Das Marienbild von Papst Leo XIV.

Kein Rupnik mehr

Papst Leo XIV. mit Unserer Lieben Frau vom Guten Rat
Papst Leo XIV. mit Unserer Lieben Frau vom Guten Rat

Eine Anspie­lung auf Mar­ko Ivan Rup­nik drängt sich zwangs­läu­fig auf. Der von Leo XIV. so gerühm­te Vor­gän­ger war ein aus­ge­spro­che­ner Bewun­de­rer des umstrit­te­nen ehe­ma­li­gen Jesui­ten und hielt bis zu sei­nen letz­ten Lebens­ta­gen dar­an fest, ein Werk Rup­niks in sei­nen Pri­vat­räu­men in San­ta Mar­ta hän­gen zu haben. Nun hat auch Leo XIV. ein Andachts­bild in sei­nen pri­va­ten Räu­men im Apo­sto­li­schen Palast – aller­dings eines, das eine ganz ande­re Geschich­te erzählt: Es ver­bin­det tra­di­tio­nel­le Sakral­kunst mit sei­ner geist­li­chen Her­kunft und sei­ner lang­jäh­ri­gen Bezie­hung zur Stadt Chicago.

Der Fern­seh­sen­der WGN-TV aus Chi­ca­go berich­te­te am 19. Okto­ber 2026 über das unge­wöhn­li­che Geschenk. Der Bei­trag von Mike Lowe trägt den Titel „Von Ander­son­ville in den Apo­sto­li­schen Palast: Wie eine in Chi­ca­go gemal­te Iko­ne heu­te den Papst inspi­riert“. Im Mit­tel­punkt steht eine Dar­stel­lung der Mut­ter vom Guten Rat, geschaf­fen vom Chi­ca­go­er Iko­nen­ma­ler Joseph Malham.

Ein Geschenk mit persönlicher Bedeutung

Der Rechts­an­walt Micha­el Air­do woll­te Leo XIV. bei einem Besuch nicht irgend­ein Geschenk über­rei­chen. Er erin­ner­te sich dar­an, daß der heu­ti­ge Papst 1977 den Augu­sti­nern im Mitt­le­ren Westen der USA bei­getre­ten war. Die Ordens­pro­vinz in Chi­ca­go trägt den Namen Unse­rer Lie­ben Frau vom Guten Rat, deren Ver­eh­rung dort eine wich­ti­ge Rol­le spielt.

Die Wahl der Iko­ne war des­halb kein Zufall. Sie soll­te den Papst an sei­ne augu­sti­ni­schen Wur­zeln und an die Stadt erin­nern, in der er gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist.

Der Augu­sti­ner­pa­ter Joe Ruiz, der vor Pre­vost, damals Gene­ral­pri­or des Augu­sti­ner­or­dens, die fei­er­li­che Pro­feß abge­legt hat­te, erläu­ter­te die geist­li­che Bedeu­tung des Mari­en­ti­tels anhand der Hoch­zeit zu Kana. Maria ver­weist dort auf Jesus und for­dert die Die­ner auf, zu tun, was er ihnen sagt. Der Gute Rat Mari­ens besteht dem­nach gera­de dar­in, zu Chri­stus zu führen.

Der Pro­to­typ der Mater Boni Con­si­lii ist das Gna­den­bild von Gen­az­z­a­no, einem Mari­en­hei­lig­tum 50 Kilo­me­ter süd­öst­lich von Rom. Die dor­ti­ge Mari­en­kir­che wird seit dem Jahr 1356 von den Augu­sti­ner-Ere­mi­ten (heu­te Augu­sti­ner­or­den) betreut, dem Leo XIV. bis zu sei­ner Wahl zum Papst ange­hör­te. Im Jahr 1467 soll das Gna­den­bild am Fest des hei­li­gen Mar­kus auf wun­der­ba­re Wei­se an der Kir­chen­wand erschie­nen sein.

Nur zwei Tage nach sei­ner Wahl zum Papst führ­te Leo XIV. sein erster Besuch außer­halb des Vati­kans am 10. Mai 2025 nach Gen­az­z­a­no. Dort bete­te er vor dem Gna­den­bild der Mut­ter vom Guten Rat, des­sen Besuch er als ein tie­fes per­sön­li­ches Bedürf­nis bezeichnete.

Traditionelle Kunst aus Chicago

Air­do war auf die Arbei­ten Joseph Mal­hams in der Pfar­rei St. Rita im Süden Chi­ca­gos auf­merk­sam gewor­den und beauf­trag­te ihn mit dem Bild. Die christ­li­che Iko­no­gra­phie folgt über­lie­fer­ten Bild­tra­di­tio­nen. Ver­wen­det wer­den unter ande­rem Blatt­gold und Eitem­pe­ra – Tech­ni­ken, die hand­werk­li­che Erfah­rung und viel Geduld erfordern.

Für den Auf­trag blie­ben Mal­ham nur etwa zehn Tage. Er ent­schied sich für eine tra­di­tio­nel­le Dar­stel­lung der gekrön­ten Got­tes­mut­ter, die das Jesus­kind in ihren Armen hält. Maria trägt Blau, als Zei­chen der Mensch­lich­keit und des Him­mels; das Rot des Gewan­des Chri­sti ver­weist auf sei­ne Gött­lich­keit und sein Opfer. Die fein aus­ge­ar­bei­te­ten flo­ra­len Orna­men­te und Schmuck­ele­men­te der Kro­ne erfor­der­ten meh­re­re zusätz­li­che Arbeitstage.

Als Mal­ham erfuhr, daß sei­ne Arbeit für den Papst bestimmt war, habe er zunächst gedacht, er kön­ne nun sei­ne Pin­sel nie­der­le­gen und in den Ruhe­stand gehen. Ein grö­ße­rer Auf­trag sei kaum vor­stell­bar. Im Gespräch mit WGN-TV schil­der­te er sicht­lich bewegt, daß eine Iko­ne, die er in einer Ecke sei­ner Küche im Chi­ca­go­er Stadt­teil Ander­son­ville gemalt hat­te, künf­tig den Nach­fol­ger des hei­li­gen Petrus in des­sen Gebets­le­ben beglei­ten sollte.

Ein Platz im Schlafzimmer des Papstes

Air­do über­reich­te die fer­ti­ge Iko­ne bei einer Begeg­nung mit Leo XIV. in des­sen Pri­vat­bi­blio­thek im Apo­sto­li­schen Palast. Nach sei­nen Anga­ben war der Papst von dem Bild fasziniert.

Leo XIV. erklär­te, die Iko­ne sol­le nicht bei den zahl­rei­chen ande­ren Geschen­ken lan­den, die im Vati­kan auf­be­wahrt oder für wohl­tä­ti­ge Zwecke wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Statt des­sen wer­de sie einen Platz in sei­nem Schlaf­zim­mer erhal­ten. Dort soll sie ihn an die Got­tes­mut­ter vom Guten Rat, an Chi­ca­go und an die Begeg­nung mit den Men­schen erin­nern, die die­ses Werk geschaf­fen und ermög­licht hatten.

Der Papst ließ sich mit der Iko­ne pho­to­gra­phie­ren und schrieb Mal­ham eine per­sön­li­che Nach­richt. Das auf den 26. August 2026 datier­te Schrei­ben beginnt mit den Wor­ten „Lie­ber Joe“. Leo XIV. bedankt sich dar­in für die schö­ne Iko­ne und für die Gebe­te des Künst­lers. Zugleich ver­si­chert er ihm, ihn in sei­ne eige­nen Gebe­te ein­zu­schlie­ßen. Die Nach­richt endet mit der Gruß­for­mel „Auf­rich­tig in Chri­stus, Leo XIV.“.

Für Mal­ham war die­se per­sön­li­che Anspra­che beson­ders bewe­gend. Sie habe ihm das Gefühl ver­mit­telt, als schrei­be ihm ein alter Freund.

Das Bild soll den Papst künf­tig im All­tag beglei­ten und Teil sei­nes per­sön­li­chen Gebets­le­bens wer­den. Dar­in liegt der eigent­li­che Sinn der Iko­nen­kunst: Sie dient nicht bloß der Deko­ra­ti­on, son­dern lädt zum Gebet ein, wobei die zen­tra­le Bot­schaft die­ser Dar­stel­lung die Auf­for­de­rung ist, die Maria bei der Hoch­zeit von Kana sprach: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5).

Wird damit die 30 Jah­re wäh­ren­de Ära Rup­niks zu Ende gehen? Die­se Posi­ti­on hat sich noch nicht in allen vati­ka­ni­schen Ämtern durch­ge­setzt. 1996 begann Rup­nik mit der Neu­ge­stal­tung der Kapel­le Redempto­ris Mater im Apo­sto­li­schen Palast. Es war sein erster Auf­trag, der ihn in den Vati­kan führ­te. Sie­he Dazu den Bei­trag: Das Rät­sel der zwei­fach neu­ge­stal­te­ten päpst­li­chen Kapel­le.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: WGN9/​Youtube (Screen­shots)

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