Es ist nicht der erste Fall – ähnliche Fälle gab es in den vergangenen Jahrzehnten weltweit – doch die Aufgabe des Priestertums durch Don Alberto Ravagnani bietet nicht nur ein deutliches Beispiel für die Spannungen zwischen digitaler Präsenz und kirchlichem Weiheamt, sondern auch für das Eindringen weltlicher Strömungen in die Kirche, konkret die der sogenannten Lebensabschnitte und der fehlenden Treue.
Der 32jährige Priester, bekannt als einer der ersten italienischen Influencer unter Geistlichen, hat sein priesterliches Amt aufgegeben. Die offizielle Bestätigung kam von der Erzdiözese Mailand: Generalvikar Msgr. Franco Agnesi teilte mit, daß Ravagnani kein priesterliches Amt mehr ausübe.
Ravagnani war in den vergangenen Jahren eine der sichtbarsten Figuren der sogenannten „sozialen Kirche“. Mit mehr als einer halben Million Followern auf Instagram und YouTube sprach er junge Menschen in direkter, zeitgemäßer Sprache an, häufig abweichend von traditionellen Gepflogenheiten des Klerus. Seine Arbeit in der Pfarrei San Gottardo al Corso, wo er seit 2023 tätig war, wurde gleichermaßen geschätzt wie diskutiert. Die Pfarrei geht auf eine Kapelle der Benediktiner im Spätmittelalter zurück. Der heilige Karl Borromäus veranlaßte einen Neubau und errichtete eine Pfarrei.
Kontroversen begleiteten seinen Weg: Besonders kritisiert wurde die Veröffentlichung eines gesponserten Reels für ein Nahrungsergänzungsmittel-Unternehmen, das von Teilen der Öffentlichkeit als unvereinbar mit der priesterlichen Rolle empfunden wurde. Auch die Kurie äußerte informell Bedenken. Bereits zuvor hatte Erzbischof Mario Delpini die Nutzung sozialer Medien durch Priester kommentiert und dabei auf die Notwendigkeit direkter menschlicher Beziehungen für Jugendliche hingewiesen, selbst in einer digital geprägten Welt.
Zeitgleich mit der Bekanntgabe, daß er sein Priestertum aufgebe, veröffentlichte Ravagnani Werbung für sein neues Buch „La scelta“ („Die Wahl“), ein Titel, der angesichts seiner Entscheidung heute eine besondere Bedeutung erhält. In Videos reflektiert er seinen Weg: Eintritt ins Priesterseminar, die Idee eines unkonventionellen Priestertums, den Verzicht auf priesterliche Kleidung und die Öffnung zu neuen Medien.
Alberto Ravagnani wurde 1993 geboren. In der Erzdiözese Mailand zum Priester geweiht, nutzte er soziale Medien, um über Glauben, Jugend und gesellschaftliche Themen zu sprechen. Seine unkonventionelle Arbeit führte zu Zustimmung, Kritik und Debatten über die Rolle digitaler Medien in der Kirche. Ravagnani zählte zu den Protagonisten der ersten Veranstaltung im Rahmen eines Heiligen Jahres „der katholischen Influencer und digitalen Missionare“, das 2025 in Rom stattfand.
Sein Verzicht auf das Priestertum verweist auf ein Problem, das ursprünglich vor allem im weltlichen Bereich auftrat, inzwischen aber auch vor der Kirche nicht Halt macht. Immer häufiger verpflichten sich Menschen nicht mehr bedingungslos, sondern nur unter Vorbehalt. Die Defizite zeigen sich vor allem in mangelnder Ausdauer und Treue.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Instagram/chiesadimilano.it (Screenshots)
Ich wundere mich immer über Formulierungen wie diese: „Gibt sein Priestertum auf“ oder „ist laisiert worden“. Man kann beides nicht tun, denn man ist Priester auf ewig, und – beispielsweise in einem Notfall – bestehen die priesterlichen Pflichten weiter fort. Sicher: Man kann das Amt ruhen lassen und/oder davon entbunden werden, aber Priester – Priester ist man auf ewig. Daran könnte auch der Papst nichts ändern. Nicht nur der Weihekandidat ist nämlich eine ewige Bindung eingegangen, sondern auch Christus hat sich an ihn gebunden. Insofern regen Meldungen wie diese zu einer tieferen Reflexion über das Priestertum an, und dies umso mehr, als heute viele den Glauben daran verloren haben, Kleriker vielleicht sogar am meisten?