Der Mechanismus ist nicht neu: Eine unbelegte oder erfundene Behauptung wird nur oft genug wiederholt, bis sie schließlich den Anschein einer „bekannten Tatsache“ gewinnt und als solche weiterverbreitet wird, als wäre sie Gewißheit. Im konkreten Beispiel geht es um zwei herausragende Gestalten der Kirche des 20. Jahrhunderts, um den heiligen Pater Pio von Pietrelcina und um Erzbischof Marcel Lefebvre.
Derzeit erlebt eine seit Jahrzehnten kursierende Erzählung über den heiligen Padre Pio und Erzbischof Marcel Lefebvre neue Verbreitung – vielleicht weil manche denken, sich dadurch Argumente ersparen zu können. Es geht um die angebliche „Prophezeiung“ des Kapuzinerpaters aus San Giovanni Rotondo auf dem Gargano, mit der dieser Msgr. Lefebvre vor seinem späteren Widerstand gegen die nachkonziliare Entwicklung der Kirche gewarnt haben soll.
Die Geschichte wird immer wieder angeführt, um die Position Msgr. Lefebvres und der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) nachträglich mit einem negativen Urteil Pater Pios zu versehen und damit wohl vor allem das fromme Volk zu verunsichern und abzuschrecken. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich, daß der angebliche Dialog, der Pater Pio Worte über „Rebellion“, Ungehorsam und die Folgen des Lefebvre-Weges in den Mund legt, zur Gattung nachträglich entstandener Legenden gehört.
Eine Begegnung, die stattfand – ein Gespräch, das nicht belegt ist
Die Begegnung zwischen Pater Pio und Erzbischof Marcel Lefebvre hat tatsächlich stattgefunden. Sie ereignete sich zu Ostern 1967 in San Giovanni Rotondo. Der heilige Kapuziner war bereits durch Krankheit gezeichnet. Im September des darauf folgenden Jahres, sollte er aus dieser Welt abberufen werden. Erzbischof Lefebvre war damals bereits eine bekannte Gestalt im Widerstand gegen bestimmte Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Begegnung ist durch ein berühmtes Foto festgehalten, das den aus Frankreich stammenden Konzilsvaters und ehemaligen Generaloberen des Missionsordens der Spiritaner zeigt, wie er die Hand Pater Pios küßt, eine der stigmatisierten Hände des Heiligen.
Was jedoch fehlt, ist jede zeitgenössische Quelle, die das erwähnte Gespräch oder gar eine prophetische Warnung Pater Pios dokumentiert. Überhaupt ist nichts von einem längeren, geistlichen Gespräch zwischen beiden überliefert.
Pater Pio war damals bereits 80 Jahre alt und litt unter chronischen Atemwegsbeschwerden, Arthritis, Kreislaufproblemen und allgemeiner Erschöpfung. Er verwendete seine ganze Kraft, um täglich das heilige Meßopfer zu zelebrieren und nach Möglichkeit den ihm überaus wichtigen Beichtdienst zu verrichten. Persönliche Begegnungen wie jene mit Erzbischof Lefebvre fanden zwar auch noch statt, waren jedoch sehr kurz. Viele Besucher erhielten lediglich den Segen oder konnten dem Heiligen wenige Worte sagen. Ausführliche Unterhaltungen waren zur seltenen Ausnahme geworden.
Die behauptete Erzählung von einer Warnung Pater Pios an Erzbischof Lefebvre tauchte erst viele Jahre später auf – zu einer Zeit, als der Konflikt zwischen dem Erzbischof und dem Heiligen Stuhl längst öffentlich geworden war und Padre Pio längst verstorben war. Die erste größere Verbreitung erfuhr dieses Narrativ 1983 durch einen Artikel von Pier Carpi in der populären Illustrierten Domenica del Corriere, der Sonntagsbeilage der Tageszeitung Corriere della Sera. Die folgenden Ausführungen beruhen weitgehend auf Recherchen von Radio Spada.
Der Journalist Carpi, wurde vor allem als Autor von Büchern über Esoterik, Okkultismus, Magie, Geheimorden, Parapsychologie und angebliche Prophezeiungen bekannt. Er berief sich bei seiner Erzählung auf einen angeblichen Augenzeugen, Bruno Rabajotti, den Carpi als „geistlichen Sohn“ von Pater Pio präsentierte, wohl um dessen Glaubwürdigkeit zu erhöhen.
Der 1993 verstorbene Rabajotti wurde im Zusammenhang mit der Pater-Pio-Lefebvre-Legende gerne als „Prof. Rabajotti“ angeführt. Insgesamt sind aber kaum Informationen über ihn greifbar. Er unterrichtete offenbar Violine. An anderer, nicht unbedeutender Stelle wird er jedenfalls als „Humorist“ bezeichnet.
Gerade dieser Carpi-Rabajotti-Ursprung verlangt jedoch nach besonderer Vorsicht.
Eine Quelle mit Fragezeichen
Pier Carpi war kein Kirchenhistoriker, er war weder wissenschaftlich tätig noch war er ein Biograph Pater Pios. Seine Bücher über Esoterik, Magie, Geheimbünde und Freimaurerei spielen vielmehr mit Sensationslust. Diese spricht auch aus dem Untertitel seines Artikels im Corriere della Domenica: „Warum versteckt die Kirche die Prophezeiungen von Pater Pio?“
Vor allem aber wurden sowohl Carpi als auch seine Quelle Rabajotti im Zusammenhang mit der berüchtigten Freimaurerloge P2 genannt, die ein komplexes Kapitel der italienischen Nachkriegsgeschichte darstellt. Der Name der Loge knüpfte an eine Vorgängerloge namens Propaganda Massonica an, die 1877 in dem von italienischen Truppe eroberten Rom, bis dahin die Stadt des Papstes, gegründet worden war. Der Logenname sollte das provokante Gegenstück zur Kongregation Propaganda Fide (Kongregation für die Verbreitung des Glaubens) des Heiligen Stuhls sein (heute Dikasterium für die Evangelisierung).
P2 (Propaganda Due) war eine von Licio Gelli geführte konspirative Freimaurerloge, die als Schaltstelle eines internationalen Netzwerkes aus Politik, Militär, Geheimdiensten – insbesondere der CIA – und Finanzwelt fungierte.
In den Akten des parlamentarischen Untersuchungsausschußes zur Loge P2 wird Carpi als „persönlicher Freund“ des P2-Gründers und Logenmeisters Licio Gelli genannt, der von der Polizei überwacht wurde, als Gelli nach der Enttarnung der P2 flüchtig war. Das geschah im selben Jahr, in dem Carpi seinen Artikel über Pater Pio und Erzbischof Lefebvre veröffentlichte.
Carpi selbst erklärte, er habe lediglich auf einer P2-Liste gestanden, sei aber kein Mitglied gewesen.
Carpi und Rabajotti saßen zusammen mit Ugo La Malfa, Vorsitzender der Italienischen Republikanischen Partei und führender Vertreter des linksliberalen Laizismus in der Accademia dei Bardi, Beide bewegten sich also nicht gerade in einem für gläubige Katholiken üblichen Milieu.
Rabajotti war zudem der Vertreter der italienischen Sektion des „humanistischen“ Internationalen Komitees Abraham Lincoln, einer „Hilfsorganisation für ideologisch, politisch oder religiös Verfolgte“. Auch in diesem Fall scheint sich Rabajotti weit weg von dem bewegt zu haben, was man mit Pater Pio in Verbindung bringen würde. Carpi war mit der Pressearbeit des Lincoln-Komitees beauftragt.
Laut Recherchen von Radio Spada verbreitete das Komitee freimaurerische Propaganda, darunter ein Buch von Carpi über den „Fall Gelli“. Adressaten seien fast ausnahmslos eingeschriebene Mitglieder der P2 gewesen.
Nach Gellis Flucht aus dem Gefängnis Champ-Dollon im Schweizer Kanton Genf dankte Gelli in einem abgefangenen Schreiben Carpi für seinen Einsatz.
Diese Umstände beweisen nicht automatisch, daß eine von Carpi verbreitete Geschichte falsch ist. Sie zeigen jedoch, daß eine historische Prüfung um so notwendiger ist, wenn eine Erzählung auf einer einzigen, spät auftauchenden Quelle beruht.
Auch die Gestalt des angeblichen Augenzeugen Bruno Rabajotti bleibt problematisch. Außerhalb des gennnten Narrativs gibt es keinerlei Nachweise, daß er ein „geistlicher Sohn“ oder gar ein Vertrauter Pater Pios war. Ebensowenig gibt es Belege, daß er zum Zeitpunkt des Lefebvre-Besuchs in San Giovanni Rotondo zugegen war, um ein unmittelbarer Zeuge eines solchen Gespräches gewesen zu sein.
Noch größere Zweifel entstehen durch den Inhalt der später veröffentlichten ausführlichen Darstellung Rabajottis. Darin werden Pater Pio weitere Aussagen zugeschrieben, die nicht mit dem vom Heiligen überlieferten Denken übereinstimmen.
Erzbischof Lefebvre selbst widersprach der Geschichte
Besonders schwer wiegt, daß der angeblich von Pater Pio gewarnte Erzbischof Marcel Lefebvre selbst die Erzählung zurückwies.
In einem Schreiben vom 8. August 1990 antwortete Lefebvre auf die Anfrage eines Priesters der Priesterbruderschaft St. Pius X., der ihn um Klärung der Angelegenheit gebeten hatte. Er bezeichnete die Geschichte als eine „Verleumdung“ ohne jede Grundlage.
Nach Lefebvres eigener Erinnerung dauerte die Begegnung nur wenige Minuten. Er habe Pater Pio bei dieser Gelegenheit lediglich um den Segen für das Generalkapitel des Spiritanerordens gebeten und diesen vom heiligen Kapuziner erhalten. Ein Gespräch über den Papst, über Gehorsam, über eine angebliche Rebellion oder über die Zukunft der Kirche habe nicht stattgefunden.
Damit widerspricht der Hauptbeteiligte selbst jener dramatischen Erzählung, die später aus der Begegnung gemacht wurde.
Wie aus einer Legende eine „Tatsache“ wird
Der Fall zeigt ein bekanntes Muster: Eine Geschichte entsteht lange nach dem angeblichen Ereignis, wird häufig wiederholt, erscheint schließlich in mehreren Büchern und erhält dadurch den Anschein historischer Sicherheit.
Doch Wiederholung ersetzt keine Quellen.
Bei der angeblichen Prophezeiung Pater Pios an Msgr. Lefebvre stehen sich zwei Tatsachen gegenüber: Die Begegnung zwischen beiden Männern ist historisch gesichert. Das angebliche prophetische Gespräch hingegen erscheint erst viele Jahre später, besitzt keine zeitgenössischen Belege, keine unabhängigen Zeugen und wurde vom wichtigsten Beteiligten ausdrücklich bestritten.
Aus historischer Sicht handelt es sich daher um eine nachträglich entstandene Legende.
Ein Instrument im kirchlichen Streit
Warum solche Erzählungen immer wieder hervorgeholt werden, ist leicht zu verstehen. In den innerkirchlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart dienen sie als Argumente bzw. als Ersatz für Argumente. Die einen wollen damit zeigen, daß Msgr. Lefebvres Weg von Anfang an falsch gewesen sei; andere sehen darin den Versuch, eine unbequeme kirchengeschichtliche Gestalt nachträglich zu diskreditieren.
Radio Spada schreibt dazu: „Die Wahrheit der Kirche benötigt jedoch keine Legenden – weder zur Verteidigung noch zur Verurteilung bestimmter Personen“.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Radio Spada (Screenshot)
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