Der brasilianische Bischof Joel Portella Amado betonte das Recht junger Katholiken auf den überlieferten Römischen Ritus und begründete dies mit dem pluralen Wesen der katholischen Kirche. Die Aussagen fielen im Rahmen einer Pressekonferenz zur 62. Generalversammlung der Brasilianischen Bischofskonferenz im Wallfahrtsort Aparecida. Darüber berichtete die katholische Nachrichtenagentur ACI Prensa (CNA) gestern unter Berufung auf einen Beitrag von Nathália Queiroz.
Ausgangspunkt war die Frage eines Journalisten nach einem möglichen „Wiederaufleben eines gewissen Traditionalismus“ in katholischen Messen, insbesondere unter jungen Gläubigen. Beobachtungen wie das Knien beim Kommunionempfang oder das Tragen von Schleiern wurden als Beispiele genannt. Msgr. Portella Amado, Bischof von Petropolis und Vorsitzender der Kommission für die Glaubenslehre der Bischofskonferenz, reagierte darauf mit einem erweiterten Blick auf die religiöse Situation junger Menschen insgesamt.
Er verwies auf Daten des brasilianischen Zensus von 2022, wonach gerade in der Altersgruppe zwischen 19 und 39 Jahren der Anteil der Religionslosen am höchsten sei. Dabei handle es sich jedoch nicht zwingend um Atheisten. Vielmehr griff der Bischof den im evangelikalen Kontext gebräuchlichen Begriff der „Entkirchlichten“ („desigrejados“) auf: Menschen, die an Gott glauben, jedoch keine institutionelle kirchliche Bindung haben. Diese Gruppe zeichne sich durch eine religiöse Offenheit ohne klare kirchliche Verortung aus.
Vor diesem Hintergrund deutet der Bischof die Hinwendung mancher junger Menschen zu traditionelleren liturgischen Formen als Teil einer allgemeinen Suche nach Orientierung. In einer Situation religiöser Unverbindlichkeit könne es naheliegend sein, auch auf historische Ausdrucksformen des Glaubens zurückzugreifen, die die Betroffenen selbst nie erlebt haben. Tradition erscheine dann als möglicher Anker in einer als fragmentiert empfundenen Gegenwart.
Zugleich unterstrich Msgr. Amado die Legitimität solcher Entwicklungen innerhalb der Kirche. Der Katholizismus sei „von Natur aus plural“, so der Bischof, und müsse dieser Vielfalt auch in einer global zunehmend pluralistischen Gesellschaft Raum geben. Daraus leite sich das Recht ab, den Glauben auf unterschiedliche Weise zu leben – einschließlich traditioneller Ausdrucksformen.
Allerdings verbindete er diese Anerkennung mit einer klaren Einschränkung: Die persönliche Praxis dürfe nicht absolut gesetzt werden. Weder traditionelle noch andere Formen religiöser Ausdrucksweise könnten für sich beanspruchen, allein verbindlich zu sein. Im Namen von Liebe und Geschwisterlichkeit sei es notwendig, die Vielfalt innerhalb der Kirche anzuerkennen und einander nicht zu bevormunden.
Msgr. Amado, 1982 zum Priester geweiht, promovierte in Pastoraltheologie und erwarb ein Lizentiat in Kanonischem Recht. 2016 ernannte ihn Papst Franziskus zum Weihbischof seiner Heimatdiözese, des Erzbistums São Sebastião do Rio de Janeiro. 2018 erfolgte seine Berufung zum Mitglied des römischen Dikasteriums für die Laien, die Familie und das Leben. 2019 wurde Msgr. Amado zum Generalsekretär der Brasilianischen Bischofskonferenz gewählt. 2023 erfolgte seine Wahl zum Vorsitzenden der Kommission für die Glaubenslehre der Bischofskonferenz für den Zeitraum 2023–2027. Anfang 2024 ernannte ihn Franziskus zum Bischof von Petropolis.
Die Stellungnahme des brasilianischen Bischofs fügt sich damit in eine breitere innerkirchliche Debatte über Liturgie, Identität und den Umgang mit wachsender religiöser Diversität ein. Sie markiert einen vermittelnden Standpunkt: zwischen der Anerkennung individueller religiöser Wege und der Warnung vor deren Verabsolutierung.
Dabei fällt auf, daß die Begründung von Bischof Amado auf der religionssoziologischen Ebene bleibt, wenngleich eingebettet in einen pastoral-theologischen Rahmen. Eine theologische Begründung fehlt.
Dom Joel Portella Amado gehört zu den administrativ wichtigen Figuren innerhalb der Brasilianischen Bischofskonferenz. Seine Stellungnahme war weder eine lehramtliche Aussage noch eine offizielle Positin der Bischofskonferenz. Msgr. Amado nahm auf einer Pressekonferenz eine kommunikative Einordnung eines vorhandenen Phänomens vor. Vor diesem Hintergrund sollte man seine Äußerung zum überlieferten Ritus eher vorsichtig interpretieren.
Sie signalisiert eine gewisse sprachliche Entspannung im Umgang mit dem Thema, aber keinen institutionellen Kurswechsel. Dennoch handelt es sich um neue Töne.
Die Passage in der Pressekonferenz, in der Msgr. Amado auf das Interesse am überlieferten Ritus einging.
Text: Giuiseppe Nardi
Bild: Youtube/CNBB (Screenshot)
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