Milliarden Menschen nutzen das Internet als Werkzeug der Kommunikation und Information. Dennoch sind seine Ursprünge weiterhin Gegenstand von Diskussionen unter Wissenschaftlern und Beobachtern. Während der kleinere Teil die vorherrschende Rolle der US-amerikanischen militärischen Forschung hervorheben, wird meist lieber der Beitrag der akademischen Welt und der wissenschaftlichen Zusammenarbeit betont. Ein verkürztes Entstehungsnarrativ reduziert das Internet auf eine zivilgesellschaftliche Kommunikationsinnovation und verschleiert nicht nur seine Wurzeln, sondern vor allem die gelenkte Entwicklung und die damit verbundene Entstehung der heutigen Technologiegiganten, von denen der Großteil keineswegs zufällig in den USA sitzen, der Rest in der Volksrepublik China. Letzteres ist zum Verständnis erklärungsbedürftig:
Das Internet wurde von den USA bewußt standardisiert und offen gestaltet. Die Protokolle (TCP/IP, DNS usw.) wurden veröffentlicht und konnten weltweit übernommen werden. Das geschah nicht uneigennützig, sondern war politisch gewollt, um einen globalen Standard unter US-Führung zu etablieren. Die von den USA angestrebten Ziele waren die militärische und technologische Führung, die Etablierung eines globalen technischen Standards, der auf US-Technologien beruhte und damit auch die wirtschaftliche Dominanz amerikanischer Unternehmen. Die ersten beiden Ziele wurden erreicht: TCP/IP wurde Weltstandard, die wichtigsten Internetunternehmen entstanden in den USA, Englisch wurde zur dominierenden Sprache des Netzes, und US-Firmen kontrollieren bis heute große Teile der digitalen Infrastruktur. Der unbeabsichtigte Kehrseite war, daß dieselbe Offenheit der technischen Standards später auch konkurrierenden Staaten, konkret der Volksrepublik China, den Aufbau eigener digitaler Machtzentren ermöglichte. Der chinesische Staat investierte enorme Summen in Bildung, Forschung, Halbleiter, Telekommunikation und eigene Plattformen, um seinen Binnenmarkt vor dem US-Einfluß zu schützen. Google, Facebook, X (Twitter) und andere westliche Dienste wurden weitgehend ausgeschlossen. Dadurch konnten Tencent, Alibaba und später ByteDance (TikTok) neben den US-Giganten selbst zu Giganten heranwachsen.
Cinzia Notaro führte für Stilum Curiae von Marco Tosatti ein Gespräch mit Roberto Pecchioli über die Wurzeln des Internets, seine Entwicklung, das Verhältnis zwischen Technologie, Macht, Sicherheit und Freiheit und auch das Narrativ zum Ganzen.
Cinzia Notaro: In einem jüngst veröffentlichten Artikel wird behauptet, das Internet habe einen überwiegend militärischen Ursprung. Wie zutreffend halten Sie diese Darstellung?
Roberto Pecchioli: Es ist bekannt, daß sich das Internet aus einem Programm der amerikanischen Militärbehörde ARPA entwickelte, das in Zusammenarbeit mit verschiedenen Universitäten entstand. Aus ARPA ging ARPANET hervor; das entscheidende Datum war das Jahr 1969, als ein Prototyp einer Verbindung zwischen Rechnern entwickelt und umgesetzt wurde an den kalifornischen Universitäten von Santa Barbara und Los Angeles, an der Universität von Salt Lake City sowie am Forschungszentrum der Universität Stanford.
Die Entstehung des Internets war ein langfristiger Prozeß. Von ARPA zu ARPANET (dem ARPA-Netz) führten mehrere Entwicklungsschritte hin zu einer komplexen Struktur, die sich in exponentiellem Tempo ausweiten sollte und sich sowohl hinsichtlich der Technologien als auch der Kommunikationsprotokolle und Verbindungsmethoden ständig weiterentwickelte. All diese Elemente bildeten schließlich die Grundlage des modernen Internets.
Das ursprüngliche Ziel bestand darin, sämtliche elektronischen Rechner des US-Militärs und des sogenannten „Deep State“ der USA in einem nach außen abgeschirmten System miteinander zu verbinden, das in der Lage war, Informationen in kürzester Zeit auszutauschen.
Daran ist nichts Neues oder Ungewöhnliches: Eine große Zahl von Erfindungen und Technologien entstand, wurde erdacht oder weiterentwickelt im militärischen Bereich. Der Mensch ist ein Wesen, das nach Macht strebt, und er neigt dazu, seinen Erfindungsgeist auch gegen andere Menschen einzusetzen.
Erst später werden viele technische Neuerungen und Erfindungen Bestandteil der Zivilgesellschaft. So war es auch mit der Atomenergie, die einerseits dazu dienen kann, ganze Nationen zu zerstören, andererseits aber die industriellen und energetischen Möglichkeiten jener vervielfachen kann, die sie sinnvoll zu nutzen wissen.
Cinzia Notaro: Welchen Einfluß hatten militärische Erfordernisse im Vergleich zur akademischen Forschung auf die Entwicklung des Internets?
Roberto Pecchioli: Wie bereits erwähnt, waren die grundlegenden Anforderungen des ARPANET-Projekts, des Vorläufers des Internets, zunächst militärischer Natur: Es ging um ein abgeschottetes System, das eine Befehls- und Kommunikationskette zwischen militärischen oder vertraulichen Einrichtungen der USA und einiger ihrer Verbündeten ermöglichen sollte.
Bald erkannte man jedoch, daß die Tragweite dieser Entdeckungen – verbunden mit der zunehmenden Geschwindigkeit der Rechner und der weltweiten Verbreitung von Computern – die Welt verändern würde und unabsehbare wirtschaftliche Folgen haben mußte, die sich keineswegs auf den militärischen Bereich begrenzen ließen.
Das Internet gehört – ebenso wie die Erfindung des Rades, der Dampfmaschine oder die Beherrschung der Elektrizität, die die Dunkelheit überwunden hat – zu den außergewöhnlichsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte.
Alles hängt letztlich davon ab, wie eine solche Technologie genutzt wird, wer sie kontrolliert und wem sie gehört.
Cinzia Notaro: Welche Darstellung über die Entstehung des Internets ist heute am weitesten verbreitet, und welche Aspekte werden Ihrer Ansicht nach häufig übersehen?
Roberto Pecchioli: Die Darstellung, über die wir gesprochen haben, ist im Wesentlichen zutreffend. Was jedoch häufig verschwiegen wird – ich habe es bereits eingangs angedeutet –, ist die Tatsache, daß Entdeckungen, Technologien und Erfindungen niemals neutral sind.
Sie entsprechen zwar dem menschlichen Drang nach Erkenntnis und Entdeckung, doch sie haben immer auch Eigentümer und Machtstrukturen hinter sich.
Im Fall des Internets und der Kenntnisse, die dadurch ermöglicht wurden, hat sich die Fähigkeit zur Kontrolle immer weiter verstärkt, die durch die gleichzeitige Vernetzung von Millionen Geräten entstanden ist. Hinzu kommt der enorme Reichtum jener, denen es ermöglicht wurde, ihre Entdeckungen patentieren zu patentieren und sie damit zugleich einer öffentlichen oder gesellschaftlichen Verwaltung sowie einer einfachen Kontrolle zu entziehen.
Ein Beispiel dafür ist die Fähigkeit der Technologieriesen – die nicht nur zu den größten Nutzern des Internets gehören, sondern auch Teil seiner Macht- und Steuerungskette sind –, die erste privatisierte Form von Zensur der Geschichte hervorzubringen.
Diese richtet sich zunehmend gegen jene, die den liberal-progressiven Globalismus infrage stellen, also gegen jene Ideologie, die zur inoffiziellen Ideologie des postmodernen Westens geworden ist.
Eine Art praktische Massenverwirklichung jener „animal spirits“ des Kapitalismus, von denen Joseph Schumpeter sprach.
Cinzia Notaro: Glauben Sie, daß die Ursprünge des Internets noch heute Auswirkungen darauf haben, wie das Netz funktioniert?
Roberto Pecchioli: Das scheint mir offensichtlich.
Heute ist das Netz, das aus einem gewaltigen Geflecht von Knotenpunkten (Hubs, also Umschlag- und Verteilzentren) besteht, die mit dem globalen und lokalen Telefonnetz verbunden sind, eine Art moderner Aleph – verfügbar für jene, die die obersten Ebenen des Internets kontrollieren und besitzen: die USA, Israel, die FinTech-Giganten und inzwischen auch China.
In der berühmten Erzählung von Jorge Luis Borges ist das Aleph „der Ort, an dem sich alle Orte der Erde befinden, ohne sich zu vermischen, gesehen aus allen Blickwinkeln“.
Heute existiert ein solches Aleph tatsächlich – es ist das World Wide Web.
Es ist selbstverständlich, daß jene, die es gefördert, erfunden und verfügbar gemacht haben, ihre Vorteile bewahren und es als Instrument ihres eigenen Machtwillens einsetzen wollen – zum Nachteil aller anderen.
Cinzia Notaro: Hat sich das Verhältnis zwischen Technologie, Geheimdiensten und politischer Macht verändert, oder folgt es weiterhin denselben Grundmustern?
Roberto Pecchioli: Ich bin der Ansicht, daß die grundlegenden Mechanismen seit sehr langer Zeit dieselben geblieben sind.
Der Unterschied besteht in der Verbindung zwischen einem Zusammenschluß staatlicher Kräfte, geheimdienstlicher Strukturen und einem gewaltigen militärisch-industriellen, wirtschaftlichen und finanziellen Komplex, der zu einem großen Teil in privater Hand liegt.
Als Erster sprach darüber ein US-Präsident: Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede aus dem Weißen Haus im Januar 1961. Er warnte vor der Gefahr, die diese neue Macht, die sich damals herausbildete, für das politische System, die Freiheiten und die demokratischen Verfahren der repräsentativen Demokratie darstellen könne.
Und das Zeitalter des Siliziums, des Internets und der transhumanen beziehungsweise posthumanen Revolution der Künstlichen Intelligenz lag damals noch in weiter Ferne.
Wie ich betonen möchte, ist der beunruhigendste Punkt die Möglichkeit einer individuell auf uns zugeschnittenen Kontrolle: über unser Handeln, unser Denken und in naher Zukunft möglicherweise sogar über unser Bewußtsein.
Das Internet ist eine großartige Chance mit vielfältigen Möglichkeiten, aber auch mit zahlreichen Gefahren, die mit der Natur von Macht verbunden sind – zu allen Zeiten und an jedem Ort.
Cinzia Notaro: Stellen die großen digitalen Plattformen heute ein neues Machtzentrum dar? Wenn ja, in welchem Sinne? Wer kontrolliert das Internet tatsächlich: Staaten, Unternehmen oder niemand von beiden?
Roberto Pecchioli: Die digitalen Plattformen haben alles revolutioniert – vom Handel (man denke etwa an Amazon) bis hin zu nahezu jedem anderen Bereich menschlichen Verhaltens.
Sie haben ein System unmittelbarer Kommunikation geschaffen, das formal allen offensteht, in dem jedoch gleichzeitig Privatsphäre, Vertraulichkeit und reale Gemeinschaft zunehmend verschwinden.
Der Sieg des Virtuellen, verbunden mit der außergewöhnlichen Kapitalisierung einiger weniger Dutzend Akteure, die weit mächtiger sind als Nationalstaaten, führt dazu, daß eine öffentliche Dimension sowie eine politische und gesellschaftliche Kontrolle kaum noch möglich erscheinen.
Das Netz entterritorialisiert: Es verbindet alle Menschen augenblicklich miteinander, ist aber heute – gerade in Verbindung mit den neuen Technologien, die es selbst ermöglicht hat – tatsächlich zu einer gewaltigen, nach oben zentralisierten Macht geworden.
Ebenso tiefgreifend ist die wirtschaftliche Wirkung: Noch nie in der Geschichte bestand eine derart große, ungerechte und unerträgliche Distanz zwischen jenen, die alles besitzen – auch dank der neuen Technologien –, und Milliarden von Menschen, die auf einzelne, austauschbare Atome reduziert werden.
Das Grundprinzip lautet: „Follow the money“ – folge dem Geld.
Die durch Technologie gestärkte Plutokratie ist mächtiger als die Staaten selbst, sogar mächtiger als jene Staaten, in denen sie ihren Sitz und ihre eigene Befehlskette haben. Diese Staaten drohen vielmehr zunehmend zu Werkzeugen ihrer Interessen zu werden.
Cinzia Notaro: Ist das Internet noch ein Werkzeug der Freiheit, oder entwickelt es sich immer stärker zu einem Instrument der Kontrolle?
Roberto Pecchioli: Die Möglichkeiten, die das Internet tatsächlich eröffnet hat und weiterhin eröffnet, sind außergewöhnlich.
Auch wir selbst könnten dieses Gespräch ohne das Internet nicht verbreiten.
Dennoch ist alles an Kontrolle von oben gebunden: an Fernüberwachung und an die Selbstzensur, die wir uns auferlegen, aus Angst, „gebannt“ – also ausgeschlossen – zu werden.
Die Fähigkeit, jeden Einzelnen zu erreichen und ihm eine Abweichung von den vorherrschenden Ideen zuzuschreiben – also von jenen Vorstellungen, die von der heute dominierenden globalistischen Klasse vertreten werden –, stellt das mächtigste Instrument der Kontrolle und damit der Stabilisierung von Macht in der Geschichte dar.
Cinzia Notaro: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Mythen, die über die Entstehung und Entwicklung des Internets widerlegt werden müssen?
Roberto Pecchioli: Der größte Mythos ist jener von der demokratischen Natur des Internets, von seiner angeblich offenen Struktur.
Als militärisches Werkzeug entstanden, öffnet oder verschließt das Internet bestimmte Räume und Möglichkeiten je nach den Interessen jener, die das Netz besitzen.
Wir erleben leider eine Phase zunehmender Abschottung – auch auf gesetzgeberischer Ebene.
Doch selbst wenn die Gesetze der Staaten eine andere Richtung einschlagen würden: Wer hätte die Macht, einem weitgehend entterritorialisierten und finanziell übermächtigen System Vorschriften zu machen, dessen oberste Ebenen in jener undurchsichtigen Zone liegen, in der sich industrielle, finanzielle und technologische Oligarchien mit den geheimsten Bereichen staatlicher Apparate einiger Länder überschneiden?
Diese Akteure selbst kommunizieren und handeln inzwischen auch über das Dark Web, das sogenannte „dunkle Netz“, in dem nicht öffentliche Transaktionen stattfinden und von dem aus reale Macht über die Welt ausgeübt wird.
Cinzia Notaro: Gibt es einen historischen Aspekt der Ursprünge des Internets, dessen Kenntnis Sie für entscheidend halten, um die Gegenwart zu verstehen?
Roberto Pecchioli: Es ist seine militärische Entstehungsgeschichte – also die Verbindung von Wissenschaft, Technologie und dem Machtwillen bestimmter Akteure.
Die militärische Dimension ist, unabhängig davon, wie man sie bewertet, stets mit dem Krieg verbunden, also mit einer Vorstellung vom Menschen, in der einige wenige – durch Geld, technische Fähigkeiten oder den Wunsch nach Herrschaft – alle anderen niederdrücken und zerstören.
Dies geschieht heute auch durch Werkzeuge wie das Internet, die auf den ersten Blick Offenheit, Wissen und Verbindung verkörpern.
Die Fäden des Netzes werden von jemandem gezogen. Deshalb ist das Netz nicht neutral – wie jede Technologie.
Mit großer Verspätung und aus einer Perspektive, die dem Transzendenten nur wenig Raum läßt, ist auch der Vatikan zu dieser Erkenntnis gelangt, etwa mit der jüngsten Enzyklika Magnifica Humanitas.
*Roberto Pecchioli lebt in Genua, Essayist und Publizist. Er studierte Literatur und Philosophie an der Universität seiner Heimatstadt und war beruflich als leitender Beamter der italienischen Zollverwaltung tätig. Dort beschäftigte er sich insbesondere mit Aufgaben im Bereich Betrugsbekämpfung und dem Schutz des „Made in Italy“.
*Cinzia Notaro ist eine italienische katholische Journalistin und Publizistin. Sie schreibt vor allem zu Themen der katholischen Kirche, Theologie, Glaubensverteidigung, des kirchlichen Lebens und der aktuellen Entwicklungen innerhalb der Kirche.
Übersetzung/Einleitung: Giuseppe Nardi
Bild: KI
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