Ehemaliger Rektor eines einflußreichen anglikanischen Seminars wurde in die katholische Kirche aufgenommen

Anglikanische Weltgemeinschaft in Auflösung


Canon Robin Ward, ehemaliger Rektor des für die anglikanische Kirche bedeutenden Seminars St. Stephen's House in Oxford (rechts), und sein Wappen.
Canon Robin Ward, ehemaliger Rektor des für die anglikanische Kirche bedeutenden Seminars St. Stephen's House in Oxford (rechts), und sein Wappen.

Canon Robin Ward, ein pro­fi­lier­ter Patri­sti­ker und lang­jäh­ri­ger Rek­tor des angli­ka­ni­schen Prie­ster­se­mi­nars St. Stephen’s Hou­se in Oxford, ist am 14. Febru­ar offi­zi­ell in die römisch-katho­li­sche Kir­che auf­ge­nom­men wor­den. Das Ereig­nis liegt schon einen Monat zurück, ver­dient es aber berich­tet zu wer­den. Ward emp­fing in der Bene­dik­ti­ner­ab­tei St. Michael’s in Farn­bo­rough durch Abt Cuth­bert Bro­gan das Sakra­ment der Fir­mung. Dazu erklär­te er öffent­lich, sich über sei­ne Ent­schei­dung ohne „Bedau­ern oder Zögern“ zu freu­en. Sei­ne Hin­wen­dung zur katho­li­schen Kir­che beschreibt er als einen über rund vier Jahr­zehn­te gewach­se­nen Weg, in dem ins­be­son­de­re Fra­gen der kirch­li­chen Iden­ti­tät und Auto­ri­tät eine Rol­le spielten.

Ward, ver­hei­ra­tet und Vater zwei­er Kin­der, stu­dier­te in Oxford mit­tel­al­ter­li­ches Eng­lisch und pro­mo­vier­te über früh­kirch­li­che Geschich­te. Er war seit 1992 angli­ka­ni­scher Prie­ster, wirk­te in meh­re­ren Gemein­den und wur­de 2006 zum Rek­tor von St. Stephen’s Hou­se ernannt – einer tra­di­ti­ons­rei­chen Insti­tu­ti­on des soge­nann­ten Anglo-Katho­li­zis­mus inner­halb der Church of Eng­land. In sei­ner Erklä­rung mach­te er deut­lich, daß sein inten­si­ves Stu­di­um angli­ka­ni­scher und katho­li­scher Tra­di­tio­nen sowie sei­ne Suche nach theo­lo­gi­scher Tie­fe und Kon­ti­nui­tät ihn schließ­lich zur Ein­heit mit Rom geführt hat.

Ward schließt sich damit einer lan­gen Rei­he pro­fi­lier­ter Angli­ka­ner an, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tier­ten. In Groß­bri­tan­ni­en ist nach aktu­el­len Anga­ben die Zahl angli­ka­ni­scher Prie­ster und Ordens­leu­te, die katho­lisch gewor­den sind, auf über 700 gestie­gen; dar­un­ter befin­den sich zahl­rei­che bekann­te Per­sön­lich­kei­ten – ein Hin­weis auf tief­grei­fen­de Span­nun­gen inner­halb der angli­ka­ni­schen Glaubensgemeinschaft.

Zur anglikanischen Kirche und deren jüngsten Entwicklungen

Die angli­ka­ni­sche Kir­che ent­stand im 16. Jahr­hun­dert nicht aus der Refor­ma­ti­on in Eng­land, son­dern durch die will­kür­li­che Abspal­tung von Rom, die der dama­li­ge König Hein­rich VIII. woll­te, weil der Papst sich gewei­gert hat­te, sei­ne Ehe zu schei­den. Die Bri­ten expor­tier­ten sie dann im Rah­men ihres Kolo­nia­lis­mus. Dar­aus ent­stand die Angli­ka­ni­sche Welt­ge­mein­schaft, heu­te ein Netz­werk auto­no­mer natio­na­ler und regio­na­ler Kir­chen. Histo­risch ver­bin­det sie pro­te­stan­ti­sche und katho­li­sche Ele­men­te, bewahrt lit­ur­gi­sche Tra­di­tio­nen wie das Book of Com­mon Pray­er und eine bischöf­li­che Kir­chen­ord­nung, lehnt aber die päpst­li­che Auto­ri­tät ab. Inner­halb die­ser Gemein­schaft haben sich im Lau­fe der Zeit unter­schied­li­che Strö­mun­gen aus­ge­bil­det – von pro­te­stan­ti­schen bis zu anglo-katho­li­schen Ausprägungen.

In jüng­ster Zeit steht die Angli­ka­ni­sche Welt­ge­mein­schaft vor einer histo­ri­schen Zer­reiß­pro­be. Die Ernen­nung von Sarah Mull­al­ly als erste Frau als Erz­bi­schö­fin von Can­ter­bu­ry und damit nomi­nell an der Spit­ze der Church of Eng­land hat Span­nun­gen ver­stärkt, die bereits seit Jah­ren bestehen – ins­be­son­de­re über Fra­gen der Sexu­al­mo­ral, der Frau­en­or­di­na­ti­on und der theo­lo­gi­schen Ausrichtung.

Ein zen­tra­les Moment die­ser Kri­se war die Ent­schei­dung kon­ser­va­ti­ver angli­ka­ni­scher Krei­se, sich von der bis­he­ri­gen kirch­li­chen Lei­tungs­struk­tur um den Erz­bi­schof von Can­ter­bu­ry zu distan­zie­ren. Im Okto­ber 2025 erklär­te die kon­ser­va­ti­ve Glo­bal Angli­can Future Con­fe­rence (GAFCON) offi­zi­ell, sie erken­ne die Auto­ri­tät des neu­en Erz­bi­schofs von Can­ter­bu­ry, also Sarah Mull­al­ly, nicht mehr an und wol­le sich statt­des­sen als „Glo­bal Angli­can Com­mu­ni­on“ neu ver­an­kern – mit einer ande­ren Lei­tung und theo­lo­gi­schen Aus­rich­tung als die bis­he­ri­ge Angli­ka­ni­sche Welt­ge­mein­schaft. GAFCON ver­tritt die Mehr­heit der welt­weit prak­ti­zie­ren­den Angli­ka­ner und betont, den ursprüng­li­chen Glau­ben und die Struk­tur der Gemein­schaft zu bewahren.

Die­se Ent­wick­lung mar­kiert einen bis­lang bei­spiel­lo­sen Bruch in der Geschich­te der angli­ka­ni­schen Kir­che. Es exi­stie­ren seit­her fak­tisch zwei kon­kur­rie­ren­de Struk­tu­ren inner­halb des glo­ba­len Angli­ka­nis­mus – einer­seits die histo­ri­sche Gemein­schaft um Can­ter­bu­ry mit ihrer Lam­beth Con­fe­rence, dem Angli­can Con­sul­ta­ti­ve Coun­cil und dem Pri­ma­tes’ Mee­ting, ande­rer­seits die neu defi­nier­te glo­ba­le Alli­anz kon­ser­va­ti­ver Kir­chen, die Can­ter­bu­ry und die dort ver­tre­te­ne Ein­heit ablehnen.

Anglikanische Personalordinariate in der katholischen Kirche

Die­se seit einem hal­ben Jahr­hun­dert andau­ern­de Unru­he bei den Angli­ka­nern wur­de auch in der katho­li­schen Kir­che wahr­ge­nom­men. Um Angli­ka­nern, die in die Ein­heit mit Rom zurück­keh­ren wol­len, eine gemein­schaft­li­che Inte­gra­ti­on zu ermög­li­chen, hat der Hei­li­ge Stuhl unter Bene­dikt XVI. mit der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on Angli­ca­n­o­rum coe­ti­bus (2009) angli­ka­ni­sche Per­so­nal­or­di­na­ria­te errich­tet. Die­se Ordi­na­ria­te – darunter

  • das Per­so­nal Ordi­na­ria­te of Our Lady of Wal­sing­ham (für Eng­land und Wales),
  • das Per­so­nal Ordi­na­ria­te of the Chair of Saint Peter (für die USA und Kana­da)
    und
  • das Per­so­nal Ordi­na­ria­te of Our Lady of the Sou­thern Cross (für Australien) –

funk­tio­nie­ren recht­lich ähn­lich wie Diö­ze­sen, sind jedoch per­so­nen­ge­bun­den statt ter­ri­to­ri­al. Sie ermög­li­chen ehe­ma­li­gen Angli­ka­nern den Ver­bleib bei bestimm­ten ver­trau­ten lit­ur­gi­schen und geist­li­chen Tra­di­tio­nen, etwa im soge­nann­ten Angli­can Use, inner­halb der katho­li­schen Kirche.

Obwohl die­se Ordi­na­ria­te bis­lang zah­len­mä­ßig rela­tiv klein blei­ben, bie­ten sie seit ihrer Ein­rich­tung eine struk­tu­rier­te Mög­lich­keit für Angli­ka­ner, kirch­lich und lit­ur­gisch in der katho­li­schen Kir­che auf­ge­ho­ben zu wer­den – ein Aspekt, der ange­sichts der anhal­ten­den inner­an­gli­ka­ni­schen Span­nun­gen für vie­le kon­ser­va­ti­ve Gläu­bi­ge und Geist­li­che an Bedeu­tung gewon­nen hat.

Einordnung

Die Auf­nah­me von Per­sön­lich­kei­ten wie Canon Ward und die gleich­zei­ti­gen Span­nun­gen inner­halb der angli­ka­ni­schen Welt­ge­mein­schaft spie­geln eine tief­grei­fen­de reli­giö­se und insti­tu­tio­nel­le Dyna­mik wider: Einer­seits suchen vie­le Gläu­bi­ge und Theo­lo­gen eine kla­re theo­lo­gi­sche Iden­ti­tät und Kon­ti­nui­tät, ande­rer­seits kämpft die angli­ka­ni­sche Gemein­schaft mit Fra­gen von Ein­heit und Plu­ra­li­tät auf­grund von zuviel Ver­welt­li­chung des Den­kens. Die Per­so­nal­or­di­na­ria­te der katho­li­schen Kir­che stel­len dabei einen insti­tu­tio­nel­len Rah­men dar, der die­sen Such­pro­zeß auf katho­li­scher Sei­te begleitet.

Per­so­nal­or­di­na­ria­te gel­ten auch als mög­li­che Lösung für die Tra­di­ti­on in der katho­li­schen Kirche.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Instagram/exarandorum.com/amishcatolic (Screen­shots)

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