Erasmus und Luther — Freier Wille wider unfreien Willen

Martin Luther von Lucas Cranach und Erasmus von Rotterdam von Hans Holbein.
Martin Luther von Lucas Cranach dem Älteren und Erasmus von Rotterdam von Hans Holbein.

Auf einem Bild von Lucas Cra­nach dem Jün­ge­ren ist neben dem alters­grau­en Luther und sei­nen Anhän­gern auch Eras­mus von Rot­ter­dam dar­ge­stellt. Es gehört zu den vie­len unwah­ren Luther-Legen­den, dass der Huma­nist und Katho­lik Eras­mus zu den luthe­ri­schen Kir­chen­spal­tern gehör­te.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Eras­mus von Rot­ter­dam und der fünf­zehn Jah­re jün­ge­re Mar­tin Luther hat­ten in ihrer ersten Lebens­hälf­te eini­ge Gemein­sam­kei­ten: Sie tra­ten in jun­gen Jah­ren dem Augu­sti­ner­or­den bei, stu­dier­ten Theo­lo­gie und wur­den zum Prie­ster geweiht. Bei­de kri­ti­sier­ten eine in Tei­len ver­äu­ßer­lich­te Kir­chen­pra­xis bei Kle­ri­kern und Gläu­bi­gen. Im Ein­tre­ten für eine Reform der Kir­che kehr­ten sie ihren Klö­stern den Rücken. Bei­de wur­den sehr bekannt auf­grund ihrer Buch-Publi­ka­tio­nen. Von Eras­mus sind 150 Bücher gedruckt wor­den, von Luther ein Viel­fa­ches davon. Der Huma­nist schrieb in ele­gan­tem Latein und somit für die Gebil­de­ten sei­ner Zeit in ganz Euro­pa. Luther publi­zier­te dar­über hin­aus auch in Deutsch und erreich­te somit wei­te­re Volks­schich­ten. Damit sind aber die Gemein­sam­kei­ten der Prot­ago­ni­sten aus­ge­schöpft.

Von Askese zu Völlerei

Die Gegen­sät­ze zwi­schen Eras­mus und Luther auf ver­schie­de­nen Ebe­nen waren dage­gen sehr deut­lich. Mar­tin Luther war ein Mensch der Extre­me: In sei­nen Klo­ster­jah­ren führ­te er gegen Rat und Vor­schrift sei­ner Obe­ren ein skru­pu­lö­ses Mönchs­le­ben mit über­trie­be­ner Stren­ge und Aske­se, Buß­wer­ken und stän­di­gem Beich­ten. Mit sei­nem semi-pela­gia­ni­schen Buß-Stre­ben fand er kei­ne Heil­ge­wiss­heit. In sei­nem spä­te­ren Leben trieb er es ins ande­re Extrem mit Aus­schwei­fun­gen, Trun­ken­heit und Völ­le­rei —  gegen den Ver­weis vom Apo­stel Pau­lus im Gala­ter­brief. Schon bei Luthers Rei­se nach Worms 1521 war aus dem „mage­ren Augu­sti­ner“ ein pras­sen­der Gesel­le gewor­den. „Ich fres­se wie ein Böh­me und sau­fe wie ein Deut­scher, das sei Gott gedankt“ – so Luther 1540. Er starb 1546 selbst­be­zeich­net als „fei­ster Dok­tor“.

Körperloser Geistesarbeiter und kraftstrotzender Emotionsschreiber

Desiderius Erasmus 1517, gemalt von Quinten Massys
Desi­de­ri­us Eras­mus 1517, gemalt von Quin­ten Mas­sys

Den gei­stig rei­chen Eras­mus hat­te die Natur nur ärm­lich aus­ge­stat­tet mit einem schma­len, emp­find­li­chen Kör­per, schreibt Ste­fan Zweig in sei­ner Roman­bio­gra­fie. Sei­ne stu­ben­far­be­ne Haut fäl­te­te sich im Alter wie melier­tes Per­ga­ment. Einer Kiel­fe­der gleich sprang die Nase aus dem Vogel­ge­sicht her­vor über schmal geschnit­te­ne Lip­pen mit ton­lo­ser Stim­me. Nur die Augen ver­rie­ten mit ihrer Leucht­kraft einen wachen und stän­dig arbei­ten­den Geist: die wah­re Vita­li­tät des Eras­mus. In sei­ner refle­xi­ven Gei­stes­ar­beit zeig­te sich die Kon­ti­nui­tätsach­se sei­nes Lebens: Lesen, Lern­zu­wachs, Schrei­ben — täg­lich bis zu zwan­zig Stun­den.

Bei Luther dage­gen war das Schrei­ben ein qua­si kör­per­un­ter­stütz­ter Vor­gang, durch­lebt und durch­lit­ten, mit den Füßen stamp­fend, mit der Faust schrei­bend und den Zäh­nen mal­mend, manch­mal mit Schaum vor dem Mund. Sei­ne Emo­tio­nen von Angst und Zorn, Ent­schlos­sen­heit und Kampf­geist form­ten sei­ne Wor­te und Sät­ze gele­gent­lich wie Ham­mer­schlä­ge und Gift­pfei­le. So ent­wickel­te und beherrsch­te er zahl­rei­che Stil­ga­t­tun­gen: Erbau­ungs­li­te­ra­tur, geist­li­che Lie­der, Pre­dig­ten, geschlif­fe­ne Argu­men­ta­ti­ons­schrif­ten, schar­fe Pole­mi­ken, Schmäh-Schrif­ten, Belei­di­gungs­brie­fe und ver­nich­ten­de Pam­phle­te.

Devote Schmeicheleien und demagogischer Tonfall

Er konn­te aus tak­ti­schen Grün­den einen sehr devo­ten Ton auf­le­gen – so in sei­nem „Send­schrei­ben an Papst Leo X.“ vom Okto­ber 1520, nach­dem er das Papst­tum schon mehr­fach als teuf­li­schen Anti­chri­sten gebrand­markt hat­te. In ähn­lich schmeich­le­ri­scher Höf­lich­keit und über­trie­be­nen Selbst­her­ab­set­zung hat­te Luther im März 1519 ein Bitt­schrei­ben an Eras­mus gerich­tet. Es ging ihm dar­um, dass der damals schon hoch­be­rühm­te und euro­pa­weit geach­te­te Huma­nist „den klei­nen Bru­der in Chri­sto aner­ken­ne“, also ein Wort der Zustim­mung zu Luthers Kir­chen-Rebel­li­on aus­spre­che.

Eras­mus äußer­te in inter­nen Gesprä­chen durch­aus Sym­pa­thien für Luthers Reforman­for­de­run­gen. Aber von Anfang an tadel­te er den dem­ago­gi­schen Ton­fall und fana­ti­schen Akzent von des­sen Reden und Schrif­ten. In sei­nem Ant­wort­brief ver­wies Eras­mus dar­auf, dass durch wis­sen­schaft­li­che Klä­rung und klu­ge Zurück­hal­tung im aktu­el­len Par­tei­en­streit mehr erreicht wer­de als durch unge­stü­me Ein­men­gung: „So hat Chri­stus die Welt unter­wor­fen.“ Dring­lich ermahn­te er Luther zur Mäßi­gung und ende­te den Brief mit dem Wunsch, Chri­stus möge Luther täg­lich mehr von sei­nem (sanft­mü­ti­gen) Gei­ste ver­lei­hen.

Erasmus’ Mahnung zur Mäßigung prallte an beiden Parteien ab

Die Mah­nung zur Mäßi­gung soll­te der maß­lo­se Macher- und Macht­mensch Luther als Krän­kung emp­fin­den, die Auf­for­de­rung zur Zurück­hal­tung war dem cho­le­ri­schen Tat­men­schen eine Pro­vo­ka­ti­on. Gänz­lich irri­tie­rend muss­te für den stol­zen Wit­ten­ber­ger der Hin­weis auf demü­ti­ge Gesin­nung aus dem Gei­ste Chri­sti sein. Zwar hat­te Luther in sei­nen ersten Lehr­jah­ren genau die­se Metho­de des Eras­mus gelehrt: Wahr­heit kön­ne nur mit Demut erreicht wer­den. Doch inzwi­schen war er in einer Kehrt­wen­de auf dem Weg zu einer „sanc­tis­si­ma super­bia“. In sei­ner über­heb­li­chen Wahr­heits­ge­wiss­heit spiel­te er sich in „hei­li­gem Hoch­mut“ gegen­über sei­nen papi­sti­schen Geg­nern auf.

Nach die­ser maß­vol­len Absa­ge schie­nen die Wege getrennt zu sein: Luther ging sei­nen Weg, das kom­men­de Dra­ma in sei­nem Sin­ne zu gestal­ten. Eras­mus hoff­te in die­sem Par­tei­en­streit Zuschau­er oder wenig­stens Schlich­ter sein zu kön­nen. Er warn­te Papst, Bischö­fe und Für­sten vor über­eil­ter Här­te: „Nicht jeder Irr­tum ist schon eine Ket­ze­rei, die nach dem Schei­ter­hau­fen schreit.“ Den Wit­ten­ber­ger mahn­te er uner­müd­lich, auf nicht so auf­rüh­re­ri­sche und „unevan­ge­li­sche Wei­se das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den“. Doch auf bei­den Sei­ten setz­ten sich die Fal­ken durch. Auf dem Reichs­tag zu Worms soll­te von Kai­ser und Kir­che der Stab über Luther gebro­chen wer­den. Vie­le Für­sten waren eben­so ent­schlos­sen, den bei­den euro­päi­schen Zen­tral­mäch­ten Stei­ne in den Weg zu legen.

In die­ser Situa­ti­on erwuchs Eras­mus uner­war­tet eine Ver­mitt­ler­rol­le zu. Fried­rich von Sach­sen, kir­chen­fromm und Reli­qui­en­samm­ler, aber Schirm­herr Luthers, frag­te Eras­mus um Rat zur Leh­re Luthers.  Der ant­wor­te­te ent­spre­chend sei­ner aus­glei­chend-prü­fen­den Art: Luther soll­te öffent­lich von gerech­ten, frei­en und unver­däch­ti­gen Rich­tern gehört und sei­ne Bücher nicht vor­her ver­brannt wer­den. Die­se Ant­wort mach­ten sich Fried­rich von Sach­sen und ande­re mit Luther sym­pa­thi­sie­ren­de Für­sten zu eigen. Sie pro­te­stier­ten damit gegen den Stand­punkt Roms und des Kai­sers. Doch die blie­ben bei ihrer For­de­rung nach Wider­ruf oder Äch­tung — genau­so wie Luther ein Ein­len­ken kate­go­risch ablehn­te.

Die Tragik des humanistischen Vermittlers

Damit war die dro­hen­de Spal­tung voll­zo­gen und sie ver­tief­te sich noch. Denn der Kai­ser war wegen aus­wär­ti­ger Kriegs­pflich­ten zu schwach, um als welt­li­cher Arm die kirch­li­che Ver­ur­tei­lung durch­zu­set­zen. Vie­le Für­sten ande­rer­seits fühl­ten sich bestärkt in ihrem Wider­stand gegen Kai­ser und Rom. Unter den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen hat­te Eras­mus unge­wollt der Par­tei Luthers Vor­schub gelei­stet. Er hat es spä­ter bedau­ert, nicht per­sön­lich in Worms sein hohes Anse­hen in die Waag­scha­le der Ent­schei­dung ein­ge­bracht zu haben. Aber welt­ge­schicht­li­che Stun­den las­sen sich nicht nach­träg­lich ein­ho­len, resü­miert Ste­fan Zweig. Der Stand­punkt des Aus­glei­chens zei­tig­te in die­sem zugleich kirch­li­chen und poli­ti­schen Pro­zess ein tra­gi­sches Ergeb­nis für den Huma­ni­sten Eras­mus. Fort­an wur­de er von katho­li­schen Uni­ver­si­tä­ten wie etwa Löwen als Anstif­ter der „Luther­pest“ beschimpft oder von pro­te­stan­ti­scher Sei­te als lau, schwan­kend und unent­schlos­sen geta­delt.

Luther und Erasmus (Buch der Gustav-Siewerth-Akademie)
Luther und Eras­mus (Buch der Gustav-Sie­werth-Aka­de­mie)

Der Bio­graf Zweig fasst zusam­men: „Eras­mus kann die Papst­kir­che nicht auf­rich­ti­gen Her­zens ver­tei­di­gen, weil er als Erster in die­sem Strei­te ihre Miss­bräu­che gerügt, ihre Erneue­rung gefor­dert hat­te.“ Doch dann muss­te er erken­nen, dass die von ihm und ande­ren Huma­ni­sten gerüg­ten Ver­äu­ßer­li­chun­gen der Kir­che kei­ne inne­re Reform her­vor­ge­bracht hat­te. Wer kei­ne Reli­qui­en ver­ehr­te, wur­de dadurch noch lan­ge kein bes­se­rer Christ.

Bald wur­de sei­ne Distanz zu Luthers Leh­ren grö­ßer als sei­ne kri­ti­sche Hal­tung zur Kir­che. Ins­be­son­de­re erregt sein Abscheu, dass Luther und sei­ne Anhän­ger nicht „die Idee sei­nes Frie­dens-Chri­stus in die Welt tra­gen, son­dern zu wüsten Eife­rern gewor­den sind“ – so Ste­phan Zweig. Eras­mus bleibt bei sei­ner kri­ti­schen Loya­li­tät zur römisch-katho­li­schen Kir­che: „In Luthers Kir­che hät­te ich eine der Kory­phä­en sein kön­nen, aber ich woll­te lie­ber den Hass ganz Deutsch­lands auf mich zie­hen, als mich von der Gemein­schaft der Kir­che zu tren­nen.“

Der Huma­nist wur­de zu einem frü­hen Kri­ti­ker der pro­te­stan­ti­schen Bewe­gung:

„Sie schrei­en unab­läs­sig Evan­ge­li­um, Evan­ge­li­um! Des­sen Aus­le­ger wol­len sie aber sel­ber sein. Einst mach­te das Evan­ge­li­um die Wil­den sanft, die Räu­ber wohl­tä­tig, die Hän­del­süch­ti­gen fried­fer­tig, die Flu­chen­den zu Seg­nen­den. Die­se aber, wie Beses­se­ne, fan­gen aller­hand Auf­ruhr an und reden den Wohl­ver­dien­ten Böses nach. Ich sehe neue Heuch­ler, neue Tyran­nen, aber nicht einen Fun­ken evan­ge­li­schen Gei­stes.“

Luther forderte Erasmus zur Stellungnahme heraus

Erasmus über den freien Willen
Eras­mus über den frei­en Wil­len

Luther reagier­te auf die­se Ein­las­sun­gen gewohnt streit­süch­tig. Er schrieb 1522 an einen Freund: „Die Wahr­heit ist mäch­ti­ger als die Bered­sam­keit, der Glau­be grö­ßer als die Gelehr­sam­keit. Soll­te es Eras­mus wagen, mich anzu­grei­fen, so wür­de er erfah­ren, dass Chri­stus sich weder vor den Pfor­ten der Höl­le noch vor den Mäch­ten der Luft fürch­tet.“ Der Wit­ten­ber­ger strotz­te vor Selbst­be­wusst­sein, wenn er die Wahr­heit, den wah­ren Glau­ben und selbst Chri­stus mit sich und sei­nem Han­deln iden­ti­fi­zier­te. Als er ein Jahr spä­ter ein per­sön­li­ches Schrei­ben an Eras­mus rich­te­te, war sein Ton­fall ähn­lich über­heb­lich und her­ab­las­send: Wenn er schon nicht den Mut habe, an der Sei­te Luthers gegen „das Unge­heu­er der Papst­kir­che“ zu kämp­fen, dann sol­le er sich in den Streit nicht ein­mi­schen. Und wenn er es doch tue, bedeu­te es kei­ne Gefahr mehr für ihn.

Trotz der hoch­fah­ren­den Art und des demü­ti­gen­den Brief-Inhalts ließ sich Eras­mus nicht dazu hin­rei­ßen, in glei­cher Wei­se auf Luther ein­zu­ge­hen. Er wähl­te für die Aus­ein­an­der­set­zung die Form einer phi­lo­so­phisch-theo­lo­gi­schen Erör­te­rung über den frei­en Wil­len. Luther muss­te nach der Ver­öf­fent­li­chung der Schrift „De libe­ro arbi­trio“ von 1524 zuge­ben, dass Eras­mus der ein­zi­ge von allen Wider­sa­chern sei, der den Nerv sei­ner Sache erkannt habe.

Luthers Extreme waren seine Schwachpunkt

Luthers dog­ma­ti­sche Leh­re hat­te zwei Eck­punk­te, die sich gegen­sei­tig beding­ten: Die tota­le, unheil­ba­re Ver­derbt­heit der Men­schen könn­te nie­mals irgend­wel­che guten Wer­ke bewir­ken und daher sei­en sie zu ihrer Recht­fer­ti­gung allein und völ­lig auf die Gna­de Got­tes ange­wie­sen. Der Mensch wer­de von Natur aus und auch nach der Tau­fe stets „vom Teu­fel gerit­ten“ und nur der Glau­be mache ihn zum Reit­tier Got­tes. In die­sem Kon­zept durf­te kein Platz für den frei­en Wil­len sein, denn der hät­te mensch­li­ches Mühen, Reue, Bes­se­rung und ins­be­son­de­re heils­be­deut­sa­me gute Wer­ke nach sich gezo­gen, die die allei­ni­ge Gna­den­wir­kung beein­träch­tig­ten. Luthers Posi­ti­on zum unfrei­en Wil­len war die Grund­la­ge für sei­nen Kampf gegen die katho­li­sche Leh­re vom Zusam­men­wir­ken von Natur und Gna­de, von Glau­ben und Wer­ken.

Erasmus entfaltete die katholische Lehre

Eras­mus fass­te Luthers Theo­rem so zusam­men: Der Mensch sei unfä­hig, die Gebo­te Got­tes zu erfül­len, da alle ver­meint­lich guten Wer­ke nur Ver­damm­nis bräch­ten. Dage­gen führt er eine gro­ße Zahl von phi­lo­so­phisch-theo­lo­gi­schen Auto­ri­tä­ten an wie auch die Mehr­zahl der ein­schlä­gi­gen Bibel­stel­len. Eras­mus behan­del­te die bibli­schen Aus­sa­gen und erör­ter­te die klas­si­schen Argu­men­ta­tio­nen von Kir­chen­leh­rern und Theo­lo­gen. Sein Ergeb­nis for­mu­lier­te er wie immer abge­wo­gen und mode­rat: Der freie Wil­le ste­he nicht im Wider­spruch zur gött­li­chen Gna­de, son­dern in einem gra­du­el­len Ver­hält­nis:

„Ich bil­li­ge die Über­zeu­gung jener, die dem Wil­len eini­ges zuschrei­ben, aber der Gna­de das mei­ste.“

Das umschreibt die Posi­ti­on der kirch­li­chen Theo­lo­gen und Kon­zi­li­en seit jeher und so wur­de es im Kon­zil von Tri­ent dog­ma­ti­siert.

Perverser Sündenstolz ohne Scham und Reue

Nach der Lek­tü­re von Eras­mus’ Buch zeigt Luther sogleich sei­nen ver­ächt­li­chen Respekt: „Wäh­rend ich mir mit den Büchern mei­ner ande­ren Geg­ner den H.… aus­wi­sche, habe ich die­se Schrift aus­ge­le­sen, aber doch hin­ter die Bank gewor­fen.“ Denn zunächst hat­te er 1524 an ande­ren Fron­ten zu kämp­fen. Mit sei­nem blut­rün­sti­gen Pam­phlet gegen die kämp­fen­den Bau­ern stellt er sich end­gül­tig auf die Sei­te der Für­sten und Grund­her­ren gegen das Volk: „Der Esel will Schlä­ge haben und der Pöbel mit Gewalt regiert wer­den.“ Nach­dem die Fel­der in Würt­tem­berg und Thü­rin­gen mit dem Blut der hin­ge­schlach­te­ten Bau­ern getränkt waren, gab er das grau­si­ge Bekennt­nis ab: „Ich, Mar­tin Luther, habe im Auf­ruhr alle Bau­ern erschla­gen, denn ich habe sie hei­ßen tot­schla­gen: All ihr Blut ist auf mei­nem Hals.“

In die­sem hybri­den Sün­den­stolz ohne Scham und Reue zeig­ten sich die furcht­ba­ren Früch­te sei­ner exzes­si­ven Sün­den- und Gna­den­leh­re: Da einer­seits die Sün­den unver­meid­bar sind, ande­rer­seits der Sün­der im Glau­ben durch die Gna­de gerecht­fer­tigt wird, sind selbst die größ­ten Sün­den irrele­vant. Luther kann die Gläu­bi­gen sogar zu kräf­ti­gem Sün­di­gen auf­for­dern, wenn sie nur noch kräf­ti­ger glau­ben wür­den. Eras­mus hat­te mit sei­ner Schrift die­sem zen­tra­len Theo­rem Luthers den Boden ent­zo­gen und des­halb tob­te der Wüte­rich:

„Ich will gegen ihn schrei­ben, sollt er gleich dar­über ster­ben und ver­der­ben; den Satan will ich mit der Feder töten – wie ich Mün­zer getö­tet habe, des­sen Blut auf mei­nem Hals liegt.“

Auch die Tötung der Wie­der­täu­fer nahm er auf sei­nen Hals. In einer Denk­schrift hat­te er von den pro­te­stan­ti­schen Für­sten gefor­dert, Wie­der­täu­fer zu ver­fol­gen, ein­zu­ker­kern und mit dem Gal­gen zu bestra­fen.

Luther will Gottes Krieg führen, auch wenn die Welt in Scherben fällt

Luthers Gegenschrift "über den unfreien Willen"
Luthers Gegen­schrift „über den unfrei­en Wil­len“

In sei­ner Schrift „De ser­vo arbi­trio“ oder vom knech­ti­schen Wil­len von 1525 zieht Luther alle Regi­ster sei­ner Bered­sam­keit von Spott und Spei­en, Argu­men­ta­ti­on und Attacke. Er schrei­be das Buch nur, weil Pau­lus befeh­le, „unnüt­zen Schwät­zern das Maul zu stop­fen“. Dann ver­höhnt er den Huma­ni­sten wegen des­sen abwä­gen­der Argu­men­ta­ti­on. Luther hat­te die erör­ternd-dis­kur­si­ve Metho­de der Scho­la­stik längst hin­ter sich gelas­sen. Aus sei­ner Glau­bens­ge­wiss­heit her­aus gab es für ihn nur eine Wahr­heit – sei­ne Wahr­heit, die er mit Chri­sti Wort und Wil­le gleich­setz­te. Der Hei­li­ge Geist sei kein Skep­ti­ker wie Eras­mus. Des­halb  set­ze er auf ein kla­res Urteil, wenn auch gleich die gan­ze Welt in Unfrie­den ver­sin­ken, zu Trüm­mern gehen und in Scher­ben zer­fal­len wür­de. Über die Willens‑, Sün­den- und Gna­den­fra­ge hin­aus griff Luther Eras­mus’ Chri­stus­glau­ben vom Frie­dens­brin­ger an: „Das Wort Got­tes ist Krieg, ist Gift, ist Unter­gang“, doziert er mar­tia­lisch. „Die­ser Krieg ist unse­res Herr­gotts, der hat ihn durch sei­nen gött­lich frei­en Wil­len erweckt und wird nicht damit auf­hö­ren, bis er alle Fein­de sei­nes Wor­tes zuschan­den gemacht.“ Eras­mus als Weich­red­ner sol­le mit sei­nen gezier­ten Wor­ten nicht an Pro­ble­men herum­fin­gern, die nur von rest­los gläu­bi­gen Tat­men­schen ent­schie­den wer­den könn­ten.

Niederträchtige Totschlag-Phantasien …

Aber auch mit die­ser maß­los dro­hen­den und dröh­nen­den Rede konn­te sich Luther in sei­nem Ein­dre­schen auf den Geg­ner nicht beru­hi­gen. Kei­nen Anlass soll­te er im wei­te­ren Leben ver­säu­men, um Eras­mus mit fürch­ter­li­che Schmä­hun­gen und Ver­un­glimp­fun­gen zu überk­ü­beln. Der Huma­nist wäre der „grim­mig­ste Feind Chri­sti“, er fluch­te sei­nen Namen als Glau­bens­skep­ti­ker, got­tes­schänd­li­cher Ket­zer oder gar Athe­ist. Luthers Hass stei­ger­te sich zu nie­der­träch­ti­gen Gewalt­phan­ta­sien:

„Wer den Eras­mus zer­drückt, der wür­get eine Wan­ze, und die­se stinkt noch tot mehr als leben­dig.“

Luthers Pole­mi­ken gegen sei­ne aka­de­mi­schen und son­sti­gen Geg­ner wer­den von pro­te­stan­ti­schen Apo­lo­ge­ten – auch von Frau Käß­mann — viel­fach unter dem Titel „der­be Spra­che“ sub­su­miert, die damals angeb­lich „üblich“ gewe­sen wäre. Das ist in zwei­fa­cher Hin­sicht falsch. Mit der Kenn­zeich­nung von sprach­li­cher Derb­heit wird Luthers gele­gent­li­che Ver­nich­tungs­spra­che ver­harm­lo­send gerecht­fer­tigt. Und „üblich“ waren sei­ne sprach­li­chen Exzes­se auch nicht. Denn das städ­ti­sche Bür­ger­tum hat­te sich im Spät­mit­tel­al­ter an den höfisch-gepfleg­ten Sprach- und Umgangs­for­men von Adel und Rit­ter­schaft ori­en­tiert. Erst die Raub­rit­ter des 15. Jahr­hun­derts und die Lands­knech­te der frü­hen Neu­zeit brach­ten eine sprach­li­che Ver­ro­hung mit sich. An die­sem klei­nen gesell­schaft­li­chen Sek­tor ori­en­tier­te sich Luther bei sei­nen rüden sprach­li­chen Aus­fäl­len.

Auch der pro­te­stan­ti­sche Kir­chen­hi­sto­ri­ker und Luther­ken­ner Tho­mas Kauf­mann gebraucht eine Ver­harm­lo­sungs­spra­che, wenn er Luthers maß­lo­se Ver­teuf­lun­gen von Juden, Tür­ken, Papi­sten, Schwär­mer, Zigeu­ner und eben auch Huma­ni­sten mit dem farb­lo­sen Fremd­wort „Invek­ti­ven“ zusam­men­fasst oder als „der­be sprach­li­che Mit­tel“ rela­ti­viert (ZEIT Geschich­te 5/2016). Dar­über hin­aus will er Luthers „Kampf­schrif­ten“ aus der „ago­na­len Streit­kul­tur der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Uni­ver­si­tät“ ablei­ten, in der Luther sozia­li­siert wor­den war. Tat­säch­lich kann man etwa in sei­ner Streit­schrift zum geknech­te­ten Wil­len die scho­la­sti­sche Debat­tier­kunst noch erken­nen. Aber Luther ver­letz­te eben die aka­de­mi­schen Spiel­re­geln von Argu­men­ten, Bewei­sen und Fol­ge­run­gen, wenn er mit Schmä­hun­gen, Belei­di­gun­gen und Ver­nich­tungs­wor­ten auf sei­ne Gegen­spie­ler ein­schlug. Das muss ihm als per­sön­li­che Nie­der­tracht und unmo­ra­li­sches Nach­tre­ten ange­rech­net wer­den, was Luther aber in sei­nem Sün­den­stolz – wie oben gezeigt — nicht wei­ter stör­te.

… von einem stiernackigen Gottesbarbar

Wahr­schein­lich von sei­nen Freun­den ange­mahnt, schrieb Luther nach eini­ger Zeit einen beschwich­ti­gen­den Brief an den vor­her Ver­fluch­ten – dies­mal mit Scher­zen und Schmei­che­lei­en gewürzt. In sei­nem Ant­wort­schrei­ben zeig­te Eras­mus, was den Unter­schied aus­mach­te zwi­schen einem pole­mi­schen Hass­red­ner und einem groß­mü­ti­gen und weit­den­ken­den Huma­ni­sten: Alle die per­sön­li­chen Belei­di­gun­gen, Lügen und Schmä­hun­gen sei­en ihm weni­ger wich­tig. Ihn schmer­ze viel­mehr das Ärger­nis, dass Luther mit sei­nem „anma­ßen­den, scham­lo­sen und auf­rüh­re­ri­schen Ver­hal­ten“ den Frie­den in der Kir­che zer­stört, die furcht­bar­sten Tumul­te über Deutsch­land gebracht und die Welt in Spal­tun­gen und Krieg geführt habe. Er mach­te den Refor­ma­tor dafür ver­ant­wort­lich, dass der Name Chri­sti zum Feldruf gewor­den sei und das Evan­ge­li­um gebraucht wer­de wie eine Streit­axt der Bar­ba­ren.

An die­ses Urteil des huma­ni­sti­schen Zeit­ge­nos­sen Luthers knüpf­te ein ande­rer Huma­nist 400 Jah­re spä­ter an. Tho­mas Mann sprach vom Refor­ma­tor als „stier­nacki­gem Got­tes­bar­bar“, der alle die krie­ge­ri­schen und spal­te­ri­schen Fol­gen sei­nes Han­delns gewollt und auf sei­nen „gedrun­ge­nen Hals“ genom­men habe. Luther hat­te sicher auch ande­re Sei­ten. Aber der ber­ser­ker­haf­te Ver­nich­tungs­wil­le „in Got­tes Namen“ gegen Mit­strei­ter und Gegen­red­ner, Betei­lig­te und Unbe­tei­lig­te zog sich wie ein grau­sam-blu­ti­ger Faden durch Luthers Leben — bis hin zu sei­nen anti­ju­da­isti­schen Spät­schrif­ten.

Lite­ra­tur: Ste­fan Zweig: Tri­umph und Tra­gik des Eras­mus von Rot­ter­dam, Erst­pu­bli­ka­ti­on 1935, Neu­auf­la­ge 2016

Text: Hubert Hecker
Bild: Wiki­com­mons

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1 Kommentar

  1. Unglaub­lich. Man hät­te das Luther­jahr mit viel mehr Auf­klä­rung bege­hen sol­len, das hät­te auch den Glau­ben vie­ler Men­schen gestärkt.

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