Der Blick von außen. Leone Grotti analysiert für die Zeitschrift Tempi die Situation in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Anschlag eines Islamisten auf eine Homo-Kundgebung in Berlin. Manchmal eröffnet gerade die Außenperspektive einen klareren Blick auf das, was man vor Ort eigentlich vor Augen hat, aber nicht sehen kann oder will.
Es gibt eine Armee von Islamisten, die Deutschland nicht sehen will
Von Leone Grotti
Im ganzen Land gibt es mehr als 28.000 radikalisierte Muslime, die mit Dschihadisten sympathisieren, davon allein 2.400 in der Hauptstadt. Abdul Ballout, der Attentäter vom Pride-Marsch, war bereits verurteilt – und dennoch nicht im Gefängnis. Eine „wahnsinnige“ und ideologisch motivierte Entscheidung.
Was muss in Deutschland noch geschehen, damit das Phänomen des islamistischen Terrorismus als das behandelt wird, was es ist: eine der schwerwiegendsten Bedrohungen für die öffentliche Sicherheit des Landes? Das ist die einzige Frage, die sich die deutsche Regierung und die LGBTI-Aktivisten, die in diesen Tagen ständig von Werten, Einheit, der Gefahr von Islamfeindlichkeit, Alarm wegen der extremen Rechten und anderen Unsinnigkeiten reden, stellen sollten.
Ballout war kein „mutmaßlicher“ Terrorist
Denn Abdul Ballout, 21 Jahre alt, deutscher Staatsbürger libanesischer Herkunft, war nicht einfach nur „verdächtig“, ein Terrorist zu sein. Er war ein Muslim, der bereits vor zwei Jahren auf Instagram Propaganda des Islamischen Staates verbreitete und der, nachdem er vergeblich versucht hatte, sich dem IS in Mauretanien anzuschließen, im vergangenen Jahr in den Libanon flog, mit dem Ziel, die Grenze nach Syrien zu überqueren und sich den Dschihadisten in Damaskus anzuschließen.
Abdul Ballout wollte den Dschihad gegen die „Ungläubigen“ führen. Er beschränkte sich nicht darauf, dies nur zu denken, sondern schrieb darüber öffentlich und unternahm alles, um sich der dschihadistischen Szene anzuschließen. Selbst der Libanon, ein Land, das bereits mehr als genug Kriege erlebt hat, die im Namen Gottes geführt wurden, hielt ihn für zu extremistisch: Deshalb wurde er im vergangenen Jahr verhaftet, von einem Militärgericht zu drei Monaten Haft verurteilt und anschließend nach Deutschland zurückgeschickt.
Die Verurteilung und die nutzlosen Deradikalisierungskurse
Die deutschen Behörden konnten zu diesem Zeitpunkt Ballouts gefährliches Verhalten nicht länger ignorieren. Er war bereits zuvor verurteilt worden, weil er Mitschüler in der Schule geschlagen und kleinere Diebstähle begangen hatte. Deshalb verurteilte ihn ein Gericht im Mai nach einer Untersuchungshaft, die am 17. November 2025, dem Tag seiner Rückkehr aus dem Libanon, begonnen hatte, zu einem Jahr und zehn Monaten Gefängnis: nicht nur, weil er mit der terroristischen Szene sympathisierte, sondern weil er aktiv versuchte, sich den Dschihadisten anzuschließen, um „Gewalttaten gegen den Staat“ zu begehen.
Und was tat der Richter trotz alledem? Er setzte die Strafe aus, hob die Untersuchungshaft auf und übergab den jungen Islamisten bis zur Entscheidung über die Berufung der Staatsanwaltschaft den sogenannten „Deradikalisierungskursen“ – einem wirkungslosen Feigenblatt.
In den ersten beiden Sitzungen – die dritte hätte gestern stattfinden sollen, aber da war es bereits zu spät – erklärte Ballout erwartungsgemäß, er habe mit dem Traum vom heiligen Krieg abgeschlossen. Allerdings tat er dies ausweichend und wenig überzeugend. Kurz gesagt: Niemand glaubte wirklich, dass er sich tatsächlich verändert hatte.
Und dennoch waren die deutschen Behörden aus irgendeinem Grund überzeugt, dass von ihm keine „unmittelbare Gefahr“ ausging. Nach welcher Logik, ist nicht nachvollziehbar. Tatsache ist, dass die Polizei erst vor dreieinhalb Wochen, am 3. Juli, sein Berliner Zuhause durchsuchte, um nach Waffen zu suchen. Sie fand keine.
Wie viele Anschläge gab es in Deutschland?
Ein Aufatmen? Nur für diejenigen, die noch nicht verstanden haben, dass sich auch der Terrorismus verändert und der IS offen dazu aufruft, bei Anschlägen eher Autos und Messer als Kalaschnikows einzusetzen. Denn solche Angriffe erzeugen mehr mediale Aufmerksamkeit und sind einfacher umzusetzen: Man braucht lediglich ein Auto – auch ein Mietfahrzeug reicht – und eine Menschenmenge als Ziel.
Deutschland hat damit bereits Erfahrungen gemacht: 2016 verübte der mit dem IS verbundene Tunesier Anis Amri mit einem Lastwagen ein Massaker auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Und 2024 fuhr in Magdeburg ein Saudi-Araber, der anschließend von den Medien als islamfeindlich und mit der extremen Rechten verbunden beschrieben wurde, obwohl er sich selbst als links bezeichnete, mit einem SUV in eine Menschenmenge auf einem Weihnachtsmarkt.
Auch 2025 raste ein afghanischer Asylbewerber mit einem Auto in eine von einer Gewerkschaft organisierte Veranstaltung.
„Warum war der Terrorist nicht im Gefängnis?“
Ballout tat dasselbe: Am Samstagabend fuhr er mit einem Auto in die Teilnehmer des Berliner Gay Pride, tötete eine Frau und verletzte weitere 29 Menschen, einige davon schwer. Danach floh er, bevor er am Sonntag von den Sicherheitskräften gefunden und getötet wurde.
Nun beeilen sich viele, die AfD anzugreifen, aus Angst, der Anschlag könne immer mehr Deutsche dazu bringen, die rechtspopulistische Partei zu wählen. Doch das eigentliche Problem brachte die Bild-Zeitung mit einer Schlagzeile in riesigen Buchstaben auf den Punkt: „Warum war der Terrorist nicht im Gefängnis?“
Nach Ansicht des deutschen Terrorismusexperten Peter Neumann ist die Entscheidung der Richter „völlig verrückt, unverständlich. Ich glaube, dass in solchen Fällen der Schutz der Bevölkerung Vorrang vor Überlegungen zur Resozialisierung haben muss“.
Laut Neumann können Deradikalisierungskurse sinnvoll sein, wenn ein Islamist seine Haltung bereits geändert hat und nach einem Weg sucht, aus der Szene auszusteigen. „Bei überzeugten und hochgradig radikalisierten Extremisten sind solche Kurse jedoch wirkungslos.“
Eine Armee von Islamisten in Deutschland
Viele Deutsche fragen sich nun, warum Ballout – obwohl die Sicherungsmaßnahmen aufgehoben worden waren – nicht zumindest rund um die Uhr überwacht wurde. Die Antwort ist einfach: Allein in Berlin gibt es nach Angaben deutscher Medien 2.400 radikalisierte Islamisten, von denen 900 bereit seien, „Gewalt anzuwenden“. Sie alle zu überwachen, ist schlicht unmöglich.
In ganz Deutschland soll ihre Zahl dagegen bei 28.200 liegen, davon seien 9.500 bereit, aktiv zu werden.
Auch aus diesem Grund hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Möglichkeit strengerer Regeln ins Spiel gebracht: irreguläre Migranten mit mutmaßlichen Terrorverbindungen so schnell wie möglich auszuweisen, deutschen Staatsbürgern mit doppelter Staatsangehörigkeit die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen und die Kontrollen aller frei lebenden Verdächtigen zu verstärken.
In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob es sich dabei nur um situationsbedingte Erklärungen handelt.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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