Das letzte Ave Maria des Monsieur de Charette

Das nunc war zur hora mortis geworden

Die Hinrichtung von François Athanase de Charette de la Contrie, 1793 bis 1796 Oberbefehlshaber der königstreuen, katholischen Armee der Vendée
Die Hinrichtung von François Athanase de Charette de la Contrie, 1793 bis 1796 Oberbefehlshaber der königstreuen, katholischen Armee der Vendée

Von Rober­to de Mattei*

Es war fast fünf Uhr nach­mit­tags am 29. März 1796, als Fran­çois-Atha­nase de Cha­ret­te, der hel­den­haf­te Gene­ral der Ven­dée, ein­fa­cher bekannt als Mon­sieur de Cha­ret­te, das Gefäng­nis von Bouf­fay ver­ließ, um den letz­ten Abschnitt sei­nes Weges anzutreten.

Sechs Tage zuvor war er in den Wäl­dern von Cha­b­ot­te­rie gefan­gen­ge­nom­men wor­den – ver­wun­det und erschöpft, nach drei Jah­ren uner­müd­li­chen Wider­stands. Nun ging er zur Place des Agri­cul­teurs, wo das Erschie­ßungs­kom­man­do auf ihn war­te­te. Er war zwei­und­drei­ßig Jah­re alt und hat­te drei Jah­re lang an der Spit­ze des Auf­stands der Ven­dée die Armeen der revo­lu­tio­nä­ren Repu­blik in Schach gehalten.

Wegen sei­ner Ver­let­zun­gen ging er lang­sam, doch mit erho­be­nem Haupt und vol­ler Stolz. Sein lin­ker Arm wur­de von einer Schlin­ge gehal­ten. Auf dem Kopf trug er ein rotes Tuch, mit einer gewis­sen Ele­ganz gekno­tet – bei­na­he die letz­te Eitel­keit jenes Mari­ne­of­fi­ziers, der er gewe­sen war, bevor er zum „König der Ven­dée“ wur­de. Cha­ret­te bete­te lei­se das Mise­re­re und ließ dabei die Per­len sei­nes Rosen­kran­zes durch die Fin­ger gleiten.

Als der Zug in die Rue de Gor­ges ein­bog, hob der Gene­ral für einen Augen­blick den Blick zu einem Fen­ster. Sei­ne Schwe­ster hat­te ihm gesagt, daß er dort jeman­den antref­fen wür­de. Ein schwarz geklei­de­ter alter Mann hielt ein wei­ßes Tuch in der Hand. Es war ein rom­treu­er Prie­ster, der den Eid auf die Revo­lu­ti­on ver­wei­ger­te – ein soge­nann­ter „refrak­tä­rer“ Prie­ster –, wie auch Abbé Gui­bert, der an sei­ner Sei­te ging.

Cha­ret­te senk­te den Kopf. Hin­ter dem Fen­ster mach­te die Hand des Prie­sters das Kreuz­zei­chen. Es war die letz­te Absolution.

Der Platz war nun ganz nahe. Fünf­tau­send Sol­da­ten bil­de­ten ein rie­si­ges Vier­eck. Acht­zehn Män­ner waren für das Erschie­ßungs­kom­man­do aus­ge­wählt wor­den, das ihn hin­rich­ten soll­te. Vor der Mau­er stand bereits ein Sarg bereit.

Der ihn beglei­ten­de Abbé sprach ihm eini­ge trö­sten­de Wor­te zu. Cha­ret­te ant­wor­te­te ruhig:

„Hun­dert­mal habe ich dem Tod getrotzt. Nun gehe ich ihm zum letz­ten Mal ent­ge­gen, ohne ihm zu trot­zen und ohne ihn zu fürchten.“

Er lehn­te die Augen­bin­de ab und bat den Offi­zier, der die Hin­rich­tung befeh­lig­te, ihm zu gestat­ten, dem Erschie­ßungs­kom­man­do selbst nach einem letz­ten Ave Maria das Zei­chen zum Feu­ern zu geben. Die Bit­te wur­de ihm gewährt. Er sprach das Gebet laut bis zu den letz­ten Worten:

„Hei­li­ge Maria, Mut­ter Got­tes, bit­te für uns Sün­der, jetzt …“

Hier hielt er inne, hob die Hand und gab den Befehl zum Feu­ern. Acht­zehn Kugeln tra­fen ihn. Er fiel zu Boden und gab sei­ne See­le Gott zurück.

Cha­ret­te hat­te in sei­nem Leben gewiß tau­sen­de Male gesprochen:

„Sanc­ta Maria, Mater Dei, ora pro nobis pec­ca­to­ri­bus, nunc et in hora mor­tis nostrae.“

Doch bis zu jenem Tag bezeich­ne­ten die Wor­te – nunc und in hora mor­tis – zwei ver­schie­de­ne Zeit­punk­te. Das nunc war die Gegen­wart; die hora mor­tis, die Todes­stun­de, gehör­te einer unbe­kann­ten Zukunft an. Vor den Geweh­ren der Repu­bli­ka­ner gab es zum ersten Mal kei­nen Abstand mehr zwi­schen die­sen bei­den Momen­ten. Er hat­te die letz­ten Wor­te – „und in der Stun­de unse­res Todes“ – nicht mehr aus­ge­spro­chen, weil die Stun­de des Todes mit dem Jetzt zusam­men­fiel, mit dem gegen­wär­ti­gen Augenblick.

Das Ave Maria war nicht län­ger eine Bit­te für die Zukunft; es war zum Gebet der Gegen­wart gewor­den. Alle Ave Maria sei­nes Lebens lie­fen in jenem letz­ten Ave Maria zusam­men, das mit dem Wort „jetzt“ endete …

Die Geste Cha­ret­tes ent­hielt eine tief­ge­hen­de geist­li­che Theologie.

Der hei­li­ge Alfons Maria von Liguo­ri kom­men­tiert in den Herr­lich­kei­ten Mari­ens die letz­ten Wor­te des Ave Maria – „Sanc­ta Maria, Mater Dei, ora pro nobis pec­ca­to­ri­bus, nunc et in hora mor­tis nost­rae“ – folgendermaßen:

„Betet immer: Betet jetzt, da wir noch im Leben ste­hen, mit­ten in so vie­len Ver­su­chun­gen und Gefah­ren, Gott zu ver­lie­ren; aber betet noch mehr in der Stun­de unse­res Todes, wenn wir im Begriff sein wer­den, die­se Welt zu ver­las­sen und vor dem gött­li­chen Gericht zu erscheinen.“

Das nunc ist die Zeit des Kamp­fes: „Ver­su­chun­gen und Gefah­ren, Gott zu ver­lie­ren“. Die hora mor­tis ist der Augen­blick, in dem der Kampf endet und der Mensch vor das gött­li­che Gericht tre­ten wird.

Wann immer wir das Ave Maria beten, erbit­ten wir zwei Gna­den: die Gna­de, die not­wen­dig ist, um im gegen­wär­ti­gen Augen­blick treu zu blei­ben, und die Gna­de der end­gül­ti­gen Beharr­lich­keit im letz­ten Augen­blick. Die bei­den Zei­ten, die im Ave Maria ent­hal­ten sind, sind das nunc, der gegen­wär­ti­ge Augen­blick, und die hora mor­tis nost­rae, die Stun­de unse­res Todes.

Maria soll uns jetzt bei­ste­hen, weil jeder Augen­blick des Lebens der Gefahr der Sün­de aus­ge­setzt ist; vor allem aber soll sie uns in der Stun­de unse­res Todes bei­ste­hen – jenem Augen­blick, in dem sich die See­le vom Leib trennt, die­se Welt ver­läßt und vor das Gericht Got­tes tritt. Die Stun­de des Todes ist die ent­schei­den­de Stun­de, auf die gewis­ser­ma­ßen alle ande­ren Stun­den vor­be­rei­ten. Das Leben ist eine Abfol­ge von „Jetzt“, bis zum letz­ten Jetzt – jenem Augen­blick, in dem das nunc mit der hora mor­tis zusammenfällt.

Der hei­li­ge Lud­wig Maria Gri­g­nion de Mont­fort, der Apo­stel der Ven­dée, der 1714 starb, kom­men­tiert in sei­nem Werk Das wun­der­ba­re Geheim­nis des hei­li­gen Rosen­kran­zes die­ses nunc. Er erin­nert dar­an, daß „wir mit Sicher­heit nur die­sen gegen­wär­ti­gen Augen­blick haben“.

„Betet für uns jetzt“, schreibt er, „das heißt wäh­rend die­ses kur­zen, zer­brech­li­chen und arm­se­li­gen Lebens; jetzt, weil wir mit Sicher­heit nur den gegen­wär­ti­gen Augen­blick besitzen.“

Die Stun­de unse­res Todes sei, so schreibt er, eine „schreck­li­che und gefähr­li­che“ Stun­de, in der die Kräf­te des Men­schen erschöpft sind, Leib und Geist durch Lei­den und Furcht nie­der­ge­drückt wer­den und der Teu­fel sei­ne Anstren­gun­gen ver­dop­pelt, weil gera­de in die­sem Augen­blick über unser Schick­sal für die gan­ze Ewig­keit ent­schie­den wird.

Des­halb bit­tet der hei­li­ge Lud­wig Maria die Got­tes­mut­ter, in der Stun­de des Todes die Dämo­nen fern­zu­hal­ten, die See­le aus der sie umhül­len­den Fin­ster­nis zu erleuch­ten, und ruft sie an:

„Füh­re uns, beglei­te uns zum Rich­ter­stuhl unse­res Rich­ters, dei­nes Sohnes.“

Der Hei­li­ge der Ven­dée emp­fiehlt außer­dem beim Beten des Rosen­kran­zes eine Pau­se zwi­schen dem Wort „jetzt“ und den Wor­ten „in der Stun­de unse­res Todes“. Das nunc ist die ein­zi­ge Zeit, die wir wirk­lich besit­zen. Doch unter allen nunc unse­res Daseins wird es eines geben, das sich von den ande­ren unter­schei­det: das letzte.

Am 29. März 1796 trenn­te die­se Pau­se nicht mehr zwei ver­schie­de­ne Zei­ten. Für Cha­ret­te, der dem Erschie­ßungs­kom­man­do gegen­über­stand, waren die­se bei­den Zei­ten zusam­men­ge­fal­len: Das nunc war zur hora mor­tis geworden.

Indem der Gene­ral der Ven­dée die Hand hob, um das Zei­chen zum Feu­ern zu geben, emp­fahl er sei­ne See­le ein letz­tes Mal Gott.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*