Leo XIV. und die Stadt Gottes


Papst Leo XIV. beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps
Papst Leo XIV. beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps

Von Rober­to de Mattei*

Es ist mir häu­fig wider­fah­ren, mich auf den hei­li­gen Augu­sti­nus zu bezie­hen, ins­be­son­de­re auf sein Mei­ster­werk De civi­ta­te Dei – Die Stadt Got­tes. Zu Beginn die­ses Jah­res 2026 habe ich geschrie­ben, daß uns De civi­ta­te Dei des hei­li­gen Augu­sti­nus einen Deu­tungs­schlüs­sel zur Geschich­te an die Hand gibt, der es ermög­licht, über eine rein kon­tin­gen­te Betrach­tung poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Ereig­nis­se hin­aus­zu­ge­hen und auf einen tie­fer­lie­gen­den Kon­flikt zu ver­wei­sen: auf den Zusam­men­stoß gegen­sätz­li­cher Men­schen- und Weltbilder.

Umso mehr hat mich daher die Anspra­che beein­druckt, die der Papst am 9. Janu­ar die­ses Jah­res an die Mit­glie­der des Diplo­ma­ti­schen Corps gehal­ten hat. Es han­delt sich um eine Rede, die gera­de­zu im Zen­trum von Augu­sti­nus’ Stadt Got­tes steht und aus der ich die wesent­li­chen Pas­sa­gen mit den eige­nen Wor­ten Leos XIV. zitie­ren möchte:

„Ange­regt durch die tra­gi­schen Ereig­nis­se der Plün­de­rung Roms im Jahr 410 n. Chr. ver­faßt der hei­li­ge Augu­sti­nus eines der gewal­tig­sten Wer­ke sei­nes theo­lo­gi­schen, phi­lo­so­phi­schen und lite­ra­ri­schen Schaf­fens: De Civi­ta­te Dei, Die Stadt Got­tes. Wie Bene­dikt XVI. bemerkt hat, han­delt es sich um ein ‚monu­men­ta­les und ent­schei­den­des Werk für die Ent­wick­lung des west­li­chen poli­ti­schen Den­kens und für die christ­li­che Theo­lo­gie der Geschich­te‘ (Bene­dikt XVI., Kate­che­se vom 20. Febru­ar 2008). (…) Gewiß sind unse­re Zei­ten von jenen Ereig­nis­sen weit ent­fernt. Es han­delt sich dabei nicht nur um eine zeit­li­che Distanz, son­dern auch um eine ande­re kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­tät und um eine Wei­ter­ent­wick­lung der Denk­ka­te­go­rien. Den­noch darf nicht außer Acht gelas­sen wer­den, daß gera­de unse­re kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­tät aus jenem Werk ihre Nah­rung geschöpft hat, das – wie alle Klas­si­ker – zu den Men­schen aller Zei­ten spricht.

Augu­sti­nus liest die Ereig­nis­se und die geschicht­li­che Wirk­lich­keit nach dem Modell der zwei Städ­te: der Stadt Got­tes, die ewig ist und durch die bedin­gungs­lo­se Lie­be zu Gott (amor Dei) gekenn­zeich­net wird, und der irdi­schen Stadt, die auf der hoch­mü­ti­gen Selbst­lie­be (amor sui), auf der Gier nach welt­li­cher Macht und Ruhm beruht, die zur Zer­stö­rung füh­ren. Es han­delt sich dabei jedoch kei­nes­wegs um eine Geschichts­deu­tung, die das Jen­seits gegen das Dies­seits, die Kir­che gegen den Staat aus­spielt, noch um eine Dia­lek­tik über die Rol­le der Reli­gi­on in der Zivilgesellschaft.

In der augu­sti­ni­schen Per­spek­ti­ve bestehen die bei­den Städ­te bis zum Ende der Zei­ten neben­ein­an­der und besit­zen sowohl eine äuße­re als auch eine inne­re Dimen­si­on, da sie sich nicht allein an den äuße­ren Hal­tun­gen mes­sen las­sen, mit denen sie in der Geschich­te auf­ge­baut wer­den, son­dern auch an der inne­ren Hal­tung jedes ein­zel­nen Men­schen gegen­über den Ereig­nis­sen des Lebens und den geschicht­li­chen Gescheh­nis­sen. In die­ser Per­spek­ti­ve ist jeder von uns Prot­ago­nist und damit ver­ant­wort­lich für die Geschichte.

Ins­be­son­de­re hebt Augu­sti­nus her­vor, daß die Chri­sten von Gott beru­fen sind, sich in der irdi­schen Stadt auf­zu­hal­ten, mit Herz und Geist jedoch auf die himm­li­sche Stadt aus­ge­rich­tet zu blei­ben, ihre wah­re Hei­mat. Den­noch ist der Christ, indem er in der irdi­schen Stadt lebt, der poli­ti­schen Welt nicht fremd, son­dern bemüht sich, die von der Hei­li­gen Schrift inspi­rier­te christ­li­che Ethik auf die staat­li­che Ord­nung anzuwenden. (…)

Obwohl der heu­ti­ge Kon­text sich von jenem des fünf­ten Jahr­hun­derts unter­schei­det, blei­ben man­che Ana­lo­gien von bemer­kens­wer­ter Aktua­li­tät: Wie damals leben wir in einer Epo­che tief­grei­fen­der Migra­ti­ons­be­we­gun­gen; wie damals erle­ben wir eine umfas­sen­de Neu­ord­nung geo­po­li­ti­scher Gleich­ge­wich­te und kul­tu­rel­ler Para­dig­men; wie damals befin­den wir uns – um einen bekann­ten Aus­druck von Papst Fran­zis­kus zu ver­wen­den – nicht in einer Epo­che des Wan­dels, son­dern in einem Wan­del der Epoche.

Wenn der hei­li­ge Augu­sti­nus die Koexi­stenz der himm­li­schen und der irdi­schen Stadt bis zum Ende der Zei­ten her­vor­hebt, so scheint unse­re Zeit viel­mehr dazu zu nei­gen, der Stadt Got­tes das ‚Bür­ger­recht‘ abzu­spre­chen. Es scheint nur noch die irdi­sche Stadt zu exi­stie­ren, ein­ge­schlos­sen aus­schließ­lich inner­halb ihrer eige­nen Gren­zen. Die aus­schließ­li­che Suche nach imma­nen­ten Gütern unter­gräbt jene ‚Ruhe der Ord­nung‘ (tran­quil­li­tas ordi­nis) (hl. Augu­sti­nus, De civi­ta­te Dei, XIX, 13), die für Augu­sti­nus das eigent­li­che Wesen des Frie­dens aus­macht – eines Frie­dens, der sowohl die Gesell­schaf­ten und Natio­nen als auch die mensch­li­che See­le selbst betrifft und für jedes zivi­le Zusam­men­le­ben uner­läß­lich ist.

Fehlt ein tran­szen­den­ter und objek­ti­ver Grund, so setzt sich allein die Selbst­lie­be bis hin zur Gleich­gül­tig­keit gegen­über Gott durch, wel­che die irdi­sche Stadt beherrscht (ebd., XIV, 28). Den­noch ist, wie Augu­sti­nus anmerkt, der Hoch­mut jener Men­schen von gro­ßer Tor­heit, die das Ziel des Guten in die­sem gegen­wär­ti­gen Leben set­zen und glau­ben, sich aus eige­ner Kraft glück­lich machen zu kön­nen (ebd., XIX, 4, 4). Der Hoch­mut ver­dun­kelt die Wirk­lich­keit selbst und die Empa­thie gegen­über dem Näch­sten. Nicht zufäl­lig liegt jedem Kon­flikt stets eine Wur­zel des Hoch­muts zugrunde.“

Was ist also die Leh­re des hei­li­gen Augu­sti­nus, die Leo XIV. erneut in Erin­ne­rung ruft? Es ist die immer gül­ti­ge Leh­re der Stadt Got­tes: das Bewußt­sein, daß die Geschich­te der Mensch­heit von einer radi­ka­len Alter­na­ti­ve durch­zo­gen ist, von zwei mit­ein­an­der unver­ein­ba­ren Welt- und Geschichtsauffassungen.

Auf der einen Sei­te steht die tran­szen­den­te Sicht­wei­se, die Gott als Ursprung und Ziel aller Wirk­lich­keit aner­kennt und nicht nur das per­sön­li­che Leben, son­dern auch das gesell­schaft­li­che, kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Leben – auf natio­na­ler wie auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne – auf Ihn hin aus­rich­tet. Auf der ande­ren Sei­te steht die imma­nen­te Sicht­wei­se, die den Men­schen im Hori­zont des End­li­chen ein­schließt, Gott aus der Geschich­te aus­schließt und jedes Kri­te­ri­um von Wahr­heit, Gerech­tig­keit und Gutem auf das Maß des Men­schen selbst reduziert.

Die erste Sicht­wei­se grün­det auf der Demut des­sen, der nicht auf die eige­nen Kräf­te ver­traut, son­dern alles von Gott erwar­tet. Die zwei­te hin­ge­gen ent­springt dem Hoch­mut: der Selbst­ver­göt­te­rung des Men­schen, der denkt und han­delt, als exi­stie­re Gott nicht, und der bean­sprucht, die Gesell­schaft unab­hän­gig von Ihm aufzubauen.

Zwi­schen die­sen Welt­an­schau­un­gen, zwi­schen die­sen bei­den Städ­ten, ist kein Kom­pro­miß mög­lich. Der hei­li­ge Augu­sti­nus lehrt uns, daß es in den dra­ma­tisch­sten Epo­chen der Geschich­te – wie es das fünf­te Jahr­hun­dert war und wie es unse­re Zeit ist – eine Pflicht ist, die Neu­tra­li­tät auf­zu­ge­ben und Stel­lung zu bezie­hen. Denn das Leben des Men­schen und das Leben der Kir­che ist ein täg­li­cher Kampf auf allen Ebe­nen, jedoch unter der Vor­aus­set­zung, den über­na­tür­li­chen Aspekt die­ses Kamp­fes zu erfas­sen und sei­nen reli­giö­sen und meta­phy­si­schen Cha­rak­ter zu begreifen.

Kämp­fen also – aber mit dem Blick auf die Stadt Got­tes gerich­tet und nicht auf die der Men­schen; kämp­fen, mit einem Wort, für das Kom­men des Rei­ches Chri­sti, im Him­mel wie auf Erden: eines Rei­ches, das kein Trug­bild ist, son­dern das ein­zi­ge wirk­li­che und idea­le Ziel, für das es sich wahr­haft lohnt zu leben und, wenn es not­wen­dig ist, auch zu sterben.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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