Ob es erlaubt ist, zu „verfluchen“

Das Böse im Zaum halten und das geistliche Wohl erstreben

Jesus verflucht einen Feigenbaum, der keine Früchte trägt.
Jesus verflucht einen Feigenbaum, der keine Früchte trägt.

Von Don Cur­zio Nitoglia*

Jesus verflucht den unfruchtbaren Feigenbaum

Kön­nen wir, nach­dem der Herr Jesus im Hin­blick auf eini­ge Städ­te Gali­lä­as „Wehe euch!“ gesagt hat, behaup­ten, daß Er die­se Städ­te objek­tiv bzw. mate­ri­ell und nicht sub­jek­tiv bzw. for­mal ver­flucht habe?

Der hei­li­ge Tho­mas erklärt in sei­nem um 1256/​1259 ver­faß­ten Kom­men­tar zum Evan­ge­li­um nach Mat­thä­us die Leh­re, die er spä­ter im zwei­ten Teil des zwei­ten Teils der Sum­ma Theo­lo­giae (II-II, q. 76, aa. 1–4) zwi­schen 1269/​1270 aus­führ­li­cher dar­le­gen wird, näm­lich über die sitt­li­che Erlaubt­heit des Flu­ches.1

Der objektive Fluch oder Verwünschung

Auch moder­ne Moral­theo­lo­gen erklä­ren, aus­ge­hend von der vom hei­li­gen Tho­mas dar­ge­leg­ten Lehre:

„Im gewöhn­li­chen Sprach­ge­brauch und in der theo­lo­gi­schen Spra­che wird die Ver­wün­schung prak­tisch nicht vom Fluch unter­schie­den. Die Ver­wün­schung ist ein Aus­druck von Zorn oder Haß, in dem der Wunsch for­mu­liert wird, daß einem selbst, einem ande­ren oder auch einem ver­nunft­lo­sen Geschöpf Scha­den zuge­fügt wer­de. Die Ver­wün­schung wird erst dann zur Got­tes­lä­ste­rung, wenn sie sich gegen Gott, gegen Per­so­nen oder gegen Din­ge rich­tet, die in einer bestimm­ten Bezie­hung zu Ihm ste­hen.
Der Fluch hin­ge­gen unter­schei­det sich von der Ver­wün­schung dadurch, daß er nicht bloß ein Wunsch ist, son­dern ein eigent­li­cher Ver­such, durch den Gebrauch von Wor­ten Scha­den zuzu­fü­gen; er beruht im all­ge­mei­nen auf der Aus­übung einer gewis­sen Voll­macht, bei­spiels­wei­se der väter­li­chen Auto­ri­tät, mit der ein Vater sei­ne Kin­der ver­flucht, wie Noach sei­nen Sohn Ham und des­sen Nach­kom­men­schaft ver­fluch­te. […]. Man beach­te, daß die Ver­wün­schung oder der Fluch kei­ne Sün­de ist, wenn damit nicht das geist­li­che Übel des ande­ren beab­sich­tigt wird, son­dern ihm ein kör­per­li­ches Übel zu sei­nem geist­li­chen Wohl gewünscht oder zuge­dacht wird.“
(F. ROBERTI – P. PALAZZINI, Dizio­na­rio di Teo­lo­gia Mora­le, Rom, Stu­di­um, 1955, S. 627, Stich­wort „Impre­ca­zio­ne“).

Kurz gesagt:

a) Man kann nie­mals das höch­ste geist­li­che Übel irgend­ei­ner Per­son wün­schen, näm­lich ihre Ver­damm­nis, ohne sich dadurch der Tod­sün­de schul­dig zu machen;

b) man kann jedoch für jeman­den ein mate­ri­el­les Übel erbit­ten, damit er sich bekehrt (bei­spiels­wei­se bat die hei­li­ge Rita von Cascia den Herrn dar­um, ihre bei­den Söh­ne ster­ben zu las­sen, bevor sie den Tod ihres Vaters rächen konn­ten, indem sie des­sen Mör­der töteten);

c) schließ­lich kann man für jeman­den sogar eine Stra­fe oder ein geist­li­ches Übel erbit­ten, sofern die­ses nicht end­gül­tig und abso­lut ist, son­dern ihm als mora­li­sche Leh­re dient und ihn zu einem grö­ße­ren geist­li­chen Gut und zur wah­ren Bekeh­rung anspornt. Ein Bei­spiel dafür wäre eine schwe­re mora­li­sche Demü­ti­gung – etwa die drei­fa­che Ver­leug­nung des Petrus –, die jeman­den, der ein über­mä­ßi­ges Ver­trau­en in sich selbst setzt, wie­der zur Besin­nung bringt (Petrus hat­te gesagt: „Auch wenn alle Dich ver­leug­nen soll­ten, wer­de ich Dich nie­mals ver­leug­nen …“, Mt 26,33–34) und ihn zur voll­ende­ten Hei­lig­keit führt (die Kreu­zi­gung des Petrus mit dem Kopf nach unten auf dem vati­ka­ni­schen Hügel in Rom im Jahr 64, weil er sich nicht für wür­dig hielt, auf die­sel­be Wei­se wie Jesus zu sterben).

Im Evan­ge­li­um des hei­li­gen Mat­thä­us (11,20–24) hat­te der Erlö­ser, I.) nach­dem Er den objek­ti­ven bzw. mate­ri­el­len Zustand der mora­li­schen Ver­derbt­heit fest­ge­stellt hat­te, a) des pha­ri­säi­schen Juden­tums Sei­ner Zeit und b) der Städ­te Gali­lä­as, in denen Er den größ­ten Teil Sei­nes Apo­sto­lats aus­ge­übt hat­te, bei­de objek­tiv und mate­ri­ell miß­bil­ligt und aus­ge­ru­fen: „Wehe euch …!“ Dies ist der objek­ti­ve oder mate­ri­el­le Fluch.

Der subjektive Fluch

Dage­gen ist II.) der for­mel­le oder sub­jek­ti­ve Fluch, das heißt, jeman­dem aus­drück­lich ein Übel auf­zu­er­le­gen oder zu wün­schen2, nur dann erlaubt, wenn man die Gerech­tig­keit Got­tes über jeman­den anruft, der das Gesetz des Herrn ver­letzt hat; und zwar damit a) die gött­li­che und natür­li­che Ord­nung wie­der­her­ge­stellt wer­de (ver­gel­ten­de Stra­fe) oder damit b) die for­mell ver­fluch­te Per­son sich bes­se­re (hei­len­de bzw. erzie­he­ri­sche Strafe).

Nun hat­te Jesus mit Sei­nem „Wehe euch“ (mate­ri­el­ler bzw. objek­ti­ver Fluch) ledig­lich objek­tiv und mate­ri­ell die Bos­heit die­ser ungläu­bi­gen Städ­te fest­ge­stellt und daher die Voll­streckung des Wer­kes der gött­li­chen Gerech­tig­keit ange­kün­digt, von der sie getrof­fen wer­den wür­den, ohne sie sub­jek­tiv oder for­mal zu ver­flu­chen (vgl. St. Tho­mas von Aquin, Kom­men­tar zum Evan­ge­li­um nach Mat­thä­us, a. a. O., Nr. 945). Anders ver­hielt es sich mit dem Apo­stel Pau­lus in Jeru­sa­lem gegen­über dem Hohen­prie­ster Ana­ni­as, zu dem er sag­te: „Gott wird dich schla­gen, du weiß getünch­te Wand!“ (Apg 23,3).

Dar­über hin­aus erklärt der Doc­tor Ange­li­cus in der Sum­ma Theo­lo­giae aus­führ­li­cher, daß es erlaubt ist, jeman­den zu ver­flu­chen (II-II, q. 76, a. 1); so ver­fluch­te bei­spiels­wei­se der Pro­phet Eli­scha (2 Kön 2,24) die Kin­der, die ihn als Pro­phe­ten ver­spot­te­ten. Nach­dem der Aqui­nat das Argu­ment der gött­li­chen Offen­ba­rung („Sed con­tra“) aus der Hei­li­gen Schrift ange­führt hat, geht er in der Argu­men­ta­ti­on der natür­li­chen Ver­nunft („Respon­deo dicen­dum quod“) dazu über, das Pro­blem anhand einer Rei­he von Unter­schei­dun­gen zu untersuchen.

Zunächst bedeu­tet „ver­flu­chen“ ety­mo­lo­gisch „Böses sagen“ – malum dice­re –, das heißt, fest­zu­stel­len oder aus­zu­spre­chen, daß ein Ereig­nis oder eine Per­son objek­tiv tadelns­wert ist, wes­halb es bzw. sie nicht gebil­ligt oder „gut­ge­spro­chen“ wer­den kann, son­dern miß­bil­ligt oder „bös­ge­spro­chen“ wer­den muß. Wenn ich bei­spiels­wei­se sehe, wie Anto­ni­us sei­ne Frau tötet, muß ich sagen, daß Anto­ni­us ein Mör­der ist; ich kann nicht „gut von ihm spre­chen“, son­dern muß „schlecht von ihm spre­chen“, das heißt, „Böses über ihn sagen“.

Zwei­tens kann allein Gott – als Wirk­ur­sa­che – durch Sei­nen Wil­len bestim­men, daß etwas her­vor­ge­bracht wird, wie wenn es in befeh­len­der Wei­se heißt: „Er sprach, und es geschah“ (dixit et fac­ta sunt, Ps 32,9). So kann Er durch Sein blo­ßes Wort oder einen blo­ßen Wil­lens­akt ein Übel her­vor­brin­gen. Bei­spiels­wei­se hat Gott nicht nur alles durch eine Bewe­gung Sei­nes Wil­lens erschaf­fen, son­dern nach­dem Er Sodom ver­flucht hat­te, wur­de die Stadt tat­säch­lich durch phy­si­sches und mate­ri­el­les Feu­er, das vom Him­mel her­ab­kam, ver­nich­tet (Gen 18,3; 19).

In zwei­ter Hin­sicht kann auch der Mensch als zweit­ran­gi­ge und unter­ge­ord­ne­te Ursa­che durch sei­ne Befeh­le, sei­nen Wil­len und sei­ne Wor­te etwas bewir­ken. So gab etwa der Haupt­mann des Evan­ge­li­ums – der Jesus gebe­ten hat­te, sei­nen schwer kran­ken Die­ner zu hei­len – sei­nen Unter­ge­be­nen Befeh­le, und die­se taten, was er ihnen auf­ge­tra­gen hat­te (Mt 8,5 ff.).

Drit­tens kann man durch Wor­te, die in der Form eines Wun­sches aus­ge­spro­chen wer­den, etwas bewir­ken. Bei­spiels­wei­se könn­te ich wün­schen, daß Titi­us ver­haf­tet wird, weil er ein Dieb ist. Bis­wei­len wer­den sol­che gegen­über jeman­dem mit ent­spre­chen­der Macht geäu­ßer­ten Wün­sche tat­säch­lich erfüllt.

Wie man sieht, ist der eigent­li­che Fluch nicht der objek­ti­ve oder mate­ri­el­le Fluch, der ledig­lich eine Fest­stel­lung dar­stellt, son­dern der for­mel­le Fluch, durch den man – in Form eines Befehls oder eines Wun­sches – die gött­li­che Stra­fe über jeman­den anruft.

Nun sind Tun und Wol­len, mora­lisch betrach­tet, gleich­wer­tig. Wenn ich bei­spiels­wei­se steh­len will (Sieb­tes Gebot), habe ich bereits in mei­nem Her­zen gestoh­len (Zehn­tes Gebot); eben­so ist es, wenn ich Almo­sen geben will, als hät­te ich es bereits gege­ben. Inne­re Akte näm­lich sind, sofern sie mit vol­ler Erkennt­nis des Ver­stan­des und voll­kom­me­ner Zustim­mung des frei­en Wil­lens gesetzt wer­den, mora­lisch gut, wenn ihr Gegen­stand gut ist; sie sind hin­ge­gen mora­lisch schlecht, wenn ihr Gegen­stand böse ist.

Eben­so ver­hält es sich mit dem Fluch: Wenn ich gegen­über einer drit­ten Per­son das Böse will und befeh­le oder es ledig­lich wün­sche, ist dies mora­lisch gut oder sünd­haft, je nachdem:

  1. ob ich das Böse als Böses wün­sche, allein aus einem Haß der Bös­wil­lig­keit gegen­über dem Näch­sten – dann sind sowohl der Wunsch als auch der Befehl sündhaft;
  2. oder ob ich das Böse des Näch­sten nicht um sei­nes Übels wil­len, son­dern um eines höhe­ren Gutes wil­len will oder wün­sche – dann ist dies mora­lisch erlaubt und sogar gut und verdienstvoll.

Denn mei­ne haupt­säch­li­che Absicht beim Flu­chen, sei es in befeh­len­der oder ledig­lich in wün­schen­der Form, ist dann nicht das Böse als sol­ches, son­dern das Gute.

So ver­flucht bei­spiels­wei­se der Rich­ter recht­mä­ßig den Ange­klag­ten, den er zu Recht mit einer „ver­gel­ten­den Stra­fe“ ver­ur­teilt, wel­che die durch das Ver­bre­chen ver­letz­te Ord­nung wie­der­her­stellt. Eben­so ver­ur­teilt die Kir­che recht­mä­ßig die­je­ni­gen als Häre­ti­ker, die sie zu Recht exkommuniziert.

In ande­ren Fäl­len wird das Übel unter dem Gesichts­punkt eines nütz­li­chen Gutes gewünscht, ange­ord­net oder gewollt („hei­len­de Stra­fe“ 3); etwa wenn Titi­us für Cajus, der ein Übel began­gen hat, ein Unglück oder eine Wid­rig­keit wünscht, damit die­ser zur Ein­sicht kommt oder zumin­dest auf­hört, ande­ren zu schaden.

Feindseligkeit und Böswilligkeit

In die­sem Sin­ne spre­chen die Moral­theo­lo­gen auch von „Feind­se­lig­keit und Bös­wil­lig­keit“. Der erste (odi­um ini­mici­tiae) ist erlaubt und sogar gebo­ten. Er besteht dar­in, die Fein­de Got­tes, der Wahr­heit, des Guten, der Gerech­tig­keit und des Vater­lan­des zu bekämp­fen, ohne ihnen geist­li­ches Übel zu wün­schen; höch­stens kann man jeman­dem ein mate­ri­el­les Übel wün­schen, um sein geist­li­ches Wohl zu erreichen.

Der zwei­te hin­ge­gen (odi­um mal­evo­len­tiae) ist uner­laubt. Er besteht näm­lich dar­in, dem ande­ren das Böse als sol­ches zu wün­schen. Vor allem ist es nie­mals erlaubt, jeman­dem ein geist­li­ches und mora­li­sches Übel zu wün­schen, ins­be­son­de­re nicht das ewi­ge Übel (vgl. S. Th., II-II, q. 76, a. 1).

Jesus hat das talmudische Judentum verflucht

Im zwei­ten Arti­kel der­sel­ben Fra­ge 76 der Secun­da Secun­dae der Sum­ma Theo­lo­giae zeigt der Ange­li­cus, wie Jesus den Fei­gen­baum ver­fluch­te – „male­di­xit ficul­neae“ (Mt 21,19) –, weil „der Fei­gen­baum eine Dar­stel­lung des ungläu­bi­gen Juden­tums war“. Daher wur­den bei­de – der Fei­gen­baum und das Juden­tum – von Jesus nicht nur objek­tiv, durch die Fest­stel­lung ihrer Unfrucht­bar­keit und ihres abwe­gi­gen Glau­bens, son­dern auch for­mal durch einen Ana­the­ma-Fluch ver­ur­teilt, den der Herr gegen die Pflan­ze und – sinn­bild­lich – gegen die Dei cru­ci­fi­xores rich­te­te, damit sie ver­dorr­ten, weil sie unfrucht­bar waren: im ersten Fall an Fei­gen, im zwei­ten Fall an rech­tem Glau­ben, der von guten Wer­ken beglei­tet ist.

Auch Hiob „ver­fluch­te den Tag, an dem er emp­fan­gen wor­den war“ (Ijob 3,1), „wegen der Erb­sün­de, die man bei der Emp­fäng­nis erlangt“.

Schließ­lich ver­fluch­te Gott selbst nach der Sün­de Adams die Erde, damit sie nicht mehr Früch­te her­vor­brin­ge, ohne zuvor durch die schwe­re Arbeit des Men­schen bear­bei­tet wor­den zu sein, indem Er sag­te: „Ver­flucht sei der Acker­bo­den um dei­net­wil­len“ (Gen 3,17), das heißt wegen der Sün­de des ersten Menschen.

Im drit­ten Arti­kel erklärt der Doc­tor Com­mu­nis, daß es eine Tod­sün­de ist, wenn man jeman­dem das Böse als Böses wünscht, da dies dem Gebot der über­na­tür­li­chen Näch­sten­lie­be prop­ter Deum wider­spricht, durch die wir sein Wohl wol­len müs­sen, vor allem sein geist­li­ches Wohl. Denn „lie­ben heißt, nicht so sehr jeman­dem Gutes zu wol­len, son­dern vor allem das Gute für jeman­den zu wol­len“; das heißt, man soll den ande­ren nicht ego­istisch lie­ben (de bono pro­prio), weil er uns sym­pa­thisch ist, son­dern danach stre­ben, daß er sein wah­res Gut erlangt, selbst wenn die­ses für uns (oder auch für ihn) unbe­quem oder unan­ge­nehm sein soll­te (de bono ali­eno).

Schließ­lich erklärt uns der hei­li­ge Tho­mas im 4. und letz­ten Arti­kel der­sel­ben Fra­ge, daß es auch erlaubt ist, jeman­den förm­lich zu ver­flu­chen (d. h. ihm das Böse als eine der Schuld ent­spre­chen­de Stra­fe zu wün­schen), und zwar zunächst und vor allem des­halb, damit die durch die Schuld ver­letz­te sitt­li­che Ord­nung wie­der­her­ge­stellt wird (zum Bei­spiel wenn ein Rich­ter über einen Mör­der das Urteil spricht: „Ich ver­ur­tei­le dich zu lebens­lan­ger Frei­heits­stra­fe“); zwei­tens, damit die Bösen davon abge­schreckt wer­den, ihre Ver­ge­hen zu wie­der­ho­len (ange­sichts der lebens­lan­gen Haft­stra­fe, die über den Mör­der ver­hängt wur­de, wer­den ande­re sich wahr­schein­lich davor hüten, eben­falls Böses zu tun); drit­tens, damit dem Geschä­dig­ten oder sei­ner Fami­lie Genug­tu­ung wider­fährt (die Kin­der des Ermor­de­ten sol­len den Mör­der ihres Vaters ver­ur­teilt und inhaf­tiert sehen kön­nen und nicht etwa dafür belohnt); und erst an letz­ter Stel­le, damit der Straf­tä­ter geheilt und gebes­sert wer­den kann (der Mör­der könn­te im Gefäng­nis zur Besin­nung kom­men und sei­ne began­ge­ne Tat bereu­en; so etwa im Fall von Ales­san­dro Ser­e­n­el­li, der die hei­li­ge Maria Goret­ti getö­tet hat­te. Er bereu­te sei­ne Tat, tat Buße, bat die Fami­lie Goret­ti um Ver­ge­bung und ver­brach­te nach 30 Jah­ren har­ter Haft frei­wil­lig wei­te­re 43 Jah­re in einem Kapu­zi­ner­klo­ster mit Bußübungen).

Ob „Rache“ erlaubt ist

Was die „Ver­gel­tungs­stra­fe“ betrifft, schrieb Pater Anto­nio Royo Marín: „Die Rache oder gerech­te Bestra­fung hat den Zweck, den Übel­tä­ter für die began­ge­ne Sün­de zu bestra­fen. […] Die­ser Tugend ste­hen zwei Laster ent­ge­gen: eines durch ein Zuviel, näm­lich die Grau­sam­keit, und eines durch ein Zuwe­nig, näm­lich eine über­mä­ßi­ge Nach­sicht, die den Schul­di­gen dazu brin­gen kann, sei­ne schlech­ten Taten fort­zu­set­zen“ 4.

Der hei­li­ge Tho­mas von Aquin erklärt in der Sum­ma Theo­lo­giae (II-II, q. 108, aa. 1–4), daß „der­je­ni­ge, der bestraft, nicht die eige­ne per­sön­li­che Ver­gel­tung oder die eige­ne Befrie­di­gung zum Ziel haben darf, denn sich über das Übel eines ande­ren zu freu­en, wäre Haß; viel­mehr muß er zuerst den öffent­li­chen Frie­den und die Ruhe der Gesell­schaft anstre­ben, sodann die Bestra­fung und Bes­se­rung des Schul­di­gen und erst zuletzt auch des­sen Hei­lung“ (Art. 1).

Fer­ner gilt: „Den Schul­di­gen inner­halb der gebo­te­nen Gren­zen und ohne Über­maß zu bestra­fen, ist eine Tugend, weil dadurch das ver­hin­dert und besei­tigt wird, was Scha­den ver­ur­sa­chen könn­te; und dies ent­spricht der rech­ten natür­li­chen Nei­gung des Men­schen. Bei der Ver­gel­tung müs­sen näm­lich zwei ent­ge­gen­ge­setz­te Laster ver­mie­den wer­den: das Zuwe­nig, also eine zu gro­ße Mil­de bei der Bestra­fung [wenn ein Mör­der nur weni­ge Jah­re im geschlos­se­nen Straf­voll­zug ver­büßt, ohne Haft­ur­laub und Frei­gang Anm. d. Autor]; oder das Zuviel, also die Här­te oder Grau­sam­keit des­sen, der über­mä­ßig streng bestraft und dabei das rech­te Maß über­schrei­tet [wie bei der Ver­ur­tei­lung Jean Val­jeans im Roman Les Misé­ra­bles zu 20 Jah­ren Zwangs­ar­beit, weil er ein Brot gestoh­len hat­te, um sei­nen Bru­der zu ernäh­ren, Anm. d. Autor]“ (Art. 2).

Daher ist „die Hand­lung, den Schul­di­gen zu bestra­fen, mora­lisch gut, wenn sie dar­auf abzielt, die Bösen im Zaum zu hal­ten und zurück­zu­drän­gen, indem man ihnen ihren Besitz, ihre Frei­heit und sogar ihr Leben nimmt [bei einem beson­ders schwe­ren Ver­bre­chen wie Mord, Anm. d. Autors]“ (Art. 3).

Pater Anto­nio Royo Marín schreibt in sei­ner Kom­men­tie­rung zur Sum­ma Theo­lo­giae (II-II, q. 108, aa. 1–4): „Der Trieb, ein Übel zu ver­gel­ten, inso­fern er eine Abwehr­be­we­gung gegen die­ses Übel dar­stellt, ist gut. Daher ist die gerech­te Ver­gel­tung, die – in erster Linie – dar­auf abzielt, die durch den Ver­bre­cher ver­letz­te Ord­nung wie­der­her­zu­stel­len, indem sie das Böse bestraft, und – in zwei­ter Linie – den Schul­di­gen zu bes­sern, etwas Gutes und Gerech­tes. Das pri­mä­re Ele­ment der Stra­fe ist somit das Ver­gel­ten­de (die Wie­der­her­stel­lung der Ord­nung und die Bestra­fung des Bösen), wäh­rend das sekun­dä­re Ele­ment das Hei­len­de ist (dem Schul­di­gen dabei zu hel­fen, sich wie­der auf­zu­rich­ten). Heu­te hin­ge­gen wird die Stra­fe nur noch als etwas Hei­len­des betrach­tet, wäh­rend ihre stra­fen­de, kor­ri­gie­ren­de, wie­der­gut­ma­chen­de oder ‚ver­gel­ten­de‘ Sei­te außer acht gelas­sen wird“ 5.

Dar­über hin­aus hat die ety­mo­lo­gi­sche Bedeu­tung des Wor­tes „Rache“ nichts mit Haß, Groll oder eigen­mäch­ti­ger Selbst­ju­stiz zu tun, wie man heu­te gemein­hin glaubt.

„Ven­dica­re“ bedeu­tet näm­lich: schüt­zen, befrei­en. Das Wort setzt sich aus „vim“ (Kraft, Gewalt) und „dica­re“ bzw. „dice­re“ (aus­spre­chen, sagen, ankla­gen) zusam­men; es bezeich­net also das Anpran­gern einer unge­rech­ter­wei­se erlit­te­nen Gewalttat.

Rache ist dem­nach der Akt der Erlö­sung oder Befrei­ung von einem unge­rech­ten Angriff; und der Vin­dex bzw. Rächer ist der­je­ni­ge, der den Unter­drück­ten erlöst oder befreit und den unge­rech­ten Angrei­fer bestraft, um ihn gege­be­nen­falls anschlie­ßend auch zu bes­sern.6

*Don Cur­zio Nito­glia, Jahr­gang 1957, Stu­di­um der Phi­lo­so­phie bei Augu­sto Del Noce an der römi­schen Uni­ver­si­tät La Sapi­en­za, Ein­tritt in das Prie­ster­se­mi­nar von Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re in Écô­ne, 1984 von die­sem zum Prie­ster geweiht. Kaplan eines Frau­en­klo­sters bei Rom, das von einem geist­li­chen Sohn des hei­li­gen Pater Pio von Piet­rel­ci­na gegrün­det wur­de und der Pius­bru­der­schaft nahe­steht, geist­li­cher Assi­stent der Rit­ter­schaft Mari­ens. Autor zahl­rei­cher Bücher (Aus­wahl): „Roma Anti­ca, Giu­da­is­mo e Cri­stia­ne­si­mo“ („Anti­kes Rom, rab­bi­ni­sches Juden­tum und Chri­sten­tum“, 2020), „Non abbia­mo fra­tel­li mag­gio­ri“ („Wir haben kei­ne älte­ren Brü­der, 2019); „Per Pad­re il dia­vo­lo“ („Den Vater zum Teu­fel“, 2016), „Le for­ze occul­te del­la sov­ver­sio­ne“ („Die gehei­men Kräf­te der Sub­ver­si­on“, 2014), „Gno­si e Gno­sti­cis­mo, Paga­ne­si­mo e Giu­da­is­mo“ („Gno­sis und Gno­sti­zis­mus, Hei­den­tum und Juden­tum“, 2006).

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL


  1. Dies ist die Datie­rung, die von nahe­zu allen Histo­ri­kern des Tho­mis­mus all­ge­mein ver­tre­ten wird, mit Aus­nah­me von J.-P. Tor­rell, Amico del­la Veri­tà. Vita e ope­re di San Tom­ma­so d’Aquino, Bolo­gna, ESD, 3. Aufl., 2017, S. 110. Tor­rell ver­tritt die Auf­fas­sung, daß der Mat­thä­us-Kom­men­tar des Aqui­na­ten erst etwa zehn Jah­re spä­ter, also 1269/​1270, ver­faßt wur­de – nur ein Jahr vor der Abfas­sung des zwei­ten Teils des zwei­ten Teils der Sum­ma Theo­lo­giae. ↩︎
  2. So ver­fluch­te der hei­li­ge Pau­lus, kurz bevor er nach Rom auf­brach und dort als „civis roma­nus“ vor Cae­sar gerich­tet wer­den soll­te, förm­lich den Hohen­prie­ster Ana­ni­as, der ihn von einem sei­ner Die­ner hat­te ohr­fei­gen las­sen. Er wünsch­te ihm: „Gott wird dich schla­gen, du getünch­te Wand!“ (Apg 23,3). Tat­säch­lich wur­de Ana­ni­as etwa sechs Jah­re spä­ter, im Jahr 66, von einem gedun­ge­nen Mör­der getö­tet (Fla­vi­us Jose­phus, Der Jüdi­sche Krieg, II, 7, 9). Somit erfüll­te sich der Fluch des Völ­ker­apo­stels in vol­lem Umfang nahe­zu gleich­zei­tig mit der Zer­stö­rung Jeru­sa­lems und sei­nes Tem­pels im Jahr 70, die Jesus kurz vor sei­ner Kreu­zi­gung als Stra­fe für den jüdi­schen Unglau­ben und den Got­tes­mord pro­phe­zeit hat­te (Mt 24,15; Lk 19,43). ↩︎
  3. Die Stra­fe muß auf fol­gen­de Zie­le aus­ge­rich­tet sein:
    auf die Wie­der­her­stel­lung des Gemein­wohls der Gesell­schaft,
    a) indem die durch das Ver­bre­chen ver­letz­te sitt­li­che Ord­nung wie­der­her­ge­stellt wird,
    b) indem die Ange­hö­ri­gen einer Gemein­schaft durch das Bei­spiel der Bestra­fung von mög­li­chen künf­ti­gen Ver­ge­hen abge­schreckt wer­den;
    auf das Wohl des Geschä­dig­ten, indem ihm Genug­tu­ung bzw. Wie­der­gut­ma­chung ver­schafft wird;
    auf das Wohl des Ver­bre­chers,
    α) indem er gebes­sert wird, dadurch daß er sei­ne Schuld sühnt,
    β) indem er geheilt wird, indem man ihm die Mög­lich­keit gibt, sich wie­der auf­zu­rich­ten und sei­ne Schuld wie­der­gut­zu­ma­chen.
    Daher ist die Stra­fe zunächst und unmit­tel­bar „ver­gel­tend“ (justa vin­di­ca­tio); erst danach und mit­tel­bar ist sie „hei­lend“. Denn nur indem der Mör­der ver­ur­teilt wird (Ver­gel­tungs­stra­fe), kann er sei­ne Erlö­sung fin­den (hei­len­de oder kura­ti­ve Stra­fe), indem er sei­ne gerech­te Stra­fe ver­büßt und bezahlt und die gebo­te­ne Buße lei­stet.
    So wur­de bei­spiels­wei­se Ales­san­dro Ser­e­n­el­li, der Mör­der der hei­li­gen Maria Goret­ti (6. Juli 1902), zu 30 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Nach sei­ner Ent­las­sung bat er die Fami­lie der Mär­ty­re­rin um Ver­ge­bung, die sie ihm gewähr­te. Dar­auf­hin zog er sich frei­wil­lig für wei­te­re 43 Jah­re als Büßer in ein Kapu­zi­ner­klo­ster in Mace­ra­ta zurück, wo er am 6. Mai 1970 starb, um wirk­lich Süh­ne zu lei­sten und sei­ne Schuld wie­der­gut­zu­ma­chen.
    Heu­te hin­ge­gen neigt man dazu, die­se Ord­nung umzu­keh­ren und in der Stra­fe nur noch etwas Hei­len­des oder Kura­ti­ves zu sehen, wobei der ver­gel­ten­de Aspekt ver­ges­sen wird, obwohl gera­de die­ser der Haupt­aspekt der Stra­fe ist (vgl. Tho­mas von Aquin, S. Th., II-II, q. 108, aa. 1–4; F. Rober­ti – P. Palazzini, Dizio­na­rio di Teo­lo­gia Mora­le, a. a. O., S. 985–987, Stich­wort „Pena“). ↩︎
  4. A. Royo Marín, Teo­lo­gia del­la per­fe­zio­ne cri­stia­na, Rom, Edi­zio­ni Pao­li­ne, 6. Aufl., 1965, S. 696–697; vgl. außer­dem Dic­tion­n­aire de Théo­lo­gie Catho­li­que, Stich­wort „Ven­ge­an­ce“, Bd. 15, Sp. 2613–2623. ↩︎
  5. Royo Marín, Teo­lo­gia del­la per­fe­zio­ne cri­stia­na, S. 698. ↩︎
  6. Vgl. O. Pia­ni­gia­ni, Voca­bo­la­rio etimo­lo­gi­co del­la lin­gua ita­lia­na, Firen­ze, 1907. ↩︎

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