Von Roberto de Mattei*
Das Übernatürliche offenbart sich nicht nur in außergewöhnlichen Erscheinungen oder Visionen, sondern auch im gewöhnlichen Leben der Heiligen, das eine der wichtigsten Ausdrucksformen der Gegenwart Gottes in der Geschichte darstellt.
Das 20. Jahrhundert war im Vergleich zu anderen Epochen arm an Heiligen. Und doch schien eine charismatische Gestalt in sich einen großen Teil jener außergewöhnlichen Gaben zu vereinen, die seiner Zeit weitgehend fehlten. Diese Gestalt war Pater Pio von Pietrelcina. In seiner Person drängte sich das Übernatürliche erneut der Aufmerksamkeit einer Welt auf, die meinte, alles durch Wissenschaft und Technik erklären zu können. Er war der erste Priester in der Geschichte der Kirche, der die Stigmata empfing, jene sichtbaren Zeichen der Passion Christi, die seinem Körper eingeprägt waren.
Um den Stigmatisierten von San Giovanni Rotondo sammelten sich anschließend unzählige Berichte über Heilungen, Wunder, erstaunliche Bilokationen, Prophezeiungen und die Erkenntnis des Gewissens. Unter vielen anderen sei der Fall der Ärztin Wanda Półtawska erwähnt, die Pater Pio ihre wundersame Heilung von einem Tumor zuschrieb. Am 17. November 1962 schrieb der damalige Weihbischof von Krakau, Karol Wojtyła, an den Kapuziner und bat ihn, für sie zu beten. In einem zweiten Brief dankte er ihm und berichtete, daß die Frau ihre Gesundheit plötzlich wiedererlangt hatte, noch bevor der geplante Eingriff stattfinden konnte.
Francesco Forgione wurde am 25. Mai 1887 in Pietrelcina geboren. Im Januar 1903 trat er in das Noviziat der Kapuziner ein und nahm den Namen Bruder Pio an. 1907 legte er die feierlichen Gelübde ab, wurde 1910 zum Priester geweiht und kam 1916 nach San Giovanni Rotondo. Dort erschienen am 20. September 1918 die Stigmata an seinem Körper. Sie blieben volle fünfzig Jahre offen und bluteten, nachdem er in einer Vision Jesus Christus, den Gekreuzigten, gesehen hatte, der zu ihm gesagt hatte: „Ich vereinige dich mit meiner Passion.“
Das Leiden prägte sein gesamtes Leben. Er opferte es für die Bekehrung der Seelen auf und verband es mit einer unermüdlichen Tätigkeit im Beichtstuhl sowie mit konkreten Werken der Nächstenliebe. Das bekannteste unter ihnen ist die Casa Sollievo della Sofferenza („Haus zur Linderung des Leidens“), das Krankenhaus, das er in San Giovanni Rotondo errichten ließ, um die Behandlung des Körpers mit der geistlichen Betreuung der Kranken zu verbinden.
Pater Pio erlitt die Passion Christi körperlich, litt aber auch geistlich unter den Verleumdungen und Verfolgungen, denen er sogar seitens kirchlicher Autoritäten ausgesetzt war. Das Phänomen der Stigmata und der Ruf des Ordensmannes als Heiliger hatten in ganz Italien eine Frömmigkeitsbewegung ausgelöst und einen gewaltigen Zustrom von Menschen nach San Giovanni Rotondo zur Folge. Die Anwesenheit Pater Pios störte jedoch die moralisch nachlässige Situation, in der sich die Diözese Manfredonia befand, die durch das unmoralische Verhalten des Erzbischofs Pasquale Gagliardi und einiger seiner Mitarbeiter geprägt war. Der Erzbischof und diese Priester beschuldigten den unbequemen Kapuziner, Frauen zu verführen und die Stigmata künstlich erzeugt zu haben, um ihn loszuwerden.
Zu den Unterstützern der Kampagne gegen Pater Pio gehörte Pater Agostino Gemelli, der den Ordensmann 1920 in San Giovanni Rotondo aufsuchte, um die Stigmata zu untersuchen. Pater Pio stimmte jedoch nicht zu, sie ohne eine Genehmigung des Heiligen Offiziums zu zeigen. Obwohl Pater Gemelli den Kapuziner also überhaupt nicht untersucht hatte, schickte er noch am selben Tage einen Bericht nach Rom, in dem er erklärte, er halte die Stigmata für somatische Erscheinungen hysterischer Natur.
Das Heilige Offizium beauftragte daraufhin Bischof Raffaello Carlo Rossi mit der Durchführung einer Untersuchung. Rossi war ein frommer Karmelit, Bischof von Volterra und späterer Kardinal. Nach einer gründlichen Untersuchung legte er im Januar 1922 eine 123 Seiten umfassende Schrift mit 27 Dokumenten vor. Darin wies er Pater Gemellis These einer „Selbststigmatisierung“ durch Pater Pio zurück und erklärte, daß „das Außergewöhnliche, das in der Person Pater Pios geschieht, zwar nicht erklärt werden kann, wie es geschieht; es geschieht aber gewiß weder durch dämonisches Einwirken noch durch Täuschung oder Betrug“.
„Die Zukunft“, schrieb der Inquisitor des Heiligen Offiziums, „wird offenbaren, was man heute im Leben Pater Pios von Pietrelcina noch nicht erkennen kann.“
Inzwischen ergriffen einige Laien öffentlich Partei für den Kapuziner. Besonders hervorgetan haben sich der Bürgermeister von San Giovanni Rotondo, Francesco Morcaldi, und der Unternehmer Emanuele Brunatto, der Dokumente und Zeugenaussagen zusammentrug, um die gegen Pater Pio erhobenen Anschuldigungen zu widerlegen. Im Juni 1925 kam Brunatto nach Rom, wo er zwei umfangreiche Aktenbündel mit sich führte. Auf den Rat von Don Luigi Orione hin traf er Kardinal Merry del Val, den Sekretär des Heiligen Offiziums.
Der Kardinal hörte ihm aufmerksam zu, prüfte die von ihm vorgelegten Dokumente und beruhigte ihn mit den Worten: „Nein, Herr Brunatto, das Heilige Offizium hat Pater Pio nicht verurteilt. Wenn die Oberste Kongregation einen Priester verurteilen will, suspendiert sie ihn a divinis. Vergessen Sie schließlich nicht, daß alle Heiligen während ihres Lebens Prüfungen zu bestehen hatten, bisweilen auch sehr schwere.“
Eine vom 26. März bis zum 5. April 1927 unter strengster Geheimhaltung durchgeführte Apostolische Visitation zwang Erzbischof Gagliardi zum Rücktritt als Bischof von Manfredonia. Doch nach dem Tod von Kardinal Merry del Val im Mai 1931 entzog das Heilige Offizium Pater Pio die Erlaubnis, die Beichte zu hören und öffentlich die heilige Messe zu feiern.
Diese Einschränkung dauerte bis Juli 1933, doch der Streit kam damit nicht zur Ruhe. Zu den demütigendsten kirchenrechtlichen Untersuchungen, denen Pater Pio in den folgenden Jahren unterzogen wurde, gehörte jene, die von Johannes XXIII. veranlaßt wurde. Vom 13. Juli bis zum 2. Oktober 1960 entsandte er Bischof Carlo Maccari als Apostolischen Visitator nach San Giovanni Rotondo.
Diese Zeit sollte als die Phase der härtesten Verfolgung in Erinnerung bleiben, der der Heilige von Pietrelcina ausgesetzt war. Erst 1964, unter Paul VI., erhielt er wieder die Freiheit zur Ausübung seines priesterlichen Dienstes.
Pater Pio nahm die Entscheidungen seiner kirchlichen Oberen an, ohne mit der Kirche zu brechen, der er sein Leben geweiht hatte. Er gehorchte auch dann, wenn der Gehorsam für ihn bedeutete, von den Gläubigen getrennt zu sein, die ihn als Beichtvater suchten, und von den Seelen, die er geistlich führte. Er betrachtete die Kirche weiterhin als sein Zuhause, auch in den Jahren, in denen einige ihrer Vertreter ihm das Kreuz noch schwerer machten.
Diese Haltung bedeutet jedoch nicht, daß es keinen Raum gegeben hätte, die tatsächlichen Vorgänge bekannt zu machen. Die Vorsehung stellte ihm eine regelrechte Legion von Journalisten, Historikern, Wissenschaftlern und einfachen Gläubigen zur Seite, die ihn entschieden verteidigten und dazu beitrugen, gegenüber den ungerechten Anschuldigungen die Wahrheit wiederherzustellen.
Im Jahre 1967 vertraute Pater Pio seiner Nichte Pia Forgione an, wieviel Zeit ihm noch zu leben blieb. Die junge Frau schrieb das Gespräch schriftlich nieder und hinterlegte das Dokument bei einem Notar, noch bevor ihr Onkel am 23. September 1968 starb.
Pio von Pietrelcina wurde 1999 seliggesprochen und 2002 von Johannes Paul II. heiliggesprochen. Heute ist er eine der bekanntesten, meistgeliebten und am meisten verehrten religiösen Gestalten des katholischen Volkes. Sein liturgischer Gedenktag ist der 23. September.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom. De Mattei ist zudem Autor zahlreicher Standardwerke, Vorsitzender der Stiftung Lepanto für den Erhalt der katholischen Tradition, Schriftleiter des Internetmediums Corrispondenza Romana und der Monatszeitschrift Radici Cristiane. Von 2002 bis 2011 war er Vizepräsident des italienischen Nationalen Forschungsrates (CNR) mit Zuständigkeit für die Geisteswissenschaften. Er veröffentlichte mehr als dreißig Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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