Der Falschmelder von Rom

Der unbändige Geltungsdrang des Tommaso Debenedetti

Tommaso Debenedetti, der Falschmelder von Rom, verbreitete zum dritten Mal den angeblichen Tod von Benedikt XVI.
Tommaso Debenedetti, der Falschmelder von Rom, verbreitete zum dritten Mal den angeblichen Tod von Benedikt XVI.

(Rom) Was in man­chen Köp­fen vor­geht, läßt sich wohl nicht ergrün­den. Zum drit­ten Mal ver­brei­te­te der ita­lie­ni­sche Betrü­ger und Leh­rer Tom­ma­so Debe­ne­det­ti die Falsch­mel­dung vom Tod Bene­dikts XVI.

2012 schlug Debe­ne­det­ti zum ersten Mal zu: Mit einem fal­schen Twit­ter-Account gab er sich als der dama­li­ge Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Tar­ci­sio Ber­to­ne aus und behaup­te­te, Papst Bene­dikt XVI. sei gestor­ben. Damals hat­te der deut­sche Papst noch nicht ein­mal sei­nen Amts­ver­zicht bekannt­ge­ge­ben. Unter fal­schen Twit­ter-Pro­fi­len hat­te er auch den Tod von Fidel Castro, Pedro Almo­dó­var und ande­ren bekann­ten Per­so­nen behaup­tet. Er täusch­te damit füh­ren­de Medi­en wie die New York Times, die Neue Zür­cher Zei­tung und inter­na­tio­na­le Pres­se­agen­tu­ren wie Asso­cia­ted Press. Zahl­rei­che Medi­en berich­te­ten daher spä­ter über den „Fäl­scher aus Rom“, dar­un­ter die Washing­ton Post und der Guar­di­an.

2018 gab sich Debe­ne­det­ti auf Twit­ter als der kolum­bia­ni­sche Kar­di­nal Rubén Sala­zar aus und ver­brei­te­te erneut, Bene­dikt XVI. sei „tot“. Wört­lich schrieb er:

Falsch­mel­dung von 2018

„Kar­di­nal Pie­tro Paro­lin bestä­tig­te mir jetzt am Tele­fon die Nach­richt vom Tod Sei­ner Hei­lig­keit Bene­dikt XVI. Eine offi­zi­el­le Erklä­rung des Vati­kans wird in den kom­men­den Minu­ten veröffentlicht“.

Nun wie­der­hol­te der Fake-News-Pro­du­zent zum drit­ten Mal sein maka­bres Spiel. Er leg­te sich dazu auf Twit­ter ein Fake-Pro­fil als „Georg Bät­zing“ zu und täusch­te damit vor, der Bischof von Lim­burg und Vor­sit­zen­de der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz zu sein. Als sol­cher behaup­te­te er, dies­mal auf deutsch, eng­lisch und spanisch:

„Der eme­ri­tier­te Papst Bene­dikt XVI. ist gestorben.“

Tom­ma­so Debe­ne­det­ti, Jahr­gang 1969, ist Leh­rer in Rom und seit 2000 auf die Ver­brei­tung gefälsch­ter Nach­rich­ten „spe­zia­li­siert“. Der Vater von zwei Kin­dern recht­fer­tigt sein Ver­hal­ten auf eigen­tüm­li­che Wei­se: Er wol­le zei­gen, „wie ein­fach es ist, die Pres­se im Zeit­al­ter der sozia­len Medi­en zu täu­schen“. Wahr­schein­lich ist, daß er auf die­se Wei­se sei­nen eige­nen Gel­tungs­drang befriedigt.

2012 ver­brei­te­te Debe­ne­det­ti im Zuge von Oba­mas US-Inter­ven­tio­nen zum Sturz uner­wünsch­ter Regie­run­gen im Nahen Osten die Nach­richt, der syri­sche Staats­prä­si­dent Baschar al-Assad sei gestor­ben, was zu einem Anstieg des welt­wei­ten Ölprei­ses führte.

Der Deutsch­land­funk nann­te Debe­ne­det­ti 2020 den „Toten­mel­der der Lite­ra­tur“, weil er unter ande­rem Peter Hand­ke, Her­ta Mül­ler, Phil­ip Roth, José Sara­ma­go, Elfrie­de Jeli­nek, Milan Kun­de­ra und ande­re Schrift­stel­ler vor­zei­tig ins Jen­seits schick­te. Die Vor­ge­hens­wei­se ist dabei immer gleich. Er legt sich auf sozia­len Netz­wer­ken fal­sche Pro­fi­le zu, um sei­ne Falsch­mel­dun­gen „glaub­haft“ zu ver­brei­ten. Als er den Tod des grie­chi­schen Regis­seurs Costa-Gav­ras behaup­te­te, tat er dies mit einem fal­schen Twit­ter-Account des grie­chi­schen Kul­tur­mi­ni­sters Myr­si­ni Zorba.

Familie von Schriftstellern und Dichtern

Tom­ma­so Debe­ne­det­ti ist der Enkel des bekann­ten ita­lie­ni­schen Lite­ra­tur­kri­ti­kers und Schrift­stel­lers Gia­co­mo Debe­ne­det­ti (1901–1967). Der offen­kun­dig begab­te­re Groß­va­ter stu­dier­te in Turin Mathe­ma­tik, Rechts­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­lo­gie. Die Ein­füh­rung der Ras­sen­ge­set­ze in Ita­li­en 1938, die staat­li­che Repres­si­on gegen Juden und ein Leben im Unter­grund wäh­rend der deut­schen Besat­zung 1943/​44 erleb­te er in Rom. Bei Kriegs­en­de sym­pa­thi­sier­te er mit der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens (PCI).

Auch der Vater Anto­nio Debe­ne­det­ti war Lite­ra­tur­kri­ti­ker, Schrift­stel­ler und Jour­na­list, der vie­le Jah­re mit dem Cor­rie­re del­la Sera zusam­men­ar­bei­te­te und meh­re­re Gedicht­bän­de veröffentlichte.

Der Enkel Tom­ma­so Debe­ne­det­ti brach­te es auf etwas ande­re Art zu öffent­li­cher Bekannt­heit. Er bot 2000 einer Zei­tung sei­ne erste Fäl­schung an, ein von ihm erfun­de­nes, sen­sa­tio­nel­les Inter­view mit Al Gore, der damals erfolg­los bei den US-Prä­si­dent­schafts­wah­len kan­di­dier­te. Im letz­ten Moment lie­fer­te er das Inter­view nicht ab. Doch kurz dar­auf fie­len die letz­ten Hemm­schwel­len. Debe­ne­det­ti erfand der Rei­he nach Inter­views mit inter­na­tio­nal bekann­ten Per­sön­lich­kei­ten wie Micha­el Gor­bat­schow, dem Dalai Lama, Amos Oz oder Wil­bur Smith, die von füh­ren­den Medi­en abge­druckt wur­den unter Über­schrif­ten wie: „Ratz­in­gers letz­tes Inter­view als Kar­di­nal“, „Phil­ip Roth gegen Oba­ma“ oder „Lech Wale­sa sagt, der Kom­mu­nis­mus ist nicht tot“. Am Bei­spiel des fik­ti­ven Al-Gore-Inter­views erklär­te Debe­ne­det­ti spä­ter sei­ne Vor­ge­hens­wei­se. Er nahm Al Gores öffent­li­che Aus­sa­gen und las des­sen Bücher. Dar­aus stell­te er dann die Ant­wor­ten des erfun­de­nen Inter­views zusammen.

Phil­ip Roth war es, der Debe­ne­det­ti ent­larv­te. Als der Schrift­stel­ler von einem Inter­view hör­te, das er gege­ben haben soll, von dem er aber nichts wuß­te, nahm er Nach­for­schun­gen auf. Als er fün­dig wur­de, stell­te er den römi­schen Fäl­scher in der US-Wochen­zei­tung New Yor­ker als „einen der unglaub­lich­sten Betrü­ger des moder­nen Jour­na­lis­mus“ bloß.

Der Tages­zei­tung La Repub­bli­ca erklär­te Debenedetti: 

„Im Inter­net­zeit­al­ter kann jeder alles erfin­den, auch Var­gas Llosa, Phil­ip Roth oder Umber­to Eco zu sein, wie ich es getan habe, und es wird geglaubt.“ 

Die Schutz­be­haup­tung ist offen­sicht­lich, denn Debe­ne­det­ti füg­te 2007 hin­zu, daß „die Gren­ze zwi­schen Fik­ti­on und Wahr­heit varia­bel“ sei.

Davon kann natür­lich kei­ne Rede sein.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Twit­ter (Screen­shot)

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