Von Roberto de Mattei*
Es war fast fünf Uhr nachmittags am 29. März 1796, als François-Athanase de Charette, der heldenhafte General der Vendée, einfacher bekannt als Monsieur de Charette, das Gefängnis von Bouffay verließ, um den letzten Abschnitt seines Weges anzutreten.
Sechs Tage zuvor war er in den Wäldern von Chabotterie gefangengenommen worden – verwundet und erschöpft, nach drei Jahren unermüdlichen Widerstands. Nun ging er zur Place des Agriculteurs, wo das Erschießungskommando auf ihn wartete. Er war zweiunddreißig Jahre alt und hatte drei Jahre lang an der Spitze des Aufstands der Vendée die Armeen der revolutionären Republik in Schach gehalten.
Wegen seiner Verletzungen ging er langsam, doch mit erhobenem Haupt und voller Stolz. Sein linker Arm wurde von einer Schlinge gehalten. Auf dem Kopf trug er ein rotes Tuch, mit einer gewissen Eleganz geknotet – beinahe die letzte Eitelkeit jenes Marineoffiziers, der er gewesen war, bevor er zum „König der Vendée“ wurde. Charette betete leise das Miserere und ließ dabei die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten.
Als der Zug in die Rue de Gorges einbog, hob der General für einen Augenblick den Blick zu einem Fenster. Seine Schwester hatte ihm gesagt, daß er dort jemanden antreffen würde. Ein schwarz gekleideter alter Mann hielt ein weißes Tuch in der Hand. Es war ein romtreuer Priester, der den Eid auf die Revolution verweigerte – ein sogenannter „refraktärer“ Priester –, wie auch Abbé Guibert, der an seiner Seite ging.
Charette senkte den Kopf. Hinter dem Fenster machte die Hand des Priesters das Kreuzzeichen. Es war die letzte Absolution.
Der Platz war nun ganz nahe. Fünftausend Soldaten bildeten ein riesiges Viereck. Achtzehn Männer waren für das Erschießungskommando ausgewählt worden, das ihn hinrichten sollte. Vor der Mauer stand bereits ein Sarg bereit.
Der ihn begleitende Abbé sprach ihm einige tröstende Worte zu. Charette antwortete ruhig:
„Hundertmal habe ich dem Tod getrotzt. Nun gehe ich ihm zum letzten Mal entgegen, ohne ihm zu trotzen und ohne ihn zu fürchten.“
Er lehnte die Augenbinde ab und bat den Offizier, der die Hinrichtung befehligte, ihm zu gestatten, dem Erschießungskommando selbst nach einem letzten Ave Maria das Zeichen zum Feuern zu geben. Die Bitte wurde ihm gewährt. Er sprach das Gebet laut bis zu den letzten Worten:
„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt …“
Hier hielt er inne, hob die Hand und gab den Befehl zum Feuern. Achtzehn Kugeln trafen ihn. Er fiel zu Boden und gab seine Seele Gott zurück.
Charette hatte in seinem Leben gewiß tausende Male gesprochen:
„Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae.“
Doch bis zu jenem Tag bezeichneten die Worte – nunc und in hora mortis – zwei verschiedene Zeitpunkte. Das nunc war die Gegenwart; die hora mortis, die Todesstunde, gehörte einer unbekannten Zukunft an. Vor den Gewehren der Republikaner gab es zum ersten Mal keinen Abstand mehr zwischen diesen beiden Momenten. Er hatte die letzten Worte – „und in der Stunde unseres Todes“ – nicht mehr ausgesprochen, weil die Stunde des Todes mit dem Jetzt zusammenfiel, mit dem gegenwärtigen Augenblick.
Das Ave Maria war nicht länger eine Bitte für die Zukunft; es war zum Gebet der Gegenwart geworden. Alle Ave Maria seines Lebens liefen in jenem letzten Ave Maria zusammen, das mit dem Wort „jetzt“ endete …
Die Geste Charettes enthielt eine tiefgehende geistliche Theologie.
Der heilige Alfons Maria von Liguori kommentiert in den Herrlichkeiten Mariens die letzten Worte des Ave Maria – „Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae“ – folgendermaßen:
„Betet immer: Betet jetzt, da wir noch im Leben stehen, mitten in so vielen Versuchungen und Gefahren, Gott zu verlieren; aber betet noch mehr in der Stunde unseres Todes, wenn wir im Begriff sein werden, diese Welt zu verlassen und vor dem göttlichen Gericht zu erscheinen.“
Das nunc ist die Zeit des Kampfes: „Versuchungen und Gefahren, Gott zu verlieren“. Die hora mortis ist der Augenblick, in dem der Kampf endet und der Mensch vor das göttliche Gericht treten wird.
Wann immer wir das Ave Maria beten, erbitten wir zwei Gnaden: die Gnade, die notwendig ist, um im gegenwärtigen Augenblick treu zu bleiben, und die Gnade der endgültigen Beharrlichkeit im letzten Augenblick. Die beiden Zeiten, die im Ave Maria enthalten sind, sind das nunc, der gegenwärtige Augenblick, und die hora mortis nostrae, die Stunde unseres Todes.
Maria soll uns jetzt beistehen, weil jeder Augenblick des Lebens der Gefahr der Sünde ausgesetzt ist; vor allem aber soll sie uns in der Stunde unseres Todes beistehen – jenem Augenblick, in dem sich die Seele vom Leib trennt, diese Welt verläßt und vor das Gericht Gottes tritt. Die Stunde des Todes ist die entscheidende Stunde, auf die gewissermaßen alle anderen Stunden vorbereiten. Das Leben ist eine Abfolge von „Jetzt“, bis zum letzten Jetzt – jenem Augenblick, in dem das nunc mit der hora mortis zusammenfällt.
Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort, der Apostel der Vendée, der 1714 starb, kommentiert in seinem Werk Das wunderbare Geheimnis des heiligen Rosenkranzes dieses nunc. Er erinnert daran, daß „wir mit Sicherheit nur diesen gegenwärtigen Augenblick haben“.
„Betet für uns jetzt“, schreibt er, „das heißt während dieses kurzen, zerbrechlichen und armseligen Lebens; jetzt, weil wir mit Sicherheit nur den gegenwärtigen Augenblick besitzen.“
Die Stunde unseres Todes sei, so schreibt er, eine „schreckliche und gefährliche“ Stunde, in der die Kräfte des Menschen erschöpft sind, Leib und Geist durch Leiden und Furcht niedergedrückt werden und der Teufel seine Anstrengungen verdoppelt, weil gerade in diesem Augenblick über unser Schicksal für die ganze Ewigkeit entschieden wird.
Deshalb bittet der heilige Ludwig Maria die Gottesmutter, in der Stunde des Todes die Dämonen fernzuhalten, die Seele aus der sie umhüllenden Finsternis zu erleuchten, und ruft sie an:
„Führe uns, begleite uns zum Richterstuhl unseres Richters, deines Sohnes.“
Der Heilige der Vendée empfiehlt außerdem beim Beten des Rosenkranzes eine Pause zwischen dem Wort „jetzt“ und den Worten „in der Stunde unseres Todes“. Das nunc ist die einzige Zeit, die wir wirklich besitzen. Doch unter allen nunc unseres Daseins wird es eines geben, das sich von den anderen unterscheidet: das letzte.
Am 29. März 1796 trennte diese Pause nicht mehr zwei verschiedene Zeiten. Für Charette, der dem Erschießungskommando gegenüberstand, waren diese beiden Zeiten zusammengefallen: Das nunc war zur hora mortis geworden.
Indem der General der Vendée die Hand hob, um das Zeichen zum Feuern zu geben, empfahl er seine Seele ein letztes Mal Gott.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom. De Mattei ist zudem Autor zahlreicher Standardwerke, Vorsitzender der Stiftung Lepanto für den Erhalt der katholischen Tradition, Schriftleiter des Internetmediums Corrispondenza Romana und der Monatszeitschrift Radici Cristiane. Von 2002 bis 2011 war er Vizepräsident des italienischen Nationalen Forschungsrates (CNR) mit Zuständigkeit für die Geisteswissenschaften. Er veröffentlichte mehr als dreißig Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
Hinterlasse jetzt einen Kommentar