Amsterdam – ein seltenes Zeichen kirchlicher Selbstverständlichkeit

Ein Bischof feiert die Tradition: Zwanzig Jahre Petrusbruderschaft in Amsterdam

Firmung durch Bischof Hendriks in der Sint-Agneskerk von Amsterdam im Herbst 2023
Firmung durch Bischof Hendriks in der Sint-Agneskerk von Amsterdam im Herbst 2023

Zum zwan­zig­jäh­ri­gen Bestehen des Apo­sto­la­tes der Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus (FSSP) in der Amster­da­mer St.-Agnes-Kirche wird der Diö­ze­san­bi­schof per­sön­lich die Hei­li­ge Mes­se nach dem Mis­sa­le von 1962 zele­brie­ren. Bischof Jan Hen­driks von Haar­lem-Amster­dam wird am kom­men­den Sonn­tag, dem 20. Sep­tem­ber 2026, um 11 Uhr ein Pon­ti­fi­kal­amt im über­lie­fer­ten Ritus zele­brie­ren und anschlie­ßend die Fir­mung nach dem tra­di­tio­nel­len Ritus spenden.

Damit setzt das Bis­tum Haar­lem-Amster­dam ein bemer­kens­wer­tes Zeichen.

Die Geschich­te der St.-Agnes-Kirche zeigt, daß es sich dabei kei­nes­wegs um eine spon­ta­ne oder sym­bo­li­sche Geste han­delt. Seit Sep­tem­ber 2006 wird dort regel­mä­ßig die Lit­ur­gie nach dem alten Mis­sa­le Roma­num gefei­ert. Aus dem zunächst ein­ge­rich­te­ten Meß­ort ent­wickel­te sich eine sta­bi­le Gemein­de, die schließ­lich am 20. Janu­ar 2013 durch bischöf­li­ches Dekret als Per­so­nal­pfar­rei des alten Ritus errich­tet wur­de. Die Per­so­nal­pfar­rei ist dem hei­li­gen Josef geweiht.

Die Seel­sor­ge und die Spen­dung der Sakra­men­te sind wei­ter­hin der Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus anver­traut, die 1988 gegrün­det wur­de und sich seit­her exklu­siv der Zele­bra­ti­on des über­lie­fer­ten Ritus und der Prie­ster­aus­bil­dung im Geist der Tra­di­ti­on ver­pflich­tet weiß.

Eine Geschichte, die älter ist als das gegenwärtige liturgische Klima

Bereits am 9. Novem­ber 2013, damals noch Weih­bi­schof von Haar­lem-Amster­dam, kam Bischof Hen­driks in die St.-Agnes-Kirche, um zwei Erwach­se­ne zu tau­fen und fünf Gläu­bi­ge nach dem tra­di­tio­nel­len Ritus zu firmen.

Seit­her hat der heu­ti­ge Diö­ze­san­bi­schof mehr­fach Fir­mun­gen nach den alten lit­ur­gi­schen Büchern in St. Agnes gespen­det. Die bevor­ste­hen­de Fei­er geht nun aller­dings einen Schritt wei­ter: Erst­mals wird Hen­driks selbst eine Pon­ti­fi­kal­mes­se nach dem tra­di­tio­nel­len Ritus in die­ser Kir­che zelebrieren.

Der Bischof tritt damit sicht­bar in die lit­ur­gi­sche Mit­te einer alt­ri­tu­el­len Gemein­schaft, die seit zwei Jahr­zehn­ten zu sei­ner Diö­ze­se gehört. Ein Gestus, der von den mei­sten Diö­ze­san­bi­schö­fen nicht gesetzt wird.

Gerade nach „Traditionis custodes“ ist Amsterdam bemerkenswert

Das Gewicht die­ses Vor­gan­ges wird ver­ständ­lich, wenn man die Ent­wick­lung seit 2021 berück­sich­tigt. Mit dem Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des änder­te Papst Fran­zis­kus die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für die Zele­bra­ti­on des über­lie­fer­ten Ritus mas­siv. Der Diö­ze­san­bi­schof wur­de aus­drück­lich zum zustän­di­gen Mode­ra­tor der lit­ur­gi­schen Ord­nung sei­ner Teil­kir­che bestimmt; die Ver­wen­dung des Mis­sa­le von 1962 soll­te nur nach den vom Hei­li­gen Stuhl vor­ge­ge­be­nen Maß­ga­ben erfolgen.

Für die tra­di­tio­nel­len Gemein­schaf­ten ist die Situa­ti­on damit seit­her nicht nur durch einen repres­si­ven Rah­men bestimmt, son­dern in der kon­kre­ten Anwen­dung von Diö­ze­se zu Diö­ze­se verschieden.

Trotz Tra­di­tio­nis cus­to­des bestä­tig­te Papst Fran­zis­kus am 11. Febru­ar 2022 der Petrus­bru­der­schaft ihren alt­ri­tu­el­len Son­der­sta­tus aus­drück­lich. Den Mit­glie­dern die­ser Prie­ster­bru­der­schaft wur­de die Voll­macht erteilt, die lit­ur­gi­schen Bücher von 1962 – Mis­sa­le, Ritua­le, Pon­ti­fi­ka­le und Römi­sches Bre­vier – in ihren eige­nen Kir­chen und Ora­to­ri­en zu ver­wen­den; außer­halb die­ser Orte gilt aller­dings die Zustim­mung des zustän­di­gen Ordinarius.

Das Bei­spiel Amster­dam zeigt, was mög­lich ist, wenn ein Diö­ze­san­bi­schof einer alt­ri­tu­el­len Gemein­schaft nicht ledig­lich dul­det, son­dern sie als inte­gra­len Bestand­teil des kirch­li­chen Lebens sei­ner Diö­ze­se behandelt.

Ein selten gewordener Umgang mit der Tradition

In der Fül­le der Diö­ze­sen welt­weit ist es kei­nes­wegs eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, daß ein Diö­ze­san­bi­schof einer Eccle­sia-Dei-Gemein­schaft bezie­hungs­wei­se einer aus die­sem kirch­li­chen Umfeld her­vor­ge­gan­ge­nen Gemein­de so unmit­tel­bar und sicht­bar begeg­net: nicht nur durch die Gewäh­rung eines Apo­sto­la­tes, nicht nur durch die Anwe­sen­heit bei einer Fei­er und nicht nur durch die Spen­dung ein­zel­ner Sakra­men­te, son­dern durch die eige­ne Zele­bra­ti­on eines Pon­ti­fi­kal­am­tes im über­lie­fer­ten Ritus

Auch die Firmung macht den Vorgang besonders

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient zudem die Fir­mung nach dem tra­di­tio­nel­len Ritus. Denn gera­de hier ist die durch Papst Fran­zis­kus geschaf­fe­ne Rechts­la­ge kom­pli­zier­ter als bei der Zele­bra­ti­on der Hei­li­gen Messe.

Die vati­ka­ni­schen Respon­sa ad dubia von 2021 erklär­ten, daß das über­lie­fer­te Pon­ti­fi­cale Roma­num grund­sätz­lich nicht auf die­sel­be Wei­se zuge­las­sen wer­den kön­ne wie das Mis­sa­le Roma­num von 1962. Aus­drück­lich wur­de zudem auf die von Paul VI. 1971 geän­der­te Firm­for­mel verwiesen.

Die berg­o­glia­ni­sche Inten­ti­on ist ein­deu­tig: Der argen­ti­ni­sche Papst woll­te pri­mär den sich seit Sum­morum Pon­ti­fi­cum von Bene­dikt XVI. aus­brei­ten­de über­lie­fer­te Ritus stop­pen und aus den Diö­ze­sen und Orden zu ver­ban­nen, also kon­kret wie­der in das Eccle­sia-Dei-Reser­vat zurückzudrängen. 

Er ging aber wei­ter und schuf alle recht­li­chen Bedin­gun­gen, um auch die­ses Reser­vat aus­zu­trock­nen. Das zen­tra­le Instru­ment dafür ist das in Tra­di­tio­nis cus­to­des for­mu­lier­te Ver­bot, den über­lie­fer­ten Ritus in Pfarr­kir­chen zu zele­brie­ren und noch weit mehr, die Sakra­men­te, aus­ge­nom­men Eucha­ri­stie und Beich­te, im über­lie­fer­ten Ritus spen­den zu kön­nen. Die Kon­se­quen­zen, zu Ende gedacht, wür­den das fak­ti­sche Ende der Tra­di­ti­on bedeuten. 

Für die Petrus­bru­der­schaft kam 2022 aller­dings die erwähn­te päpst­li­che Son­der­re­ge­lung hin­zu, die aus­drück­lich auch das Pon­ti­fi­cale von 1962 nennt.

Es liegt an den Diö­ze­san­bi­schö­fen wie jenem von Amster­dam, der Tra­di­ti­on jene kirch­li­che Legi­ti­mi­tät zu gewäh­ren und pasto­ra­le Ver­wur­ze­lung zu ermö­gi­chen, die ihr zusteht. Der über­lie­fer­te Ritus ist seit 1970 nur des­halb Gegen­stand dau­ern­der Aus­ein­an­der­set­zun­gen, weil er bekämpft und ihm die Exi­stenz­be­rech­ti­gung abge­spro­chen wird.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Arsa­cal (Screen­shot)

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