Der Geist des Arianismus in der heutigen Kirche

"Ich bekenne mich zum nizänischen Glaubensbekenntnis"


Der heilige Athanasius der Große, Patriarch von Alexandria, Kirchenvater und entschiedener Gegner des Arianismus
Der heilige Athanasius der Große, Patriarch von Alexandria, Kirchenvater und entschiedener Gegner des Arianismus

Fol­gen­der Bei­trag wur­de von dem US-ame­ri­ka­ni­schen Prie­ster Dwight Lon­gen­ecker auf sei­ner gleich­na­mi­gen Inter­net­sei­te veröffentlicht:

Von Dwight Longenecker*

Häre­si­en sind wie Unkraut. Sie kom­men immer wie­der. Der Unter­schied ist nur: Sie keh­ren in ande­rer Gestalt zurück. Im vier­ten Jahr­hun­dert war der Aria­nis­mus Teil der gro­ßen Debat­te über die Gött­lich­keit Chri­sti und damit über die Defi­ni­ti­on der Hei­li­gen Dreifaltigkeit.

Der Aria­nis­mus ent­wickel­te sich nicht nur zu einem theo­lo­gi­schen Pro­blem, son­dern zu einem gro­ßen Schis­ma. Die Aria­ner hat­ten ihre eige­nen Kir­chen, ihre eige­nen Bischö­fe und ihre eige­nen welt­li­chen Macht­ha­ber, wie etwa Theo­de­rich, die sie unter­stütz­ten. Im Kern des Aria­nis­mus stand die Ableh­nung der nizä­ni­schen Chri­sto­lo­gie. Ver­ein­facht gesagt glaub­ten sie, daß Jesus zwar der „Sohn Got­tes“ sei, aber nicht die zwei­te Per­son der hei­li­gen und unge­teil­ten Drei­fal­tig­keit, die durch sei­ne seli­ge Mut­ter mensch­li­ches Fleisch ange­nom­men hat. Statt­des­sen sei er ein erschaf­fe­nes Wesen – eine Art Halb­gott – und daher Gott dem Vater untergeordnet.

Der hei­li­ge Atha­na­si­us, der bekannt­lich gegen den Aria­nis­mus kämpf­te, bemerk­te, daß die Aria­ner sub­ti­le Theo­lo­gen waren. Sie ver­wen­de­ten eine zwei­deu­ti­ge Spra­che und spra­chen in vagen Begrif­fen. Sie inter­es­sier­ten sich mehr für die Seel­sor­ge als für das Dog­ma. Außer­dem gehör­ten sie größ­ten­teils zu den Gebil­de­te­ren und den herr­schen­den Klas­sen. Der Aria­nis­mus war eine wesent­lich glaub­wür­di­ge­re Form des Chri­sten­tums. Jesus als erschaf­fe­nes und dem Vater unter­ge­ord­ne­tes Wesen war intel­lek­tu­ell leich­ter akzep­tier­bar als die voll­um­fäng­li­che Leh­re von der Mensch­wer­dung Got­tes, die zu den intel­lek­tu­el­len Schwie­rig­kei­ten der Tri­ni­täts­leh­re führte.

Heu­te tritt der Aria­nis­mus in ande­rer Form auf und begeg­net uns im Gewand des Huma­nis­mus. Mit „Huma­nis­mus“ mei­ne ich jenes Glau­bens­sy­stem, das den Men­schen zum Maß aller Din­ge macht. Die­ser Huma­nis­mus ist ein Kon­glo­me­rat ver­schie­de­ner moder­ni­sti­scher Über­zeu­gun­gen, deren gemein­sa­mer Nen­ner letzt­lich der Mate­ria­lis­mus ist – die Vor­stel­lung also, daß die­se phy­si­sche Welt alles ist, was exi­stiert; daß die Mensch­heits­ge­schich­te alles ist, was zählt; und daß der Fort­schritt der Mensch­heit in die­ser mate­ri­el­len Welt das ein­zi­ge ist, wofür es sich zu kämp­fen lohnt.

Der heu­ti­ge Aria­nis­mus ist eine Inter­pre­ta­ti­on des Chri­sten­tums im Licht die­ser mate­ria­li­sti­schen und huma­ni­sti­schen Phi­lo­so­phie. Offen­sicht­lich paßt Jesus Chri­stus als gött­li­cher Sohn Got­tes und wesens­glei­che, ewi­ge zwei­te Per­son der Hei­li­gen Drei­fal­tig­keit nicht wirk­lich in die­ses Welt­bild. Statt­des­sen wird Jesus zu einem guten Leh­rer, einem wei­sen Rab­bi, einem schö­nen Vor­bild oder einem Mär­ty­rer für eine edle Sache. Besten­falls ist er ein Mensch, der „so erfüllt und selbst­ver­wirk­licht ist, daß er gewis­ser­ma­ßen gött­lich gewor­den ist“. Anders aus­ge­drückt: „Jesus ist ein so voll­kom­me­ner Mensch, daß er uns das gött­li­che Bild offen­bart, nach dem wir alle erschaf­fen wur­den – und uns dadurch zeigt, wie Gott ist.“ In gewis­ser Wei­se sei die­se „Ver­gött­li­chung“ Jesu das Ergeb­nis der Gna­den gewe­sen, die er von Gott emp­fan­gen habe, des Lebens, das er führ­te, und der Lei­den, die er ertrug.

Die­ses ver­wäs­ser­te Chri­sten­tum ist unse­re moder­ne Form des Aria­nis­mus. Der kul­tu­rel­le Kon­text der Häre­sie und ihre Aus­drucks­for­men sind anders, doch das Wesen der Häre­sie bleibt das­sel­be wie immer: „Jesus Chri­stus ist ein erschaf­fe­nes Wesen. Sei­ne ‚Gött­lich­keit‘ ent­wickel­te sich oder wur­de sei­ner Mensch­lich­keit von Gott hinzugefügt.“

Der Unter­schied zwi­schen Ari­us und den moder­nen Häre­ti­kern besteht dar­in, daß Ari­us sei­ne Leh­re offen ver­trat. Die moder­nen Häre­ti­ker tun das nicht. Sie befin­den sich in unse­ren Semi­na­ren, unse­ren Klö­stern, unse­ren Pfarr­häu­sern und Pres­by­te­ri­en. Sie sind die moder­ni­sti­schen Geist­li­chen, die die gro­ßen pro­te­stan­ti­schen Kon­fes­sio­nen beherr­schen und auch inner­halb der katho­li­schen Kir­che zahl­reich ver­tre­ten sind. Sie bil­den kei­ne eige­ne Sek­te oder Kon­fes­si­on. Statt­des­sen befal­len sie die wah­re Kir­che wie ein abscheu­li­cher Parasit.

Vie­le von ihnen wis­sen nicht ein­mal, daß sie Häre­ti­ker sind. Sie wur­den von Anfang an schlecht kate­chi­siert. Ihre Vor­stel­lun­gen von Jesus Chri­stus blie­ben ver­schwom­men und unscharf. Sie hal­ten an ihren Über­zeu­gun­gen in einer sen­ti­men­ta­len Unbe­stimmt­heit fest, in der sie vage emp­fin­den, daß das, wor­an sie glau­ben, „christ­lich“ sei, ohne es jedoch genau­er defi­nie­ren zu wol­len. Der Grund dafür ist, daß ihnen bei­gebracht wur­de, Dog­men sei­en „spal­tend“. Des­halb hal­ten sie ihre Über­zeu­gun­gen absicht­lich unklar und kon­zen­trie­ren sich auf „pasto­ra­le Anlie­gen“, um schwie­ri­gen Fra­gen aus­zu­wei­chen. Fra­gen des Frie­dens und der sozia­len Gerech­tig­keit erhe­ben sie zur ein­zi­gen Sen­dung der Kir­che. Ihnen wur­de bei­gebracht, Dog­men gehör­ten einer frü­he­ren Epo­che der Kir­che an und man sei inzwi­schen gereift und über sol­che klein­li­chen Fra­gen hin­aus­ge­wach­sen. „Gott läßt sich schließ­lich nicht in eine Schub­la­de stecken. Er ist grö­ßer als all das …“

Den­noch füh­len sie sich voll­kom­men wohl dabei, jede Woche das nizä­ni­sche Glau­bens­be­kennt­nis zu spre­chen und die Geburt des Soh­nes Got­tes sowie das gro­ße öster­li­che Tri­du­um zu fei­ern – wobei sie sämt­li­che Begrif­fe des tra­di­tio­nel­len nizä­ni­schen Chri­sten­tums ver­wen­den, die­se jedoch so umdeu­ten, daß Ari­us sei­ne Freu­de dar­an gehabt hät­te. Wenn sie also von Jesus Chri­stus, dem gött­li­chen Sohn Got­tes, spre­chen, mei­nen sie in Wirk­lich­keit das oben Beschrie­be­ne: „Daß er auf irgend­ei­ne schö­ne Wei­se ein so voll­kom­me­ner Mensch war, daß er uns zeigt, wie Gott ist.“

Die Jung­frau Maria wird dann zu „einem guten und rei­nen jüdi­schen Mäd­chen, das ihre unge­plan­te Schwan­ger­schaft mit gro­ßem Mut und Glau­ben bewäl­tig­te“. Die Kreu­zi­gung wird zu „dem tra­gi­schen Tod eines jun­gen und muti­gen Kämp­fers für Frie­den und Gerech­tig­keit“. Die Auf­er­ste­hung bedeu­tet, daß „die Jün­ger Jesu auf geheim­nis­vol­le Wei­se durch das Befol­gen sei­ner Leh­ren wei­ter­hin glaub­ten, er lebe in ihren Her­zen und in der Geschich­te fort“.

Was mich wirk­lich inter­es­siert, ist, daß die­se moder­nen Aria­ner – und wahr­schein­lich galt das­sel­be schon für ihre Pen­dants im vier­ten Jahr­hun­dert – kei­ne bösen oder ver­dor­be­nen Sün­der sind. Sie sind net­te Men­schen. Sie sind rede­ge­wandt und gebil­det. Sie sind wohl­ha­bend. Sie sind gut ver­netzt. Sie sind gute, soli­de, respek­ta­ble „christ­li­che“ Men­schen. Selbst die Kai­ser waren damals Aria­ner. Es sind die Men­schen an der Spit­ze der gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Rang­ord­nung. Außer­dem erscheint ihre aria­ni­sche Ver­si­on des Glau­bens viel ver­nünf­ti­ger, nach­voll­zieh­ba­rer und glaub­wür­di­ger als die intel­lek­tu­ell anstö­ßi­ge Ortho­do­xie eines Atha­na­si­us, Basi­li­us und Gre­gor sowie der geschicht­li­chen Kir­che durch die Jahr­hun­der­te hindurch.

Ich erken­ne die­se Häre­ti­ker als das, was sie sind: Wöl­fe im Schafs­pelz. Sie mögen freund­lich, respek­ta­bel, fromm und auf­rich­tig christ­lich erschei­nen. Das mag sein. Aber sie sind Häre­ti­ker. Sie sind Lüg­ner – und die­je­ni­gen, die ihren Lügen am mei­sten glau­ben, sind sie selbst. Wenn sie ihren Wil­len durch­set­zen und ihre sub­ti­len Häre­si­en die Ober­hand gewin­nen, wer­den sie den Glau­ben zerstören.

Ich möch­te am histo­ri­schen nizä­ni­schen Glau­ben fest­hal­ten – gemein­sam mit Atha­na­si­us, Basi­li­us und Gre­gor sowie mit den Hei­li­gen und Mär­ty­rern aller Zei­ten. Es macht mir nichts aus, wenn die Welt die­sen Glau­ben für „ver­al­tet“, „alt­mo­disch“, „bedau­er­lich starr“, „zu dog­ma­tisch“ oder „für moder­ne Chri­sten unzu­gäng­lich“ hält. Wahr­schein­lich haben die Aria­ner damals die­sel­ben Argu­men­te vorgebracht.

Ich beken­ne mich zum nizä­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis, und es macht mir nichts aus zu sagen: „wesens­gleich mit dem Vater“. Ich hal­te an der Klar­heit und Ein­fach­heit die­ser Wor­te fest und glau­be nicht, daß sie „neu inter­pre­tiert“ wer­den müssen.

*Dwight Lon­gen­ecker wuchs in einem evan­ge­li­schen Eltern­haus in Penn­syl­va­nia auf. Nach einem Abschluß in Angli­stik und Sprach­wis­sen­schaft stu­dier­te er Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Oxford. Er wur­de zum angli­ka­ni­schen Prie­ster ordi­niert und wirk­te in Cam­bridge und auf der Isle of Wight. 1995 kon­ver­tier­ten er und sei­ne Fami­lie zur katho­li­schen Kir­che. 2006 kehr­te er in die USA zurück und wur­de dort zum katho­li­schen Prie­ster geweiht. Als sol­cher wirkt er heu­te an der Our Lady of the Rosa­ry Church in Green­ville, South Caro­li­na. Er ist Autor zahl­rei­cher Bücher, zu sei­nen jüng­sten gehört: „The­re and Back Again: A Some­what Reli­gious Odys­sey“ (2023), in dem er sei­ne Bekeh­rungs­ge­schich­te schil­dert, eine Ach­ter­bahn­fahrt durch den pro­te­stan­ti­schen Fun­da­men­ta­lis­mus, Oxford, Cam­bridge und die moder­ne katho­li­sche Kirche.


Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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