Pio von Pietrelcina: der Heilige des Übernatürlichen

Eine der am meisten verehrten religiösen Gestalten des katholischen Volkes

Der heilige Pater Pio von Pietrelcina war 1918 der erste Priester der Kirchengeschichte, der die Stigmata Christi empfing. Diese brachten ihm viele und schwere Verfolgungen ein, auch durch die kirchlichen Autoritäten
Der heilige Pater Pio von Pietrelcina war 1918 der erste Priester der Kirchengeschichte, der die Stigmata Christi empfing. Diese brachten ihm viele und schwere Verfolgungen ein, auch durch die kirchlichen Autoritäten

Von Rober­to de Mattei*

Das Über­na­tür­li­che offen­bart sich nicht nur in außer­ge­wöhn­li­chen Erschei­nun­gen oder Visio­nen, son­dern auch im gewöhn­li­chen Leben der Hei­li­gen, das eine der wich­tig­sten Aus­drucks­for­men der Gegen­wart Got­tes in der Geschich­te darstellt.

Das 20. Jahr­hun­dert war im Ver­gleich zu ande­ren Epo­chen arm an Hei­li­gen. Und doch schien eine cha­ris­ma­ti­sche Gestalt in sich einen gro­ßen Teil jener außer­ge­wöhn­li­chen Gaben zu ver­ei­nen, die sei­ner Zeit weit­ge­hend fehl­ten. Die­se Gestalt war Pater Pio von Piet­rel­ci­na. In sei­ner Per­son dräng­te sich das Über­na­tür­li­che erneut der Auf­merk­sam­keit einer Welt auf, die mein­te, alles durch Wis­sen­schaft und Tech­nik erklä­ren zu kön­nen. Er war der erste Prie­ster in der Geschich­te der Kir­che, der die Stig­ma­ta emp­fing, jene sicht­ba­ren Zei­chen der Pas­si­on Chri­sti, die sei­nem Kör­per ein­ge­prägt waren.

Um den Stig­ma­ti­sier­ten von San Gio­van­ni Roton­do sam­mel­ten sich anschlie­ßend unzäh­li­ge Berich­te über Hei­lun­gen, Wun­der, erstaun­li­che Bilo­ka­tio­nen, Pro­phe­zei­un­gen und die Erkennt­nis des Gewis­sens. Unter vie­len ande­ren sei der Fall der Ärz­tin Wan­da Półtaws­ka erwähnt, die Pater Pio ihre wun­der­sa­me Hei­lung von einem Tumor zuschrieb. Am 17. Novem­ber 1962 schrieb der dama­li­ge Weih­bi­schof von Kra­kau, Karol Woj­ty­ła, an den Kapu­zi­ner und bat ihn, für sie zu beten. In einem zwei­ten Brief dank­te er ihm und berich­te­te, daß die Frau ihre Gesund­heit plötz­lich wie­der­erlangt hat­te, noch bevor der geplan­te Ein­griff statt­fin­den konnte.

Fran­ces­co For­gio­ne wur­de am 25. Mai 1887 in Piet­rel­ci­na gebo­ren. Im Janu­ar 1903 trat er in das Novi­zi­at der Kapu­zi­ner ein und nahm den Namen Bru­der Pio an. 1907 leg­te er die fei­er­li­chen Gelüb­de ab, wur­de 1910 zum Prie­ster geweiht und kam 1916 nach San Gio­van­ni Roton­do. Dort erschie­nen am 20. Sep­tem­ber 1918 die Stig­ma­ta an sei­nem Kör­per. Sie blie­ben vol­le fünf­zig Jah­re offen und blu­te­ten, nach­dem er in einer Visi­on Jesus Chri­stus, den Gekreu­zig­ten, gese­hen hat­te, der zu ihm gesagt hat­te: „Ich ver­ei­ni­ge dich mit mei­ner Pas­si­on.“

Das Lei­den präg­te sein gesam­tes Leben. Er opfer­te es für die Bekeh­rung der See­len auf und ver­band es mit einer uner­müd­li­chen Tätig­keit im Beicht­stuhl sowie mit kon­kre­ten Wer­ken der Näch­sten­lie­be. Das bekann­te­ste unter ihnen ist die Casa Sol­lie­vo del­la Sof­fe­ren­za („Haus zur Lin­de­rung des Lei­dens“), das Kran­ken­haus, das er in San Gio­van­ni Roton­do errich­ten ließ, um die Behand­lung des Kör­pers mit der geist­li­chen Betreu­ung der Kran­ken zu verbinden.

Pater Pio erlitt die Pas­si­on Chri­sti kör­per­lich, litt aber auch geist­lich unter den Ver­leum­dun­gen und Ver­fol­gun­gen, denen er sogar sei­tens kirch­li­cher Auto­ri­tä­ten aus­ge­setzt war. Das Phä­no­men der Stig­ma­ta und der Ruf des Ordens­man­nes als Hei­li­ger hat­ten in ganz Ita­li­en eine Fröm­mig­keits­be­we­gung aus­ge­löst und einen gewal­ti­gen Zustrom von Men­schen nach San Gio­van­ni Roton­do zur Fol­ge. Die Anwe­sen­heit Pater Pios stör­te jedoch die mora­lisch nach­läs­si­ge Situa­ti­on, in der sich die Diö­ze­se Man­fre­do­nia befand, die durch das unmo­ra­li­sche Ver­hal­ten des Erz­bi­schofs Pas­qua­le Gagli­ar­di und eini­ger sei­ner Mit­ar­bei­ter geprägt war. Der Erz­bi­schof und die­se Prie­ster beschul­dig­ten den unbe­que­men Kapu­zi­ner, Frau­en zu ver­füh­ren und die Stig­ma­ta künst­lich erzeugt zu haben, um ihn loszuwerden.

Zu den Unter­stüt­zern der Kam­pa­gne gegen Pater Pio gehör­te Pater Ago­sti­no Gemel­li, der den Ordens­mann 1920 in San Gio­van­ni Roton­do auf­such­te, um die Stig­ma­ta zu unter­su­chen. Pater Pio stimm­te jedoch nicht zu, sie ohne eine Geneh­mi­gung des Hei­li­gen Offi­zi­ums zu zei­gen. Obwohl Pater Gemel­li den Kapu­zi­ner also über­haupt nicht unter­sucht hat­te, schick­te er noch am sel­ben Tage einen Bericht nach Rom, in dem er erklär­te, er hal­te die Stig­ma­ta für soma­ti­sche Erschei­nun­gen hyste­ri­scher Natur.

Das Hei­li­ge Offi­zi­um beauf­trag­te dar­auf­hin Bischof Raf­fa­el­lo Car­lo Ros­si mit der Durch­füh­rung einer Unter­su­chung. Ros­si war ein from­mer Kar­me­lit, Bischof von Vol­ter­ra und spä­te­rer Kar­di­nal. Nach einer gründ­li­chen Unter­su­chung leg­te er im Janu­ar 1922 eine 123 Sei­ten umfas­sen­de Schrift mit 27 Doku­men­ten vor. Dar­in wies er Pater Gemel­lis The­se einer „Selbst­stig­ma­ti­sie­rung“ durch Pater Pio zurück und erklär­te, daß „das Außer­ge­wöhn­li­che, das in der Per­son Pater Pios geschieht, zwar nicht erklärt wer­den kann, wie es geschieht; es geschieht aber gewiß weder durch dämo­ni­sches Ein­wir­ken noch durch Täu­schung oder Betrug“.

„Die Zukunft“, schrieb der Inqui­si­tor des Hei­li­gen Offi­zi­ums, „wird offen­ba­ren, was man heu­te im Leben Pater Pios von Piet­rel­ci­na noch nicht erken­nen kann.“

Inzwi­schen ergrif­fen eini­ge Lai­en öffent­lich Par­tei für den Kapu­zi­ner. Beson­ders her­vor­ge­tan haben sich der Bür­ger­mei­ster von San Gio­van­ni Roton­do, Fran­ces­co Mor­cal­di, und der Unter­neh­mer Ema­nue­le Bru­n­at­to, der Doku­men­te und Zeu­gen­aus­sa­gen zusam­men­trug, um die gegen Pater Pio erho­be­nen Anschul­di­gun­gen zu wider­le­gen. Im Juni 1925 kam Bru­n­at­to nach Rom, wo er zwei umfang­rei­che Akten­bün­del mit sich führ­te. Auf den Rat von Don Lui­gi Orio­ne hin traf er Kar­di­nal Mer­ry del Val, den Sekre­tär des Hei­li­gen Offiziums.

Der Kar­di­nal hör­te ihm auf­merk­sam zu, prüf­te die von ihm vor­ge­leg­ten Doku­men­te und beru­hig­te ihn mit den Wor­ten: „Nein, Herr Bru­n­at­to, das Hei­li­ge Offi­zi­um hat Pater Pio nicht ver­ur­teilt. Wenn die Ober­ste Kon­gre­ga­ti­on einen Prie­ster ver­ur­tei­len will, sus­pen­diert sie ihn a divi­nis. Ver­ges­sen Sie schließ­lich nicht, daß alle Hei­li­gen wäh­rend ihres Lebens Prü­fun­gen zu bestehen hat­ten, bis­wei­len auch sehr schwe­re.“

Eine vom 26. März bis zum 5. April 1927 unter streng­ster Geheim­hal­tung durch­ge­führ­te Apo­sto­li­sche Visi­ta­ti­on zwang Erz­bi­schof Gagli­ar­di zum Rück­tritt als Bischof von Man­fre­do­nia. Doch nach dem Tod von Kar­di­nal Mer­ry del Val im Mai 1931 ent­zog das Hei­li­ge Offi­zi­um Pater Pio die Erlaub­nis, die Beich­te zu hören und öffent­lich die hei­li­ge Mes­se zu feiern.

Die­se Ein­schrän­kung dau­er­te bis Juli 1933, doch der Streit kam damit nicht zur Ruhe. Zu den demü­ti­gend­sten kir­chen­recht­li­chen Unter­su­chun­gen, denen Pater Pio in den fol­gen­den Jah­ren unter­zo­gen wur­de, gehör­te jene, die von Johan­nes XXIII. ver­an­laßt wur­de. Vom 13. Juli bis zum 2. Okto­ber 1960 ent­sand­te er Bischof Car­lo Mac­ca­ri als Apo­sto­li­schen Visi­ta­tor nach San Gio­van­ni Rotondo.

Die­se Zeit soll­te als die Pha­se der här­te­sten Ver­fol­gung in Erin­ne­rung blei­ben, der der Hei­li­ge von Piet­rel­ci­na aus­ge­setzt war. Erst 1964, unter Paul VI., erhielt er wie­der die Frei­heit zur Aus­übung sei­nes prie­ster­li­chen Dienstes.

Pater Pio nahm die Ent­schei­dun­gen sei­ner kirch­li­chen Obe­ren an, ohne mit der Kir­che zu bre­chen, der er sein Leben geweiht hat­te. Er gehorch­te auch dann, wenn der Gehor­sam für ihn bedeu­te­te, von den Gläu­bi­gen getrennt zu sein, die ihn als Beicht­va­ter such­ten, und von den See­len, die er geist­lich führ­te. Er betrach­te­te die Kir­che wei­ter­hin als sein Zuhau­se, auch in den Jah­ren, in denen eini­ge ihrer Ver­tre­ter ihm das Kreuz noch schwe­rer machten.

Die­se Hal­tung bedeu­tet jedoch nicht, daß es kei­nen Raum gege­ben hät­te, die tat­säch­li­chen Vor­gän­ge bekannt zu machen. Die Vor­se­hung stell­te ihm eine regel­rech­te Legi­on von Jour­na­li­sten, Histo­ri­kern, Wis­sen­schaft­lern und ein­fa­chen Gläu­bi­gen zur Sei­te, die ihn ent­schie­den ver­tei­dig­ten und dazu bei­tru­gen, gegen­über den unge­rech­ten Anschul­di­gun­gen die Wahr­heit wiederherzustellen.

Im Jah­re 1967 ver­trau­te Pater Pio sei­ner Nich­te Pia For­gio­ne an, wie­viel Zeit ihm noch zu leben blieb. Die jun­ge Frau schrieb das Gespräch schrift­lich nie­der und hin­ter­leg­te das Doku­ment bei einem Notar, noch bevor ihr Onkel am 23. Sep­tem­ber 1968 starb.

Pio von Piet­rel­ci­na wur­de 1999 selig­ge­spro­chen und 2002 von Johan­nes Paul II. hei­lig­ge­spro­chen. Heu­te ist er eine der bekann­te­sten, meist­ge­lieb­ten und am mei­sten ver­ehr­ten reli­giö­sen Gestal­ten des katho­li­schen Vol­kes. Sein lit­ur­gi­scher Gedenk­tag ist der 23. September.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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