Nach Monaten der Ruhe scheint das umstrittene Projekt eines Bistros auf der Dachterrasse des Petersdoms unmittelbar vor der Verwirklichung zu stehen. Was von den Verantwortlichen zwischenzeitlich beschwichtigend als bloßer „kleiner Verpflegungspunkt“ bezeichnet wurde, hat sich inzwischen als voll ausgestatteter Gastronomiebetrieb mit Küche herausgestellt. Nach Informationen der römischen Tageszeitung Il Messaggero sind die Bauarbeiten inzwischen abgeschlossen. Sofern Papst Leo XIV. nicht persönlich eingreift, soll das Bistro bereits im September seinen Betrieb aufnehmen.
Das Vorhaben geht auf Kardinal Mauro Gambetti zurück, den von Papst Franziskus ernannten Erzpriester des Petersdoms, dessen fünfjährige Amtszeit inzwischen abgelaufen ist. Über eine Verlängerung seiner Amtszeit wurde von Leo XIV. bislang noch nicht entschieden. Unabhängig davon scheint Kardinal Gambettis umstrittenes Vermächtnis nun vollendet zu sein.
Bereits vor Monaten hatte das Projekt erhebliche Kritik ausgelöst. Selbst Gourmet-Medien befaßten sich mit der Angelegenheit. Nachdem erste Informationen über ein Restaurant auf der Terrasse der Kuppel bekannt geworden waren, bemühten sich vatikanische Stellen um eine sprachliche Relativierung und bezeichneten die Einrichtung lediglich als „kleinen gastronomischen Service“. Die Existenz des Projekts wurde dabei nie bestritten, wohl aber dessen tatsächlicher Umfang heruntergespielt.
Nun zeigt sich, daß neben dem bereits seit Jahren bestehenden Kiosk, an dem Besucher nach dem Aufstieg Getränke oder Kaffee erwerben können, ein eigener Restaurantbereich mit moderner Küche eingerichtet wurde. Künftig sollen Besucher in unmittelbarer Nähe der Kuppel, über dem Grab des Apostelfürsten Petrus und mit einem Rundblick über Rom, „Mittag- und Abendessen“ einnehmen können, wie Kritiker sagen. Letzteres erschien bis vor kurzem als überzogene Polemik, da der Zugang zur Kuppel selbst im Sommer nur bis 18:00 Uhr gestattet war und der letzte Einlaß um spätestens 17:30 Uhr erfolgte (im Winter schon um 16:30 Uhr).
Doch seit Juni 2026 haben sich die Öffnungszeiten geändert. Die Peterskuppel kann nun im Sommer bis 20 Uhr abends besucht werden, was einen besonderen Blick über die Stadt am Tiber ermöglicht, einschließlich der Gelegenheit, den Sonnenuntergang auf der Kuppel zu beobachten. Die Neuerung läßt auch das Bistro-Projekt auf der Dachterrasse in einem anderen Licht erscheinen.
Nach Angaben von Il Messaggero fand in den vergangenen Tagen bereits eine interne Probeveranstaltung statt. Verantwortliche der Dombauhütte von St. Peter nahmen die neuen Räumlichkeiten in Augenschein und schlossen die Besichtigung mit einem Testessen ab, um Küche und Service auf ihre Einsatzbereitschaft zu überprüfen. Das Bistro gilt seither als vollständig betriebsbereit.
Gerade dieser Umstand scheint die Diskussion erneut anzufachen. Während die Befürworter das Angebot als legitimen Service für die unzähligen Besucher des Petersdoms darstellen, sehen Kritiker darin einen weiteren Schritt zur Kommerzialisierung des bedeutendsten Heiligtums der Christenheit.
Bereits im Februar hatte Kardinal Gambetti sein Vorhaben öffentlich verteidigt. Wenn es auf der Terrasse bereits Toiletten und einen Kiosk gebe, so argumentierte er damals, spreche nichts dagegen, den Besuchern auch eine gastronomische Versorgung anzubieten. Diese ausdrücklich wirtschaftlich begründete Argumentation stieß allerdings auf erheblichen Widerspruch.
Besonders schwer wiegt für die Kritiker der kirchenrechtliche Aspekt. Sie verweisen auf Canon 1210 des Codex Iuris Canonici, wonach in heiligen Orten ausschließlich das zugelassen werden darf, „was der Ausübung oder Förderung des Gottesdienstes, der Frömmigkeit und der Religion dient“. Alles, was der Heiligkeit des Ortes fremd ist, muß ausgeschlossen bleiben. Auf dieser Grundlage wurde eine Petition an Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin gerichtet, mit der die Einstellung sämtlicher zusätzlicher kommerzieller Aktivitäten innerhalb der Petersbasilika gefordert wird.
Zeitweise schien das Projekt tatsächlich ins Stocken geraten zu sein. Dazu trug auch bei, daß der Privatsekretär von Papst Leo XIV., Msgr. Edgar Rimaycuna, die Baustelle auf der Kuppel besichtigt hatte. Im Vatikan entstand daraufhin die Erwartung, die Angelegenheit liege inzwischen dem Papst persönlich zur Entscheidung vor. Anschließend herrschte monatelang völlige Funkstille.
Diese Phase des Schweigens ist nun offenbar beendet. Nach Abschluß der Bauarbeiten scheint der Start des Gastronomiebetriebs unmittelbar bevorzustehen. Offiziell betonen die Verantwortlichen der Petersbasilika weiterhin, es handle sich lediglich um eine Erweiterung der Besucherbetreuung, um den Touristenstrom besser zu lenken und den Gästen nach dem beschwerlichen Aufstieg eine angemessene Verpflegung anzubieten – selbstverständlich unter Wahrung der Sakralität des Ortes. Ob diese Argumentation die Kritiker überzeugen kann, erscheint jedoch fraglich.
Nach derzeitigem Stand könnte nur noch Papst Leo XIV. das Projekt stoppen oder zumindest dessen Eröffnung aussetzen. Bislang hat sich der Papst öffentlich nicht zu der Angelegenheit geäußert. Seit dem Besuch des persönlichen Sekretärs auf den Dachterrassen ist jedoch bekannt, daß das Kirchenoberhaupt über die Angelegenheit informiert ist.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: reportergourmet.com (Screenshot)
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