Die sieben letzten Worte – Das sechste Wort: „Es ist vollbracht“

3wort von Bischof Ful­ton J. Sheen

Von Ewig­keit her woll­te Gott den Men­schen nach dem Bild Sei­nes ewi­gen Soh­nes schaf­fen. Als er den Him­mel blau und die Erde grün getönt hat­te, berei­te­te er einen Gar­ten, wie nur Gott einen Gar­ten machen kann, und stell­te den Men­schen in die­se Pracht, damit er dem Bil­de von Got­tes Sohn gleich wäre. Auf geheim­nis­vol­le Wei­se aber fand Luzi­fers Empö­rung ein Echo auf Erden und das Bild Got­tes im Men­schen wur­de ver­wischt und zer­stört.

In Sei­ner gött­li­chen Barm­her­zig­keit woll­te der himm­li­sche Vater den Men­schen wie­der in sei­ne frü­he­re Glo­rie ein­set­zen. Damit das Bild wie­der dem Vor­bild glei­che, woll­te Gott Sei­nen gött­li­chen Sohn, nach dem der Mensch geschaf­fen war, auf die Erde sen­den, damit die Geschöp­fe noch ein­mal sähen, wie sie nach Got­tes Wunsch und Wil­len sein soll­ten. Nur die gött­li­che All­macht ver­moch­te es bei der Erfül­lung die­ser Auf­ga­be die Zei­chen der Nie­der­la­ge in die Zei­chen des Sie­ges umzu­wan­deln. In der gött­li­chen Ord­nung der Erlö­sung wirk­ten eben die drei Fak­to­ren, die zu unserm Fall geführt hat­ten, zu unse­rer Ret­tung. An die Stel­le des unge­hor­sa­men Men­schen Adam trat der gehor­sa­me Mensch Chri­stus, an der Stel­le der stol­zen Frau Eva stand die demü­ti­ge Jung­frau Maria, statt des Bau­mes im Gar­ten gab es nun den Kreu­zes­baum. Die Erlö­sung war voll­endet; wir waren gekauft und bezahlt. Wir wur­den in einer Schlacht gewon­nen, die nicht mit eini­gen Stei­nen aus­ge­tra­gen wur­de wie jene, in der David den Goli­ath erschlug, son­dern mit fünf Wun­den, schreck­li­chen Malen an Hän­den und Füßen und in der Sei­te. In die­ser Schlacht glänz­ten nicht Waf­fen in der mit­täg­li­chen Son­ne, son­dern wie pur­pur­ne Fet­zen hing ein Leib unter einem ver­dun­kel­ten Him­mel. Der Ruf die­ser Schlacht hieß nicht „Ver­nich­tet und tötet“, son­dern „Vater, ver­gib“. Nicht mit split­tern­dem Stahl, son­dern mit strö­men­dem Blut wur­de gekämpft, und Er, der den Feind schlug, ver­lor. Jetzt war die Schlacht vor­bei. Die letz­ten drei Stun­den hat­te Er die Arbeit Sei­nes Vaters getan. Der Künst­ler hat­te die letz­te Hand an Sein Mei­ster­werk gelegt und aus der Freu­de des Star­ken her­aus ließ er Sei­nen Tri­umph­ge­sang erschal­len: Es ist voll­bracht!

Sein Werk ist voll­endet, wie steht es aber mit dem unsern? Nur Gott kann die­ses Wort spre­chen, nicht aber wir. Das Werk, dem Men­schen gött­li­ches Leben zu erwer­ben, ist voll­bracht, nicht aber die Ver­tei­lung die­ses Lebens. Er hat die Reser­voirs des sakra­men­ta­len Lebens vom Kal­va­ri­en­berg gefüllt, aber die Arbeit, es in unse­re See­len mün­den zu las­sen, ist noch nicht getan. Er hat den Grund­stein gelegt, wir müs­sen dar­auf wei­ter­bau­en. Er hat den Bogen gespannt, als er Sei­ne Sei­te mit einem Speer öff­nen ließ und sich in das Gewand Sei­nes kost­ba­ren Blu­tes hüll­te, aber wir müs­sen durch die­sen Bogen ein­tre­ten. Er steht vor der Tür und klopft an, aber der Rie­gel ist innen und nur wir kön­nen ihn zurück­sto­ßen. Er hat kon­se­kriert, kom­mu­ni­zie­ren müs­sen wir. Und ob unser Werk je voll­endet wird, hängt davon ab, inwie­weit wir Sein Leben nach­le­ben, ande­re Chri­stus­se wer­den, denn Sein Kar­frei­tag und Sei­ne Pas­si­on nüt­zen uns nichts, wenn wir nicht Sein Kreuz auf­neh­men und Ihm nach­fol­gen. Die Sün­de ist das gro­ße Hin­der­nis, das uns von der Voll­endung die­ser Auf­ga­be abhält, denn so lan­ge es Sün­de auf der Welt gibt, wird Chri­stus immer wie­der in unse­ren Her­zen gekreu­zigt.

Einst stand der Men­schen­sohn vor mir
Mit Dor­nen, ach, gekrönt.
„Ist es denn nicht voll­bracht, oh Herr,
Und alle Welt ver­söhnt?“

Frug ich. Mich blickt Sein Auge an:
„Begreifst du es denn nicht,
Daß jedes Herz Kal­va­ria
Und jede Sün­de eine Gei­ßel ist?“
(Radiel Ann­and Tayi­or)

Gebet

Lie­ber Jesus, die Erlö­sung ist Dein Werk, mir obliegt es zu büßen und zu süh­nen, denn Buße ist Eins-sein mit Dei­nem Leben, Dei­ner Wahr­heit und Dei­ner Lie­be. Dein Werk am Kreuz ist voll­bracht, aber mei­ne Auf­ga­be besteht nun dar­in, Dich vom Kreuz abzu­neh­men, denn:

Immer, wenn Stil­le mich umgibt
Bei Tag und bei Nacht
Schreckt mich der Schrei
Vom Kreuz.
Als ich ihn zum ersten Male ver­nahm,
Ging ich aus und such­te.
Ich fand einen Mann in der Qual des Kreu­zes,
Und sprach: „Ich will Dich her­un­ter­neh­men.“
Ich woll­te die Nägel aus sei­nen Füßen zie­hen.
Er aber sag­te: „Laß sie nur.
Denn nie­mand kann mich vom Kreu­ze lösen,
Bevor nicht alle, Mann, Weib und Kind,
Zusam­men hier­her­kom­men, mich her­ab­zu­neh­men.“
„Aber ich kann den Schrei nicht ertra­gen“,
Sprach ich, „was soll ich tun?“
Drauf er: „Geh in die Welt hin­aus
Und kün­de jedem, den du siehst:
Seht doch, am Kreu­ze hängt ein Mensch!“
(Eliza­beth Che­ney)

Du hängst am Kreuz, aber wir müs­sen Dich abneh­men. Lan­ge genug hingst Du dar­an. Durch Dei­nen Apo­stel Pau­lus hast Du uns ver­kün­digt, daß die Dei­nen ihr Fleisch und sei­ne Begier­den kreu­zi­gen sol­len. Mein Werk ist also erst dann been­det, wenn ich an Dei­ner Stel­le am Kreuz hän­ge, denn wenn es in mei­nem Leben kei­nen Kar­frei­tag gibt, dann kann auch kein Oster­sonn­tag auf­ge­hen. Wenn man mich nie in das Spott­ge­wand klei­det, wer­de ich auch nie das wei­ße Gewand der Weis­heit erhal­ten. Wenn mir kei­ne Dor­nen­kro­ne aufs Haupt gedrückt wird, wird mein Leib nicht ver­herr­licht wer­den. Wenn kein Kampf aus­ge­tra­gen wird, gibt es kei­nen Sieg, und wenn
mich nicht dür­stet, wird mir auch kei­ne himm­li­sche Erfri­schung gereicht. Wenn es kein Kreuz für mich gibt, dann auch kein lee­res Grab. Oh Jesus, leh­re mich, die­se Auf­ga­be zu voll­brin­gen, denn es ziemt sich, daß die Men­schen­kin­der lei­den, bevor sie in ihre Glo­rie ein­zie­hen.