In der katholischen Kirche St. Johannes in Zug, dem Hautptort des gleichnamigen Schweizer Kantons, findet vom 15. bis 25. August 2026 die Ausstellung „Wo ist die Göttin?“ statt. Der Zeitraum beginnt ausgerechnet am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Göttinnen-Figuren aus 30 000 Jahren und allen Kontinenten begegnen dort christlichen Symbolen. Das erklärte Ziel lautet nicht Abgrenzung, sondern: „Verwandtschaft“ erfahrbar machen.
Ethnologen oder Religionssoziologen mögen sich auf weltlichem Boden aus wissenschaftlichem Interesse mit fremden Religionen, Kulten und Göttervorstellungen auseinandersetzen. Doch ein katholischer Kirchenraum ist kein neutraler Ort religionswissenschaftlicher Betrachtung. Wenn das Haus Gottes zum Ausstellungsraum für Kirchenfremdes gemacht wird, wird damit nicht einfach nur eine Grenze zwischen Wissenschaft und Glaube verwischt – es wird der sakrale Charakter des Ortes selbst mißachtet.
Daß eine solche Ausstellung in kirchlicher Trägerschaft und in einer Kirche überhaupt möglich ist, zeigt, wie weit das elementare Verständnis von Kirche, von Gott und nicht zuletzt vom Heiligen bereits im vermeintlich katholischen Milieu zerbröselt ist.
Wer Gott nur noch wie ein Museumsobjekt betrachtet, das man aus der Distanz analysiert, der kann offenbar auch mit einem Gotteshaus wenig anfangen. Dann wird der Kirchenraum mit allerlei „kulturellen“ Inhalten gefüllt: als Ausstellungsfläche, als Ort der Reflexion über die eigene Kirchenferne oder – im äußersten Fall – gar als Bühne für die Präsentation heidnischer Götzen.
Im Zentrum steht die über vier Jahrzehnte gewachsene Sammlung der deutschen Autorin und Filmemacherin Luisa Francia, die sich mit weiblicher Spiritualität und Magie beschäftigt. Ihre Sammlung umfaßt rund hundert Exponate – von der Venus von Willendorf über Isis, Aschera, Kubaba und Durga bis hin zu Marien-Statuetten. 2024 wurde die Sammlung von Götzendarstellungen dem Verein Göttinnenraum übergeben. Francia ist weder Katholikin noch im weiteren Sinn dem Christentum zuordenbar. Sie selbst bezeichnet sich als moderne Hexe und bewegt sich im Bereich von Neuheidentum, Naturspiritualität, Magie und weiblicher Spiritualität, was immer letzteres genau sein soll.
In ihrem Buch „Mond – Tanz – Magie“ beschreibt sie die katholische Kirche ausdrücklich als Gegenbild zu ihrer eigenen Vorstellung von weiblicher Spiritualität.
Es bleibt also gelinde gesagt, rätselhaft, was eine neuheidnisch orientierte „moderne Hexe“ mit ihrer Sammlung heidnischer Exponate in einer katholischen Kirche zu suchen hat. Diese Frage richtet sich natürlich auch an Francia selbst, warum sie einen Ort wählt, der ihr erklärtermaßen so fremd ist.
Der Verein Göttinnenraum ist keineswegs als neutraler kulturgeschichtlicher Träger zu verstehen. Er bewegt sich vielmehr im Umfeld der modernen „Göttinnen“-Spiritualität, also jenes kirchenfernen religiösen Milieus, in dem sich feministische Spiritualität, Neuheidentum, Esoterik, Magie und die Wiederentdeckung vorchristlicher Göttinnenvorstellungen vielfach überschneiden.
34 Exponate werden nach Angaben der theologischen Begleiterin der Ausstellung Regula Grünenfelder in der Taufkapelle in einem Dreiviertelkreis aufgestellt, so daß sie einerseits zum Altar und andererseits „zu Maria im Dialog“ ausgerichtet sind. Die „Göttinnen“ sollten dabei „nicht in Konkurrenz“ zu den christlichen Symbolen treten. Aha. Warum dann in einer Kirche?
Damit ist der Sachverhalt nämlich klar: Maria wird nicht einfach als Gegenstand einer religionswissenschaftlichen Dokumentation gezeigt, sondern innerhalb eines sakralen Raumes in einen Dialog mit Figuren gestellt, die ausdrücklich als „Göttinnen“ bezeichnet werden.
Woher kommt der Geist hinter dieser Ausstellung?
Hier lohnt ein genauerer Blick, denn die Ausstellung ist nicht aus dem Nichts entstanden. Ihr geistiges Umfeld läßt sich ziemlich genau benennen: feministische Theologie, feministische Spiritualität und die moderne Göttinnenbewegung überschneiden sich hier.
„Feminismus“ ist nicht pauschal mit Neuheidentum oder Esoterik gleichzusetzen, dazu ist er ein zu weites Feld. Als schwer zweifelhaft erwies sich jedoch sein von der kirchlichen Obrigkeit geduldetes Eindringen in die katholischen Fakultäten – nicht zuletzt auch an dieser Ausstellung, die ein Ergebnis dieses Eindringens kirchenfremder Elemente ist.
Was sich in diesem konkreten Projekt zeigt, ist eine bestimmte Spielart feministischer Spiritualität, die traditionelle christliche Vorstellungen von Gott, Geschöpf, Mann, Frau und religiöser Symbolik nicht akzeptiert und mittels Usurpation letztlich durch eine eigene Religion ersetzen will.
Und genau hier wird die Sache überaus bedenklich.
Denn die Verbindung zwischen Feminismus und „Göttinnen“-Spiritualität ist historisch keineswegs erfunden. Die moderne Göttinnenbewegung entstand insbesondere seit den 1970er Jahren in einem Umfeld, in dem sich Feminismus, Neuheidentum, Wicca (Hexenkult), Matriarchatsvorstellungen und alternative Spiritualität miteinander verbanden – und zwar kirchenfern und völlig fern der christlichen Offenbarung und der kirchlichen Glaubenslehre und apostolischen Tradition.
Zu den im deutschen Sprachraum genannten Vertreterinnen dieser Strömungen gehört ausdrücklich auch Luisa Francia.
Damit erklärt sich auch, weshalb gerade die Sammlung Francias das Herzstück der Zuger Ausstellung bildet. Die Veranstalter selbst bezeichnen Francia als Autorin und Filmemacherin zu „weiblicher Spiritualität und Magie“. Ihre Veröffentlichungen beschäftigen sich unter anderem mit Hexen, Tarot, Horoskopen, Göttinnen und (natürlich exklusiv) weiblichem Schamanismus; sie reiste auf der Suche nach magischen Traditionen, Volksheilkunde und Schamanismus nach Afrika, Indien und Nepal.
Das ist also nicht einfach eine Ausstellung über Kunstgeschichte, die natürlich auch nichts in einer katholischen Kirche zu suchen hätte.
Hier treffen feministische Suche nach weiblichen Symbolen, alternative Spiritualität, magisches und schamanisches Gedankengut und eine religionsübergreifende Vorstellung von Göttlichkeit aufeinander – kurzum: Elemente, die mit Jesus Christus, dem geoffenbarten Wort und der von Ihm gestifteten Kirche weder in einem inneren Zusammenhang stehen noch einen solchen beanspruchen können, es sei denn, man konstruiert einen Zusammenhang dort, wo er gerade ins eigene Deutungsmuster paßt. Und wann paßt er? Dann, wenn geistig ähnlich Gesinnte dieses kirchenferne und letztlich antichristliche Denken in die Kirche hineintragen wollen. Solche Formen blasphemischer und sakrilegischer „Überschneidungen“ sind aus der jüngeren und jüngsten Geschichte der vergangenen 250 Jahre hinreichend bekannt. Man denke an die Suche von „Kraftorten“ in Kirchen durch schamanische und andere sektiererische Gruppen, man denke aber auch an Hostienraub und Hostienschändung.
Wenn die „Göttin“ zurückkehrt
Das erklärt auch den eigentümlichen Titel: „Wo ist die Göttin?“
Aus katholischer Sicht ist die Antwort darauf denkbar einfach: Es gibt keine Göttin. Es gibt Gott – den dreieinen, dreifaltigen Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Der christliche Glaube kennt keinen göttlichen Dualismus von männlicher und weiblicher Gottheit. Gott ist weder „männlich“ noch „weiblich“ im geschöpflichen Sinn. Die Bibel kann zwar in vielfältigen Bildern von Gott sprechen, doch sie verkündet den einen, persönlichen Schöpfer.
Die moderne „Göttinnen“-Spiritualität setzt dagegen an einem anderen Punkt an: Sie empfindet die traditionelle religiöse Symbolik vielfach als zu männlich geprägt und sucht deshalb nach weiblichen Gottesbildern, nach Göttinnen, weiblicher Urkraft und weiblichen religiösen Symbolen. Dahinter steht die Vorstellungen, daß Weiblichkeit etwas absolut eigenständiges oder gar Männlichkeit überlegen und in einem Gegensatz zu dieser stehe. Ein solches Denken ist dem Christentum fremd. Religionsgeschichtlich mag daran vielleicht manches interessant sein. Es ist aber nicht katholische Lehre.
Ein Einschub drängt sich geradezu auf: Spätestens seitdem die höchsten Staatsämter von Frauen besetzt sind, man denke an die EU, weiß die Menschheit, daß „Frauen an die Macht“ eine leere Parole war und Frauen auch keine bessere Politik als Männer machen. Doch der sich selbst überhöhende Feminismus ist längst zum lernresistenten Selbstläufer geworden.
Und es wird dort problematisch, wo eine solche außerchristliche oder nachchristliche Spiritualität nicht mehr von außen betrachtet, sondern in den katholischen Kirchenraum hineingetragen und mit christlichen Symbolen verbunden wird.
Von der „berechtigten Kritik“ zur Umdeutung des Christentums
Die feministische Theologie selbst ist kein einheitlicher Block. Es gibt unterschiedliche Schulen und Ansätze. Doch im konkreten Zuger Zusammenhang ist die Verbindung mit feministischer Theologie nicht bloß eine Unterstellung.
Regula Grünenfelder, die die Ausstellung „theologisch begleitet“, ist seit Jahren ausdrücklich im Bereich der feministischen Theologie tätig – einem jener destruktiven Ausflüsse der nachkonziliaren Zersetzung, in deren Gefolge katholische Glaubensvorstellungen einer ideologischen Neuinterpretation unterworfen wurden. Sie leitete etwa die Fachstelle Feministische Theologie der FrauenKirche Zentralschweiz. Der Verein ist natürlich „ökumenisch“ und wird auch von der katholischen Landeskirche und der katholischen Kirchengemeinde Luzern mitfinanziert. Grünenfelder selbst ist „Seelsorgerin“ in der katholischen Kirche St. Johannes in Zug.
In einem Gespräch über die feministische Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel erläuterte Grünenfelder ausdrücklich Grundgedanken feministischer Theologie: Sie kritisierte eine Fixierung auf den traditionellen „Herr-Gott“-Sprachgebrauch und betonte, daß Frauen und Männer aus ihren jeweiligen Erfahrungen heraus unterschiedliche Weisen entwickeln könnten, von Gott zu sprechen.
Das ist der Punkt, an dem man aus katholischer Sicht genauer hinsehen muß. Was allerdings von den zuständigen Verantwortlichen in keinem ausreichenden Maß getan wird.
Die berechtigte Frage nach der Würde der Frau ist etwas anderes als die Suche nach einer „Göttin“.
Das Christentum hat die Frau niemals als minderwertiges Geschöpf gelehrt. Im Gegenteil: In Maria besitzt die Kirche das erhabenste Beispiel einer menschlichen Person, die durch Gottes Gnade zur einzigartigen Würde der Gottesmutter erhoben wurde.
Aber Maria ist eben keine Göttin.
Wer deshalb aus dem berechtigten Anliegen, weibliche Erfahrungen und weibliche Würde sichtbar zu machen, den nächsten Schritt zur Wiederentdeckung einer „Göttin“ vollzieht, verläßt den Boden der katholischen Offenbarung.
Die entscheidende Vermischung
Genau hier liegt das theologische Hauptdefizit des Zuger Spektakels.
Die Ausstellung will ausdrücklich „Verwandtschaft“ zwischen „Göttinnen“-Figuren und christlichen Symbolen erfahrbar machen.
Doch diese Verwandtschaft existiert aus katholischer Sicht nicht, schon gar nicht auf der Ebene der Göttlichkeit.
Isis ist keine Vorstufe Mariens.
Aschera ist kein weiblicher Aspekt des christlichen Gottes.
Durga ist nicht eine andere Erscheinungsform derselben göttlichen Wirklichkeit.
Und Maria ist erst recht keine christliche Göttin.
Gerade die Vermischung solcher Kategorien ist deshalb das eigentliche Problem. Daß dies weder erkannt noch abgestellt wird, zeigt, wie fern das dahinterstehende Denken der Ausstellungsbeteiligten und der kirchlichen Verantwortungsträger vom katholischen Glauben und einem elementaren Verständnis des Heiligen bereits ist.
Es geht um eine bemerkenswerte Umkehrung: Das Christentum soll sich nicht mehr selbst auslegen, sondern seine Symbole werden in einen größeren religionsübergreifenden Deutungsrahmen eingeordnet, umgedeutet und letztlich aufgelöst.
Dann wird Maria nicht mehr von Christus her verstanden, sondern vom Archetypus der „Göttin“ her.
Das ist eine fundamentale Verschiebung.
Eine Ironie mit besonderer Schärfe
Und hier bekommt der Vorgang eine geradezu ironische Note.
Die moderne feministische Spiritualität möchte die Frau von patriarchalen religiösen Strukturen befreien. Gleichzeitig wird aber gerade die katholische Gestalt, die in einzigartiger Weise für die Würde und Erhöhung einer Frau steht, in ein vorchristliches Pantheon verbannt.
Maria wird damit nicht erhöht, sondern verkleinert.
Denn die katholische Maria ist unvergleichlich größer als irgendein religionsgeschichtlicher „Göttinnen-Archetyp“ – gerade weil sie keine Göttin ist.
Ihre Größe besteht darin, daß sie ganz auf Gott verweist:
„Meine Seele preist die Größe des Herrn.“
Maria sagt nicht: Ich bin die Göttin.
Sie sagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“
Das ist katholisches Christentum. Und genau das will nicht nur das Neuheidentum mit seinem Hexenwahn nicht akzeptieren. Auch die feministische Theologie weigert sich, diese grundlegende Wahrheit anzuerkennen.
Was daran besonders bedenklich ist
Man muß deshalb nicht behaupten, daß die Veranstalter mit der Ausstellung einen heidnischen Götzen anbeten. Dafür gibt der belegte Sachverhalt keinen ausreichenden Anhaltspunkt.
Aber man darf und muß fragen, ob hier eine religionssynkretistische Vermischung stattfindet oder zumindest versucht wird, die mit dem katholischen Glauben unvereinbar ist.
Denn ein katholischer Kirchenraum ist kein neutraler religionswissenschaftlicher Ausstellungsraum. Dort stehen Altar, Tabernakel, Kreuz und Marienbild nicht als beliebige religiöse Symbole nebeneinander. Sie gehören zu einem konkreten Gottesbekenntnis: Jesus Christus ist der Herr.
Wenn nun „Göttinnen“, also heidnische Götzen, aus unterschiedlichen religiösen Traditionen bewußt so angeordnet werden, daß sie mit Maria und dem Altar in einen „Dialog“ treten, dann ist die Frage nach der Grenze zwischen Dialog und Vermischung nicht kleinlich, sondern notwendig.
Und spätestens hier muß auch die Frage gestellt werden, ob eine Kirche tatsächlich der geeignete Ort ist, um außerchristliche Spiritualitätskonzepte, die aus Magie, Schamanismus, Göttinnenreligion und neuheidnischen Strömungen gespeist sind, mit christlichen Symbolen zu verschmelzen. Die Antwort kann nur lauten: Nein.
Die eigentliche Tragik
Die Tragik besteht dabei nicht darin, daß man über Frauen spricht. Das ist selbstverständlich.
Die Tragik besteht darin, daß man offenbar nicht mehr darauf vertraut, daß das Christentum selbst genügend starke weibliche Symbole besitzt. Mehr noch, daß man diese in ihrer überlieferten Form nicht mehr akzeptiert.
Das Christentum besitzt sie jedoch Es besitzt Eva, Sara, Hanna und Ruth. Es besitzt Maria Magdalena. Es besitzt eine Vielzahl von Heiligen. Und vor allem besitzt es Maria, die Gottesmutter. Sie braucht keine „Göttinnen“ neben sich, um groß zu erscheinen.
Im Gegenteil: Wer Maria neben Isis, Aschera und Durga stellt läuft Gefahr, gerade das zu zerstören, was die katholische Marienverehrung von jeder heidnischen „Göttinnen“-Religion unterscheidet: Maria ist nicht Teil einer weiblichen Gottheit. Sie ist Geschöpf – und gerade als Geschöpf die begnadete Mutter des Schöpfers.
Das ist keine Nebensächlichkeit. Es ist der Kern des christlichen Glaubens. Und deshalb kann die Kirche nie fragen: „Wo ist die Göttin?“ Sondern immer allein: Wo ist Christus?
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Zugkultur.ch (Screenshot)
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