Evolutionäre Fehlanpassung oder als Menschen leben


Von Cri­sti­na Siccardi*

Wir leben inzwi­schen ein absur­des moder­nes Leben, das wie das Dasein beschleu­nig­ter Auto­ma­ten getak­tet ist: ange­füllt mit Kom­pli­ka­tio­nen, Kon­kur­renz­druck, Insta­bi­li­tät und emo­tio­na­len, digi­ta­len, beruf­li­chen sowie staat­li­chen Bela­stun­gen … all dies führt zu dem, was man heu­te als „evo­lu­tio­nä­re Fehl­an­pas­sung“ bezeich­net (eng­lisch: evo­lu­tio­na­ry mis­match; auch Theo­rie der Fehl­an­pas­sung oder evo­lu­tio­nä­re Fal­le genannt). Gemeint ist ein Phä­no­men, das dann ent­steht, wenn sich die Umwelt und die Gesell­schaft einer Art schnel­ler ver­än­dern als deren eige­ne bio­lo­gi­sche Ent­wick­lung, so daß die­se sich nicht mehr an die moder­ne Welt anpas­sen kann.

Doch eini­ge „gelehr­te Wis­sen­schaft­ler“ aus Ame­ri­ka erklä­ren uns, dies sei ledig­lich eine Fra­ge der Zeit: Frü­her oder spä­ter wür­den wir uns an die­se unmensch­li­chen Rhyth­men gewöhnen.

Moder­ne Welt – ein „magi­sches“ Wort, das auf der einen Sei­te Begei­ste­rung und Stau­nen her­vor­ruft und auf der ande­ren Sei­te Bestür­zung und Beklemmung.

Die Moder­ne ver­setz­te vie­le Den­ker des 20. und 21. Jahr­hun­derts in Alarm­be­reit­schaft, auch inner­halb der Kir­che. Man den­ke bei­spiels­wei­se an Kar­di­nal John Hen­ry New­man und an Papst Paul VI. Der erste warn­te vor dem um sich grei­fen­den Libe­ra­lis­mus, den er als eine „töd­li­che Fal­le“ des Westens betrach­te­te; der zwei­te erlag zunächst des­sen Ver­lockun­gen, muß­te spä­ter jedoch sei­ne ver­häng­nis­vol­len Aus­wir­kun­gen beob­ach­ten und erhielt jenes erschüt­tern­de Gefühl, daß „aus irgend­ei­nem Spalt der Rauch Satans in den Tem­pel Got­tes ein­ge­drun­gen ist“:

„Es gibt Zwei­fel, Unsi­cher­heit, Fra­ge­stel­lun­gen, Unru­he, Unzu­frie­den­heit, Aus­ein­an­der­set­zung. Man ver­traut der Kir­che nicht mehr; man ver­traut dem erst­be­sten welt­li­chen Pro­phe­ten, der kommt, um zu uns aus irgend­ei­ner Zei­tung oder aus irgend­ei­ner sozia­len Bewe­gung zu spre­chen, folgt ihm nach und fragt ihn, ob er die For­mel für das wah­re Leben besitzt. Dabei bemer­ken wir nicht, daß wir selbst bereits Her­ren und Mei­ster unse­res Lebens sind.
Der Zwei­fel ist in unser Gewis­sen ein­ge­drun­gen, und er ist durch Fen­ster ein­ge­drun­gen, die eigent­lich dem Licht geöff­net sein soll­ten. Aus der Wis­sen­schaft, die dazu bestimmt ist, uns Wahr­hei­ten zu schen­ken, die uns nicht von Gott ent­fer­nen, son­dern ihn uns noch mehr suchen und ihn mit grö­ße­rer Inten­si­tät fei­ern las­sen, kam statt­des­sen die Kri­tik, kam der Zwei­fel.
Die Wis­sen­schaft­ler sind die­je­ni­gen, die am nach­denk­lich­sten und schmerz­lich­sten den Kopf beu­gen. Und sie enden damit zu leh­ren: ‚Ich weiß nicht, wir wis­sen nicht, wir kön­nen es nicht wis­sen.‘
Die Schu­le wird zu einem Übungs­feld der Ver­wir­rung und der manch­mal absur­den Wider­sprü­che. Man fei­ert den Fort­schritt, um ihn anschlie­ßend durch die selt­sam­sten und radi­kal­sten Revo­lu­tio­nen wie­der nie­der­zu­rei­ßen, um alles zu ver­leug­nen, was man errun­gen hat, und zu den Ursprün­gen zurück­zu­keh­ren, nach­dem man zuvor die Fort­schrit­te der moder­nen Welt so sehr ver­herr­licht hat.“

(Pre­digt am Hoch­fest der hei­li­gen Apo­stel Petrus und Pau­lus, 29. Juni 1972)

Das gesam­te kul­tu­rel­le, gesell­schaft­li­che und häu­fig auch kirch­li­che System rich­tet sich gegen die mensch­li­che Natur: Es gibt kei­ne Zeit mehr zum Den­ken; es gibt zu viel zu tun, zu erle­di­gen und abzu­ar­bei­ten. Und doch wird heu­te mehr denn je alles kom­men­tiert und beur­teilt – oft­mals ober­fläch­lich, leer und ohne wirk­li­chen Inhalt. Man ver­schwen­det Zeit mit belang­lo­sem Gere­de, bewegt sich in Unwis­sen­heit, obwohl man stän­dig „infor­miert“ und „auf dem neue­sten Stand“ ist, und ist schließ­lich nicht ein­mal mehr in der Lage, zur Ruhe zu kom­men und einzuschlafen.

Die Situa­ti­on ist schi­zo­phren geworden.

An die Stel­le Got­tes sind die Göt­zen des Neu­hei­den­tums getre­ten: Sän­ger fül­len die Stun­den der Men­schen auf digi­ta­len Gerä­ten, im Radio, im Fern­se­hen und auf öffent­li­chen Plät­zen. Für die­se Viel­zahl von Ido­len – Geld­ma­schi­nen – wer­den Ver­an­stal­tung um Ver­an­stal­tung orga­ni­siert, tags­über und abends, in immer grö­ße­rer Zahl.

Auch die Arbeit ist zu einem Göt­zen gewor­den: Ehr­geiz und rast­lo­ser Wett­be­werb. Der Kon­sum ist ein Göt­ze; eben­so sind Rei­sen zu einem Göt­zen gewor­den, mit einem Mas­sen­tou­ris­mus schwin­del­erre­gen­den Ausmaßes.

Die moder­ne Welt ver­ur­sacht Schwin­del: eine Über­do­sis an Nach­rich­ten, Fern­seh­se­ri­en, Unter­hal­tungs­sen­dun­gen, jour­na­li­stisch-poli­ti­schen Gesprächs­run­den, Klatsch und Wer­bung, die außer Kon­trol­le gera­ten ist und über­all auf­taucht, wo man sich befin­det. Hin­zu kom­men end­lo­se Begeg­nun­gen mit Kri­mi­nal­be­richt­erstat­tung und Fern­seh­pro­zes­sen – bis hin zum Überdruß.

Wir wer­den über­schwemmt von einer maß­lo­sen Fül­le an Ideo­lo­gien und Gehirn­wä­schen … und unter die­ser Mas­se von Ideen, Mei­nun­gen, Gesich­tern und Moden ver­schwin­det der Mensch.

Der Schrift­stel­ler Mark Twa­in sagte: 

„Es ist leich­ter, Men­schen zu täu­schen, als sie davon zu über­zeu­gen, daß sie getäuscht wor­den sind.“ 

Tat­säch­lich erfor­dert das Ein­ge­ständ­nis, getäuscht wor­den zu sein, ein Maß an Demut und Selbst­kri­tik, das die mei­sten Men­schen lie­ber ver­mei­den. Dies geschieht in der Gesell­schaft, lei­der aber auch in der Kirche.

Leo XIII. war der erste Papst, der sich mit dem Pro­blem der „Mas­sen­apo­sta­sie“ aus­ein­an­der­setz­te, die durch den Pro­zeß der Indu­stria­li­sie­rung und das Auf­kom­men einer anti­christ­lich gepräg­ten sozia­li­sti­schen oder anar­chi­sti­schen Arbei­ter­klas­se geför­dert wurde.

Die Mas­sen­apo­sta­sie hat – auch auf­grund des Man­gels an muti­gen und geist­lich hoch­ste­hen­den Hir­ten – die Ober­hand gewon­nen. Die Kir­chen lee­ren sich immer mehr, eben­so die Prie­ster­se­mi­na­re, wäh­rend sich die Plät­ze der „Kon­zert­ket­ten ohne Ende“ mit Tau­sen­den und Aber­tau­sen­den von Men­schen fül­len, mit Jugend­li­chen eben­so wie mit Älteren.

Die Rap­per sind zu den Lehr­mei­stern von Kin­dern und Enkeln geworden.

Die Fami­lie hin­ge­gen wur­de nach und nach zer­stört, „dank“ des pro­gres­si­ven Den­kens, des Femi­nis­mus und des libe­ra­len Katholizismus.

Für die Mehr­heit der Men­schen ist das Zuhau­se nicht mehr das Nest, die Höh­le, der Schutz­raum vor der Außen­welt, son­dern eine Her­ber­ge für Groß und Klein. Die Letz­te­ren sind dabei größ­ten­teils für die staat­li­che Betreu­ung bestimmt.

Aus all dem ist ein Laby­rinth von Pro­ble­men ent­stan­den: ange­fan­gen beim psy­chi­schen Streß, der alle Alters­grup­pen betrifft, bis hin zu Abhän­gig­kei­ten von Smart­phones und sozia­len Netz­wer­ken, von Psy­cho­phar­ma­ka, Dro­gen, Alko­hol und Sexualität.

Der Kon­sum und Miß­brauch von Alko­hol und Dro­gen unter Jugend­li­chen und Her­an­wach­sen­den ist ein äußerst beun­ru­hi­gen­des Phä­no­men. Das Alko­hol-Koma ist ein schwer­wie­gen­der medi­zi­ni­scher Not­fall, der immer häu­fi­ger Kin­der und Jugend­li­che im Alter von sechs bis vier­zehn Jah­ren betrifft, oft auf­grund des soge­nann­ten „Bin­ge Drin­king“ (Alko­hol­rausch durch über­mä­ßi­ges Trin­ken in kur­zer Zeit).

Bei Min­der­jäh­ri­gen sind Leber und Gehirn noch nicht in der Lage, Alko­hol so zu ver­stoff­wech­seln wie bei Erwach­se­nen. Dadurch steigt das Risi­ko dau­er­haf­ter Gehirn­schä­den oder eines Atem­still­stands erheblich.

In Euro­pa ist ein alar­mie­ren­der Anstieg sexu­ell über­trag­ba­rer Krank­hei­ten fest­zu­stel­len. Der jüng­ste Bericht des Euro­päi­schen Zen­trums für die Prä­ven­ti­on und Kon­trol­le von Krank­hei­ten (ECDC) zeigt Rekord­wer­te: In eini­gen Berei­chen stieg die Syphi­lis um bis zu 400 Pro­zent, wäh­rend die Gonor­rhoe im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt um 300 Pro­zent zuge­nom­men hat.

Die­ser zuneh­men­de Trend wird auch durch natio­na­le Daten des ita­lie­ni­schen Gesund­heits­in­sti­tuts (ISS) und des Gesund­heits­mi­ni­ste­ri­ums bestä­tigt, die dar­auf hin­wei­sen, daß sich die Zahl der Chla­my­di­en­fäl­le ver­vier­facht hat.

Wel­che Emp­feh­lung gibt das Euro­päi­sche Zen­trum für die Prä­ven­ti­on und Kon­trol­le von Krank­hei­ten? Die kon­se­quen­te Ver­wen­dung von Kon­do­men sowohl bei Hete­ro­se­xu­el­len als auch bei Homosexuellen.

Nach Anga­ben der Ita­lie­ni­schen Gesell­schaft für Psych­ia­trie hat der Druck auf die psych­ia­tri­schen Ver­sor­gungs­dien­ste in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren deut­lich zuge­nom­men. Es gibt mehr Kon­tak­te zu spe­zia­li­sier­ten Ein­rich­tun­gen, zu kin­der- und jugend­psych­ia­tri­schen Dien­sten sowie zu Not­auf­nah­men auf­grund psych­ia­tri­scher Probleme.

Ins­be­son­de­re in der Zeit nach der Pan­de­mie wur­de ein Anstieg von 30 bis über 50 Pro­zent bei Hilfs­an­fra­gen wegen Angst­stö­run­gen, Depres­sio­nen und selbst­schä­di­gen­dem Ver­hal­ten verzeichnet.

Die Kir­che kann viel tun, um auf all die­se gegen­wär­ti­gen Not­la­gen zu reagie­ren – ange­fan­gen bei den katho­li­schen Schu­len, um Men­schen zu for­men und nicht Auto­ma­ten, die einem System aus­ge­lie­fert sind, das fort­wäh­rend psy­chi­sches Leid und enor­me Gewalt her­vor­bringt, wie es uns allein die täg­li­chen ita­lie­ni­schen Nach­rich­ten zeigen.

Gott hat uns nicht erschaf­fen, damit wir uns selbst zer­stö­ren, nicht damit wir Skla­ven von Göt­zen und Lastern wer­den, son­dern zur ewi­gen Erlösung.

Er hat uns nicht erschaf­fen, damit wir zu schnel­len Pro­duk­ti­ons­ma­schi­nen wer­den, und auch nicht für die „Rausch­zu­stän­de“ in Dis­ko­the­ken oder anders­wo, bei denen wir den gebüh­ren­den Respekt vor uns selbst aufgeben.

Die Kir­che, Lehr­mei­ste­rin des Lebens und der Spi­ri­tua­li­tät (nicht der Sozio­lo­gie oder Psy­cho­lo­gie), besitzt einen uner­meß­li­chen Schatz an Leh­ren, den sie durch ihre wah­re Leh­re und ihre wah­re Moral wei­ter­ge­ben kann: schöp­fend aus dem Evan­ge­li­um, den Kir­chen­vä­tern, ihrem zwei­tau­send­jäh­ri­gen Lehr­amt und dem leben­di­gen und außer­ge­wöhn­li­chen Zeug­nis ihrer Heiligen.

Der wah­re Frie­de – jener per­sön­li­che Frie­de, der von Chri­stus und in Chri­stus kommt, dem ein­zi­gen Trä­ger ech­ter Frei­heit und ech­ten Wohl­erge­hens für sich selbst und für den Näch­sten – wird allein durch den wah­ren Glau­ben erlangt.

*Cri­sti­na Sic­car­di, Histo­ri­ke­rin und Publi­zi­stin, zu ihren jüng­sten Buch­pu­bli­ka­tio­nen gehö­ren „L’inverno del­la Chie­sa dopo il Con­ci­lio Vati­ca­no II“ (Der Win­ter der Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Ver­än­de­run­gen und Ursa­chen, 2013); „San Pio X“ („Der hei­li­ge Pius X. Das Leben des Pap­stes, der die Kir­che geord­net und erneu­ert hat“, 2014), „San Fran­ces­co“ („Hei­li­ger Fran­zis­kus. Eine der am mei­sten ver­zerr­ten Gestal­ten der Geschich­te“, 2019), „Quella mes­sa così mar­to­ria­ta e per­se­gui­ta­ta, eppur così viva!“ „Die­se so geschla­ge­ne und ver­folg­te und den­noch so leben­di­ge Mes­se“ zusam­men mit P. Davi­de Pagli­a­ra­ni, 2021), „San­ta Chia­ra sen­za fil­tri“ („Die hei­li­ge Kla­ra unge­fil­tert. Ihre Wor­te, ihre Hand­lun­gen, ihr Blick“, 2024), 

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana 

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