Von Roberto de Mattei*
Am 23. Oktober 1956 füllten sich die Straßen Budapests mit jungen Menschen. Sie trugen ungarische Fahnen, aus denen das kommunistische Wappen herausgeschnitten worden war: Das dadurch entstandene Loch in der Mitte wurde zum Symbol einer Nation, die ihr eigenes Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen wollte. Am Abend wurde die gewaltige Stalin-Statue gestürzt. Vom Denkmal blieben lediglich die Stiefel auf dem Sockel zurück – ein beinahe groteskes Bild einer Macht, die den Anspruch erhoben hatte, die Gewissen zu beherrschen, und nun plötzlich ins Wanken zu geraten schien.
Siebzig Jahre später besitzt der ungarische Aufstand noch immer eine Kraft, die durch keine bloß formelle Gedenkveranstaltung abgeschwächt werden sollte. Es war die Rebellion eines Volkes gegen eine Diktatur, die von sowjetischen Waffen gestützt wurde, zugleich aber auch die blutige Widerlegung einer Lüge: der Behauptung, der Kommunismus stehe für die Befreiung der Arbeiter. In Budapest kämpften die Arbeiter Seite an Seite mit den Studenten gegen jenen Staat, der vorgab, in ihrem Namen zu herrschen.
Nach dem Krieg war Ungarn nach und nach einem Regime unterworfen worden, das nach dem Vorbild der Sowjetunion gestaltet war. Die Herrschaft von Mátyás Rákosi1 bedeutete politische Geheimpolizei, Verhaftungen, manipulierte Gerichtsverfahren, Kollektivierung und religiöse Verfolgung. Die Partei wollte jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens kontrollieren. Die katholische Kirche stellte dabei ein besonders gefürchtetes Hindernis dar, denn sie bewahrte eine Autorität und eine Treue, die nicht vom Staat abhängig waren.
Der Tod Stalins im Jahre 1953 und die Anprangerung einiger seiner Verbrechen durch Nikita Chruschtschow im Februar 1956 hatten Hoffnungen auf einen Wandel geweckt. Die Unruhen in Polen verstärkten diese Erwartungen. Am 23. Oktober gingen ungarische Studenten auf die Straße und forderten politische Freiheit sowie den Abzug der sowjetischen Truppen. Vor dem Gebäude des Rundfunks eröffnete die politische Geheimpolizei das Feuer auf die Demonstranten. Aus dem Protest wurde ein Aufstand. Die ersten sowjetischen Panzer stießen auf einen unerwartet heftigen Widerstand. In den Straßen der Hauptstadt forderten Jugendliche mit Gewehren und Molotowcocktails eine der größten Militärmächte der Welt heraus.
Zu den Forderungen der Aufständischen gehörte die Freilassung von Kardinal József Mindszenty, Erzbischof von Esztergom und Primas von Ungarn. Er wurde 1892 geboren, 1945 zum Erzbischof ernannt und 1946 von Pius XII. zum Kardinal erhoben. Bereits 1944 hatte er unter dem Regime der Pfeilkreuzler das Gefängnis kennengelernt.
Als die Kommunisten begannen, die ungarische Gesellschaft zu erobern, verteidigte Mindszenty die katholischen Schulen, die kirchlichen Vereinigungen, die Freiheit der Erziehung und die Unabhängigkeit der Kirche. Das Regime erkannte, daß es den Primas brechen mußte, um die eigene Herrschaft zu festigen. Am 26. Dezember 1948 wurde er verhaftet, körperlicher Gewalt und psychischem Druck ausgesetzt und schließlich vor ein Gericht gezerrt. In einem Schauprozeß, der von vornherein darauf angelegt war, ihn in Mißkredit zu bringen, wurde er am 8. Februar 1949 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Der Fall Mindszenty zeigte das wahre Gesicht der kommunistischen Verfolgung: den Hirten zu treffen, ihn von seiner Herde zu isolieren und seine Autorität öffentlich zu zerstören. Doch das Gefängnis konnte sein Ansehen nicht auslöschen. In den Augen vieler Ungarn wurde der Kardinal das Symbol des katholischen Widerstands.
Von Rom aus verfolgte Pius XII. die Ereignisse mit außerordentlicher Anteilnahme. Am 28. Oktober veröffentlichte er die Enzyklika Luctuosissimi eventus. Darin rief er die Weltkirche dazu auf, für das blutüberströmte Ungarn und für die anderen Völker im östlichen Europa zu beten, denen ihre Freiheit genommen worden war. Unterdessen war Kardinal Mindszenty am 30. Oktober freigelassen worden und erreichte Budapest, wo ihn begeisterte Menschenmengen empfingen.
Am 1. November brachte der Papst mit einer zweiten Enzyklika, Laetamur admodum, seine Freude über die wiedergewonnene Freiheit der Kardinäle József Mindszenty und Stefan Wyszyński, Erzbischof von Gnesen und Warschau, zum Ausdruck. Beide waren zuvor von ihren jeweiligen Amtssitzen entfernt worden und kehrten nun in ihre Positionen zurück, die mit Ehre und Verantwortung verbunden waren.
Die Illusion währte nur wenige Tage. Die Regierung von Imre Nagy2 hatte die Rückkehr zum politischen Pluralismus angekündigt und am 1. November die Neutralität Ungarns sowie den Austritt des Landes aus dem Warschauer Pakt erklärt. Im Morgengrauen des 4. November begann die sowjetische Armee einen erneuten, massiven Angriff. Moskau setzte die Regierung von János Kádár3 durch. Der Widerstand wurde verzweifelt fortgesetzt, während der Westen militärisch nicht eingriff: Die Suezkrise war auf ihrem Höhepunkt, und zugleich drohte eine direkte Konfrontation mit der Sowjetunion.
Am 5. November veröffentlichte Pius XII. seine dritte Enzyklika, Datis nuperrime. Darin prangerte er die Zerstörung der gerade erst wiederhergestellten Institutionen und die mit ausländischen Waffen aufgezwungene Knechtschaft an. Unter Hinweis auf das Blut Abels erinnerte er daran, daß Gott auch über das Unrecht richtet, das von Herrschern und Nationen begangen wird. Wenige Tage später, in seiner Rundfunkbotschaft vom 10. November, stellte der Papst der Welt eine Frage: „Kann die Welt diesen Brüdern gegenüber gleichgültig bleiben und sie ihrem Schicksal überlassen, einer erniedrigenden Sklaverei ausgeliefert?“ Doch seinen nachdrücklichsten Schritt unternahm er in seiner Rundfunkweihnachtsbotschaft vom 23. Dezember, in der Pius XII. offenbarte, daß er erwogen hatte, einen Kreuzzug zur Verteidigung des unterdrückten Ungarn auszurufen.
Die Bilanz der Niederschlagung des Aufstandes war furchtbar: Mehr als 2.500 Ungarn wurden getötet, rund 200.000 Menschen flohen aus dem Land. Es folgten Verhaftungen, Verurteilungen und Repressalien. Imre Nagy sollte 1958 gehängt werden. Mindszenty fand Zuflucht in der US-amerikanischen Gesandtschaft in Budapest. Dort blieb er bis 1971, nachdem er fast fünfzehn Jahre lang in Isolation gelebt hatte – ein lebendiges Zeugnis der Freiheit, die seinem Vaterland verweigert wurde.
Während des VIII. Parteitags der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) im Dezember 1956 lobte Giorgio Napolitano4, der seit drei Jahren kommunistischer Abgeordneter war, die sowjetische Invasion in Ungarn ohne jede Einschränkung. Er erklärte, die sowjetische Intervention habe dazu beigetragen, die Konterrevolution zu verhindern und „den Frieden in der Welt zu retten“. Erst fünfzig Jahre später schrieb er in einem Buch, daß er diese Haltung bereue.
Auch der Sozialist Sandro Pertini5, der Stalin bereits am Tag nach dessen Tod überschwänglich gewürdigt hatte, prangerte in einem Artikel, der am 3. November von der kommunistischen Tageszeitung L’Unità aufgegriffen wurde, das „Gespenst der Reaktion“ und den „konservativen Klerikalismus“ an. Zugleich erklärte er, sich den ungarischen Kommunisten geistig verbunden zu fühlen.
In seinem Buch „Budapest 1956. La macchina del fango. La stampa del PCI e la rivoluzione ungherese: un caso esemplare di disinformazione“ („Budapest 1956. Die Schmutzkampagne. Die Presse des PCI und die ungarische Revolution: ein exemplarischer Fall von Desinformation“; Lindau, Turin 2016) zeichnet Alessandro Frigerio sorgfältig nach, wie die kommunistische und sozialistische Presse Italiens die Aufständischen zu diskreditieren und die sowjetische Repression zu rechtfertigen versuchte. Besonderes Augenmerk legt er dabei auf die Verantwortung des PCI-Generalsekretärs Palmiro Togliatti sowie der Brüder Giuliano und Giancarlo Pajetta.
Sandro Pertini war von Juli 1978 bis Juni 1985 Präsident der Italienischen Republik, Giorgio Napolitano von Mai 2006 bis Januar 2015. Somit hatte die Italienische Republik mehr als fünfzehneinhalb Jahre lang zwei sozialistische bzw. kommunistische Politiker an ihrer Staatsspitze, die in den Tagen der ungarischen Tragödie den sowjetischen Militäreinsatz offen gerechtfertigt hatten.
In den siebzig Jahren, die uns von der ungarischen Revolution trennen, hat kein Vertreter der antikommunistischen Rechten jemals das Amt des italienischen Staatspräsidenten erlangt. Die Seligsprechungsverfahren für die ehrwürdigen Diener Gottes Pius XII. und József Mindszenty kommen nicht mit jener Geschwindigkeit voran, mit der andere kirchliche Persönlichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten zur Ehre der Altäre erhoben worden sind.
Wir hoffen, daß auch sie unter dem Pontifikat Leos XIV. zur Ehre der Altäre gelangen können und daß der Jahrestag des heldenhaften ungarischen Aufstands nicht in Vergessenheit gerät.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
Bücher von Prof. Roberto de Mattei in deutscher Übersetzung und die Bücher von Martin Mosebach können Sie bei unserer Partnerbuchhandlung beziehen.
Übersetzung/Fußnoten: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
- Matyas Rosenfeld, der spätere Matyas Rakosi, wurde am 9. März 1892 als Sohn einer jüdischen Familie in Ada in der Wojwodina, damals Königreich Ungarn, heute Serbien, geboren. Er absolvierte ein kaufmännische Ausbildung. In russischer Gefangenschaft während des Ersten Weltkrieges wurde er zum überzeugten Bolschewiken. 1919 gehörte er in Budapest der Regierung der kommunistischen Räterepublik von Bela Kun an. Nach deren Scheitern ging er in die Sowjetunion. Von dort zur kommunistischen Agitation nach Ungarn zurückgekehrt, verbrachte er deshalb von 1925 bis 1939 im Gefängnis. Mit der Roten Armee kehrte er 1944 aus der Sowjetunion nach Ungarn zurück und wurde Generalsekretär der Kommunistischen Partei Ungarns, die bei den ersten Nachkriegswahlen aber nur 17 Prozent der Stimmen erringen konnten. Mit Hilfe der Sowjetmacht gelang dennoch die Machtübernahme, sodaß Rakosi, „Stalins bester Schüler“, Ungarn von 1946 bis 1956 diktatorisch beherrschte. ↩︎
- Imre Nagy wurde am 7. Juni 1896 in Kaposvar im südwestlichen Ungarn geboren. In russischer Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg wurde der gelernte Maschinenschlosser zum Bolschewiken und nahm in der Roten Armee an der Oktoberrevolution teil. Er wurde vom sowjetischen Geheimdienst Tscheka ausgebildet. 1919 gehörte er wie Rákosi der Regierung der kurzzeitigen kommunistischen Räterepublik von Bela Kun an. 1929 ging er in die Sowjetunion, wo er der Komintern angehörte und als Informant für den Tscheka-Nachfolger NKWD arbeitete. 1944 kehrte er mit der Roten Armee nach Ungarn zurück. 1944/45 war er ungarischer Landwirtschaftsminister, 1945/46 Innenminister. Damals wurden 60.000 Ungarndeutsche zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Als Innenminister ließ er weitere 200.000 Ungarndeutsche enteignen und vertreiben. Er war dann Parlamentspräsident und von 1953 bis 1955 erstmals Ministerpräsident. Damals propagierte er den „Neuen Kurs“ des Sozialismus, fiel aber zwei Jahren beim Politbüro der Sozialistischen Arbeiterpartei in Ungnade und wurde aus seinen Ämtern entfernt. Im Zuge des ungarischen Volksaufstandes wurde er im Herbst 1956 erneut kurzzeitig Ministerpräsident Ungarns. Von sowjetischen Truppen verhaftet, wurde Nagy 1958 nach einem geheimen Prozeß wegen Hochverrats hingerichtet. ↩︎
- Janos Kadar, eigentlich Janos Czermanik, wurde am 26. Mai 1912 in Fiume (heute Rijeka, Kroatien) als Sohn einer slowakischen Mutter und eines deutschstämmigen Vaters geboren. Da die Eltern nie heirateten, trug er den Namen seiner Mutter. Als 17jähriger schloß er sich den Kommunisten an und wurde inhaftiert. Im Gefängnis lernte er Mátyás Rákosi kennen. 1943 wurde er in Vertretung Rákosis Generalsekretär der Kommunistischen Partei Ungarns unter dem Kampfnamen János Kádár, den er sich 1945 auch offiziell zulegte. 1948 bis 1950 wurde er Innenminister und baute die Geheimpolizei auf, die für die stalinistische Repression verantwortlich zeichnete. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes wurde er Ende 1956 von den Sowjets als neuer Machthaber in Ungarn installiert. Er beherrschte das Land als Generalsekretär der Sozialistischen Arbeiterpartei bis 1988. ↩︎
- Giorgio Napolitano war von 1953 bis 1996 Parlamentsabgeordneter der Kommunistischen Partei Italiens, dann von deren Nachfolgeparteien Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) und der Linksdemokraten (DS). Von 1989 bis 2004 war er mit Unterbrechung Abgeordneter zum EU-Parlament, von 1996 bis 1998 italienischer Innenminister, von 2005 bis zu seinem Tod 2023 Senator auf Lebenszeit und von 2006 bis 2015 Staatspräsident von Italien. ↩︎
- Sandro Pertini wurde nach dem Ersten Weltkrieg Funktionär der Sozialistischen Partei Italiens. Von 1935 bis 1943 war er während der faschistischen Herrschaft auf der Insel Ventotene interniert. Nach seiner Freilassung schloß er sich den Partisanen an und gehörte zum Entscheidungsgremium, von dem das Attentat auf eine deutsche Polizeieinheit in der römischen Via Rassella beschlossen wurde. Da sich die Täter trotz eines deutschen Ultimatums nicht stellten, wurden wie angekündigt im Rahmen der Haager Landkriegsordnung für jeden getöteten Polizisten Erschießungen im Verhältnis 1:10 vorgenommen, die bis heute die Gemüter der italienischen Innenpolitik bewegen. Die Hingerichteten waren vor allem politische Gegner des Faschismus. Pertini hingegen wurde von 1946 bis 1978 durchgehend Parlamentsabgeordneter oder Senator der Sozialistischen Partei Italiens, die sich von 1945 bis zur Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes 1956 in einer Volksfront mit der Kommunistischen Partei Italiens befand. Von 1978 bis 1985 war Pertini Staatspräsident von Italien und anschließend bis zu seinem Tod im Jahr 1990 Senator auf Lebenszeit. ↩︎
Hinterlasse jetzt einen Kommentar