Ende Februar 2026 veröffentlichte La Presse Photographien aus der Sixtinische Kapelle, die auf den ersten Blick wie ein neuerlicher Eingriff in eines der größten Kunstwerke der Menschheit wirken. Was sich vor dem monumentalen Jüngsten Gericht von Michelangelo erhebt, ist Ausdruck notwendiger Fürsorge.
Drei Jahrzehnte nach der letzten großen Instandsetzung von 1994 geht es nicht um Rettung, sondern um Bewahrung. Eine kaum sichtbare, doch wirkungsvolle Schicht hat sich im Laufe der Jahre auf das Fresko gelegt – ein matter Hauch aus Kalziumlaktat, entstanden durch die zahlreichen Besucher, die täglich die Kapelle aufsuchen, um die Freskenpracht zu bestaunen, und den Ort zu sehen, an dem seit Jahrhunderten das Konklave zur Wahl des Papstes stattfindet. Die menschliche Gegenwart, Atem und Wärme, haben einen Schleier hinterlassen, der die Farben dämpft, als läge ein feiner Nebel über das abschließende Heilsereignis, das unter anderem in der Apokalypse beschrieben ist.
Gerade dieses Wandbild, zwischen 1536 und 1541 geschaffen, ist dafür besonders anfällig. An der kühleren Stirnwand der Kapelle (Richtung Westen) begünstigt Kondensation die Ablagerung jener Substanzen, die das Leuchten der Pigmente mindern. Die Restauratoren begegnen dem Phänomen mit einer Methode, die ebenso schlicht wie präzise ist: Mit deionisiertem Wasser wird die lösliche Schicht sanft angelöst, Japanpapier nimmt sie auf.

Unterdessen bleibt die Kapelle geöffnet. Die Vatikanische Museen entschieden sich bewußt gegen eine Schließung. Ein siebenstöckiges Gerüst wurde so konstruiert, daß die Besucher weiter eintreten können, als sei nichts geschehen. Oder fast. Über das Gerüst wurde eine dünne Leinwand gespannt, die das Jüngste Gericht maßstabsgetreu zeigt. So wird zwischenzeitlich zumindest eine Ahnung des Monumentalwerks vermittelt. Die Arbeiten gehen fast geräuschlos vor sich. Aber gar so leise geht es in der Kapelle ohnehin nicht zu, wenn sich Menschenmassen durchschieben. Und das es im Süden insgesamt lauter zugeht, stört das mehr die Besucher aus dem Norden, die Pietrini, welche die Aufsicht ausüben, aber ganz und gar nicht.
Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, wird das Fresko nicht „neu“ erscheinen – dafür aber wieder klar. Die Farben, die Michelangelo mit visionärer Kühnheit auf die Wand setzte, sollen ihre ursprüngliche Tiefe und Glut zurückerlangen. Es ist, als würde man einen Schleier heben, der sich unmerklich über das Auge gelegt hat: Plötzlich tritt die Welt schärfer hervor, das Licht gewinnt an Intensität, und das Alte zeigt sich in jener Frische, die nie verloren war, sondern nur verdeckt. Darauf darf sich die Christenheit, und die ganze Menschheit, freuen.
Wesentlich noch ist, sich das Dargestellte geistig vor Augen zu führen und die mahnende Botschaft zu vernehmen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanNews (Screenshots)
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