von Rimi­ni (359) und Seleu­kia (359), die ein gemein­sa­mes Kon­zil des Westens und des Ostens bil­de­ten, den nicä­ni­schen Begriff Wesens­gleich­heit auf und wähl­ten einen zwei­deu­ti­gen „Mit­tel­weg“ zwi­schen den Aria­nern und dem hei­li­gen Atha­na­si­us. Es schien, als hät­te die sich aus­brei­ten­de Häre­sie in der Kir­che gesiegt.

Es kam ganz anders

Die Kon­zi­le von Seleu­kia und Rimi­ni zäh­len heu­te nicht zu den acht öku­me­ni­schen Kon­zi­len der Anti­ke, obwohl bis zu 560 Bischö­fe dar­an teil­nah­men, fast die Gesamt­heit der dama­li­gen christ­li­chen Väter, und sie von den Zeit­ge­nos­sen als „öku­me­nisch“ bezeich­net und gese­hen wur­den. Damals präg­te der hei­li­ge Hie­ro­ny­mus die Aus­sa­ge: „

Die gan­ze Erde stöhn­te und stell­te mit Stau­nen fest, aria­nisch gewor­den zu sein“((Dia­lo­gus ad ver­sus Luci­fe­ria­nos, Nr. 19, in PL, 23, col. 171.)).

Es ist von Bedeu­tung, zu beto­nen, daß es sich dabei weder um einen Lehr­streit han­del­te, der sich auf eini­ge Theo­lo­gen beschränk­te, noch um einen ein­fa­chen Kon­flikt zwi­schen Bischö­fen, bei dem der Papst als Ver­mitt­ler auf­tre­ten konn­te. Es han­del­te sich um einen reli­giö­sen Krieg, von dem alle Chri­sten betrof­fen waren, von den Päp­sten bis zu den letz­ten Gläu­bi­gen. Nie­mand ver­rie­gel­te sich im eige­nen gei­sti­gen Bun­ker, nie­mand blieb als stum­mer Zeu­ge des Dra­mas am Fen­ster ste­hen.

Alle stie­gen in die Schüt­zen­grä­ben, um zu kämp­fen. Auf der einen wie auf der ande­ren Sei­te. Es war in jenem Augen­blick nicht leicht, zu ver­ste­hen, ob der eige­ne Bischof recht­gläu­big war oder nicht. Der sen­sus fidei  war der Kom­paß für die Ori­en­tie­rung. Kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler erin­ner­te in sei­ner Anspra­che am 7. April 2018 in Rom, daß

„der sen­sus fidei als eine Art geist­li­ches Immun­sy­stem wir­ken kann, der die Gläu­bi­gen instink­tiv jeden Irr­tum erken­nen und zurück­wei­sen läßt. Auf die­sem sen­sus fidei stützt sich daher – neben der gött­li­chen Ver­hei­ßung – auch die pas­si­ve Unfehl­bar­keit der Kir­che, anders gesagt, die Gewiß­heit, daß die Kir­che in ihrer Gesamt­heit nie in eine Häre­sie fal­len kann.“

Der hei­li­ge Hil­ari­us schrieb, daß wäh­rend der aria­ni­schen Kri­se die Ohren der Gläu­bi­gen, die zwei­deu­ti­ge Aus­sa­gen halb­aria­ni­scher Theo­lo­gen in ortho­do­xem Sinn inter­pre­tier­ten, hei­li­ger waren als die Her­zen der Prie­ster. Die Chri­sten, die drei Jahr­hun­der­te den Kai­sern wider­stan­den hat­ten, wider­stan­den nun den eige­nen Hir­ten, in man­chem Fäl­len sogar dem Papst, die sich wenn schon nicht der offe­nen Häre­sie so doch einer schwe­ren Unter­las­sung schul­dig machen.

Die Entscheidung zwischen Feigheit und Heldentum

Bischof Gra­ber erin­nert an die Flug­schrift Atha­na­si­us (1838) von Joseph von Gör­res (1776–1848), die die­ser anläß­lich der Ver­haf­tung des Köl­ner Erz­bi­schofs geschrie­ben hat­te, die aber auch heu­te von größ­ter Aktua­li­tät ist:

„Die Erde wank­te unter den Füßen; die Werk­zeu­ge, auf die man mit gerech­net, ver­sa­gen ihren Dienst; irgend eine Kata­stro­phe, die man nicht erwar­tet, tritt ein, und das gan­ze längst unter­höhl­te Gebäu­de bricht zusam­men. Daß aus einem sol­chen Ein­sturz die Kir­che unver­sehrt her­vor­ge­hen wer­de, kann man mit Gewiß­heit vor­aus­se­hen; was aber sonst noch ihn über­dau­ern wür­de, kann nie­mand wis­sen noch ermes­sen. Also mah­nen, war­nen, win­ken, weh­ren, rufen alle Zei­chen; selbst die Tie­re, auf denen die fal­schen Pro­phe­ten vor­aus rei­ten, bäu­men, wen­den sich zurück, und reden zür­nend in der Men­schen­spra­che zu ihren Trei­bern, die das in ihrem Wege gezuck­te Flam­men­schwert (Got­tes) nicht sehen… (Nume­ri 12,22–25). Dar­um wir­ke man, wenn’s noch am Tage ist, in der Nacht kann Nie­mand wir­ken. Zuwar­ten ist auch nichts, denn alles Zuwar­ten hat seit­her nur die Lage der Din­ge in einem rasch zuneh­men­den Ver­hält­nis­se zu ver­schlim­mern gedient.“((Epilog zur 4. Aus­ga­be, Ostern 1838, S. 197))

Es gibt Momen­te, in denen ein Katho­lik gezwun­gen ist, zwi­schen Feig­heit und Hel­den­tum, zwi­schen Apost­asie und Hei­lig­keit zu ent­schei­den. Das geschah im vier­ten Jahr­hun­dert und das geschieht auch heu­te.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/Wikicommons

1 Kommentar

  1. In der Kir­che gab es oft­mals schwe­re und schwe­re­re Zei­ten. Das ist auch regio­nal unter­schied­lich. Wir leben als Chri­sten hier in einem äußer­li­chen Frie­den, noch, aber anders­wo wie in der VR Chi­na sind die Chri­sten seit 70 Jah­ren der dau­ern­den Ver­fol­gung aus­ge­setzt und müs­sen, um zu über­le­ben, ein hel­den­haf­tes Zeug­nis geben.
    Die gei­sti­ge Kri­se wäre mit einem Rück­tritt oder einem Able­ben gar von Papst Fran­zis­kus wohl kaum beho­ben. Der hl. Atha­na­si­us wie auch bspw. der erwähn­te hl. Bischof Pau­li­nus von Trier sind aber Vor­bil­der und Ansporn für unse­re dunk­le Zeit im alten christ­li­chen Abend­land.

    Die Stadt Trier aber, Geburts­ort des Karl Marx, wohin auch der hl. Atha­na­si­us ver­bannt war, erlebt gera­de eine Blü­te der mar­xi­sti­schen Irr­leh­re. Dem Erz­va­ter des gott­lo­sen Kom­mu­nis­mus wer­den in weni­gen Tagen anläß­lich sei­nes 200. Geburts­ta­ges alle mög­li­chen Lobes­hym­nen von Poli­tik und „Gesell­schaft“ und ver­steckt auch von der Kir­che dar­ge­bracht wer­den, so als hät­te es den Archi­pel Gulag und ande­res Böse nie gege­ben. Die kom­mu­ni­sti­sche VR Chi­na betei­ligt sich an den Marx-Fest­spie­len eigens mit einer 5 Meter hohen Bron­ze­skulp­tur ihres Idols.
    Für eine Neu- oder Rechri­stia­ni­sie­rung gibt es viel zu tun.

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