Historische Vondelkerk in Amsterdam durch Großbrand zerstört

Silvesterunruhen in den Niederlanden


Brand in Amsterdam
Brand in Amsterdam

In der Nacht zum Neu­jahrs­tag ist die histo­ri­sche Von­del­kerk in Amster­dam bei einem ver­hee­ren­den Brand nahe­zu voll­stän­dig zer­stört wor­den. Das Feu­er brach kurz vor 1 Uhr mor­gens im Kirch­turm aus, der etwa 50 Meter in die Höhe rag­te. Gro­ße Tei­le des Daches stürz­ten ein; nur die Außen­mau­ern des Gebäu­des blie­ben ste­hen. Ver­letz­te wur­den bis­lang nicht gemel­det. Die Feu­er­wehr konn­te den Brand nach stun­den­lan­gen Lösch­ar­bei­ten im Lau­fe des gest­ri­gen Vor­mit­tags unter Kon­trol­le brin­gen. Den­noch ist das Kir­chen­ge­bäu­de infol­ge der mas­si­ven Schä­den der­zeit unbe­nutz­bar. Zahl­rei­che Anwoh­ner wur­den vor­sorg­lich eva­ku­iert, Stra­ßen rund um die Kir­che gesperrt, und der Zugang zur Unglücks­stel­le bleibt beschränkt.

Ursache noch ungeklärt

Die Brand­ur­sa­che ist bis­lang nicht offi­zi­ell bestä­tigt. Poli­zei und Staats­an­walt­schaft haben Ermitt­lun­gen auf­ge­nom­men und das Are­al als mög­li­chen Tat­ort gesi­chert. Ein­zel­ne Zeu­gen­aus­sa­gen deu­ten dar­auf hin, daß ein Feu­er­werks­kör­per auf den Turm gefal­len sein könn­te. Die Behör­den woll­ten dies noch nicht bestä­ti­gen, da die Ermitt­lun­gen und die Rekon­struk­ti­on des Her­gangs noch im Gan­ge sind. Wegen der extre­men Hit­ze und der Ein­sturz­ge­fahr hat­ten die Ermitt­ler gestern zunächst kei­nen Zugang zum Inne­ren der Ruine.

Unruhen und Gewalt in der Silvesternacht

Der Brand ereig­ne­te sich im Rah­men einer Sil­ve­ster­nacht, die in den Nie­der­lan­den als bei­spiel­los in Erin­ne­rung blei­ben wird. Lan­des­weit kam es zu gewalt­sa­men Über­grif­fen auf Poli­zei- und Ret­tungs­kräf­te, dar­un­ter auch der Wurf von Explo­siv­kör­pern. Die Poli­zei nahm rund 250 Per­so­nen fest, offen­bar zumeist Aus­län­der oder Per­so­nen mit Mig­tra­ti­ons­hin­ter­grund. Die Poli­zei darf aus ideo­lo­gi­schen Grün­den, gesetz­lich ver­an­kert, kei­ne Anga­ben über die eth­ni­sche Her­kunft der Täter machen. Zudem wur­den zwei Todes­fäl­le im Zusam­men­hang mit Feu­er­werks­un­fäl­len regi­striert: Ein 17jähriger Jugend­li­cher und ein 38jähriger Mann ver­lo­ren ihr Leben, wei­te­re Per­so­nen erlit­ten schwe­re Verletzungen.

Die Poli­zei prüft auch, ob es sich um Vor­satz gehan­delt haben könnte.

Die­se Ereig­nis­se fie­len in die letz­te Nacht, bevor ein lan­des­wei­tes Ver­bot des frei­en Ver­kaufs von Feu­er­werks­kör­pern an Sil­ve­ster in Kraft tre­ten soll­te – ein Vor­ha­ben, das seit Jah­ren kon­tro­vers dis­ku­tiert wird.

Bedeutung und Geschichte der Vondelkerk

Die Von­del­kerk, eine dem Her­zen Jesu geweih­te Kir­che, wur­de 1872 von dem bekann­ten nie­der­län­di­schen Archi­tek­ten Pierre Cuy­pers ent­wor­fen, der auch das Rijks­mu­se­um und den Amster­da­mer Haupt­bahn­hof gestal­te­te. Die Von­del­kerk im neu­go­ti­schen Stil war im damals noch stark pro­te­stan­tisch gepräg­ten Amster­dam eine Besonderheit. 

Bis 1977 dien­te das Gebäu­de als römisch-katho­li­sche Pfarr­kir­che; nach der Ent­wei­hung, wegen Bau­fäl­lig­keit, aber auch wegen des star­ken Rück­gangs der Meß­be­su­cher – in den 1960er und 1970er Jah­ren wirk­te in den Nie­der­lan­den eine star­ke pro­gres­si­ve Strö­mung im Kle­rus –, nutz­te man es als Ver­an­stal­tungs- und Kulturraum.

Zunächst hat­te es die Diö­ze­se für einen Gul­den an einen Inve­stor ver­kauft. Eine Stif­tung zur Erhal­tung der Von­del­kerk kauf­te sie 1984 und mach­te ein Ver­an­stal­tungs­zen­trum dar­aus. Seit­her wech­sel­te sie unter Auf­recht­erhal­tung des Zwecks mehr­fach den Trä­ger und war vor allem für Hoch­zei­ten beliebt.

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten war die Kir­che nicht nur ein mar­kan­tes Bau­werk im Stadt­bild, son­dern auch ein Ort für Kon­zer­te, Gemein­schafts­ver­an­stal­tun­gen und seit 2017 auch wie­der lit­ur­gi­sche Fei­ern – aller­dings nicht der katho­li­schen Kir­che, son­dern einer Liber­ty Church, die sich als „nicht kon­fes­sio­nell“ gebun­de­ne Gemein­de defi­niert, was im Klar­text bedeu­tet, daß sie eine Mini-Frei­kir­che ist.

Reaktionen aus Politik, Kirche und Gesellschaft

Die grün-lin­ke Amster­da­mer Bür­ger­mei­ste­rin Fem­ke Hal­se­ma bezeich­ne­te den Brand als „schreck­li­chen Ver­lust für Amster­dam“ und hob her­vor, daß die Von­del­kerk „eines der intim­sten Denk­mä­ler der Stadt“ gewe­sen sei, das vie­len Gene­ra­tio­nen von Amster­da­mern ver­traut gewe­sen ist.

Die Bis­tums­lei­tung von Haar­lem-Amster­dam äußer­te tie­fes Mit­ge­fühl mit den Anwoh­nern, den Mit­glie­dern der katho­li­schen Gemein­de sowie den der­zei­ti­gen Nut­zern des Gebäu­des, die sonn­täg­lich dort Got­tes­dien­ste der Liber­ty Church fei­er­ten oder Ver­an­stal­tun­gen abhiel­ten. Trotz des lan­gen Leer­stan­des habe die Von­del­kerk emo­tio­nal und histo­risch eine her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung behalten.

Ausblick: Bewahrung oder Neubau?

Kon­kre­te Ent­schei­dun­gen über die Wie­der­her­stel­lung oder Nut­zung der Rui­nen ste­hen noch aus. Erste Initia­ti­ven, dar­un­ter pri­va­te Spen­den­auf­ru­fe für einen Wie­der­auf­bau, sind bereits ange­lau­fen. Recht­li­che, finan­zi­el­le und denk­mal­pfle­ge­ri­sche Fra­gen müs­sen jedoch erst geklärt werden.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/​Youtube (Screen­shot)

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