Alojzije Stepinac – Biographie eines großen Glaubenszeugen

Das Buch von Claudia Stahl – eine Besprechung

Kardinal Alojzije Stepinac, Erzbischof von Agram (Zagreb), war die letzten 15 Jahre seines Lebens ein Gefangener des kommunistischen Tito-Regimes. 1998 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.
Kardinal Alojzije Stepinac, Erzbischof von Agram (Zagreb), war die letzten 15 Jahre seines Lebens ein Gefangener des kommunistischen Tito-Regimes. 1998 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Von Wolf­ram Schrems*

Bereits im Jahr 2017 erschien eine pro­fun­de Bio­gra­phie des seli­gen Alo­j­zi­je Vik­tor Kar­di­nal Ste­pi­nac (1898 – 1960), Erz­bi­schof von Agram ab 1937, in einem renom­mier­ten deut­schen Ver­lags­haus. Im deut­schen Sprach­raum ist das frei­lich ein Rand­the­ma. Der Seli­ge soll­te aber nach Mei­nung die­ses Rezen­sen­ten auch bei uns viel mehr bekannt gemacht wer­den. Und zwar aus zwei Grün­den: wegen der per­sön­li­chen Vor­bild­haf­tig­keit des Seli­gen in Lebens­füh­rung und Ver­kün­di­gung, als auch wegen der mit sei­ner Bio­gra­phie ver­bun­de­nen Not­wen­dig­keit, wich­ti­ge geschicht­li­che und geschichts­po­li­ti­sche Fra­gen zu behan­deln.

Daher im fol­gen­den etwas aus­führ­li­cher.

Die Autorin und ihr ambitioniertes Projekt

Dr. Clau­dia Stahl, aus Ham­burg gebür­tig, stu­dier­te Jus, Musik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Der­zeit ist sie Rich­te­rin am Ver­wal­tungs­ge­richt Cott­bus. In einem Inter­view mit Kir­che in Not spricht sie über ihre Moti­va­ti­on, eine Bio­gra­phie über den Seli­gen zu schrei­ben. Sie schreibt ihm, der ihr Firm­pa­tron ist, eine Gebets­er­hö­rung zu (Kurz­ver­si­on eines län­ge­ren Inter­views, die betref­fen­de Aus­sa­ge fin­det sich bei Minu­te 2:40).

Frau Stahl lern­te eigens die kroa­ti­sche Spra­che, um die histo­ri­schen Doku­men­te lesen zu kön­nen. Auch ihre Aktiv­kennt­nis­se sind beacht­lich (bei Minu­te 1:47).

Allei­ne die Sich­tung der Brie­fe des Seli­gen und der Gerichts­ak­ten ist eine gigan­ti­sche Arbeits­lei­stung – neben einer ver­ant­wor­tungs­vol­len und schwie­ri­gen Erwerbs­ar­beit.

Erz­bi­schof Ste­pi­nac krönt eine Sta­tue U.L.F. von Fati­ma

Damit zur Per­son der Unter­su­chun­gen anhand der gegen­ständ­li­chen Bio­gra­phie:

Ringen um die Berufung: Seminar, Militär, Heiratspläne, noch einmal Seminar

Alo­j­zi­je Ste­pi­nac („z“ ist stimm­haf­tes s, im Deut­schen außer­halb der Büh­nen­spra­che nicht üblich, Fami­li­en­na­me wird „ßte­pí­natz“ aus­ge­spro­chen) wird am 8. Mai 1898 in Bre­za­rić bei Kra­s­ić (Gespan­schaft Agram/Zagreb) in eine kin­der­rei­che Fami­lie gebo­ren. Sei­ne Mut­ter Bar­ba­ra ist die zwei­te Frau sei­nes ver­wit­we­ten Vaters Josip, eines tüch­ti­gen und wohl­ha­ben­den Groß­bau­ern.

Alo­j­zi­je ent­schei­det sich früh für das Prie­ster­se­mi­nar. Aller­dings kommt der Krieg dazwi­schen. Ste­pi­nac geht als Offi­zier an die ita­lie­ni­sche Front und gerät in ita­lie­ni­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Dort schließt sich Ste­pi­nac der Süd­sla­wi­schen Legi­on an. Wie vie­le ande­re glaubt er nicht mehr an die Dop­pel­mon­ar­chie, son­dern wen­det sich der jugo­sla­wi­schen (bzw. „illy­ri­schen“) Idee der Ver­ei­ni­gung der süd­sla­wi­schen Völ­ker in einem Staat zu.[1]

1934 zum Bischof geweiht, trat er 1937 als Pri­mas an die Spit­ze des Kir­che in Kroa­ti­en

Die Des­il­lu­sio­nie­rung der Kroa­ten vom neu­en SHS-Staat (Staat der Slo­we­nen, Kroa­ten und Ser­ben, danach König­reich der Ser­ben, Kroa­ten und Slo­we­nen, ab 1929 König­reich Jugo­sla­wi­en), auch die von Ste­pi­nac selbst, setz­te jedoch bald ein.

Nach sei­ner Ent­las­sung beginnt Ste­pi­nac Land­wirt­schaft zu stu­die­ren, wird aber nicht froh dabei. Er arbei­tet in der väter­li­chen Land­wirt­schaft mit. Der Vater regt den Sohn an, sich zu ver­hei­ra­ten. Es kommt zu einer (von Sei­ten Ste­pi­n­acs offen­bar gar nicht als sol­che betrach­te­ten) Ver­lo­bung mit sei­ner ehe­ma­li­gen Schul­kol­le­gin Mari­ja Hor­vath. Der Kauf der Ver­lo­bungs­rin­ge ist der quä­len­de Tief­punkt einer unstim­mi­gen Bezie­hung, die ganz offen­sicht­lich nicht den Plä­nen der gött­li­chen Vor­se­hung ent­spricht. Die Ver­bin­dung wird gelöst, Mari­ja, unver­hei­ra­tet geblie­ben, stirbt im Jahr 1939 bei einem Auto­un­fall.

Ste­pi­nac ringt sich noch ein­mal durch, das Prie­ster­amt anzu­stre­ben. Er geht nach Rom ins Col­le­gi­um Ger­ma­ni­cum et Hun­ga­ri­cum und stu­diert an der Gre­go­ria­na, bei­des Ein­rich­tun­gen der Gesell­schaft Jesu. Der Tages­ab­lauf ist klö­ster­lich streng, die Fasten­zeit jeweils eine har­te Prü­fung für die jun­gen Män­ner, das Stu­di­en­ni­veau eli­tär, die geist­li­che For­mung pro­fund:

Im Haus herrsch­te eine stren­ge Klau­sur. Jeder Stu­dent hat­te sein eige­nes Zim­mer, das durch­ge­hend unge­heizt und spar­ta­nisch wie eine Klo­ster­zel­le ein­ge­rich­tet war. Nach der „Schwel­len­re­gel“ war es streng ver­bo­ten, die Zim­mer­schwel­le eines Kom­mi­li­to­nen zu über­schrei­ten. Gesprä­che durf­ten nur an der Schwel­le statt­fin­den, wobei man sich mit „Sie“ anzu­spre­chen hat­te, und muss­ten kurz sein. Die regu­la tac­tus ver­bot jeden Kör­per­kon­takt. Im gan­zen Haus herrsch­te Still­schwei­gen, damit alle unge­stört ler­nen konn­ten. (…) Nicht jeder Spät­be­ru­fe­ne konn­te die­se klö­ster­li­che Lebens­wei­se ertra­gen. (56)

Die Som­mer­fe­ri­en wer­den gemein­sam auf einem Land­sitz des Semi­nars ver­bracht, Ste­pi­nac kommt also sie­ben Jah­re nicht in sei­ne Hei­mat. Nach Pro­mo­tio­nen in Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie wird er 1930 zum Prie­ster geweiht.

Schneller, aber nicht angestrebter Aufstieg in der Kirchenhierarchie in schwieriger Zeit

Nach einer kur­zen Zeit als Kaplan wird er zum Zere­mo­ni­är des Agra­mer Erz­bi­schofs Antun Bau­er ernannt. Bau­ers Eltern stamm­ten aus Deutsch-West­un­garn, dem heu­ti­gen Bur­gen­land. Der Erz­bi­schof, ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie, ist ein stren­ger Vor­ge­setz­ter.

Ste­pi­nac wird von Papst Pius XI. zum Erz­bi­schof-Koad­ju­tor mit Nach­fol­ge­recht ernannt und am 24. Juni 1934 zum Bischof geweiht. Ein­wän­de wer­den nicht akzep­tiert. Nach dem Tod von Erz­bi­schof Bau­er am 7. Dezem­ber 1937 ergreift Ste­pi­nac von sei­nem Erz­bis­tum Besitz.

Ste­pi­nac als jun­ger Erz­bi­schof

Die Zei­ten sind schwie­rig. Die jugo­sla­wi­sche Königs­dik­ta­tur der Karađorđe­vić-Dyna­stie erwies sich für die katho­li­sche Kir­che und das kroa­ti­sche Volk als Alp­traum. So hat­te man sich zur Zeit der Habs­bur­ger­mon­ar­chie den Illy­ris­mus nicht vor­ge­stellt. Man hat­te ein zwar nicht per­fek­tes, aber bewähr­tes poli­ti­sches System gegen eine Illu­si­on ein­ge­tauscht und erleb­te poli­ti­sche Mor­de, Fol­ter und Unter­drückung.

Die Erfah­run­gen der Kroa­ten mit der ser­bi­schen Domi­nanz in Jugo­sla­wi­en führ­ten zu Haß und Rache­ge­füh­len. Mit deut­scher Hil­fe wur­de dann 1941 der so genann­te Unab­hän­gi­ge Staat Kroa­ti­en (Neza­vis­na Država Hrvat­ska, NDH), der ter­ri­to­ri­al in etwa das heu­ti­ge Kroa­ti­en (ohne Istri­en und Dal­ma­ti­en) und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na umfaß­te, errich­tet.

Die Ver­wick­lung katho­li­scher Lai­en und Prie­ster in Greu­el­ta­ten an ser­bi­schen Zivi­li­sten (unter ande­rem im berüch­tig­ten Lager Jasen­o­vac) gehört zu den dun­kel­sten Epi­so­den der Kir­chen­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts. Es waren unter ande­rem Fran­zis­ka­ner und Ex-Fran­zis­ka­ner, die sich hier her­vor­ta­ten. Auf die­se hat­te Ste­pi­nac meist aber weder kir­chen­recht­li­chen noch fak­ti­schen Ein­fluß.[2]

Erz­bi­schof Ste­pi­nac selbst inter­ve­nier­te bei der Regie­rung des neu­en Staa­tes häu­fig und mutig zugun­sten poli­tisch Ver­folg­ter. Eine Bege­ben­heit zeigt sei­nen gro­ßen Mut: Kurz nach Aus­ru­fung des neu­en Staa­tes frag­te er bei sei­nem Antritts­be­such den Pog­lav­nik („Füh­rer“), Regie­rungs­chef Ante Pave­lić, undi­plo­ma­tisch gera­de­her­aus, ob die­ser in den Mord an König Alek­san­dar in Mar­seil­le im Jahr 1934 ver­wickelt gewe­sen sei (174). Pave­lić, der tat­säch­lich am Ran­de invol­viert war, rede­te sich her­aus. Er sei von der Fra­ge sehr getrof­fen wor­den und habe nie­mals einen Gegen­be­such bei Ste­pi­nac gemacht.

Ste­pi­nac wur­de kein Freund der neu­en Regie­rung und auch nicht der deut­schen Besat­zungs­macht, konn­te und woll­te aber nicht einen Kon­fron­ta­ti­ons­kurs fah­ren. Sei­ne Inter­ven­tio­nen ret­te­ten poli­ti­schen Geg­nern, Ser­ben, Juden und sogar Kom­mu­ni­sten das Leben. Was letz­te­re spä­ter nicht hin­dern soll­te, ihrer­seits gegen Ste­pi­nac vor­zu­ge­hen, als sie die Macht erlang­ten.

Und das kam sehr rasch.

Kommunistischer Haß gegen Kirche und Christentum

In einem Schau­pro­zeß nach dem Kriegs­en­de und der Macht­über­nah­me Titos wur­de Ste­pi­nac am 11. Okto­ber 1946 trotz des fähi­gen und tap­fe­ren Ver­tei­di­gers Ivo Poli­teo und zahl­rei­cher Ein­ga­ben ser­bi­scher und jüdi­scher Antrags­stel­ler zu sech­zehn Jah­ren Gefäng­nis mit Zwangs­ar­beit, Ver­lust der bür­ger­li­chen und poli­ti­schen Recht für zusätz­li­che fünf Jah­re und Ein­zug des Ver­mö­gens ver­ur­teilt.[3]

Von einem fai­ren Ver­fah­ren konn­te nicht die Rede sein, die Pro­zeß­zu­schau­er bau­ten – vom Geheim­dienst instru­iert – Druck auf, ent­la­sten­des Mate­ri­al kam kaum zum Ein­satz.

Die juri­stisch ver­sier­te Autorin dazu:

Der tat­säch­li­che Ver­lauf der Haupt­ver­hand­lung ist heu­te nicht mehr voll­stän­dig und exakt rekon­stru­ier­bar. Die Haupt­ver­hand­lung wur­de von Gerichts­ste­no­gra­fen pro­to­kol­liert. Nach­dem ihre ste­no­gra­fi­schen Noti­zen über­tra­gen wor­den waren, wur­den sie zu einem geheim­nis­vol­len Gerichts­be­am­ten „zur Kor­rek­tur“ gebracht. Die angeb­lich wört­li­chen Mit­schrif­ten, die dann täg­lich in den jugo­sla­wi­schen Zei­tun­gen erschie­nen, waren ver­fälscht gegen­über dem, was im Gerichts­saal tat­säch­lich gesagt wor­den war. Ins­be­son­de­re wur­de alles, was für Ste­pi­nac sprach, ver­fälscht. Die Geheim­po­li­zei ver­bot auch den Zuhö­rern, eige­ne Mit­schrif­ten anzu­fer­ti­gen, und beschlag­nahm­te eini­ge sol­cher Noti­zen (336).

Die eigent­li­che Schuld des Erz­bi­schofs bestand in sei­nem Wider­stand gegen Titos Plä­ne, eine kroa­ti­sche Natio­nal­kir­che, abge­löst vom Papst, zu errich­ten. Zudem war Ste­pi­nac als Anti­kom­mu­nist bekannt. Er muß­te weg.

Als Ange­klag­ter, nach­dem er 1945 von den Kom­mu­ni­sten fest­ge­nom­men wur­de

Geistige Zermürbung – langes Martyrium und Ergebenheit bis zum Ende

Ste­pi­nac wur­de in das Gefäng­nis in Lepo­g­la­va (in der Nähe von Varaž­din) gebracht. Das Gebäu­de war ein ehe­ma­li­ges Pau­li­n­er­klo­ster, das von Kai­ser Joseph II. auf­ge­ho­ben wor­den war. Im Gefäng­nis wur­de er zwar nicht phy­sisch miß­han­delt und erhielt auch gute Ver­pfle­gung, die Frau­en aus der dor­ti­gen Pfar­re zube­rei­te­ten, aber die Unsi­cher­heit und der psy­chi­sche Druck ein­schließ­lich der Empa­thie mit den Mit­häft­lin­gen führ­ten nach und nach zu Krank­heits­sym­pto­men. Im Gegen­satz zur ursprüng­li­chen Ver­ur­tei­lung wur­de ihm aus Rück­sicht­nah­me auf die Bevöl­ke­rung kei­ne Zwangs­ar­beit auf­er­legt. Er konn­te Stu­di­en nach­ge­hen, so ver­faß­te er Kom­men­ta­re zur Bibel und über­setz­te geist­li­che Tex­te aus dem Fran­zö­si­schen.

Er wei­ger­te sich, ein Begna­di­gungs­an­su­chen zu stel­len, weil Regime und Welt­öf­fent­lich­keit das als Schuld­ein­ge­ständ­nis gewer­tet hät­ten.

Im Jahr 1951 wur­de er in den Haus­ar­rest ent­las­sen. Offen­bar war das eine indi­rek­te Fol­ge des Bruchs Titos mit Sta­lin und einer good will – Akti­on Titos, um im Westen leich­ter Kre­dit­ge­ber und Ver­bün­de­te zu fin­den.

Schau­pro­zeß unter dem Roten Stern. Ste­pi­nac (vor­ne rechts) vor sei­nen Rich­tern

Ste­pi­nac ver­brach­te etwa neun Jah­re im Haus­ar­rest im Pfarr­haus von Krašić. Er durf­te das Gemein­de­ge­biet nicht ver­las­sen – und natür­lich auch sein Amt als Agra­mer Erz­bi­schof nicht aus­üben.

In die­ser Zeit wirk­te Ste­pi­nac als Kaplan des Orts­pfar­rers. Er erleg­te sich ein gro­ßes Gebets­pen­sum auf und stell­te sich daher den Wecker auf vier­tel nach drei (497).

Die per­ma­nen­te Über­wa­chung durch den Geheim­dienst und die mas­si­ve Beschrän­kung des Wir­kungs­krei­ses wirk­te so, wie es beab­sich­tigt war: Die Gesund­heit des Erz­bi­schofs litt Scha­den. Zudem kamen Gerüch­te auf, er sei zuvor in Lepo­g­la­va in klei­nen Dosen suk­zes­si­ve ver­gif­tet wor­den. Auch von einer gehei­men Rönt­gen­be­strah­lung von der Neben­zel­le aus ist die Rede. All das ist weder bewie­sen noch wider­legt.

Papst Pius XII. kre­ierte Ste­pi­nac 1952 zum Kar­di­nal, was den Abbruch der diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen zwi­schen Jugo­sla­wi­en und dem Hei­li­gen Stuhl bewirk­te.

Ste­pi­nac starb am 10. Febru­ar 1960 und wur­de unter tri­um­pha­ler Anteil­nah­me des gläu­bi­gen Vol­kes in der Agra­mer Kathe­dra­le begra­ben.

1998 wur­de er von Papst Johan­nes Paul II. selig­ge­spro­chen. Der Hei­lig­spre­chungs­pro­zeß ist im Gan­ge.

Bis heu­te wird das Gedächt­nis des Kar­di­nals besu­delt. Ob die medi­al ver­brei­te­te Ankla­ge aus der Zeit des Schau­pro­zes­ses, wonach Ste­pi­nac eigen­hän­dig ser­bi­sche Kin­der ermor­det haben soll (!), der­zeit wie­der­holt wird, ist dem Rezen­sen­ten nicht bekannt. Unre­flek­tiert und pau­schal wird aller­dings der Vor­wurf erho­ben, mit einem faschi­sti­schen Regime „kol­la­bo­riert“ und die staat­lich betrie­be­nen Zwangs­kon­ver­sio­nen von Ortho­do­xen zur Katho­li­schen Kir­che unter­stützt zu haben. Die­se Kri­tik kommt zumeist aus der ser­bi­schen Öffent­lich­keit und der ser­bisch-ortho­do­xen Kir­che, sowie aus west­eu­ro­päi­schen Links­krei­sen.

Was Kardinal Stepinac uns Heutige lehren kann

Für unse­re gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on ist Ste­pi­nac aus fol­gen­den Grün­den von Bedeu­tung:

Die prie­ster­li­che Beru­fung ist heu­te beson­ders ange­foch­ten, weil die kirch­li­che Obrig­keit seit Jahr­zehn­ten in vie­len Län­dern Prie­ster­nach­wuchs de fac­to ver­hin­dert und nun sogar ein Papst Ver­ach­tung für das Prie­ster­amt zeigt. Aber leicht war der Schritt in die­se Form der Nach­fol­ge Chri­sti ver­mut­lich nur für weni­ge. From­me Semi­nar­re­gen­ten und Spi­ri­tua­le sowie gläu­bi­ge Theo­lo­gie­pro­fes­so­ren sind daher eine in der Regel not­wen­di­ge, aber noch kei­ne hin­rei­chen­de Bedin­gung für die tat­säch­li­che Ver­wirk­li­chung einer geist­li­chen Beru­fung. Es braucht noch eine spe­zi­el­le Hil­fe von oben. Die Bio­gra­phie von Kar­di­nal Ste­pi­nac zeigt das.

Von daher kann und soll Ste­pi­nac Vor­bild und Für­spre­cher in die­ser deli­ka­ten Ange­le­gen­heit sein.

Sodann ist Ste­pi­nac ein Mär­ty­rer der kirch­li­chen Ein­heit. Er wider­stand dem drei­sten Ansin­nen Titos, eine kroa­ti­sche Natio­nal­kir­che, abge­löst vom Vikar Chri­sti und Nach­fol­ger Petri, zu erschaf­fen. In einer Epo­che zen­tri­fu­ga­ler Ten­den­zen der Kir­che ist Ste­pi­nac ein wich­ti­ger Zeu­ge der Ver­bin­dung der natio­na­len Kir­chen mit Petrus. In einer Zeit, in der aller­dings nicht ein­mal der Papst selbst das Petrus­amt stif­tungs­ge­mäß aus­führt, ist die Lage kom­pli­ziert.

Ste­pi­nac zeigt sodann, daß es kein kirch­li­ches Leben ohne den über­kom­me­nen, tra­di­tio­nel­len, also „vor­kon­zi­lia­ren“ Glau­ben gibt und geben kann. Das soll­te sich beson­ders die kroa­ti­sche Hier­ar­chie zu Her­zen neh­men, die, wie man hört, der tra­di­tio­nel­len latei­ni­schen Mes­se und ihren Prie­stern und Gläu­bi­gen feind­lich gegen­über steht.[4]

Die dok­tri­nel­len und lit­ur­gi­schen Zer­stö­run­gen im Gefol­ge des Kon­zils lagen wohl jen­seits des Vor­stel­lungs­ho­ri­zon­tes des Seli­gen.[5]

Sodann lehrt die Bio­gra­phie des Seli­gen, daß sich ein Hir­te der Kir­che manch­mal in kom­pli­zier­ten poli­ti­schen Situa­tio­nen bewäh­ren muß. Die­ser Punkt wird von der Autorin sehr gut her­aus­ge­ar­bei­tet: Ste­pi­nac war kein Freund der Ustaša-Regie­rung und jeder kroa­ti­sche Patri­ot und aus­län­di­sche Freund des kroa­ti­schen Vol­kes muß ein sol­ches System ableh­nen. Ste­pi­nac pro­te­stier­te und inter­ve­nier­te oft sehr mutig. Es war kei­nes­wegs aus­ge­macht, daß das Regime ihn nicht ver­haf­ten oder besei­ti­gen wür­de. Ande­rer­seits muß­te er als Hir­te des Vol­kes einen modus viven­di mit der Regie­rung fin­den. Zudem ball­te sich in der Par­ti­sa­nen­be­we­gung eine neue Bedro­hung für Kir­che und Volk zusam­men.

Für die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on könn­ten die Hir­ten dar­aus ler­nen, daß man der Poli­tik wider­ste­hen muß, wenn sie der Leh­re Chri­sti wider­spricht, daß aber die Bedro­hun­gen von meh­re­ren Sei­ten kom­men kön­nen.

Schließ­lich kann uns Ste­pi­nac als Seli­ger des Haus­ar­rests ein Bei­spiel geben, wie man in Zei­ten mehr oder weni­ger (un)gerechtfertigter Aus­gangs­be­schrän­kun­gen die Zeit in der unfrei­wil­li­gen Klau­sur frucht­bar nut­zen kann.

1960 starb Ste­pi­nac nach fast15 Jah­ren Haft, in denen er sein Amt nicht aus­üben konn­te

Kritik: bedauerliche Konzessionen an Modeströmungen

Doch gibt es auch Anlaß zu Kri­tik am vor­lie­gen­den Werk. Die­se betrifft zwar nicht den Grund­duc­tus des Buches, doch aber damit zusam­men­hän­gen­de Punk­te. Die Kri­tik ent­zün­det sich an Annä­he­run­gen der Autorin an den kirch­li­chen, „kon­zi­lia­ren“ Zeit­geist:

Erstens ist die Rede vom „öku­me­ni­schen Hei­li­gen“ (15, 570ff) irre­füh­rend und daher zu ver­mei­den. Die römisch-katho­li­sche Kir­che, die die Kir­che Jesu Chri­sti ist, ent­schei­det mit ihren Kri­te­ri­en über die Hei­lig­keit, nicht ein Kol­le­gi­um von ver­schie­de­nen „Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten“. Lei­der gibt es ja auch zahl­rei­che Mär­ty­rer, die von nicht-katho­li­schen Chri­sten miß­han­delt und ermor­det wur­den. Von daher ist die Initia­ti­ve von Papst Fran­zis­kus, den Hei­lig­spre­chungs­pro­zeß „vor­erst nicht abzu­schlie­ßen“ und der ser­bisch-ortho­do­xen Kir­che qua­si ein Veto bei der Hei­lig­spre­chung von Ste­pi­nac zu gewäh­ren, kri­tisch zu sehen (571).[6]

Eine „öku­me­ni­sche Dimen­si­on“ von Hei­lig­keit gar auf das Juden­tum aus­zu­deh­nen, ist beson­ders wider­sin­nig, weil sich das Juden­tum seit der kol­lek­ti­ven Opti­on gegen Jesus Chri­stus (vgl. 1 Thess 2,15f) und für Bar­ab­bas, eben per defi­ni­tio­nem gegen die kirch­li­chen Kri­te­ri­en rich­tet. Die „von jüdi­scher Sei­te geäu­ßer­ten Beden­ken“ (573) kön­nen also kein Kri­te­ri­um kirch­li­cher Ent­schei­dun­gen sein.

Der von Frau Stahl genann­te Ein­satz für „Men­schen­wür­de, Men­schen­rech­te, Reli­gi­ons- und Gewis­sens­frei­heit“ (vgl. 15, 573) kann nobel sein. Für sich genom­men kon­sti­tu­iert er aber selbst­ver­ständ­lich noch kei­ne Hei­lig­keit. Alle die­se For­de­run­gen stam­men histo­risch gese­hen aus nicht-christ­li­chen Quel­len, aus Frei­mau­re­rei und Revo­lu­ti­on, und wur­den gegen die Kir­che ein­ge­setzt. Eine falsch kon­zi­pier­te „Men­schen­wür­de“ bil­det sogar die Grund­aus­sa­ge des ver­un­glück­ten und fol­gen­rei­chen Doku­ments Digni­ta­tis huma­nae des II. Vati­can­ums.

Zwei­tens stellt die Autorin die sata­ni­sche Qua­li­tät des Kom­mu­nis­mus mit sei­nen unfaß­ba­ren Greu­eln ab dem Jahr 1917 zu schwach dar. Die Sowjet­uni­on hat­te ja nicht nur katho­li­sche Prie­ster und Bischö­fe ermor­det und das katho­li­sche Leben lahm­ge­legt (130), son­dern in die Mil­lio­nen gehen­de Mas­sen­mor­de began­gen, an Arbei­tern und Bau­ern, wie auch am rus­sisch-ortho­do­xen Kle­rus.

Daß es „Schwarz­weiß-Male­rei“ (126) gewe­sen sein soll, wenn Ste­pi­nac „in kräf­ti­gen Aus­drücken“ vor dem Kom­mu­nis­mus warn­te, ist ange­sichts der erwähn­ten Greu­el der Sowjet­uni­on, ein­schließ­lich dem nur ein Jahr vor der Bischofs­wei­he von Ste­pi­nac zu Ende gegan­ge­nen Geno­zid („Holo­do­mor“) an der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung mit buch­stäb­lich Mil­lio­nen an Hun­ger­to­ten, nicht nach­voll­zieh­bar. Schließ­lich erwies sich auch der jugo­sla­wi­sche Kom­mu­nis­mus der Tito-Par­ti­sa­nen als Hor­ror.[7]

In die­sem Zusam­men­hang ist auch die ver­un­glück­te For­mu­lie­rung: „Sei­ne [Ste­pi­n­acs] Zuhö­rer, die Fran­zis­ka­ner, waren Men­schen, die in ihrem Orden auf Pri­vat­ei­gen­tum ver­zich­te­ten, in die­sem Punkt also den Kom­mu­ni­sten durch­aus nahe waren“ (127), zu erwäh­nen, die nahe­legt, daß die Kom­mu­ni­sten auf Pri­vat­ei­gen­tum ver­zich­tet hät­ten. Ange­sichts der „luxuriöse[n] Som­mer­re­si­denz“ Titos auf Bri­ju­ni (528) und des üppi­gen Lebens­stils von kom­mu­ni­sti­schen Füh­rern und Funk­tio­nä­ren von Sta­lin und Mao bis zur berüch­tig­ten DDR-Eli­te wird man nicht von einem aske­ti­schen Lebens­stil der rea­len Kom­mu­ni­sten aus­ge­hen kön­nen.

All­zu pau­schal wird vier­tens „das in sei­ner [Ste­pi­n­acs] Zeit herr­schen­de, aus heu­ti­ger Sicht über­hol­te vor­kon­zi­lia­re kirch­li­che Staats­ver­ständ­nis“ abge­tan (154). Allei­ne schon durch den Aus­druck „vor­kon­zi­li­ar“ wird im heu­ti­gen Sprach­ge­brauch impli­zit nahe­ge­legt, daß das damit Bezeich­ne­te nur defi­zi­tär sein kann. „Über­holt“ ist das vor­kon­zi­lia­re Staats­ver­ständ­nis ange­sichts des flä­chen­decken­den Zusam­men­bruchs der christ­li­chen Zivi­li­sa­ti­on nach 1965 aber nun wirk­lich nicht. Es ist der Autorin rebus sic stan­ti­bus posi­tiv anzu­rech­nen, daß sie die hoch­pro­ble­ma­ti­sche Kon­zils­er­klä­rung Digni­ta­tis huma­nae als „in Ein­zel­fra­gen nicht unum­strit­ten“ qua­li­fi­ziert (ebd.). Aus Sicht des Rezen­sen­ten ist das aller­dings – ange­sichts der Wir­kung des Doku­ments – kraß unter­trie­ben.

Um also die gegen­ständ­li­che Bio­gra­phie zu ergän­zen:

Ste­pi­nac blieb es erspart, das II. Vati­ca­num mit sei­nem schänd­li­chen Schwei­gen zum Kom­mu­nis­mus (Geheim­ab­kom­men mit der Sowjet­uni­on in Metz), die Vati­ka­ni­sche Ost­po­li­tik von Johan­nes XXIII. und Paul VI., ein­schließ­lich der ver­werf­li­chen Opfe­rung des unga­ri­schen Pri­mas Kar­di­nal Józ­sef Mindszen­ty (von der Autorin gemein­sam mit Erz­bi­schof Josef Beran von Prag erwähnt, 457) und des ukrai­ni­schen Groß­erz­bi­schofs Kar­di­nal Josyf Sli­pyj durch Papst Paul VI. zugun­sten des „Dia­logs“ mit den Kom­mu­ni­sten mit­er­le­ben zu müs­sen. Viel­leicht ver­hin­der­te sein frü­her Tod, selbst dem „Dia­log mit dem Teu­fel“ geop­fert zu wer­den.

Auch die fälsch­lich so genann­te „Lit­ur­gie­re­form“ mit­zu­er­le­ben blieb ihm, dem die hl. Mes­se so viel bedeu­te­te, erspart. Sie hät­te ihn wohl rasch ins Grab gebracht.

Und eine „kon­zi­lia­re“ For­ma­ti­on des jun­gen Ste­pi­nac hät­te wohl nie­mals des­sen heroi­sches Lebens­zeug­nis her­vor­brin­gen kön­nen.

Fünf­tens: „Mus­li­mi­sche Zivil­ge­sell­schaft“ (237) ist wie die Rede von auf das Pri­vat­ei­gen­tum ver­zich­ten­den Kom­mu­ni­sten eine Stil­blü­te. Man soll kei­ne zeit­gei­stig gepräg­ten und ideo­lo­gisch auf­ge­la­de­nen Phra­sen wie „Zivil­ge­sell­schaft“ (eine im Bereich des Kul­turm­ar­xis­mus ange­sie­del­te, vom ita­lie­ni­schen Kom­mu­ni­sten Anto­nio Gram­sci erfun­de­ne Voka­bel) ver­wen­den.

Und „mus­li­mi­sche Geist­li­che“ (ebd.) gibt es auch nicht.

Die­se zu kri­ti­sie­ren­den Punk­te erge­ben sich, wie gesagt, aus Kon­zes­sio­nen an zeit­gei­sti­ge Denk­mu­ster in Kir­che und Poli­tik. Der Rezen­sent regt ein Über­den­ken die­ser Punk­te an, möch­te aber, um die Pro­por­tio­nen rich­tig zu set­zen, die über­wäl­ti­gend posi­ti­ve Lei­stung der Autorin gebüh­rend her­aus­strei­chen.

Ein sach­li­cher Irr­tum fin­det sich auf S. 117, wo von einem selb­stän­di­gen Patri­ar­chat in „Kar­lo­vac“ (dt. Karl­stadt) die Rede ist. Es muß aber „Srem­ski Kar­lov­ci“ hei­ßen, also das syr­mi­sche Kar­lo­witz, bekannt durch einen dort ver­ein­bar­ten Frie­dens­schluß zwi­schen Öster­reich und dem Osma­ni­schen Reich im Jahr 1699.

Zwei Anregungen für eine allfällige Neuauflage

Es wäre sicher gut, geo­gra­phi­sche Kar­ten ein­zu­fü­gen, damit sich der Leser ein Bild machen kann, wo sich die Ereig­nis­se abge­spielt haben und wo die häu­fig wech­seln­den Gren­zen ver­lie­fen.

Allen­falls wäre auch zu erwä­gen, statt „Zagreb“ den alten deut­schen, und in den süd­li­chen Bun­des­län­dern Öster­reichs auch in den Medi­en immer noch ver­brei­te­ten Namen „Agram“ zu ver­wen­den. Denn „Zagreb“ wird fast immer falsch aus­ge­spro­chen, näm­lich mit „ts“ anstel­le des im Deut­schen ja unüb­li­chen stimm­haf­ten s. Auch das lang aus­zu­spre­chen­de a wird meist kurz aus­ge­spro­chen, sodaß mit „tsag­greb“ eine sehr unschö­ne Ver­ball­hor­nung der kroa­ti­schen Haupt­stadt her­aus­kommt.

Aber das ist sicher eine Ermes­sens­sa­che.

Schlußfolgerung

Ste­pi­nac-Bio­gra­phie von Clau­dia Stahl

Das Buch ist sehr gut recher­chiert, eine unglaub­li­che Fül­le an Mate­ri­al ist ein­ge­ar­bei­tet. Vier­und­zwan­zig Abbil­dun­gen und ein umfang­rei­ches Regi­ster run­den das Buch ab. Die Autorin hat die inne­re Ent­wick­lung des Seli­gen und die äuße­ren Ereig­nis­se über­sicht­lich, kurz­wei­lig und in einer dem Stoff ange­mes­se­nen katho­li­schen Per­spek­ti­ve dar­ge­stellt. Im deut­schen Sprach­raum wenig bekann­te und kom­ple­xe Vor­gän­ge wur­den anschau­lich dar­ge­stellt. Des­halb eig­net sich das Buch zu einem ver­tief­ten Bekannt­wer­den mit einer gro­ßen Gestalt der Kir­che des 20. Jahr­hun­derts einer­seits und dem Erfas­sen der gei­sti­gen Strö­mun­gen der Zeit ande­rer­seits.

Von daher gebüh­ren der Autorin Dank und Aner­ken­nung.

Wir wün­schen dem Buch bzw. einer all­fäl­li­gen Neu­auf­la­ge wei­te Ver­brei­tung. Möge es der histo­ri­schen Wahr­heit, der Erneue­rung im Glau­ben und der Ver­söh­nung der getrenn­ten Chri­sten die­nen.

Und möge der Seli­ge für die­se Anlie­gen ein­tre­ten.

Blaže­ni Alo­j­zi­je Ste­pinče, moli za nas!

Clau­dia Stahl, Alo­j­zi­je Ste­pi­nac – Die Bio­gra­phie, Fer­di­nand Schö­nigh, Pader­born 2017, 592 Sei­ten

*Wolf­ram Schrems, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Pro Lifer, kirch­lich-kari­ta­ti­ver Ein­satz in Sara­je­wo nach der Imple­men­tie­rung des Day­ton-Abkom­mens, Kennt­nis­se der kroa­ti­schen Spra­che, ver­faß­te bereits 2003 in der VISION 2000 einen kur­zen Arti­kel über Ste­pi­nac anhand der Bio­gra­phie von Ernest Bau­er (1979).

Sie kön­nen die Bio­gra­phie von Clau­dia Stahl über Kar­di­nal Ste­pi­nac über unse­re Part­ner­buch­hand­lung bezie­hen.

Bild: Youtube/LTV (Screenshots)/Wikicommons


[1] Die­ser Schritt in die Legi­on ist natür­lich ethisch nicht unpro­ble­ma­tisch. Die Autorin dazu:
‚In kroa­tisch-natio­na­len, aber auch in öster­rei­chisch-unga­ri­schen Krei­sen wur­den Kämp­fer der süd­sla­wi­schen Legi­on bzw. der „Salo­ni­ki-Front“, wie sie auch genannt wur­de, spä­ter ver­ach­tet. Gene­ral Glai­se von Hor­sten­au, ein ehe­ma­li­ger k.u.k.-Offizier, der Ste­pi­nac im April 1941 ken­nen­lern­te, notier­te abfäl­lig in sei­nem Tage­buch: „Die­ser Typ war öster­rei­chi­scher Frei­wil­li­ger, und dann deser­tier­te er und nahm als ser­bi­scher Offi­zier an der Front in Salo­ni­ki teil, im Kampf gegen sein frü­he­res Hei­mat­land, dem er die Treue geschwo­ren hat­te.“‘ (36)

[2] Die Autorin erwähnt eini­ge Fäl­le von Prie­stern, bei denen Ste­pi­nac dis­zi­pli­na­risch durch­ge­grif­fen hat (182). – Jasen­o­vac ist ein geschichts­po­li­ti­sches Minen­feld und ein fixer Topos antikro­a­ti­scher und kom­mu­ni­sti­scher Pro­pa­gan­da. Soweit man das erhe­ben kann, steht die Zahl der Opfer kei­nes­wegs fest (sehr aus­ge­wo­gen dazu die Autorin, etwa 195, die übri­gens auch öfter Igor Vukić, einen ser­bisch­stäm­mi­gen kroa­ti­schen Jour­na­li­sten zitiert, der das gän­gi­ge Nar­ra­tiv nach inten­si­ven Archiv­stu­di­en und Inter­views bestrei­tet. Klar ist, daß die „offi­zi­el­le“ Geschichts­schrei­bung der Sie­ger „Dog­men“ braucht und daher sol­che erschafft. Das Gesag­te bedeu­tet selbst­ver­ständ­lich kei­ne Recht­fer­ti­gung kroa­ti­scher Greu­el­ta­ten.

[3] Die Macht­er­grei­fung Titos ging mit Greu­el­ta­ten, Mas­sen­mor­den und Schau­pro­zes­sen ein­her. Nicht-kom­mu­ni­sti­sche Kräf­te wur­den liqui­diert. Beson­ders schänd­lich ist übri­gens die Mit­wir­kung der Eng­län­der bei der gegen Offi­ziers­eh­ren­wort erfolg­ten Aus­lie­fe­rung kroa­ti­scher, slo­we­ni­scher und ser­bi­scher Sol­da­ten und Para­mi­li­tärs und von deren Ange­hö­ri­gen sowie deut­scher Kriegs­ge­fan­ge­ner in Blei­burg und Viktring (Kärn­ten) an Tito.

[4] Den Rezen­sen­ten erreich­te der Hin­weis, daß die Erz­diö­ze­se Agram offen­bar nicht inter­es­siert ist, das Tage­buch des Seli­gen zu ver­öf­fent­li­chen. Clau­dia Stahl gibt auch an, daß das Tage­buch in kei­ner wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards genü­gen­den Form vor­liegt:

„Offen ist, ob die [gemisch­te kroa­tisch-ser­bi­sche] Kom­mis­si­on Ein­blick in bis­lang noch nicht zugäng­li­che Doku­men­te ver­lan­gen und ob sie die­se erhal­ten wird. Denk­bar wären z.B. Ein­blicke in Ste­pi­n­acs bis­lang nie in histo­risch-kri­ti­scher Form ver­öf­fent­lich­te Tage­bü­cher, in die even­tu­ell in Ser­bi­en oder anders­wo noch über ihn vor­han­de­nen UDBA-Akten oder auch in etwai­ge im Vati­kan vor­han­de­ne und bis­her unver­öf­fent­lich­te Akten“ (572).

[5] Ande­rer­seits besteht auch kein Grund zur pau­scha­len Glo­ri­fi­zie­rung der kroa­ti­schen Kir­che der 1930er Jah­re: Als Ste­pi­nac einen vom Erz­bi­schof abge­zo­ge­nen, belieb­ten Pfar­rer in des­sen Gemein­de erset­zen muß­te, wur­de er von erbo­sten Gläu­bi­gen sogar ange­spuckt (!) (79f). Die Ach­tung gegen­über dem geist­li­chen Amt kann also nicht sehr groß gewe­sen sein. Die von Ste­pi­nac spä­ter beklag­te hohe Zahl der Abtrei­bun­gen unter den Kroa­ten und die Ver­brei­tung der Por­no­gra­phie (133) zeigt auch den damals schon man­geln­den Respekt vor dem unge­bo­re­nen Men­schen­le­ben bzw. der Keusch­heit.

[6] Lei­der sind die Kri­te­ri­en der Kano­ni­sa­ti­on der­ma­ßen auf­ge­weicht wor­den, daß etli­che Hei­lig­spre­chun­gen der letz­ten Jah­re den scha­len Bei­geschmack poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät gewon­nen haben.

[7] Es sei der Hin­weis gestat­tet, daß sich im Jahr 2007 der kana­di­sche katho­li­sche Autor Micha­el D. O’Brien in sei­nem groß­ar­ti­gen, aber auch schockie­ren­den Roman Island of the World die­ses The­mas annahm. Es gibt eine kroa­ti­sche Über­set­zung (Otok svi­je­ta). O’Brien hat­te inten­siv recher­chiert, sei aber nach Mei­nung kroa­ti­scher Anti­kom­mu­ni­sten noch zu sanft gewe­sen. Dem Rezen­sen­ten war die Lek­tü­re schockie­rend genug.

2 Kommentare

  1. Jus stu­dier­te sie höchst­wahr­schein­lich nicht, son­dern in Deutsch­land Jura. All­ge­mei­ner hät­te man als aus Öster­reich Schrei­ben­der for­mu­lie­ren kön­nen: Rechts­wis­sen­schaf­ten.

  2. Beein­druckend. Umso mehr wun­dert man sich, dass hier­zu­lan­de der Kom­mu­nis­mus und Sozia­lis­mus immer noch in den Köp­fen her­um­spukt. Er müss­te längst voll­kom­men erle­digt sein.

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