Die Legende von Padre Pios angeblicher Warnung an Erzbischof Lefebvre


Im Frühjahr 1967 besuchte Msgr. Marcel Lefebvre (2. v. l.) den stigmatisierten Kapuziner Pater Pio in San Giovanni Rotondo.
Im Frühjahr 1967 besuchte Msgr. Marcel Lefebvre (2. v. l.) den stigmatisierten Kapuziner Pater Pio in San Giovanni Rotondo.

Der Mecha­nis­mus ist nicht neu: Eine unbe­leg­te oder erfun­de­ne Behaup­tung wird nur oft genug wie­der­holt, bis sie schließ­lich den Anschein einer „bekann­ten Tat­sa­che“ gewinnt und als sol­che wei­ter­ver­brei­tet wird, als wäre sie Gewiß­heit. Im kon­kre­ten Bei­spiel geht es um zwei her­aus­ra­gen­de Gestal­ten der Kir­che des 20. Jahr­hun­derts, um den hei­li­gen Pater Pio von Piet­rel­ci­na und um Erz­bi­schof Mar­cel Lefebvre.

Der­zeit erlebt eine seit Jahr­zehn­ten kur­sie­ren­de Erzäh­lung über den hei­li­gen Pad­re Pio und Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re neue Ver­brei­tung – viel­leicht weil man­che den­ken, sich dadurch Argu­men­te erspa­ren zu kön­nen. Es geht um die angeb­li­che „Pro­phe­zei­ung“ des Kapu­zi­ner­pa­ters aus San Gio­van­ni Roton­do auf dem Gar­ga­no, mit der die­ser Msgr. Lefeb­v­re vor sei­nem spä­te­ren Wider­stand gegen die nach­kon­zi­lia­re Ent­wick­lung der Kir­che gewarnt haben soll.

Die Geschich­te wird immer wie­der ange­führt, um die Posi­ti­on Msgr. Lefeb­v­res und der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) nach­träg­lich mit einem nega­ti­ven Urteil Pater Pios zu ver­se­hen und damit wohl vor allem das from­me Volk zu ver­un­si­chern und abzu­schrecken. Doch bei genau­er Betrach­tung zeigt sich, daß der angeb­li­che Dia­log, der Pater Pio Wor­te über „Rebel­li­on“, Unge­hor­sam und die Fol­gen des Lefeb­v­re-Weges in den Mund legt, zur Gat­tung nach­träg­lich ent­stan­de­ner Legen­den gehört.

Eine Begegnung, die stattfand – ein Gespräch, das nicht belegt ist

Die Begeg­nung zwi­schen Pater Pio und Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re hat tat­säch­lich statt­ge­fun­den. Sie ereig­ne­te sich zu Ostern 1967 in San Gio­van­ni Roton­do. Der hei­li­ge Kapu­zi­ner war bereits durch Krank­heit gezeich­net. Im Sep­tem­ber des dar­auf fol­gen­den Jah­res, soll­te er aus die­ser Welt abbe­ru­fen wer­den. Erz­bi­schof Lefeb­v­re war damals bereits eine bekann­te Gestalt im Wider­stand gegen bestimm­te Ent­wick­lun­gen nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Die Begeg­nung ist durch ein berühm­tes Foto fest­ge­hal­ten, das den aus Frank­reich stam­men­den Kon­zils­va­ters und ehe­ma­li­gen Gene­ral­obe­ren des Mis­si­ons­or­dens der Spi­ri­ta­ner zeigt, wie er die Hand Pater Pios küßt, eine der stig­ma­ti­sier­ten Hän­de des Heiligen.

Was jedoch fehlt, ist jede zeit­ge­nös­si­sche Quel­le, die das erwähn­te Gespräch oder gar eine pro­phe­ti­sche War­nung Pater Pios doku­men­tiert. Über­haupt ist nichts von einem län­ge­ren, geist­li­chen Gespräch zwi­schen bei­den überliefert.

Pater Pio war damals bereits 80 Jah­re alt und litt unter chro­ni­schen Atem­wegs­be­schwer­den, Arthri­tis, Kreis­lauf­pro­ble­men und all­ge­mei­ner Erschöp­fung. Er ver­wen­de­te sei­ne gan­ze Kraft, um täg­lich das hei­li­ge Meß­op­fer zu zele­brie­ren und nach Mög­lich­keit den ihm über­aus wich­ti­gen Beicht­dienst zu ver­rich­ten. Per­sön­li­che Begeg­nun­gen wie jene mit Erz­bi­schof Lefeb­v­re fan­den zwar auch noch statt, waren jedoch sehr kurz. Vie­le Besu­cher erhiel­ten ledig­lich den Segen oder konn­ten dem Hei­li­gen weni­ge Wor­te sagen. Aus­führ­li­che Unter­hal­tun­gen waren zur sel­te­nen Aus­nah­me geworden.

Die behaup­te­te Erzäh­lung von einer War­nung Pater Pios an Erz­bi­schof Lefeb­v­re tauch­te erst vie­le Jah­re spä­ter auf – zu einer Zeit, als der Kon­flikt zwi­schen dem Erz­bi­schof und dem Hei­li­gen Stuhl längst öffent­lich gewor­den war und Pad­re Pio längst ver­stor­ben war. Die erste grö­ße­re Ver­brei­tung erfuhr die­ses Nar­ra­tiv 1983 durch einen Arti­kel von Pier Car­pi in der popu­lä­ren Illu­strier­ten Dome­ni­ca del Cor­rie­re, der Sonn­tags­bei­la­ge der Tages­zei­tung Cor­rie­re del­la Sera. Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen beru­hen weit­ge­hend auf Recher­chen von Radio Spa­da.

Der Jour­na­list Car­pi, wur­de vor allem als Autor von Büchern über Eso­te­rik, Okkul­tis­mus, Magie, Geheim­or­den, Para­psy­cho­lo­gie und angeb­li­che Pro­phe­zei­un­gen bekannt. Er berief sich bei sei­ner Erzäh­lung auf einen angeb­li­chen Augen­zeu­gen, Bru­no Raba­jot­ti, den Car­pi als „geist­li­chen Sohn“ von Pater Pio prä­sen­tier­te, wohl um des­sen Glaub­wür­dig­keit zu erhöhen. 

Der 1993 ver­stor­be­ne Raba­jot­ti wur­de im Zusam­men­hang mit der Pater-Pio-Lefeb­v­re-Legen­de ger­ne als „Prof. Raba­jot­ti“ ange­führt. Ins­ge­samt sind aber kaum Infor­ma­tio­nen über ihn greif­bar. Er unter­rich­te­te offen­bar Vio­li­ne. An ande­rer, nicht unbe­deu­ten­der Stel­le wird er jeden­falls als „Humo­rist“ bezeichnet.

Gera­de die­ser Car­pi-Raba­jot­ti-Ursprung ver­langt jedoch nach beson­de­rer Vorsicht.

Eine Quelle mit Fragezeichen

Pier Car­pi war kein Kir­chen­hi­sto­ri­ker, er war weder wis­sen­schaft­lich tätig noch war er ein Bio­graph Pater Pios. Sei­ne Bücher über Eso­te­rik, Magie, Geheim­bün­de und Frei­mau­re­rei spie­len viel­mehr mit Sen­sa­ti­ons­lust. Die­se spricht auch aus dem Unter­ti­tel sei­nes Arti­kels im Cor­rie­re del­la Dome­ni­ca: „War­um ver­steckt die Kir­che die Pro­phe­zei­un­gen von Pater Pio?“

Vor allem aber wur­den sowohl Car­pi als auch sei­ne Quel­le Raba­jot­ti im Zusam­men­hang mit der berüch­tig­ten Frei­mau­rer­lo­ge P2 genannt, die ein kom­ple­xes Kapi­tel der ita­lie­ni­schen Nach­kriegs­ge­schich­te dar­stellt. Der Name der Loge knüpf­te an eine Vor­gän­ger­lo­ge namens Pro­pa­gan­da Masso­ni­ca an, die 1877 in dem von ita­lie­ni­schen Trup­pe erober­ten Rom, bis dahin die Stadt des Pap­stes, gegrün­det wor­den war. Der Logen­na­me soll­te das pro­vo­kan­te Gegen­stück zur Kon­gre­ga­ti­on Pro­pa­gan­da Fide (Kon­gre­ga­ti­on für die Ver­brei­tung des Glau­bens) des Hei­li­gen Stuhls sein (heu­te Dik­aste­ri­um für die Evan­ge­li­sie­rung).

P2 (Pro­pa­gan­da Due) war eine von Licio Gel­li geführ­te kon­spi­ra­ti­ve Frei­mau­rer­lo­ge, die als Schalt­stel­le eines inter­na­tio­na­len Netz­wer­kes aus Poli­tik, Mili­tär, Geheim­dien­sten – ins­be­son­de­re der CIA – und Finanz­welt fungierte.

In den Akten des par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuß­es zur Loge P2 wird Car­pi als „per­sön­li­cher Freund“ des P2-Grün­ders und Logen­mei­sters Licio Gel­li genannt, der von der Poli­zei über­wacht wur­de, als Gel­li nach der Ent­tar­nung der P2 flüch­tig war. Das geschah im sel­ben Jahr, in dem Car­pi sei­nen Arti­kel über Pater Pio und Erz­bi­schof Lefeb­v­re veröffentlichte.

Car­pi selbst erklär­te, er habe ledig­lich auf einer P2-Liste gestan­den, sei aber kein Mit­glied gewesen.

Car­pi und Raba­jot­ti saßen zusam­men mit Ugo La Mal­fa, Vor­sit­zen­der der Ita­lie­ni­schen Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei und füh­ren­der Ver­tre­ter des links­li­be­ra­len Lai­zis­mus in der Acca­de­mia dei Bar­di, Bei­de beweg­ten sich also nicht gera­de in einem für gläu­bi­ge Katho­li­ken übli­chen Milieu.

Raba­jot­ti war zudem der Ver­tre­ter der ita­lie­ni­schen Sek­ti­on des „huma­ni­sti­schen“ Inter­na­tio­na­len Komi­tees Abra­ham Lin­coln, einer „Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für ideo­lo­gisch, poli­tisch oder reli­gi­ös Ver­folg­te“. Auch in die­sem Fall scheint sich Raba­jot­ti weit weg von dem bewegt zu haben, was man mit Pater Pio in Ver­bin­dung brin­gen wür­de. Car­pi war mit der Pres­se­ar­beit des Lin­coln-Komi­tees beauftragt. 

Laut Recher­chen von Radio Spa­da ver­brei­te­te das Komi­tee frei­mau­re­ri­sche Pro­pa­gan­da, dar­un­ter ein Buch von Car­pi über den „Fall Gel­li“. Adres­sa­ten sei­en fast aus­nahms­los ein­ge­schrie­be­ne Mit­glie­der der P2 gewesen.

Nach Gel­lis Flucht aus dem Gefäng­nis Champ-Dol­lon im Schwei­zer Kan­ton Genf dank­te Gel­li in einem abge­fan­ge­nen Schrei­ben Car­pi für sei­nen Einsatz.

Die­se Umstän­de bewei­sen nicht auto­ma­tisch, daß eine von Car­pi ver­brei­te­te Geschich­te falsch ist. Sie zei­gen jedoch, daß eine histo­ri­sche Prü­fung um so not­wen­di­ger ist, wenn eine Erzäh­lung auf einer ein­zi­gen, spät auf­tau­chen­den Quel­le beruht.

Auch die Gestalt des angeb­li­chen Augen­zeu­gen Bru­no Raba­jot­ti bleibt pro­ble­ma­tisch. Außer­halb des gen­nn­ten Nar­ra­tivs gibt es kei­ner­lei Nach­wei­se, daß er ein „geist­li­cher Sohn“ oder gar ein Ver­trau­ter Pater Pios war. Eben­so­we­nig gibt es Bele­ge, daß er zum Zeit­punkt des Lefeb­v­re-Besuchs in San Gio­van­ni Roton­do zuge­gen war, um ein unmit­tel­ba­rer Zeu­ge eines sol­chen Gesprä­ches gewe­sen zu sein.

Noch grö­ße­re Zwei­fel ent­ste­hen durch den Inhalt der spä­ter ver­öf­fent­lich­ten aus­führ­li­chen Dar­stel­lung Raba­jot­tis. Dar­in wer­den Pater Pio wei­te­re Aus­sa­gen zuge­schrie­ben, die nicht mit dem vom Hei­li­gen über­lie­fer­ten Den­ken übereinstimmen.

Erzbischof Lefebvre selbst widersprach der Geschichte

Beson­ders schwer wiegt, daß der angeb­lich von Pater Pio gewarn­te Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re selbst die Erzäh­lung zurückwies.

In einem Schrei­ben vom 8. August 1990 ant­wor­te­te Lefeb­v­re auf die Anfra­ge eines Prie­sters der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., der ihn um Klä­rung der Ange­le­gen­heit gebe­ten hat­te. Er bezeich­ne­te die Geschich­te als eine „Ver­leum­dung“ ohne jede Grundlage.

Nach Lefeb­v­res eige­ner Erin­ne­rung dau­er­te die Begeg­nung nur weni­ge Minu­ten. Er habe Pater Pio bei die­ser Gele­gen­heit ledig­lich um den Segen für das Gene­ral­ka­pi­tel des Spi­ri­ta­ner­or­dens gebe­ten und die­sen vom hei­li­gen Kapu­zi­ner erhal­ten. Ein Gespräch über den Papst, über Gehor­sam, über eine angeb­li­che Rebel­li­on oder über die Zukunft der Kir­che habe nicht stattgefunden.

Damit wider­spricht der Haupt­be­tei­lig­te selbst jener dra­ma­ti­schen Erzäh­lung, die spä­ter aus der Begeg­nung gemacht wurde.

Wie aus einer Legende eine „Tatsache“ wird

Der Fall zeigt ein bekann­tes Muster: Eine Geschich­te ent­steht lan­ge nach dem angeb­li­chen Ereig­nis, wird häu­fig wie­der­holt, erscheint schließ­lich in meh­re­ren Büchern und erhält dadurch den Anschein histo­ri­scher Sicherheit.

Doch Wie­der­ho­lung ersetzt kei­ne Quellen.

Bei der angeb­li­chen Pro­phe­zei­ung Pater Pios an Msgr. Lefeb­v­re ste­hen sich zwei Tat­sa­chen gegen­über: Die Begeg­nung zwi­schen bei­den Män­nern ist histo­risch gesi­chert. Das angeb­li­che pro­phe­ti­sche Gespräch hin­ge­gen erscheint erst vie­le Jah­re spä­ter, besitzt kei­ne zeit­ge­nös­si­schen Bele­ge, kei­ne unab­hän­gi­gen Zeu­gen und wur­de vom wich­tig­sten Betei­lig­ten aus­drück­lich bestritten.

Aus histo­ri­scher Sicht han­delt es sich daher um eine nach­träg­lich ent­stan­de­ne Legende.

Ein Instrument im kirchlichen Streit

War­um sol­che Erzäh­lun­gen immer wie­der her­vor­ge­holt wer­den, ist leicht zu ver­ste­hen. In den inner­kirch­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Gegen­wart die­nen sie als Argu­men­te bzw. als Ersatz für Argu­men­te. Die einen wol­len damit zei­gen, daß Msgr. Lefeb­v­res Weg von Anfang an falsch gewe­sen sei; ande­re sehen dar­in den Ver­such, eine unbe­que­me kir­chen­ge­schicht­li­che Gestalt nach­träg­lich zu diskreditieren.

Radio Spa­da schreibt dazu: „Die Wahr­heit der Kir­che benö­tigt jedoch kei­ne Legen­den – weder zur Ver­tei­di­gung noch zur Ver­ur­tei­lung bestimm­ter Personen“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Radio Spa­da (Screen­shot)

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