Wer war der erste amerikanische Heilige?

Hauptpatronin der USA und Amerikas ist die Gottesmutter


Die heilige Rosa von Lima, die erste Heilige Amerikas
Die heilige Rosa von Lima, die erste Heilige Amerikas

Von Rober­to de Mattei*

Die Beru­fung eines Vol­kes spie­gelt sich in der Beru­fung sei­ner Hei­li­gen wider, und die ersten Hei­li­gen eines Vol­kes hel­fen dabei, des­sen Iden­ti­tät zu ver­ste­hen. Dar­aus ergibt sich die Fra­ge: Wer war der erste ame­ri­ka­ni­sche Hei­li­ge? Die­se Fra­ge läßt sich jedoch nicht ein­deu­tig beant­wor­ten.1

Betrach­tet man den gesam­ten ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent, also Nord- und Süd­ame­ri­ka, so gebührt die­ser Vor­rang zwei­fel­los der hei­li­gen Rosa von Lima (1586–1617). Sie wur­de in Lima, der Haupt­stadt des Vize­kö­nig­reichs Peru, unter dem Namen Isa­bel Flo­res de Oli­va gebo­ren und war die erste in Ame­ri­ka gebo­re­ne Per­son, die von der Kir­che hei­lig­ge­spro­chen wur­de. Dies geschah im Jah­re 1671 durch Papst Cle­mens X. Als Domi­ni­ka­ner­ter­tia­rin, Buß­see­le und Frau eines inten­si­ven kon­tem­pla­ti­ven Lebens ver­kör­per­te Rosa die geist­li­che Blü­te Ame­ri­kas unter der spa­ni­schen Kolo­ni­sa­ti­on. Ihre Hei­lig­spre­chung zeig­te, daß die Neue Welt ein Land war, das Hei­lig­keit her­vor­brin­gen konn­te, die von der Welt­kir­che voll aner­kannt wurde.

Bezieht sich die Fra­ge jedoch auf die USA, fällt die Ant­wort anders aus. Lan­ge Zeit galt die hei­li­ge Fran­ce­s­ca Save­r­io Cab­ri­ni (1850–1917) als „erste ame­ri­ka­ni­sche Hei­li­ge“. Sie wur­de in Sant’Angelo Lodi­gia­no in der Lom­bar­dei gebo­ren, kam jedoch 1889 als Mis­sio­na­rin nach New York und leb­te von da an bis zu ihrem Tod in den USA, wo sie sich der Betreu­ung von Ein­wan­de­rern wid­me­te. Mut­ter Cab­ri­ni grün­de­te Schu­len, Kran­ken­häu­ser, Wai­sen­häu­ser und Ordens­nie­der­las­sun­gen in einem Land, das sich rasch indu­stria­li­sier­te, zugleich aber von städ­ti­scher Armut und Wel­len anti­ka­tho­li­scher Stim­mung geprägt war. Sie wur­de ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ge­rin und war somit die erste Hei­li­ge der USA, die am 9. Juli 1946 von Papst Pius XII. hei­lig­ge­spro­chen wur­de. In sei­ner Anspra­che sag­te der Papst über sie:

„Sie starb in Ame­ri­ka, in den Ebe­nen von Illi­nois bei Chi­ca­go, am 22. Dezem­ber 1917, fast am Vor­abend des hei­li­gen Weih­nachts­fe­stes, in jenem ruhi­gen und fried­li­chen Tod ohne Todes­kampf, durch den eine plötz­li­che himm­li­sche Beru­fung bei den Hei­li­gen bis­wei­len das Land des Exils in die Selig­keit des Loh­nes verwandelt.“

Die erste in den USA gebo­re­ne Frau, die von der Kir­che hei­lig­ge­spro­chen wur­de, ist jedoch Eliza­beth Ann Seton (1774–1821), die 1975 von Papst Paul VI. kano­ni­siert wur­de. Sie wur­de in eine epi­skopa­li­sche Fami­lie in New York gebo­ren, war Ehe­frau und Mut­ter und wur­de bereits in jun­gen Jah­ren Wit­we. Nach einem Auf­ent­halt in Livor­no in Ita­li­en, der ihr Leben grund­le­gend ver­än­der­te, kon­ver­tier­te sie zur katho­li­sche Kir­che. Die­se Ent­schei­dung brach­te ihr Iso­la­ti­on und Schwie­rig­kei­ten, eröff­ne­te ihr aber zugleich einen neu­en Weg. In Mary­land grün­de­te sie die Schwe­stern der Näch­sten­lie­be des hei­li­gen Josef, die erste US-ame­ri­ka­ni­sche Frau­en­kon­gre­ga­ti­on. In ihr nimmt die Hei­lig­keit eine typisch ame­ri­ka­ni­sche Gestalt an: die der Lai­en­frau, der Mut­ter, der Erzie­he­rin und Grün­de­rin, die mit­ten in den kon­kre­ten Her­aus­for­de­run­gen der jun­gen Repu­blik steht.

Johan­nes Nepo­muk Neu­mann (1811–1860) war hin­ge­gen der erste Bischof der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, der hei­lig­ge­spro­chen wur­de. Der in Böh­men gebo­re­ne Ein­wan­de­rer wur­de Bischof von Phil­adel­phia und orga­ni­sier­te in die­ser Funk­ti­on ein weit­rei­chen­des Netz katho­li­scher Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, um den Glau­ben katho­li­scher Fami­li­en in einem über­wie­gend pro­te­stan­ti­schen Umfeld zu bewahren.

Kurz vor ihm hat­te die Fran­zö­sin Phil­ip­pi­ne Duches­ne (1769–1852), Ordens­frau vom Hei­lig­sten Her­zen Jesu, den Atlan­tik über­quert, um die ame­ri­ka­ni­sche Grenz­re­gi­on zu evan­ge­li­sie­ren. Sie träum­te von der Mis­si­on unter den Urein­woh­nern. Nach Jah­ren der Ent­beh­rung, Armut und Miß­ver­ständ­nis­se leb­te sie schließ­lich unter den Pota­wato­mi und wur­de zu einem Sym­bol der mis­sio­na­ri­schen Dimen­si­on des nord­ame­ri­ka­ni­schen Katho­li­zis­mus. Sie wur­de 1988 hei­lig­ge­spro­chen. Zu ihr gesellt sich Theodo­ra Gué­rin (1798–1856), eine Fran­zö­sisn, die über ihren Orden als Mis­sio­na­rin und Grün­de­rin der Schwe­stern der Gött­li­chen Vor­se­hung im noch jun­gen Gebiet der Ver­ei­nig­ten Staa­ten wirkte. 

Die Land­kar­te der ame­ri­ka­ni­schen Hei­lig­keit erwei­tert sich schließ­lich bis in den Pazi­fik mit Dami­an de Veu­ster und Mari­an­ne Cope, die mit der Tra­gö­die der Lepra­kran­ken auf der hawai­ia­ni­schen Insel Molo­kai ver­bun­den sind. Dami­an, ein bel­gi­scher Mis­sio­nar, teil­te das Leben der Kran­ken, bis er selbst an Lepra erkrank­te. Mari­an­ne Cope, eine in Deutsch­land gebo­re­ne, aber in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­ge­wach­se­ne Ordens­frau, setz­te sein Werk mit außer­ge­wöhn­li­cher Näch­sten­lie­be fort.

Die ame­ri­ka­ni­sche Hei­lig­keit war jedoch nicht nur ein euro­päi­sches Erbe, das in die Neue Welt ver­pflanzt wur­de. Mit Katha­ri­ne Dre­xel (1858–1955), Erbin einer wohl­ha­ben­den Fami­lie aus Phil­adel­phia, tritt eine zutiefst ame­ri­ka­ni­sche Gestalt her­vor: eine Frau aus der wirt­schaft­li­chen Eli­te, die ihr Ver­mö­gen und ihr Leben der Bil­dung der ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner wid­me­te. Bei einer Audi­enz bei Papst Leo XIII. bat sie ihn, Mis­sio­na­re nach Ame­ri­ka zu sen­den. Der Papst ant­wor­te­te ihr: „War­um wer­den Sie nicht selbst Mis­sio­na­rin?“ Dar­auf­hin grün­de­te sie die Schwe­stern vom Aller­hei­lig­sten Sakra­ment und setz­te ihren Reich­tum für das Apo­sto­lat unter India­nern und Afro­ame­ri­ka­nern ein.

Eine der schön­sten Gestal­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Hei­lig­keit ist der erste Afro­ame­ri­ka­ner, des­sen Selig- bzw. Hei­lig­spre­chungs­pro­zeß eröff­net wur­de: Pierre Tous­saint (1766–1853). Er war ein schwar­zer Katho­lik, der in New York leb­te, aber 1766 auf Hai­ti gebo­ren wur­de. Als Skla­ve einer katho­li­schen fran­zö­si­schen Adels­fa­mi­lie wur­de er im Glau­ben erzo­gen. Auf­grund sei­ner Intel­li­genz ermu­tig­te man ihn, lesen und schrei­ben zu lernen.

1787 zog die Fami­lie infol­ge der revo­lu­tio­nä­ren Unru­hen aus Frank­reich nach New York, das damals noch eine klei­ne Stadt mit nur sehr weni­gen Katho­li­ken war. Dort ließ sein Herr Pierre das Hand­werk des Fri­seurs und Haars­ty­li­sten erler­nen, in dem er außer­or­dent­lich geschickt wur­de. Als sein Herr jedoch nach Hai­ti zurück­kehr­te, um sei­nen Besitz wie­der­zu­er­lan­gen, fand er alles ver­lo­ren vor und starb plötz­lich. Sei­ne Wit­we blieb mit­tel­los zurück.

Pierre wur­de dar­auf­hin gleich­sam zur „Hand der Vor­se­hung“. Der jun­ge Skla­ve begann mit gro­ßem Erfolg als Fri­seur der New Yor­ker Ober­schicht zu arbei­ten. Er ver­dien­te viel Geld, ver­wen­de­te sei­ne Ein­künf­te jedoch dafür, die Fami­lie sei­ner Her­rin zu unter­stüt­zen, anstatt sei­ne eige­ne Frei­heit zu erkau­fen. Statt­des­sen kauf­te er die Frei­heit ande­rer Skla­ven, dar­un­ter die sei­ner Schwe­ster Rosalie.

Sein Tages­ab­lauf war äußerst aus­ge­füllt und auch beschwer­lich: Hei­li­ge Mes­se in aller Frü­he, Ein­käu­fe auf dem Markt und anschlie­ßend lan­ge Arbeits­stun­den bei sei­nen Kun­den. Er wur­de nicht nur wegen sei­nes beruf­li­chen Kön­nens bekannt, son­dern auch wegen sei­ner klu­gen Rat­schlä­ge, die von Katho­li­ken wie Nicht­ka­tho­li­ken glei­cher­ma­ßen geschätzt wurden.

Erst kurz vor dem Tod sei­ner Her­rin wur­de er frei­ge­las­sen, nach­dem sie per­sön­lich dar­auf bestan­den hat­te, die Frei­las­sungs­ur­kun­de zu unter­zeich­nen. Pierre Tous­saint starb 1853 im Alter von 87 Jah­ren. Sei­ne sterb­li­chen Über­re­ste ruhen heu­te in der St.-Patrick-Kathedrale in New York. Im Jah­re 1996 erklär­te ihn die Kir­che zum „Ehr­wür­di­gen Die­ner Got­tes“ (Venerabi­lis).

Die ame­ri­ka­ni­sche Hei­lig­keit geht also nicht auf eine ein­zi­ge Gestalt zurück. Sie ist viel­mehr eine Geschich­te von Grenz­ge­bie­ten, Migra­tio­nen und viel­fäl­ti­gen Iden­ti­tä­ten – eben­so reich und kom­plex wie die Iden­ti­tät des Vol­kes der USA selbst.

Abschlie­ßend sei dar­an erin­nert, daß die Haupt­pa­tro­nin der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka seit 1846 die Seli­ge Jung­frau Maria unter dem Titel der Unbe­fleck­ten Emp­fäng­nis ist. Die Patro­nin des gesam­ten Kon­ti­nents hin­ge­gen ist Unse­re Lie­be Frau von Gua­d­a­lu­pe, die von Papst Pius XII. im Jah­re 1946 zur Patro­nin Ame­ri­kas erklärt wurde.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Übersetzung/​Fußnote: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana


  1. Mit „Ame­ri­ka“ kann sowohl der gesam­te ame­ri­ka­ni­sche Dop­pel­kon­ti­nent gemeint sein als auch – ins­be­son­de­re im euro­päi­schen Sprach­ge­brauch – die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, auf die sich der Begriff häu­fig ver­kür­zend bezieht. ↩︎

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