Leo. XIV. an die Päpstliche Bibelkommission

„Betrachten wir besonders die schmerzhafte Jungfrau zusammen mit Jesus“


Schmerzensmutter am Fuß des Kreuzes, Ölgemälde von Cornelis Engelbrechtsen (um 1510)
Schmerzensmutter am Fuß des Kreuzes, Ölgemälde von Cornelis Engelbrechtsen (um 1510)

Ein aktu­el­les Schrei­ben von Leo XIV. an die Päpst­li­che Bibel­kom­mis­si­on sorgt in kirch­li­chen Krei­sen für Auf­merk­sam­keit. Anlaß ist der auf den 27. März 2026 datier­te Brief des Pap­stes zur der­zeit vom 13. bis 17. April tagen­den Ple­nar­sit­zung der Kommission.

Der Ton des Tex­tes ist klas­sisch spi­ri­tu­ell. Doch ein Abschnitt löste eine erneu­te Dis­kus­si­on über die mario­lo­gi­sche Deu­tung von Lei­den und Mit­wir­kung am Erlö­sungs­werk Chri­sti aus. Eini­ge Kom­men­ta­to­ren sehen dar­in eine impli­zi­te Nähe zu jener Tra­di­ti­on, die unter dem Begriff „Maria Mit­erlö­se­rin“ dis­ku­tiert wird – auch wenn die­ser Ter­mi­nus in offi­zi­el­len Doku­men­ten der­zeit nicht ver­wen­det wird.

Der betref­fen­de Abschnitt, der am Mon­tag im Tage­bul­le­tin des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes ver­öf­fent­licht wur­de, lau­tet in deut­scher Übersetzung:

„Betrach­ten wir beson­ders die mit Jesus lei­den­de Got­tes­mut­ter am Fuße des Kreu­zes: Sie erlei­det als Mut­ter auf dem Kal­va­ri­en­berg die Lei­den ihres Soh­nes und nimmt dar­an teil mit einem Her­zen vol­ler Glau­ben, indem sie ihr erschüt­tern­des Lei­den zum Wohl aller dar­bringt. Auf die­se Wei­se erhält ihre Für­spra­che für uns einen ein­zig­ar­ti­gen Wert.

Das Bei­spiel der Mut­ter lädt in der Tat jeden Gläu­bi­gen ein, neben dem Gebet für die Brü­der auch die demü­ti­ge Dar­brin­gung der eige­nen Lei­den in Ver­ei­ni­gung mit dem Opfer Chri­sti nach­zu­ah­men. In die­sem Sinn kann jeder mit Maria sagen: ‚Ich ergän­ze in mei­nem Fleisch, was an den Lei­den Chri­sti noch fehlt, zum Wohl sei­nes Lei­bes, der die Kir­che ist‘ (Kol 1,24). Eine sol­che Voll­endung ist in uns real, auch wenn sie dem Heils­werk des ein­zi­gen Erlö­sers nichts hin­zu­fügt, das voll­kom­men, uni­ver­sell und über­flie­ßend ist: ‚Das Lei­den Chri­sti hat das Gut der Erlö­sung der Welt her­vor­ge­bracht. Die­ses Gut ist an sich uner­schöpf­lich und unend­lich. Kein Mensch kann ihm etwas hin­zu­fü­gen.‘ [hl. Johan­nes Paul II., Apo­sto­li­sches Schrei­ben Sal­vi­fi­ci dolo­ris (11. Febru­ar 1984), 24].

Die­se Voll­endung bedeu­tet viel­mehr, daß jeder Lei­den­de Anteil erhält, das heißt sich in die­ses Werk ein­fügt und es mit den ein­zig­ar­ti­gen Eigen­schaf­ten sei­ner eige­nen Geschich­te aus­drückt. Chri­stus hat näm­lich ‚sein Lei­den dem Men­schen geöff­net, weil er selbst in sei­nem erlö­sen­den Lei­den gewis­ser­ma­ßen alle Lei­den ange­nom­men hat, […] berei­chert mit einem neu­en Inhalt und einer neu­en Bedeu­tung‘ [ebd., 20].“

In der Zusam­men­schau knüpft der Text deut­lich an die Lei­dens- und Mit­wir­kungs-Theo­lo­gie von Johan­nes Paul II. an. Beson­ders die For­mu­lie­run­gen über die „Teil­nah­me“ am Erlö­sungs­werk und die „Voll­endung“ im eige­nen Lei­den wer­den von Beob­ach­tern als theo­lo­gisch sen­si­bel eingeordnet.

Vor die­sem Hin­ter­grund wird in eini­gen Kom­men­ta­ren die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob hier – zumin­dest indi­rekt – auch jene maria­ni­sche Dimen­si­on mit­ge­meint ist, die in der klas­si­schen Theo­lo­gie unter dem Begriff der Cor­re­demp­tio dis­ku­tiert wird. Die­se Les­art wird zusätz­lich dadurch befeu­ert, daß im Umfeld jün­ge­rer vati­ka­ni­scher Leh­r­äu­ße­run­gen die Ver­wen­dung bestimm­ter Titel Mari­ens, dar­un­ter auch die „Mit­erlö­se­rin“, offi­zi­ell für „inop­por­tun“ erklärt wurde.

Ob der Text tat­säch­lich als Kor­rek­tur frü­he­rer Span­nun­gen inner­halb der vati­ka­ni­schen Mario­lo­gie zu lesen ist oder ledig­lich die eta­blier­te Leh­re von der ein­zig­ar­ti­gen, aber nicht addi­ti­ven Teil­ha­be am Erlö­sungs­werk Chri­sti wie­der­holt, bleibt vor­erst Inter­pre­ta­ti­ons­fra­ge. Klar ist jedoch: Der Ton des Schrei­bens ver­bin­det tra­di­tio­nel­le Fröm­mig­keit mit einer prä­zi­sen Abgren­zung gegen­über jeder Vor­stel­lung einer Ergän­zung des voll­kom­me­nen Erlö­sungs­wer­kes Christi.

Eine Kor­rek­tur der lehr­mä­ßi­gen Note Mater popu­li fide­lis des Glau­bens­dik­aste­ri­ums ist das Schrei­ben nicht.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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