„Hier wird deutlich, daß islamische Überlieferungen, so wie die Sīra, keine Ereignisse aus dem Leben eines vermeintlich historischen Muḥammad wiedergeben, sondern vielmehr die Kirchengeschichte wiederaufgreifen und uminterpretieren.“
Univ.-Prof. Dr. Robert M. Kerr, Direktor des Inârah-Instituts zur Erforschung der frühen islamischen Geschichte und des Korans an der Universität des Saarlandes und Gastprofessor für Religionswissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz, über die „islamische Pfingstentwunderung“, Der 13., 41. Jg, Nr. 11 (November 2025).
Kerr zeigt in seinem Aufsatz auf, daß zentrale Szenen der frühen islamischen Überlieferung – besonders Sprachwunder, Missionsberichte und Streitgespräche – offensichtlich literarische Nachbildungen christlicher Quellen (v. a. der Apostelgeschichte, konkret besonders des Pfingstwunders) sind. Die Sīra übernimmt, so Kerr, Motive, Strukturen und sogar Apostellisten aus christlichen Texten, was dazu diene, nachträglich eine theologische Legitimation zu schaffen.
Da diese Elemente keine unabhängigen historischen Spuren, sondern späte, christlich beeinflußte Konstruktionen seien, folgert Kerr, daß die Gestalt „Mohammed“ kein historisches Individuum, sondern eine literarisch-theologische Erfindung der frühen islamischen Gemeinde ist.
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