Msgr. Antonio Staglianò, seit 2009 Bischof von Noto auf Sizilien und seit 2022 Vorsitzender der Päpstlichen Akademie für Theologie und Berater des Dikasteriums für die Glaubenslehre, wurde in der gestrigen Ausgabe der römischen Tageszeitung Il Messaggero mit einer Aussage zitiert, die nachdenklich stimmt: Obwohl Leo XIV. ein Sohn des heiligen Augustinus ist, scheint er dessen Auffassung vom „gerechten Krieg“ nicht zu teilen. Es steht damit im Raum, daß es demnächst eine Änderung des Katechismus der Katholischen Kirche geben könnte – wie dies schon unter Papst Franziskus der Fall war.
Nun besteht daran kein Zweifel mehr, denn Leo XIV. schreibt in Nr. 192 seiner Enzyklika Magnifica Humanitas ausdrücklich:
„Heute ist es – unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist – wichtiger denn je, die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges“ zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen.“
Der gesamte Paragraph leutet wie folgt:
„192. Zu all dem kommt ein neues und entscheidendes Element hinzu: die mediale und digitale Dimension. Kommunikationsnetzwerke, fragmentierte Informationslandschaften und Algorithmen, die Konflikte begünstigen, können Polarisierung und Ressentiments verstärken, Propaganda beschleunigen und eine gemeinsame Urteilsfähigkeit behindern. So wird Krieg nicht nur geführt, sondern auch kulturell vorbereitet: durch vereinfachende Narrative, Freund-Feind-Logik, Desinformation und Angst. Wenn das historische Gedächtnis verblasst und die ethischen Kriterien, die Zivilisten und die Verletzlichsten schützen, schwächer werden, wird es einfacher, Gewalt als notwendig, unvermeidlich oder gar als „sauber“ darzustellen. Dieses Klima ist es, in dem die Menschheit in eine gewalttätige Machtkultur abgleitet, in der Friede nicht mehr als eine Aufgabe erscheint, der man sich stellen muss, sondern als eine prekäre Zeitspanne zwischen Konflikten.Heute ist es – unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist – wichtiger denn je, die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges“ zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen. Um Konflikte zu bewältigen, verfügt die Menschheit über Mittel, die weitaus wirksamer sind und geeigneter, das menschliche Leben zu fördern, wie zum Beispiel den Dialog, die Diplomatie und die Vergebung. Der Rückgriff auf Stärke, Gewalt und Waffen zeugt von einer Beziehungsarmut, die stets verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung hat.“
In der italienischen Fassung, für römische Dokumente maßgeblich, wird das Substantziv „superamento“ gebraucht, im Deutschen zutreffend mit „Überwindung“ übersetzt. In seiner Stellungnahme gegenüber Franca Giansoldati, Vatikanistin des Messaggero, verwendet der befragte Msgr. Antonio Staglianò allerdings das Verb „cancellare“, was soviel wie „„aufheben“, „streichen“, „auslöschen“ bedeutet. Diese Unterschied, ausgesprochen durch den mit der Frage betrauten Vorsitzenden der Päpstlichen Akademie für Theologie, gibt einen Einblick, was Papst Leo XIV. intendiert.
Und so deutet Msgr. Staglianò auch an, daß der römische Katechismus demnächst tatsächlich erneut geändert werden wird. Eine solche Änderung erfolgte bereits unter Papst Franziskus, als dieser am 2. August 2018 die Todesstrafe ächtete, indem er Artikel 2267 des Katechismus ändern ließ. Seitdem heißt es offiziell, die Todesstrafe ist „unzulässig, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt“.
Franziskus hatte die Änderung in einer programmatischen Rede am 11. Oktober 2017 angekündigt, als er im Rahmen einer Audienz für die Teilnehmer einer Veranstaltung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung davon sprach, daß das absolute Nein zur Todesstrafe im Katechismus festgeschrieben werden müsse.
Magnifica Humanitas ist die erste Enzyklika des derzeitigen Pontifikats. Sie wurde am 15. Mai von Papst Leo XIV. unterzeichnet und gestern der Öffentlichkeit vorgestellt. Hier nun das Interview von Franca Giansoldati mit Msgr. Staglianò:
Msgr. Staglianò: «So kam Leo XIV. dazu, das theologische Konzept des gerechten Krieges aufzuheben»
Monsignore Antonio Staglianò, Vorsitzender der Päpstlichen Akademie für Theologie: Die Enzyklika Magnifica Humanitas behandelt auch das Thema des gerechten Krieges und erklärt, daß es heute „mehr denn je wichtig ist, die Überwindung dieser Theorie zu bekräftigen, die allzu oft zur Rechtfertigung jedes Krieges herangezogen wird, wobei das Recht auf legitime Selbstverteidigung im engsten Sinne gewahrt bleibt“.
Franca Giansoldati: Wie kam es zu diesem Punkt?
Msgr. Antonio Staglianò: Wir müssen von der Tatsache ausgehen, daß wir in einem Kontext des internationalen Terrorismus leben, in dem, was Papst Franziskus als den „dritten Weltkrieg in Abschnitten“ bezeichnete, wo Konflikte fast immer nicht als Angriffskriege, sondern als Verteidigungskriege dargestellt werden. Denken wir an das, was nach dem 7. Oktober in Gaza geschieht, oder an den Iran. Die Enzyklika betrachtet diesen Ansatz als eine Form des falschen Realismus: Weil ich mich in meiner Existenz oder im Überleben meines Volkes bedroht fühle, interveniere ich, „verteidige mich“ und zerstöre die gegnerische Ethnie. Genau hier bricht jedes Kriterium der Verhältnismäßigkeit zusammen, das die Theorie des gerechten Krieges zumindest ursprünglich zu bewahren versuchte.
Franca Giansoldati: Der gerechte Krieg gehört doch zu einer langen theologischen Tradition, von Augustinus bis Thomas von Aquin …
Msgr. Antonio Staglianò: Ja, aber diese Überlegungen entstanden, um das verheerende Übel des Krieges zu begrenzen, um ethische Schranken zu errichten. Heute jedoch sind Bedingungen entstanden, unter denen diese Kriterien zerbrochen sind.
Franca Giansoldati: Papst Leo XIV., der aus der augustinischen Tradition stammt, scheint diese Lehre nun endgültig zu den Akten zu legen …
Msgr. Antonio Staglianò: Sein Gedankengang ist sehr klar und wird in der Enzyklika umfassend entfaltet. Mit der auf moderne Waffen angewandten künstlichen Intelligenz wird es unmöglich, im Bereich des Krieges noch von Gerechtigkeit zu sprechen. Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Schritt: Kein Krieg kann theologisch oder religiös gerechtfertigt werden. In den vergangenen Jahren haben wir oft sagen hören: „Das ist der Wille Gottes.“ Auch die Kreuzzüge wurden im Namen Gottes geführt… Genau hier wird die Theorie des gerechten Krieges überwunden. Es handelt sich um eine bedeutende theologische Weiterentwicklung im Verständnis des Wesens Gottes selbst. Die Enzyklika erklärt klar, daß Gott nicht benutzt werden darf, um Gewalt, Terrorismus oder Krieg zu legitimieren, denn seinen Namen zur Rechtfertigung solcher Dinge zu verwenden bedeutet, sein Antlitz zu entstellen.
Franca Giansoldati: Dennoch spricht Leo XIV. weiterhin von legitimer Selbstverteidigung …
Msgr. Antonio Staglianò: Ja, aber ausschließlich im engsten Sinne.
Franca Giansoldati: Zum Beispiel im Fall der Ukraine, die von Rußland angegriffen wurde?
Msgr. Antonio Staglianò: Die Frage könnte sich ebenso auf Gaza beziehen, denn das entscheidende Kriterium bleibt die Verhältnismäßigkeit. Das theologische Thema ist sehr komplex, aber heute sehen wir ständig gerade diese Grenze überschritten. Vor Jesus gab es das Talionsgesetz: Auge für Auge, Zahn für Zahn. Paradoxerweise diente dieses Gesetz bereits dazu, die Rache zu begrenzen. Wenn mir jemand ein Auge ausschlägt, darf ich ihm nicht beide ausschlagen. Wenn der Papst von legitimer Selbstverteidigung im engsten Sinne spricht, meint er damit, daß Selbstverteidigung niemals zur vollständigen Zerstörung des anderen werden darf, nicht zu einem Völkermord oder zur Vernichtung dessen, der angreift.
Franca Giansoldati: Und dennoch?
Msgr. Antonio Staglianò: Und dennoch rechtfertigt die christliche Perspektive nicht einmal diese Art von Krieg. Sie rechtfertigt keinerlei Gewalt, erst recht nicht, wenn sie im Namen Gottes begangen wird.
Franca Giansoldati: Patriarch Kyrill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, hat öffentlich erklärt, Christus stehe in diesem Krieg gegen den ‚laxen‘ Westen auf der Seite Rußlands.
Msgr. Antonio Staglianò: Es gibt keinen metaphysischen Krieg zwischen Gut und Böse, der von Armeen geführt wird, die sich als Werkzeuge Gottes verstehen. Deshalb muß die Enzyklika in ihrer Gesamtheit gelesen werden. Wenn Leo XIV. von legitimer Selbstverteidigung im engsten Sinne spricht, fügt er auch hinzu, daß die Menschheit heute über weit wirksamere Mittel verfügt, um Frieden aufzubauen. Es ist derselbe Grundsatz, der Papst Franziskus dazu veranlaßte, den Katechismus der Katholischen Kirche hinsichtlich der Todesstrafe zu ändern. Auch dort ging man vom Gedanken der extrema ratio, des letzten Mittels, aus. Doch nach Auffassung von Franziskus verfügen moderne Gesellschaften inzwischen über angemessene Mittel der Selbstverteidigung, so daß die Todesstrafe nicht mehr gerechtfertigt werden kann.“
Text/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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