Die sieben letzten Worte – Das zweite Wort: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“

daszweitewortvon Bischof Ful­ton J. Sheen

Eine Legen­de erzählt, als der hei­li­ge Joseph und die aller­se­lig­ste Jung­frau vor dem Zorn des Hero­des mit dem gött­li­chen Kind nach Ägyp­ten flo­hen, mach­ten sie in einer Her­ber­ge in der Wüste Rast. Die Mut­ter­got­tes bat die Her­bergs­wir­tin um Was­ser, das Kind­lein dar­in zu baden. Die Frau frag­te dann, ob sie nicht ihr eige­nes Kind, das am Aus­satz litt, im glei­chen Was­ser baden dür­fe, in dem das gött­li­che Kind unter­ge­taucht war. In dem Augen­blick, da das kran­ke Kind das Was­ser berühr­te, das die Gegen­wart Got­tes geweiht hat­te, wur­de es gesund. Ihr Kind wuchs her­an und wur­de zum Dieb. Nach der Legen­de war es Dis­mas, der zur Rech­ten Chri­sti am Kreuz hing.

Ob in dem Dieb die Erin­ne­rung an die­ses Gesche­hen wie­der auf­tauch­te, von dem sei­ne Mut­ter ihm erzählt hat­te, und er des­halb Chri­stus mit freund­li­che­ren Blicken betrach­te­te, wis­sen wir nicht. Viel­leicht auch begeg­ne­te er dem Hei­land zum ersten Mal, als Er die Geschich­te von dem Mann erzähl­te, der von Jeru­sa­lem nach Jeri­cho ging und unter die Räu­ber fiel, und sein Herz war von Reue erfüllt. Aber es mag auch sein, daß er es zum ersten Mal erfuhr, da er zusam­men mit dem Erlö­ser litt, als er sein gequäl­tes Haupt wand­te und eine Inschrift las, die Sei­nen Namen trug „Jesus“, und Sei­ne Stadt „Naza­reth“ und Sein Ver­bre­chen „König der Juden“. Wie dem auch sei, auf dem Altar sei­ner See­le hat­te sich genug dür­res Rei­sig gesam­melt und nun fällt ein Fun­ke vom mitt­le­ren Kreuz dar­auf und läßt es in einem glor­rei­chen Licht des Glau­bens auf­flam­men. Er sieht ein Kreuz und betet vor einem Thron; er sieht einen ver­ur­teil­ten Mann und ruft einen König an: „Herr, geden­ke mei­ner, wenn Du in Dein Reich ein­gehst.“

End­lich fand Unser Herr Aner­ken­nung. Inmit­ten des Geschreis der wüten­den Men­ge und dem unse­li­gen Zischen der Sün­de, in all die­sem Höl­len­spek­ta­kel der mensch­li­chen Empö­rung gegen Gott erhob sich nur eine Stim­me in Lob und Erken­nen „” die Stim­me eines Ver­ur­teil­ten. Es war ein Glau­bens­be­kennt­nis an den, der von allen andern ver­las­sen war und es war das Zeug­nis eines Die­bes. Wir wären nicht erstaunt, wenn der Sohn der Wit­we von Naim, der von dem Toten erweckt wor­den war, sich mit einem Wort zu sei­nem Glau­ben an das König­tum des Einen bekannt hät­te, der schein­bar sein Reich ver­lor, wenn Petrus, der auf dem Berg der Ver­klä­rung Sein Gesicht wie die Son­ne hat­te erstrah­len und Sei­ne Klei­der weiß wie Schnee glän­zen sehen, ihn aner­kannt hät­te, wenn der Blin­de von Jeri­cho, des­sen Augen dem Lich­te durch Got­tes Sohn geöff­net wor­den waren, noch ein­mal sehend gewor­den wäre um Sei­ne Gott­heit zu ver­kün­den. Ja, wenn einer von die­sen gespro­chen hät­te, dann hät­ten sich viel­leicht auch die furcht­sa­men Jün­ger und Freun­de zusam­men­ge­schart, dann hät­ten viel­leicht auch die Schrift­ge­lehr­ten und Pha­ri­sä­er geglaubt. Aber da der Tod nun schon über Ihm schat­te­te, da die Nie­der­la­ge Ihm ins Ant­litz starr­te, war ein Dieb, ein Schä­cher zur Rech­ten Chri­sti, der ein­zi­ge außer der klei­nen Grup­pe am Fuß des Kreu­zes, der Ihn als den Herrn eines König­rei­ches, als den Ober­sten Herrn der See­len pries.

In dem Augen­blick aber, da der Schä­cher sein Zeug­nis ableg­te, gewann Unser Herr einen grö­ße­ren Sieg als er sonst je zu errin­gen ist, und die Kraft, die er wirk­te, war grö­ßer als jene, die einen Was­ser­fall bän­digt. Er ver­lor Sein Leben und ret­te­te eine See­le. An dem Tag, da Hero­des und sein gan­zer Hof­staat Ihn nicht zum Reden brin­gen konn­ten noch alle Macht Jeru­sa­lems Ihn zu zwin­gen ver­moch­te, vom Kreuz her­ab­zu­stei­gen, da er bei all den unge­rech­ten Beschul­di­gun­gen vor Gericht sein Schwei­gen nicht brach und der Mob mit sei­nem Geschrei: „Er ret­tet ande­re, sich selbst kann er nicht ret­ten“, Ihn nicht zu einer Ant­wort ver­lei­ten konn­te, wand­te Er sich zu dem zit­ter­den Leben an Sei­ner Sei­te. Er spricht und ret­tet einen Dieb: „Heu­te noch wirst du mit mir im Para­die­se sein.“ Noch kei­nem war ein sol­ches Ver­spre­chen gege­ben wor­den, nicht ein­mal dem Moses oder dem Johan­nes, nicht ein­mal Mag­da­le­na oder Maria.

Der Dieb hat­te sein letz­tes, aber viel­leicht auch sein erstes Gebet gestam­melt. Ein­mal nur klopf­te er an, ein­mal nur such­te er, ein­mal nur bat er, wag­te alles und gewann alles. Wenn unser Geist mit Johan­nes auf Pat­mos steht, sehen wir, wie das weiß­ge­wan­de­te Heer im Him­mel hin­ter dem Erobe­rer Chri­stus sieht. Wenn wir mit Lukas auf dem Kal­va­ri­en­berg ste­hen, sehen wir den ersten in die­sem Zug. Chri­stus war arm und er starb reich. Sei­ne Hän­de waren an ein Kreuz gena­gelt, und doch schloß er das Para­dies auf und erober­te eine See­le. Sein Beglei­ter auf dem Weg in den Him­mel war ein Dieb. Könn­te man nicht sagen, daß er auch als Dieb starb, denn er stahl sich das Para­dies?

Was könn­te uns die Barm­her­zig­keit Got­tes mehr gewiß machen? Ver­lo­re­ne Scha­fe, ver­lo­re­ne Söh­ne, gebro­che­ne Mag­da­le­nen, reu­mü­ti­ge Petrus­se, Die­be, denen ver­zie­hen wur­de. Das ist der Rosen­kranz der gött­li­chen Ver­ge­bung.

Gott liegt an unse­rer Erlö­sung und Ret­tung mehr als uns selbst. Man erzählt sich eine Geschich­te, daß Unser Herr eines Tages dem hei­li­gen Hie­ro­ny­mus erschien und zu ihm sprach: „Hie­ro­ny­mus, was willst du mir geben?“ Hie­ro­ny­mus ant­wor­te­te. „Ich will Dir mei­ne Schrif­ten schen­ken.“ Dar­auf erwi­der­te Unser Herr, das genü­ge nicht. „Was soll ich Dir dann schen­ken?“, frag­te Hie­ro­ny­mus: „Mein Leben der Reue und der Zer­knir­schung?“ Aber die Ant­wort lau­te­te: „Auch das ist nicht genug.“ „Was bleibt mir noch, was ich Dir geben könn­te?“, rief da Hie­ro­ny­mus. Unser Herr gab zurück: „Hie­ro­ny­mus, du kannst mir dei­ne Sün­den schen­ken.“

Gebet

Lie­ber Jesus, Dei­ne Güte gegen­über dem reu­mü­ti­gen Schä­cher erin­nert an die pro­phe­ti­schen Wor­te des Alten Testa­ments: „Wären eure Sün­den wie Schar­lach rot, sie wer­den weiß wie Schnee wer­den; und wären sie so rot wie Pur­pur, sie wür­den weiß wie Wol­le.“ In den ver­zei­hen­den Wor­ten, die Du dem Dieb sag­test, ver­ste­he ich jetzt auch den Sinn Dei­ner andern Wor­te: „Ich bin nicht gekom­men, die Gerech­ten zu rufen, son­dern die Sün­der … Die Gesun­den bedür­fen des Arz­tes nicht, wohl aber die Kran­ken.“ „Im Him­mel herrscht mehr Freu­de über einen Sün­der, der Buße tut, als über neun­und­neun­zig Gerech­te, die der Buße nicht bedür­fen.“ Jetzt ver­ste­he ich, war­um Petrus erst dann zu Dei­nem ersten Stell­ver­tre­ter wur­de, als er drei Mal gefal­len war. Die Kir­che, deren Haupt er war, soll­te immer von Ver­ge­bung und Ver­zei­hung wis­sen. Jesus, ich sehe all­mäh­lich ein, wenn ich nie gesün­digt hät­te, könn­te ich Dich auch nie Hei­land nen­nen. Der Schä­cher ist nicht der ein­zi­ge Sün­der. Hier ste­he auch ich als Sün­der. Aber Du bist der ein­zi­ge Hei­land.

4 Kommentare

  1. Dan­ke.

    Für Bischof Ful­ton Sheen wur­de doch ein Selig­spre­chungs­ver­fah­ren eröff­net, oder nicht?
    Schön, daß sol­che tie­fen Medi­ta­tio­nen aus der Feder eines Bischofs hier unter das Volk gebracht wer­den.

  2. An die Redak­ti­on:
    Dan­ke sehr für die Fort­set­zung!
    Zwei­tes Wort: *Gibt es eine bes­se­re Wer­bung für das Sakra­ment der Beich­te?*

    Zum Gespräch zw. dem Herrn und Hie­ro­ny­mus:
    Ein ähn­li­ches Gespräch berich­tet die Hl. Fausti­na in ihrem Tage­buch. Der Herr for­dert sie auf, Ihm ihre Sün­den zu schen­ken. Ihre Sün­den sei­en das ein­zi­ge, was wirk­lich von ihr ist und sie habe, was sie Ihm schen­ken kön­ne.

  3. Vie­len lie­ben Dank für die­ses tie­fe, mysti­sche und doch, oder gera­de des­we­gen so ein­leuch­ten­de Gebet.
    Sol­che Schät­ze hat nur die katho­li­sche Kir­che, bei allem ensetz­li­chen Sub­stanz­ver­lust, ja Selbst­ver­nich­tungs­wil­len der katho­li­schen Kir­che seit dem zwei­ten vati­ka­ni­schen Kon­zil, wenn ich sol­che Schät­ze haben will muss ich zu ihr, auch wenn ich mich durch einen Hau­fen ätzen­den Mist wüh­len muss.

  4. Dem kann ich mich nur anschlie­ßen. Schön sol­che Tex­te lesen zu dür­fen. Beim der­zei­ti­gen Image der katho­li­schen Kir­che käme wohl kaum jemand auf die Idee dass sie sol­che geist­li­chen Schät­ze zu bie­ten hat. Auch Franz von Sales und Edith Stein wür­de ich an die­ser Stel­le emp­feh­len, nur so neben­bei erwähnt.

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