Die Chicago-Achse

Fortsetzung einer bergoglianischen Route?


Papst Leo XIV. empfing gestern Kardinal Blase Cupich in Audienz und bestätigte eine Chicago-Achse für die USA
Papst Leo XIV. empfing gestern Kardinal Blase Cupich in Audienz und bestätigte eine Chicago-Achse für die USA

Die jüng­sten Audi­en­zen von Papst Leo XIV. wer­fen ein inter­es­san­tes Licht auf die gegen­wär­ti­gen Macht­ach­sen inner­halb der katho­li­schen Kir­che zwi­schen Rom und den USA. Wäh­rend der neue Pon­ti­fex öffent­lich den mis­sio­na­ri­schen Ein­satz der in Chi­ca­go ansäs­si­gen Catho­lic Exten­si­on Socie­ty wür­dig­te, fällt zugleich auf, wie stark sich die ame­ri­ka­ni­sche Prä­senz in Rom der­zeit um die Erz­diö­ze­se Chi­ca­go und deren Netz­wer­ke kon­zen­triert – wie auch unter Papst Franziskus.

In einer Audi­enz für eine Dele­ga­ti­on der Catho­lic Exten­si­on Socie­ty, einer Orga­ni­sa­ti­on, die kirch­lich im pro­gres­si­ven und poi­tisch im „libe­ral“, also lin­ken Spek­trum der USA ver­or­tet ist, dank­te Leo XIV. der Orga­ni­sa­ti­on aus­drück­lich für ihren Ein­satz zugun­sten armer katho­li­scher Gemein­den und Migran­ten­fa­mi­li­en in den USA. Der Papst sprach von einer „schö­nen Aus­drucks­form der Uni­ver­sa­li­tät der Kir­che“ und hob die pasto­ra­le Arbeit „für die Bedürf­tig­sten“ her­vor. Beglei­tet wur­de die Dele­ga­ti­on von Kar­di­nal Bla­se Cupich, der als Kanz­ler der Orga­ni­sa­ti­on fun­giert – eine Prä­senz, die vati­ka­ni­scher­seits demon­stra­tiv sicht­bar gemacht wurde.

Gera­de die­se demon­stra­ti­ve Sicht­bar­keit ist bemer­kens­wert. Denn Cupich gilt seit Jah­ren als ein­fluß­reich­ster Ver­tre­ter des pro­gres­si­ven ame­ri­ka­ni­schen Epi­sko­pats und zugleich als Sym­bol­fi­gur jener kir­chen­po­li­ti­schen Linie, die unter Papst Fran­zis­kus mit Nach­druck geför­dert wur­de. Der Chi­ca­go­er Kar­di­nal steht in der Kri­tik, zen­tra­le Glau­bens- und Moral­leh­ren der Kir­che zugun­sten einer poli­ti­sier­ten Agen­da zu rela­ti­vie­ren. Beson­ders sei­ne Posi­tio­nie­run­gen zu Migra­ti­on, Lit­ur­gie und Sexu­al­mo­ral wer­den dort als Aus­druck eines „kirch­li­chen Anpas­sungs­kur­ses“ inter­pre­tiert, der stär­ker an gesell­schafts­po­li­ti­schen Erwar­tun­gen als an kirch­li­cher Kon­ti­nui­tät ori­en­tiert sei. Zen­tra­ler Aspekt die­ser Hal­tung ist dabei die Nähe zur Demo­kra­ti­schen Par­tei der USA und dem lin­ken Estab­lish­ment.

Vor die­sem Hin­ter­grund erhält die jüng­ste Häu­fung von Begeg­nun­gen aus dem Umfeld Chi­ca­gos im Vati­kan eine zusätz­li­che Dimen­si­on. Am 28. Mai wird Chi­ca­gos Bür­ger­mei­ster Bran­don John­son von Papst Leo XIV. in Audi­enz emp­fan­gen wer­den. Die Sym­bo­lik ist kaum zu über­se­hen: Nicht New York, nicht das von Donald Trump kon­trol­lier­te Washing­ton, son­dern Chi­ca­go scheint der­zeit den bevor­zug­ten ame­ri­ka­ni­schen Zugang nach Rom zu besitzen.

Die auf­fäl­li­ge Nähe zwi­schen dem neu­en Papst und den Netz­wer­ken um Cupich nährt Spe­ku­la­tio­nen über eine spe­zi­el­le bevor­zug­te trans­at­lan­ti­sche Ach­se. Gera­de kon­ser­va­ti­ve katho­li­sche Beob­ach­ter sehen dar­in ein Signal, daß der unter Fran­zis­kus eta­blier­te Kurs gegen­über den USA per­so­nell und ideo­lo­gisch fort­ge­führt wer­den soll.

Hin­zu kommt, daß die Catho­lic Exten­si­on Socie­ty kei­nes­wegs nur ein cari­ta­ti­ves Hilfs­werk ist. Sie ver­bin­det finan­zi­el­le För­de­rung, pasto­ra­le Ein­fluß­nah­me und kir­chen­po­li­ti­sche Ver­net­zung – ins­be­son­de­re in struk­tur­schwa­chen Regio­nen der USA. Es geht zumin­dest indi­rekt auch um den Ein­fluß auf die künf­ti­ge Aus­rich­tung des ame­ri­ka­ni­schen Katholizismus.

Die vati­ka­ni­sche Bild­spra­che ver­stärkt die­sen Ein­druck zusätz­lich. Wäh­rend sich Leo XIV. in sei­nen ersten Wochen um ein uni­ver­sa­les, ver­söh­nen­des Pro­fil bemüh­te und bezüg­lich der Audi­enz­po­li­tik nicht ganz so taxa­tiv ist wie sein Vor­gän­ger Fran­zis­kus, zeigt sich, was die USA betrifft, eine Bevor­zu­gung von pro­gres­si­ven Kräf­ten, die inner­halb der US-Kir­che pola­ri­sie­ren. Die pro­mi­nen­te Stel­lung von Kar­di­nal Cupich dabei dürf­te glau­bens­treue Katho­li­ken in den USA wenig beruhigen.

So ent­steht der Ein­druck, daß Rom in den USA auch unter Leo XIV. vor allem auf eine Chi­ca­go-Ach­se setzt – poli­tisch, pasto­ral und per­so­nell. Ob dies tat­säch­lich eine stra­te­gi­sche Prä­fe­renz des neu­en Pon­ti­fi­kats ist oder ledig­lich das Ergeb­nis bestehen­der Netz­wer­ke, wird sich zei­gen. Die Rich­tung scheint aber abge­steckt zu sein.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can Media (Screen­shot)

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