Die Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) gab offiziell die Namen jener vier Priester bekannt, die am 1. Juli in Ecône zu Bischöfen geweiht werden sollen. Die angekündigten Weihen markieren einen Einschnitt von historischer Tragweite, denn sie erinnern nicht nur symbolisch an die berühmten Bischofsweihen von 1988 durch Erzbischof Marcel Lefebvre, sondern leiten zugleich einen sichtbaren Generationswechsel innerhalb der traditionsgebundenen Gemeinschaft ein.
Zu den Kandidaten gehören:
- Pater Pascal Schreiber
- Pater Michael Goldade
- Pater Michel Poinsinet de Sivry
- Pater Marc Hanappier
Die Weihen sollen beim internationalen Priesterseminar von Ecône stattfinden – jenem Ort, an dem Msgr. Lefebvre am 30. Juni 1988 gegen den Willen Roms vier Bischöfe weihte und damit eine bis heute nachwirkende kirchenpolitische Zäsur auslöste.
Vier Kandidaten aus drei Kontinenten
Die Auswahl der Kandidaten zeigt den internationalen Charakter der heutigen Piusbruderschaft. Alle vier gelten als erfahrene Priester mit langjähriger Tätigkeit in Ausbildung, Seelsorge und innerer Leitung der Bruderschaft.
Pater Pascal Schreiber stammt aus dem deutschen Sprachraum und gehört seit vielen Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten der FSSPX in Mitteleuropa. Er wurde 1972 in Brugg im Kanton Aargau geboren und war unter anderem im Priesterseminar Zaitzkofen tätig. Ebenso wirkte er in verschiedenen Leitungsfunktionen im deutschen Distrikt. Innerhalb der Bruderschaft gilt er als nüchterner Organisator und zugleich als profilierter Vertreter der klassischen Linie von Erzbischof Lefebvre.
Der aus Kanada stammende Pater Michael Goldade gehört der nordamerikanischen Generation der Bruderschaft an. Er war in den Vereinigten Staaten und Kanada in der Priesterausbildung sowie in der Seelsorge tätig und bekleidete mehrere verantwortliche Positionen im Distrikt der USA, einem zahlenmäßig starken Distrikt der Piusbruderschaft. Goldade wird ein stark pastoraler Zugang nachgesagt, verbunden mit klarer theologischer Positionierung.
Pater Michel Poinsinet de Sivry repräsentiert den französischen Kern der Bruderschaft. Frankreich bleibt bis heute das eigentliche Zentrum der FSSPX, sowohl zahlenmäßig als auch geistig. Poinsinet de Sivry wirkte über Jahre in verschiedenen Prioraten und Ausbildungsstätten und gilt als tief in der französischen Traditionalistenszene verwurzelt. Sein Name steht zugleich für jene aristokratisch-katholischen Milieus, aus denen die Bruderschaft in Frankreich seit Jahrzehnten bedeutenden Rückhalt erhält.
Mit Pater Marc Hanappier wird schließlich ein weiterer französischer Priester in den Kreis der künftigen Bischöfe aufgenommen. Pater Hanappier war vor allem in der Jugendarbeit, Exerzitienarbeit und priesterlichen Ausbildung tätig. Innerhalb der Bruderschaft gilt er als spirituell geprägte Persönlichkeit mit starker Bindung an die ignatianische Tradition und die klassische liturgische Spiritualität.
Die Erinnerung an 1988
Die angekündigten Weihen rufen unweigerlich die Ereignisse von 1988 in Erinnerung. Damals hatte Erzbischof Marcel Lefebvre gemeinsam mit dem brasilianischen Bischof Antônio de Castro Mayer vier Priester aus den Reihen der 1970 von ihm gegründeten Piusbruderschaft zu Bischöfen geweiht: Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta.
Papst Johannes Paul II. sprach anschließend von einem „schismatischen Akt“ und veröffentlichte das Motu proprio Ecclesia Dei. Die beteiligten Bischöfe galten für Rom ab diesem Moment als exkommuniziert. Die FSSPX hingegen berief sich auf einen kirchlichen Notstand und die Notwendigkeit, die überlieferte Liturgie und Lehre zu bewahren.
Die vier damaligen Bischöfe gingen später teils unterschiedliche Wege.
Bernard Fellay wurde zur prägenden Führungsfigur der Bruderschaft. Von 1994 bis 2018 amtierte der Schweizer auch als Generaloberer und führte intensive Gespräche mit Rom. Unter Benedikt XVI. gelang 2009 die Aufhebung der Exkommunikationen der vier Bischöfe. Erzbischof Lefebvre und Bischof Castro Mayer wurden hingegen nicht rehabilitiert.
Bernard Tissier de Mallerais galt als theologischer Wächter der inneren Linie der FSSPX. Der Franzose stand möglichen Einigungen mit Rom stets reserviert gegenüber und veröffentlichte eine vielbeachtete Biographie Lefebvres. Er starb 2024.
Richard Williamson, hochintelligent, entwickelte sich zur problematischsten Figur der vier. Angeblich Holocaust-relativierende Aussagen setzten die Piusbruderschaft empörter Kritik aus und und überschatteten zeitweise die Annäherungsgespräche zwischen Rom und der Bruderschaft. Unabhängig davon wurde der Engländer 2012 wegen Ungehorsams aus der FSSPX ausgeschlossen. Danach weihte er eigenmächtig fünf weitere Bischöfe und sammelte kleinere traditionalistische Gruppen um sich. Anfang 2025 ist Williamson verstorben.
Alfonso de Galarreta blieb dagegen eine stabilisierende Integrationsfigur innerhalb der Bruderschaft. Der Spanier spielte eine wichtige Rolle in theologischen Gesprächen mit dem Vatikan und zählt heute gemeinsam mit Fellay zu den letzten lebenden Bischöfen der Lefebvre-Weihen von 1988.
Eine neue Phase der Piusbruderschaft
Die Entscheidung, erneut vier Bischöfe zu weihen, besitzt daher nicht nur praktische, sondern auch symbolische Bedeutung. Die Bruderschaft verweist auf ihre weltweite Expansion, zahlreiche Priorate und Schulen sowie die steigende Zahl von Firmungen und Priesterweihen. Die bisherigen Bischöfe seien altersbedingt zunehmend überlastet. Da Erzbischof Lefebvre 1988 vier Bischöfe für nötig erachtete, wäre der Bedarf aufgrund des seither eingetretenen Wachstums eigentlich noch größer.
Zugleich macht die FSSPX deutlich, daß sie ihren Weg unabhängig von einer endgültigen kanonischen Lösung mit Rom fortsetzen will. Zwar bestehen weiterhin Kontakte zum Heiligen Stuhl, doch die grundlegenden Differenzen über das Zweite Vatikanische Konzil, zu Fragen der Religionsfreiheit, der Ökumene und der Liturgiereform bleiben ungelöst. Die Neuerungen von Konzil und Nachkonzilszeit gelten in Rom nach wie vor als Tabu, das unangetastet zu bleiben habe.
Während die Piusbruderschaft mit der Zahl der Weihekandidaten an 1988 anknüpft, scheint auch Rom an die damalige römische Reaktion anzuknüpfen und droht den weihenden und den neugeweihten Bischöfen mit der Exkommunikation. Die Situation zwischen der Bruderschaft und Rom bleibt somit auch weiterhin unverändert. Beide Seiten scheinen die Frage der kanonischen Anerkennung auf die Zukunft zu schieben.
Mit den Weihen vom 1. Juli beginnt jedenfalls auch eine neue Etappe in der Geschichte der Priesterbruderschaft St. Pius X. – und erneut richtet sich der Blick der katholischen Welt nach Ecône. Dort steht ein Generationenwechsel bevor, der an der Spitze der Bruderschaft mit der Wahl von Pater Davide Pagliarani in einem ersten Schritt bereits 2018 vollzogen wurde. Pater Pagliarani wurde 1970, dem Jahr der Bruderschaftsgründung, geboren.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: FSSPX (Screenshots)
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