Von Roberto de Mattei*
Nach den Schmähreden von Präsident Trump gegen Papst Leo XIV. ist Mißbilligung geboten, und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat gut daran getan, diese als Führerin einer Nation zum Ausdruck zu bringen, in der der Stuhl Petri steht. Leo XIV. ist das Oberhaupt der Weltkirche und steht in dieser Funktion über allen Mächtigen der Erde, und gerade in diesem Fall ist die Wahrung der Form auch die Wahrung der Substanz. Auf die Mißbilligung muß jedoch eine Analyse der Worte und der Fakten folgen, wenn man nicht in den Treibsand des Chaos geraten will, der jeden verschlingt, der in einer turbulenten Zeit wie der unseren auf den Gebrauch der Vernunft verzichtet.
Die erste Frage, die sich jemand stellen muß, der die Vernunft nutzen will, lautet: Warum hat Donald Trump Leo XIV. frontal angegriffen und ihn als „liberal“1 sowie als jemanden bezeichnet, der „die radikale Linke begünstigt“, obwohl er während seiner ersten Amtszeit Papst Franziskus – der sicherlich „liberaler“ und linker war als sein Nachfolger – nie mit solcher Vehemenz angegriffen hat?
Rekapitulieren wir zunächst die Ereignisse: „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben, um niemals wieder zum Leben erweckt zu werden“, schrieb Trump am 7. April auf seinem sozialen Netzwerk Truth, nur wenige Stunden vor Ablauf des Ultimatums, mit dem er versuchte, Teheran zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen. Leo XIV. nahm diese donnernde Drohung ernst und bezeichnete noch am selben Tag, als er Castel Gandolfo verließ, die Drohung gegen das iranische Volk als „inakzeptabel“. Es war nicht das erste Mal, daß er – direkt oder indirekt – den amerikanischen Präsidenten für dessen Umgang mit der Krise tadelte.
Am 11. April, nach der Gebetswache im Petersdom, die zu derselben Zeit stattfand, als die USA und der Iran Friedensgespräche führten – die später in Pakistan scheiterten –, ließ Trump auf seinem Truth seiner Wut freien Lauf und bezeichnete den Papst als „schwach gegenüber kriminellen Taten“ und „schlecht in der Außenpolitik“. Der US-Präsident fügte hinzu: „Ich will keinen Papst, der es schrecklich findet, daß Amerika Venezuela angegriffen hat – ein Land, das enorme Mengen an Drogen in die Vereinigten Staaten schickte und, noch schlimmer, seine Gefängnisse leerte – darunter Mörder, Dealer und Killer –, um sie in unser Land zu schicken.“
Trump sagte weiter: „Ich will keinen Papst, der den amerikanischen Präsidenten kritisiert, weil ich genau das tue, wofür ich mit einem erdrutschartigen Sieg gewählt wurde, nämlich die Kriminalität auf ein historisches Minimum zu senken und den größten Aktienmarkt der Geschichte zu schaffen. Ich ziehe seinen Bruder Louis bei weitem vor, der alles verstanden hat.“ Dem harten Beitrag folgte die Veröffentlichung eines mit künstlicher Intelligenz erzeugten Bildes eines Trump-Messias, das nach einem Sturm der Kritik bald wieder entfernt wurde.
Auf Trumps Frontalangriff folgte eine nüchterne Antwort von Leo XIV.: „Ich habe keine Angst“ und „ich möchte keine Debatte eröffnen“, sagte der Papst gegenüber Journalisten bei seiner Ankunft in Algerien während seiner Afrikareise. „Ich bin kein Politiker: Hören wir auf mit den Kriegen!“, erklärte der Pontifex weiter und erinnerte daran, daß er „vom Evangelium spricht: Ich werde es weiterhin laut tun“ – gegen die Konflikte.
Trump, der weder die Regeln der Diplomatie noch die der Höflichkeit zu kennen scheint, bedient sich der Übertreibung als Verhandlungswaffe. Er ist darin nicht der einzige. Seit Beginn des Konflikts in der Ukraine drohen Putin und vor allem der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew immer wieder mit dem Einsatz von Atomwaffen. Das ist äußerst beunruhigend, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, daß den Worten auch Taten folgen. Das Problem ist, daß Rußland – ebenso wie China und Nordkorea – über ein Atomarsenal verfügt, der Iran hingegen (noch) nicht.
Hier stellt sich die grundlegende Frage, die Mario Sechi in der Tageszeitung Libero vom 14. April folgendermaßen formuliert hat: „Was tut man mit dem Iran, der bekräftigt, sein Atomprogramm fortsetzen zu wollen?“ Die Verhandlungen sind nämlich gerade daran gescheitert, daß der Iran nicht auf die Nutzung der Atombombe verzichten will. Wäre ein militärisches Eingreifen zur Abwendung dieser Bedrohung nicht ein Fall eines „gerechten Krieges“, wie ihn George Weigel in seinem Artikel „On War, Peace, the President and the Pope“ in der Washington Post vom 13. April ins Spiel gebracht hat? Weigel betont, daß der Konflikt nicht allein mit politischen Argumenten behandelt werden kann, sondern nach ethischen Kriterien bewertet werden muß, und ruft zu einem ernsthafteren und verantwortungsvolleren Dialog zwischen politischer und religiöser Autorität über Fragen von Krieg und Frieden auf.
Der Papst hat zu Recht daran erinnert, daß seine Stimme nicht die eines politischen Führers ist, sondern die der Kirche, die das Evangelium verkündet und die Welt zum Frieden aufruft. Dennoch hat er am 4. April die amerikanischen Bürger aufgefordert, ihre Stimme gegenüber den Mitgliedern des Kongresses zu erheben, um den Krieg zu beenden. Wahrscheinlich ist es noch nie vorgekommen, daß sich ein Papst direkt an ein Volk gewandt hat, um die Bürger dazu aufzurufen, Druck auf ihre eigenen Vertreter auszuüben. Nicht zufällig veröffentlichte La Repubblica am 14. April eine ganze Seite gegen Trump, verfaßt vom Jesuitenpater Antonio Spadaro, mit dem Titel: „Die Stimme von Prevost als politischer Akt gegen das Gesetz des Präsidenten“.
Das Regime in Teheran nutzte die Situation seinerseits und wandte sich mit einer Botschaft an den Papst. Während Leo XIV. die große Moschee von Algier besuchte, äußerte sich der iranische Präsident Massud Peseschkian gegenüber dem Pontifex wie folgt: „Im Namen der großen iranischen Nation verurteile ich die Beleidigung gegen Eure Exzellenz und erkläre, daß die Entweihung Jesu (Friede sei mit ihm), des Propheten des Friedens und der Brüderlichkeit, für jeden freien Menschen inakzeptabel ist. Ich wünsche Ihnen, daß Allah Ihnen Ruhm gewährt.“
Tatsächlich erneuert sich eine Polarisierung zwischen dem Heiligen Stuhl und den USA, die tief in der Kulturgeschichte verwurzelt ist. Im Jahr 1776, dem Jahr der Unabhängigkeitserklärung – deren 250. Jahrestag am 4. Juli begangen wird –, definierten die Vereinigten Staaten ihre Identität, indem sie jede religiöse Autorität ablehnten, die den Anspruch erhob, „oberste“ zu sein, angefangen bei der „römischen Monarchie“.
Die finanziellen und moralischen Skandale der letzten Jahre haben zudem einen Teil der amerikanischen Hierarchie diskreditiert, und die Wiederbelebung des Katholizismus vollzieht sich in traditionellen Kreisen, die Papst Franziskus kritisierten und seinem Nachfolger noch immer mißtrauen. Dies läßt die Schwierigkeiten erkennen, denen sich Monsignore Gabriele Caccia, der neue Nuntius in Washington, von Beginn seines Amtes an gegenübersehen wird.
Trump wird die Folgen seiner Fehler bei den nächsten Zwischenwahlen zu tragen haben, doch Leo XIV. hat weder Wahltermine noch mediale Zwänge, die er berücksichtigen muß. Es genügt, daß er sein Petrusamt gut ausübt und dabei die unveränderliche Lehre der Kirche in Fragen von Krieg und Frieden in Erinnerung ruft.
Der Papst, ein Sohn des heiligen Augustinus, kennt gewiß eine berühmte Passage des Kirchenlehrers von Hippo, die von Pius XII. in der Enzyklika Communium interpretes dolorum vom 15. April 1945 zitiert wurde:
„Willst du den Frieden? Übe Gerechtigkeit, und du wirst Frieden haben: Denn Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküßt (Ps 84,11). Wenn du die Gerechtigkeit nicht liebst, wirst du keinen Frieden haben; denn Gerechtigkeit und Frieden lieben einander und sind so eng miteinander verbunden, daß du, wenn du gerecht handelst, den Frieden finden wirst, der die Gerechtigkeit küßt… Wenn du also zum Frieden gelangen willst, handle gerecht: Meide das Böse und tue das Gute – das bedeutet, die Gerechtigkeit zu lieben; und wenn du das Böse verlassen und das Gute getan hast, suche den Frieden und jage ihm nach (Ps 84,12: PL 37, 1078).“
Es waren die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs, und Pius XII. bat „den göttlichen Erlöser und seine heiligste Mutter im Geist des Gebets und der Buße, daß der Friede, der diesem unheilvollen und blutigen Krieg ein Ende setzen wird, wahr und aufrichtig sei“.
Dies war stets die Lehre der Kirche: Es genügt nicht, den Frieden mit Worten zu beschwören; man muß aktiv daran arbeiten, Gerechtigkeit zu verwirklichen, und vor allem die übernatürliche Hilfe der Gnade erbitten, um der Welt den Frieden Christi zu bringen, der sich grundlegend von dem falschen Frieden der Welt unterscheidet (Joh 14,27–31).
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
- „Liberal“ meint im US-amerikanischen Sprachgebrauch „links“. ↩︎
Als Transatlantiker ist RdM hier in einer ziemlichen Zwickmühle. Daher darf der Seitenhieb auf Putin nicht fehlen, obwohl die damit verbundene Gleichsetzung mit Trump ungeheuer ist. Putin hat nur völlig zu Recht von den Folgen eines Atomkrieges gewarnt, der durch die US-Politik ausgelöst hätte werden können. Diese Warnungen sind erfolgreich gewesen, hat doch die Biden-Administration (wahrscheinlich aufgrund Drucks seitens des Pentagons) im April 2024 die Lieferung von Langstreckenraketen an die Ukraine trotz bereits gefassten Entschlusses nicht durchgeführt – zum Bedauern der Transatlantiker vom Schlage des Autors. Das mit Trumps Auslöschungsphantasien gegen den Iran gleichzusetzen ist infam.
Erstens ist Trump kein Katholik, und nicht dem Papst zum Gehorsam verpflichtet, zweitens sind kurz vor Trumps Kritik am Papst drei Kardinäle im US Fernsehen aufgetreten und haben nicht nur den Krieg, sondern auch Trumps Migrationspolitik , aber selbstverständlich nicht Abtreibung und Euthanasie, ein Thema in Oregon, kritisiert.
Einen Tag vor dem Auftritt der drei US Kardinäle hat Leo einen demokratischen Wahlkampfstrategen Obamas empfangen. Trump hatte das Gefühl, das die Kirche die Midterms Wahlen behindern will, und ist ausgerastet.
Was mich gewundert hat, dass viele katholisch-konservative Influencer, die zuerst für den Irankrieg waren und sogar die Afd kritisiert haben wegen der Kritik am Krieg von Anfang an, jetzt umgefallen sind. Und das trotz zweiwöchigen Waffenstillstand, über den Israel gar nicht glücklich ist, und munter im Libanon und Gaza weiter bombardiert.
Die meisten Meinungsmacher machen sich nicht Sorgen um den Papst oder die Menschen im Nahen Osten, sondern um ihr eigenes Geldbörsel. . Gäbe es die Blockade der Straße von Hornuz nicht, würde der Angriff auf den Iran auch jetzt noch viel positiver beurteilt werden. So werden aber die massenmordendes Mullas als Sieger gegen Trump empfunden, und man schlägt sich auf ihre Seite, Israel , das laut Rubio auch ohne Amerika den Iran angegriffen hätte, traut sich sowieso niemand zu kritisieren, der evangelikale Zionismus Artikel auf Katholisches Info, Trump hat auch einen jüdischen Schwiegersohn und eine jüdische Konvertitin als Tochter, ist zumindestens im deutschen Sprachraum eher eine Ausnahme.
Nur weil der Iran wegen dem Schutzgeld als temporärer sieger wahrgenommen wird
Es gibt den gerechten Krieg, was Papst Leo aber entgegen der Schrift und der lange überlieferten Tradition der Kirche nicht gelten lassen will. Papst Leo befindet sich in seiner eigenen Gutmensch-Blase. Das ist sein Problem. Er malt sich die Welt schön und stellt die christliche Lehre auf eine Stufe mit dem mörderischen Islam, der von Beginn seines Bestehens Christen grausamst verfolgte, folterte und ermordete. Die Verteidigung von Wien war gerecht, ebenso die Seeschlacht bei Lepanto und viele andere ähnliche Ereignisse wie etwa die Verteidigung der Insel Malta. Aber auch die Kreuzzüge und die Rückeroberung der iberischen Halbinsel waren gerecht und gut.
Die Verhaftung des Tyrannen von Venezuela war ebenfalls gerecht und auch die Verteidigung Israels und aller Menschen guten Willens gegen den iranischen Islam ist völlig legitim und gut.
Robert Prevost steht immer auf der Seite der „Guten“. Diese „Guten“ loben ihn auch sehr: die Islamisten, die Freimaurer und alle Linken und Verdorbenen.
An dem Samstag, als der Sitz des Ayatollah bombardiert worden war, schaute ich aus dem Fenster und die Welt wirkte friedlicher. Seit diesem Zeitpunkt sind die Angriffe und Agressionsausbrüche, die ich seit Jahren täglich erlebe, vorbei. Es ist, als wäre zeitgleich eine negative Kraft verschwunden. Was soll sonst ein gerechter Krieg sein, wenn nicht dieser, der so etwas bewirkt?
Aus Focus online,Freitag, 17.04.2026, 11:21:
Vor seiner Abreise aus dem Weißen Haus sagte Trump gegenüber Journalisten, dass er nichts gegen den Papst habe. Und kritisierte dennoch: „Der Papst hat eine Erklärung abgegeben. Er sagt, der Iran darf Atomwaffen haben. Ich sage, der Iran darf keine Atomwaffen haben. Und wenn der Papst sich die 42.000 Menschen ansieht, die in den letzten zwei oder drei Monaten getötet wurden, als Demonstranten ohne Waffen, ohne irgendetwas, ich meine, wenn man sich das ansieht, dann kann ich dem Papst widersprechen.“
Trump: Papst muss verstehen, dass „dies die reale Welt ist“
Er habe das Recht, dem Papst zu widersprechen. Das Oberhaupt der Katholiken müsse verstehen, dass „dies die reale Welt ist“, sagte Trump weiter. Und: „Es ist eine üble Welt.“
Kurz zuvor hatte der Papst seinerseits seine Kritik an Trump bekräftigt. Während seiner Afrika-Reise sagte er: „Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen zerstört und von Myriaden solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten.“ Einen konkreten Namen nannte er nicht, verurteilte jedoch grundsätzlich jede Form von Kriegstreiberei.