Über die Überwindung der Verlogenheit in der Kirche

Wie heftig auch der Sturm mag wüten, so wird er den heiligen Wald weder zu Boden werfen noch bis zu den Wurzeln erschüttern können

Der aus der Ukrai­ne stam­men­de rus­sisch-ortho­do­xe Autor Art­jom Per­lik ver­öf­fentlch­te einen Auf­satz über die Über­win­dung der Ver­lo­gen­heit in der Kir­che. Publi­ziert wur­de er bei Christ​Rus​sia​.ru, einem rus­sisch­spra­chi­gen christ­li­chen Inter­net­por­tal mit Schwer­punkt auf ortho­do­xer Theo­lo­gie, Spi­ri­tua­li­tät, Kir­chen­ge­schich­te und christ­li­cher Kul­tur. Dabei han­delt es sich nicht um ein unab­hän­gi­ges kirch­lich ori­en­tier­tes Publi­ka­ti­ons­por­tal. Cami­nan­te Wan­de­rer mach­te auf den Auf­satz auf­merk­sam, der sich mit einem wenig aus- und ange­spro­che­nen The­ma befaßt, das zudem nicht sel­ten zu ver­kehr­ten und tra­gi­schen Kon­se­quen­zen führt. Auch wir haben gezö­gert, ihn zu ver­öf­fent­li­chen, doch scheint es uns not­wen­dig, da sich bestimm­te Ent­wick­lun­gen nur aus den dar­ge­stell­ten Zusam­men­hän­gen erklä­ren las­sen. Der Autor geht in sei­nen Über­le­gun­gen von der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che bzw. ins­ge­samt der Ortho­do­xie aus, ver­weist jedoch auch auf par­al­le­le Ent­wick­lun­gen in der katho­li­schen Kir­che. Der Auf­satz macht auf die Kir­che und die Dop­pel­gän­ger auf­merk­sam, also die irdi­sche Kir­che und ihren Schat­ten – und ihren Schat­ten. Er dient dazu, Män­gel – teils schwer­wie­gen­de – beim Namen zu nen­nen, um zu ver­hin­dern, daß mög­li­cher­wei­se in einer fal­schen Reak­ti­on das Kind mit dem Bade aus­ge­schüt­tet wird. Hier nun der Auf­satz, den wir zur Kennt­nis brin­gen wollen.

Über die Überwindung der Verlogenheit in der Kirche

Von Art­jom Perlik*

Als man 1953, nach Sta­lins Tod, begann, unschul­di­ge poli­ti­sche Häft­lin­ge aus den sowje­ti­schen Lagern frei­zu­las­sen, sag­te Anna Ach­ma­towa: Jetzt wer­den jenes Russ­land, das Men­schen ins Gefäng­nis brach­te, und jenes, das im Gefäng­nis saß, ein­an­der begeg­nen und sich gegen­sei­tig in die Augen sehen.

Etwas ganz Ähn­li­ches geschah im 20. Jahr­hun­dert, als die Erkennt­nis­se der Psy­cho­lo­gie ans Licht brach­ten, dass die Bru­ta­li­tät der elter­li­chen Erzie­hung für eine Viel­zahl von Lei­den und Pro­ble­men im mensch­li­chen Leben ver­ant­wort­lich ist. Da erhob sich über dem Pla­ne­ten ein gewal­ti­ger Auf­schrei: Mehr als die Hälf­te der Mensch­heit begann, ihren Schmerz her­aus­zu­schrei­en, wäh­rend die ande­re Hälf­te – jene, die die­sen Schmerz ver­ur­sacht hat­te – sich über die­sen Auf­schrei lustig mach­te und die Schrei­en­den als Schwäch­lin­ge bezeichnete.

Die Kir­che wird Mut­ter genannt. Doch auf Erden ist die­se Mut­ter manch­mal eine bis zum Äußer­sten unfä­hi­ge Erzie­he­rin, die ihren Kin­dern nicht wie­der­gut­zu­ma­chen­de Ver­let­zun­gen zufügt und viel eher einer Stief­mut­ter gleicht.

Über die­se trau­ma­ti­sie­ren­de Sei­te der Kir­che began­nen Gläu­bi­ge und Geist­li­che in aller Welt seit der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts offen zu spre­chen. Zuvor war es unter euro­päi­schen und rus­si­schen Gläu­bi­gen nicht üblich, dar­über zu reden. Zur Ver­tei­di­gung der Men­schen, die von der Kir­che ver­letzt wor­den waren, erho­ben sich nur ver­ein­zel­te Stim­men – etwa die von Archi­bald Cro­nin, Schwe­ster Luc oder Char­lie Chaplin.

In der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kir­che sind Gesprä­che über die Ver­let­zun­gen, die die Kir­che den Gläu­bi­gen zufügt, aller­dings bis heu­te tabu. Und da die Mehr­heit der Gläu­bi­gen selbst dar­an betei­ligt ist, ande­ren die­se Ver­let­zun­gen zuzu­fü­gen, ver­ste­hen die Men­schen in der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kir­che die­ses The­ma schlicht nicht. Wer den­noch dar­über spricht, gilt als Bote, der schlech­te Nach­rich­ten über­bringt. Nach mit­tel­al­ter­li­chen Bräu­chen, wie sie in der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kir­che bis heu­te ver­brei­tet sind, hät­te man sol­che Boten eher hin­rich­ten als anhö­ren sollen.

Ein sol­cher Prie­ster ver­such­te ein­mal eine gan­ze Stun­de lang, mich davon zu über­zeu­gen, nicht über die­ses The­ma zu spre­chen, um, wie er sich aus­drück­te, „die schmut­zi­ge Wäsche nicht nach außen zu tra­gen“. Als wür­den die­je­ni­gen, die die­ses Haus von außen betrach­ten, nicht längst sehen, dass Gläu­bi­ge oft­mals gera­de­zu gro­tesk wir­ken und Geist­li­che Gott kei­nes­wegs ähn­lich sehen.

Nur die­sem Prie­ster, der in der abge­schot­te­ten Welt sei­ner eige­nen Kir­che leb­te, schien es, als kön­ne man die all­ge­gen­wär­ti­ge Ver­lo­gen­heit inner­halb der Kir­che vor Außen­ste­hen­den, vor den Gemein­de­mit­glie­dern und sogar vor sich selbst ver­ber­gen, wenn man nur nicht dar­über spricht.

Des­halb redet man in der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kir­che nicht über den dunk­len Dop­pel­gän­ger der Kir­che. Dabei ist die­ser Dop­pel­gän­ger inzwi­schen bei­na­he so groß wie die Kir­che selbst …

Die gro­ßen hei­li­gen Väter wie Johan­nes Chry­so­sto­mos oder Ambro­si­us von Mai­land hat­ten kei­ne Angst davor, die Miss­stän­de der Kir­che ihrer Zeit scharf anzu­pran­gern, obwohl sie sich damit all­ge­mei­ne Feind­schaft zuzo­gen. Den­noch setz­ten sie ihren pro­phe­ti­schen Dienst der Ankla­ge fort: der eine gegen­über Bischö­fen, Prie­stern und dem Adel, der ande­re sogar gegen­über dem Kai­ser selbst. Auch Gre­gor der Theo­lo­ge hielt es nicht für falsch, die Bischö­fe sei­ner Zeit wegen ihrer all­ge­gen­wär­ti­gen Ver­derbt­heit offen zu tadeln.

Auch Nasa­ri (Ter­zi­jew) (1933–2011), ein berühm­ter bul­ga­ri­scher Star­ze, konn­te ohne Wei­te­res Bischö­fe, Archi­man­dri­ten und Prie­ster zurechtweisen.

Über Prie­ster, die Men­schen ver­letzt hat­ten, sag­te der Star­ze: „Nein, die­se Popen sind nicht am rich­ti­gen Platz!“

Die schlech­ten und unwür­di­gen Taten von Prie­stern und Bischö­fen kri­ti­sier­te Star­ze Nasa­ri offen. Er konn­te sagen: „Unse­rer hat doch einen Schlag weg – der hat dies und jenes gemacht!“, „Der Feind gibt ihnen Weis­heit, und des­halb krä­hen sie her­um!“, „Über­tünch­te Grä­ber! Sie selbst gehen nicht ins Him­mel­reich hin­ein und las­sen auch ande­re nicht hinein!“

Oder: „Ein Prie­ster darf den Men­schen kei­ne schwe­ren Lasten auf­er­le­gen, wenn er sie selbst nicht trägt! Zum Bei­spiel ande­re zum Fasten zwin­gen, selbst aber nicht fasten!“

Und: „Ein Mönch muss Tugen­den besit­zen. Wenn er sie nicht besitzt, ist er selbst leer.“

Natür­lich rief die­ses direk­te Benen­nen der Din­ge beim Namen bei den „krum­men“ Men­schen einen gera­de­zu rasen­den Hass auf den Star­zen her­vor. Im kirch­li­chen Umfeld hat­te er Nei­der, und sei­ne geist­li­chen Kin­der wur­den mit belei­di­gen­den Spitz­na­men bedacht, etwa „Naza­re­ner“.

Die­se Tra­di­ti­on, die Miss­stän­de der Kir­che offen anzu­pran­gern, ist biblisch. Sie wur­de von den Pro­phe­ten Isra­els begrün­det und durch das Leben und die Ver­kün­di­gung Chri­sti ent­fal­tet. Doch weil die Mehr­heit der Gläu­bi­gen selbst in einer ver­kehr­ten Wei­se lebt, nimmt sie die­sen Aspekt der Ver­kün­di­gung Chri­sti gewohn­heits­mä­ßig nicht wahr. Men­schen ihrer Zeit, die ihnen ihre Ver­lo­gen­heit vor­hal­ten, wer­den von sol­chen Gläu­bi­gen gehasst oder des Hoch­muts beschul­digt. Bemer­kens­wert ist, dass auch Johan­nes Chry­so­sto­mos auf genau die­sel­be Wei­se des Hoch­muts beschul­digt wurde.

Ser­gej Fudel schreibt darüber:

„Ein Mäd­chen betritt die Kir­che ohne Kopf­tuch oder steht dort, noch ohne irgend­et­was zu ver­ste­hen, etwas seit­lich – und schon stür­zen sich die ‚ord­nungs­lie­ben­den‘ Frau­en wie Fal­ken auf sie und trei­ben sie aus der Kir­che. Viel­leicht wird sie sie nie wie­der betre­ten. Ich erin­ne­re mich, dass ein Prie­ster mir erzähl­te, der ‚Ent­schluss‘ sei­ner Toch­ter zum Athe­is­mus habe sich in der Kir­che gebil­det – unter dem Ein­druck, den sie von bösen alten Frau­en gewon­nen hatte …

Man­che jun­gen Men­schen, die erst vor Kur­zem zur Kir­che gekom­men sind, neh­men gedan­ken­los und ver­trau­ens­voll alles an, was es in ihr gibt. Dann aber wer­den sie vom kirch­li­chen Dop­pel­gän­ger getrof­fen und sind zutiefst erschüt­tert – bis hin zur Rück­kehr in die Gottlosigkeit …

Ich kann­te einen sol­chen jun­gen Mann, der in der Zeit sei­ner ‚gro­ßen Was­ser‘ des Chri­sten­tums nachts heim­lich zum Gebet auf­stand. Sein ein­zi­ges Hei­li­gen­bild­chen stell­te er nur für die­se weni­gen Minu­ten in einen Blu­men­topf mit einer Pal­me, stets in der Angst, sein Vater – ein über­zeug­ter akti­ver Athe­ist – könn­te her­ein­kom­men, es sehen und alles kurz und klein schla­gen. Die­ser jun­ge Mann träum­te damals von einem Klo­ster, und nie­mand hat­te ihn vor irgend­et­was gewarnt oder ihn ange­lei­tet. Bei uns, so hieß es, sei alles wun­der­bar. Und des­halb hielt er dem Druck der inne­ren kirch­li­chen Ver­su­chun­gen nicht stand, als die­se Hit­ze über ihn her­ein­brach, und wand­te sich ab.

Über den kirch­li­chen Dop­pel­gän­ger muss man von Anfang an spre­chen, klar und ein­fach, genau­so klar, wie im Evan­ge­li­um von ihm gespro­chen wird. Ihr müsst von ihm wis­sen und Chri­stus in der Kir­che suchen – nur Ihn suchen –, denn die Kir­che ist nichts ande­res als der Leib Chri­sti in ihrer mensch­li­chen Gestalt, nur Sein Leib. Dann wird euch ein wei­ses Herz gege­ben wer­den, um inner­halb der kirch­li­chen Umfrie­dung zwi­schen Gut und Böse zu unter­schei­den, um zu sehen, dass das Licht (der Kir­che) in der Fin­ster­nis leuch­tet und die Fin­ster­nis es nicht überwältigt.“

Die Star­zen Sera­phim von Sarow und Johan­nes Krest­jan­kin warn­ten Men­schen, die im Glau­ben noch nicht gefe­stigt waren, davor, in Kir­chen zu arbei­ten oder über­haupt in kirch­li­chen Berei­chen tätig zu wer­den. Sie wuss­ten, dass die­se Men­schen dort auf den dunk­len Dop­pel­gän­ger der Kir­che sto­ßen wür­den, vor dem die Prie­ster nie­man­den war­nen – und in nicht weni­gen Fäl­len sind sie selbst in die­sen dunk­len Dop­pel­gän­ger ver­strickt. Für roman­tisch gesinn­te Anfän­ger kann eine sol­che Begeg­nung ein der­ar­ti­ger Schock sein, dass sie sich womög­lich über­haupt vom Glau­ben abwenden.

So geschah es im Leben des Schrift­stel­lers Jaros­lav Hašek, des Schöp­fers des bra­ven Sol­da­ten Schwe­jk. Schon als Jun­ge war er gezwun­gen, sei­nen Lebens­un­ter­halt zu ver­die­nen, indem er in den böh­mi­schen katho­li­schen Klo­ster­kir­chen im dama­li­gen Öster­reich-Ungarn Dien­ste ver­rich­te­te. Dort bekam er all jene Ver­lo­gen­heit unter Gläu­bi­gen und Geist­li­chen zu sehen, die einen Men­schen am Glau­ben ver­zwei­feln lässt, wenn er noch nicht zu unter­schei­den ver­mag, was sich hin­ter den Din­gen verbirgt.

Hašek erleb­te Hab­gier, Dumm­heit und Schein­hei­lig­keit von Mön­chen und Prie­stern und ver­lor infol­ge­des­sen jede Ehr­furcht vor dem Heiligen.

Ein­mal, wäh­rend der Oster­wo­che, ließ man ihn zusam­men mit einem ande­ren Jun­gen in der lee­ren Kir­che zurück, damit sie kniend vor dem Grab­tuch ver­harr­ten. Als jedoch einer der Prie­ster zufäl­lig dort hin­ein­schau­te, sah er den spä­te­ren Schrift­stel­ler zusam­men mit sei­nem Alters­ge­nos­sen auf dem Stein­bo­den sit­zen und sorg­los mit Knöp­fen spielen.

Die Ver­lo­gen­heit, die Hašek in der Kir­che erlebt hat­te, führ­te sei­nen im Unter­schei­den zwi­schen Gut und Böse noch unge­fe­stig­ten Geist zum Auf­be­geh­ren – aller­dings nicht gegen die Ver­lo­gen­heit, die in man­chen Gläu­bi­gen leb­te, son­dern tra­gi­scher­wei­se gegen die Wahr­heit und gegen den Herrn. Sei­ne Wer­ke sind des­halb von einer Respekt­lo­sig­keit gera­de gegen­über dem Hei­li­gen erfüllt und nicht nur gegen­über des­sen fal­schen Trägern.

Doch Hašek ist kei­nes­wegs der ein­zi­ge Mensch, der durch das, was er gese­hen hat, auf die­se Wei­se inner­lich beschä­digt und irre­ge­lei­tet wur­de. In der irdi­schen Kir­che ist es näm­lich über­haupt nicht üblich, über die in ihr leben­de Ver­lo­gen­heit zu spre­chen. So ent­steht bei den Men­schen, die neu hin­zu­kom­men, der Ein­druck, sie kämen direkt ins Para­dies. Und spä­ter wis­sen sie nicht, was sie den­ken oder tun sol­len, wenn sie in die­sem „Para­dies“ auf Vipern und gro­tes­ke Gestal­ten treffen.

Zu vie­le zie­hen es dann vor, die­se Ver­lo­gen­heit nicht wahr­zu­neh­men, und erklä­ren patrio­tisch: „Die Kir­che in unse­rem Dorf ist die christ­lich­ste von allen!“ Wenn sie jedoch noch här­ter getrof­fen wer­den, schrei­en sie auf, wie eine Bekann­te von mir, die Biblio­the­ka­rin einer Kir­chen­bi­blio­thek, die von einem nei­di­schen Kir­chen­lek­tor ent­las­sen wor­den war. Sie schrie: „Die Kir­che ist für mich nicht län­ger Mut­ter und der Herr nicht län­ger Vater!“

Dabei hat­te das, was sie getrof­fen hat­te, über­haupt nichts mit der Wahr­heit zu tun.

Und den­noch – trotz all der Geschwü­re, die auch gläu­bi­ge Men­schen zer­fres­sen, trotz aller Ver­lo­gen­heit und Häss­lich­keit – ist die Kir­che als Reich der Drei­fal­tig­keit, als Haus der Hei­li­gen und Gerech­ten, das Beste, was es in Got­tes Uni­ver­sum über­haupt gibt.

Des­halb befin­det sie sich nie­mals in einem Zustand des Nie­der­gangs. Über­haupt kön­nen die Begrif­fe „Nie­der­gang“ und „Auf­stieg“ nicht auf etwas ange­wandt wer­den, das von Gott lebt.

Und obwohl nicht weni­ge Gemein­de­mit­glie­der in der Regel in einem Zustand der Ver­lo­gen­heit leben und nicht im Haus der Hei­li­gen, bleibt die Kir­che den­noch im Glanz und unver­sehrt. Man könn­te dies viel­leicht mit dem Oze­an ver­glei­chen: Auf sei­ner Ober­flä­che trei­ben inzwi­schen gan­ze Inseln aus Müll, den die Men­schen hin­ter­las­sen haben. Doch in der Tie­fe herrscht Ruhe.

So ist es auch in der Kir­che: In ihrer Tie­fe begeg­net man Chri­stus und lebt mit Ihm.

Geor­gi Flo­row­ski schreibt dazu:

„Unser theo­lo­gi­sches Den­ken (und das west­li­che seit der Refor­ma­ti­on) ist von der Vor­stel­lung eines Nie­der­gangs ange­steckt und deu­tet die gesam­te Geschich­te des Chri­sten­tums in ihrem Licht … Die Kir­che besitzt heu­te nicht weni­ger Auto­ri­tät als in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten, und der Hei­li­ge Geist belebt sie nicht weni­ger als in frü­he­ren Zeiten.“

Wie man in Chri­stus hin­ter der mensch­li­chen Gestalt Gott erken­nen muss­te, so muss man auch in Sei­ner Kir­che häu­fig hin­ter der schein­ba­ren – und mit­un­ter offen­kun­di­gen – völ­li­gen Unan­sehn­lich­keit ihrer Mit­glie­der und Die­ner die Wahr­heit erkennen.

Als der jun­ge Angli­ka­ner Kal­li­stos Ware von Zwei­feln über sei­nen Über­tritt zur Ortho­do­xie gequält wur­de, erhielt er einen Brief von dem damals in Indi­en leben­den eng­li­schen ortho­do­xen Prie­ster, Archi­man­drit Laza­rus (Moo­re). Dar­in dach­te Archi­man­drit Laza­rus über die Ortho­do­xe Kir­che nach:

„Mit Schmerz in der See­le möch­te ich Sie davor war­nen, dass ihr äuße­res Erschei­nungs­bild ver­zwei­felt trost­los ist: Zwi­schen den Natio­nal­kir­chen gibt es kaum Zusam­men­ar­beit, unser geist­li­cher Reich­tum wird wenig geschätzt und genutzt, der mis­sio­na­ri­sche und apo­sto­li­sche Geist glimmt nur noch schwach, der Gegen­wart und den Bedürf­nis­sen unse­rer Zeit wird wenig Auf­merk­sam­keit geschenkt, und Groß­zü­gig­keit, Hel­den­tum oder wirk­li­che Hei­lig­keit sind schwer zu fin­den. Aber mein Rat an Sie lau­tet: Schau­en Sie nicht auf das Sichtbare …“

Die Kir­che ist ihrem Wesen nach das Reich der Drei­fal­tig­keit und das Leben mit Chri­stus. Doch all dies erschließt sich erst in ihrer Tie­fe. An der Ober­flä­che die­ses Oze­ans dage­gen trei­ben die unter­schied­lich­sten mensch­li­chen Schwä­chen und Häss­lich­kei­ten dahin – ähn­lich wie jene Mil­lio­nen Ton­nen Pla­stik­müll, die von den Wel­len über die Ozea­ne unse­res Pla­ne­ten getra­gen werden.

Wie hef­tig auch der Sturm mag wüten
und die Wip­fel uralter Bäu­me bewe­gen,
so wird er den hei­li­gen Wald
weder zu Boden wer­fen
noch bis zu den Wur­zeln erschüt­tern können.

*Art­jom Alex­an­d­ro­witsch Per­lik, gebo­ren 1981 in Donezk, ist ein ortho­do­xer Schrift­stel­ler, Dich­ter, Pat­ro­lo­ge und Päd­ago­ge. Er lehr­te Patri­stik und Pat­ro­lo­gie an der Donez­ker Natio­nal­uni­ver­si­tät und enga­giert sich in der ortho­do­xen Bil­dungs­ar­beit und Publizistik

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Aka­de­mie der anstän­di­gen Seminaristen

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