Historischer Fund: Hat japanischer Konvertit Miguel Chijiwa seinen Glauben doch nicht aufgegeben?

Die berühmte Tensho-Gesandtschaft der vier jungen Samurai nach Europa, begleitet von P. Diogo de Mesquita SJ
Die berühmte Tensho-Gesandtschaft der vier jungen Samurai nach Europa, begleitet von P. Diogo de Mesquita SJ

(Tokio) Anders als bis­her ange­nom­men, könn­te Miguel Chi­ji­wa, einer der vier jun­gen Samu­rai, die 1582 die berühm­te japa­ni­sche Tensho-Gesandt­schaft nach Euro­pa bil­de­ten, sei­nen christ­li­chen Glau­ben doch nicht auf­ge­ge­ben haben.

Glasperlen eines Rosenkranzes entdeckt

Der Glasperlenfund
Der Glas­per­len­fund

Bei der Unter­su­chung sei­nes Grab wur­den die Per­len eines Rosen­kran­zes gefun­den. 59 Glas­per­len in unter­schied­li­chen Far­ben mit einem Durch­mes­ser von zwei und fünf Mil­li­me­tern kamen zum Vor­schein, die klei­ne Löcher auf­wei­sen. Die genaue Anzahl der Per­len in unter­schied­li­chen Far­ben und die Mög­lich­keit, sie auf­zu­fä­deln, deu­ten für die Wis­sen­schaft­ler ein­deu­tig auf einen Rosen­kranz hin. Eini­ge die­ser Per­len sind euro­päi­scher Her­kunft.

Zudem wur­de eine halb­run­de Glas­schei­be von 2,6 Zen­ti­me­tern Län­ge gefun­den, die wahr­schein­lich als Abdeckung eines Reli­quiars dien­te. Die Ent­deckung wur­de am 8. Sep­tem­ber von Mit­glie­dern des zustän­di­gen Aus­gra­bungs­ko­mi­tees bekannt­ge­ge­ben, de, Nach­kom­men Chi­ji­was und Exper­ten ange­hö­ren.

Die Tensho-Gesandtschaft von 1582–1590

Chi­ji­wa war zusam­men mit drei wei­te­ren jun­gen Bur­schen, in der Lite­ra­tur auch die „vier jun­gen Samu­rai“ genannt, im Rah­men einer Gesandt­schaft nach Euro­pa auf­ge­bro­chen, die vom Jesui­ten Ales­san­dro Vali­gna­no initi­iert wor­den war, der seit 1573 für die „Ostindien“-Mission der Gesell­schaft Jesu zustän­dig war. Das Ziel war es, einen Kon­takt zwi­schen Japan und Euro­pa her­zu­stel­len, für die Auf­nah­me von Bezie­hun­gen zu wer­ben und das Land in die Gemein­schaft der Kir­che ein­zu­bin­den.

Es han­del­te sich um die erste diplo­ma­ti­sche Gesandt­schaft Japans, die Euro­pa auf­such­te. Die vier Bur­schen waren noch kei­ne fünf­zehn Jah­re alt, gehör­ten aber dem japa­ni­schen Adel an. Sie ver­tra­ten als „Bot­schaf­ter“ drei japa­ni­sche Für­sten (Dai­myo) der süd­li­chen Haupt­in­sel Kyus­hu, die sich tau­fen hat­ten las­sen und Chri­sten gewor­den waren. Teil­wei­se gehör­ten sie selbst die­sen Für­sten­fa­mi­li­en an. Beglei­tet wur­den sie vom damals 29 Jah­re alten, por­tu­gie­si­schen Jesui­ten Dio­go de Mes­qui­ta.

Sonderdruck, Augsburg 1586: Miguel Chijiwa unten rechts.
Son­der­druck, Augs­burg 1586: Miguel Chi­ji­wa unten rechts.

Die Gesandt­schaft dau­er­te mehr als ach­te Jah­re, wäh­rend derer sie zunächst die Jesui­ten­nie­der­las­sun­gen in Macao und Goa besuch­ten, dann Spa­ni­en und Por­tu­gal, und schließ­lich Ita­li­en berei­sten. Rom war ihr eigent­li­ches Ziel. Ihr Auf­ent­halt sorg­te in ganz Euro­pa für gro­ßes Auf­se­hen, wie Publi­ka­tio­nen im deut­schen Reich zei­gen. Ins­ge­samt sind mehr als 100 zeit­ge­nös­si­sche Drucke zu die­sem Ereig­nis nach­ge­wie­sen. Die vier Samu­rai begeg­ne­ten dem habs­bur­gi­schen König von Spa­ni­en, Sizi­li­en und Nea­pel, Phil­ipp II. (1556–1598), und Papst Gre­gor XIII. (1572–1585) sowie des­sen Nach­fol­ger Papst Six­tus V. (1585–1590). Sie wur­den in Lis­sa­bon, Bar­ce­lo­na, Vene­dig und Flo­renz, in Mai­land, Pisa, Genua und Nea­pel emp­fan­gen und in Rom in den Orden vom Gol­de­nen Spo­ren der katho­li­schen Kir­che auf­ge­nom­men. Die Kir­che San­ta Maria del­l’Or­to in Traste­ve­re ist seit­her die Kir­che für die japa­ni­schen Gläu­bi­gen in Rom.

Eintritt in den Jesuitenorden

Nach­dem sie 1590 nach Japan zurück­ge­kehrt waren, tra­ten alle vier im Juli 1591 in die Gesell­schaft Jesu ein. Drei von ihnen, nicht Miguel Chi­ji­wa, emp­fin­gen 1608 als erste japa­ni­sche Jesui­ten die Prie­ster­wei­he.

Denkmal der "vier jungen Samurai"
Denk­mal der „vier jun­gen Samu­rai“

Bei ihrer Rück­kehr in das Land der auf­ge­hen­den Son­ne ging der Bür­ger­krieg (Sen­go­ku), der Japan ein Jahr­hun­dert lang erschüt­tert hat­te, sei­nem Ende zu. Aller­dings hat­te sich ein Mann durch­ge­setzt, der dem Chri­sten­tum feind­lich gegen­über­stand. Gemeint war damit allein die katho­li­sche Kir­che, da nur sie in Japan mis­sio­nier­te, wes­halb das angli­ka­ni­sche Eng­land und die cal­vi­ni­sti­schen Nie­der­lan­de im Hin­ter­grund beim neu­en Macht­ha­ber flei­ßig gehetzt hat­ten.

Bereits 1587 hat­te der neue kai­ser­li­che Kam­pa­ku, Toyo­to­mi Hideyo­shi, der eigent­li­che Herr­scher über Japan, ein Edikt erlas­sen, mit dem die Jesui­ten des Lan­des ver­wie­sen wur­den. Obwohl es zunächst nicht kon­se­quent umge­setzt wur­de, und die christ­li­chen Für­sten sich nicht dar­an hiel­ten, signa­li­sier­te es eine Wen­de. 1549, als der hei­li­ge Franz Xaver als erster Jesu­it das Land betre­ten hat­te, auf der Insel Kyus­hu, war er wohl­wol­lend auf­ge­nom­men wor­den. Die katho­li­sche Mis­si­on erziel­te beacht­li­che Erfol­ge.

Drei Priester, ein Apostat?

Bis­her war man über­zeugt, Chi­ji­wa sei als ein­zi­ger der vier Gefähr­ten vom Glau­ben abge­fal­len, wäh­rend die ande­ren drei der christ­li­chen Mis­si­on bis zu ihrem Lebens­en­de treu dien­ten.

  • Julia­no Nakau­ra trat mit den ande­ren 1591 in den Jesui­ten­or­den ein und wur­de 1608 zum Prie­ster geweiht. Er blieb trotz der blu­ti­gen Prie­ster­ver­fol­gung in Japan und übte sein Prie­ster­tum im Unter­grund aus. Uner­müd­lich besuch­te er unter schwie­rig­sten Bedin­gun­gen die Chri­sten, lei­ste­te ihnen Bei­stand und spen­de­te die Sakra­men­te, bis er 1632 auf­ge­spürt und gefan­gen­ge­nom­men wur­de. Nach grau­sa­mer Fol­ter wur­de er hin­ge­rich­tet. Man häng­te ihn an den Füßen auf und tauch­te den Kopf in ein Loch vol­ler Fäka­li­en. Als er zur Hin­rich­tungs­stät­te geführt wur­de, rief er den vie­len Anwe­sen­den mit lau­ter Stim­me ein letz­tes Bekennt­nis der Treue zu Papst und Kir­che zu: „Hier ist Julia­no Nakau­ra, der von Japan nach Rom gegan­gen ist“. 2008 wur­de er von Papst Bene­dikt XVI. in Naga­sa­ki selig­ge­spro­chen.
  • Ito Man­cio, der Lei­ter der ein­sti­gen Gesandt­schaft, war gegen den Wil­len sei­ner fürst­li­chen Fami­lie in das Novi­zi­at der Jesui­ten ein­ge­tre­ten. 1608 zum Prie­ster geweiht starb er bereits 1612 wäh­rend einer Mis­si­ons­rei­se an einer schwe­ren Krank­heit in Naga­sa­ki.
  • Martin­ho Hara wur­de zu einem bekann­ten Pre­di­ger und zum bekann­te­sten Über­set­zer für Japa­nisch sei­ner Zeit. 1608 zum Prie­ster geweiht, über­setz­te er unter ande­rem die Nach­fol­ge Chri­sti (De imi­ta­tio­ne Chri­sti) von Tho­mas a Kem­pis ins Japa­ni­sche. Das Buch scheint in der grau­sa­men Ver­fol­gung und vor allem in der prie­ster­lo­sen Zeit Bedeu­tung für die japa­ni­schen Unter­grund­chri­sten erlangt zu haben. Pater Hara hielt sich 1614, als Japan für Prie­ster zum ver­bo­te­nen Land wur­de, in Macao auf, wo er als Ver­bann­ter bis zu sei­nem Tod 1629 wirk­te.
Martyrium von P. Juliano Nakaura
Mar­ty­ri­um von P. Julia­no Nakau­ra

Miguel Chi­ji­wa, der 1580 im Alter von elf Jah­ren getauft wor­den war, ver­ließ 1601 als ein­zi­ger den Jesui­ten­or­den. Die­ses Jahr gilt seit­her auch als Datum sei­nes Glau­bens­ab­falls, sodaß er als Bei­spiel für einen frü­hen Aposta­ten — noch vor Aus­bruch der blu­ti­gen Ver­fol­gung — genannt wird. Über die Grün­de gehen die Anga­ben aus­ein­an­der. Eini­ge Quel­len spre­chen von einer Krank­heit.

Er trat in den diplo­ma­ti­schen Dienst eines heid­ni­schen Für­sten, der den christ­li­chen Ein­fluß im Sinn der neu­en Staats­li­nie des Toku­ga­wa-Sho­gu­n­ats zurück­drän­gen woll­te. Laut zeit­ge­nös­si­schen Doku­men­ten ver­si­cher­te Chi­ji­wa gegen­über Prie­stern jeden­falls, nicht mehr ein Hei­de zu wer­den. Um 1610 über­warf er sich mit sei­nem Dienst­her­ren. Das Zer­würf­nis erfolg­te zeit­gleich mit einer Radi­ka­li­sie­rung der anti­christ­li­chen Poli­tik. Ob ein direk­ter Zusam­men­hang besteht, ist nicht klar. Er flüch­te­te aber nicht nach Naga­sa­ki, dem christ­li­chen Zen­trum Japans, son­dern zu einer Kolo­nie von Korea­nern, die in Japan als gesell­schaft­li­che Außen­sei­ter leben muß­ten. Miguel Chi­ji­wa starb im Janu­ar 1633. Die jüng­ste Ent­deckung wirft ein neu­es Licht auf die bis­he­ri­ge Apost­asie-The­se, die viel­leicht revi­diert wer­den muß.

Die Fra­ge des Glau­bens­ab­falls wäh­rend der fast 300 Jah­re dau­ern­den Chri­sten­ver­fol­gung war The­ma im Kino­film Silence von Mar­tin Scor­se­se, der sei­ne Pre­mie­re im Vati­kan hat­te. Asia­News berich­te­te bereits im Früh­jahr, als der Film in den Kinos gezeigt wur­de, daß in Wirk­lich­keit vie­le japa­ni­sche Chri­sten, die vor den staat­li­chen Scher­gen ihren Glau­ben ver­leug­ne­ten, um einer Hin­rich­tung zu ent­ge­hen und der Fami­lie eine „Regi­strie­rung“ über sie­ben Genera­tio­nen zu erspa­ren, den Glau­ben nicht wirk­lich auf­ga­ben. Sie hat­ten nicht den Mut und die Kraft zum Mar­ty­ri­um, blie­ben aber Chri­stus, auf den sie getauft wor­den waren, ver­bun­den. Die jüng­ste Ent­deckung scheint die­se The­se zu stüt­zen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/Asianews/Beati e San­ti (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Nur ergän­zend sei für den dar­an Inter­es­sier­ten erwähnt, das Mar­tin Scor­se­ses „Silence“ die Ver­fil­mung des Wer­kes „Schwei­gen“ (Chin­mo­ku) des japa­ni­schen Schrift­stel­lers Shu­s­a­ku Endo dar­stellt (sie­he auch: https://kirchfahrter.wordpress.com/2017/03/10/unter-lebensgefahr-am-glauben-festhalten-die-tagespost-de/). In sei­nem Buch „Der Samu­rai“ bie­tet der Autor eine fik­ti­ve Erzäh­lung der Mis­si­on von Hase­ku­ra Tsunen­a­ga, wel­che zeit­lich nach der im Arti­kel beschrie­be­nen Mis­si­on statt­fand. Dies in aller Kür­ze, mehr zum japa­ni­schen Katho­li­zis­mus unter dem Schlag­wort „Japan“ auf kirchfahrter.wordpress.com.

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