Zierde oder Schande? Moderne Kunst in der Kirche

Venedig












Kunstinstallation auf der Insel San Giorgo Maggiore
Kunstinstallation auf der Insel San Giorgo Maggiore

(Venedig) Nicht alle besuchen sie, aber jeder Venedig-Besucher kennt sie, die Basilika auf der Insel San Giorgio Maggiore, die dem Dogenpalast genau gegenüberliegt. Unter Kunstliebhabern ist sie bekannt, da ihr Erbauer der Kirche der berühmte Andrea Palladio ist. Derzeit wird der Raum unterhalb der Palladio-Kuppel für eine Kunstinstallation genützt, die Gläubige und Touristen irritiert.

Auf der Insel ließen sich im Jahr 982 Benediktinermönche nieder und gründeten ein Kloster. Der damalige Doge hatte ihnen die Insel geschenkt. Im Kloster wurde der heilige Gerhard (von Sagredo oder auch von Csanád) ausgebildet, der zum ersten Bischof von Csanad und zum bedeutenden Missionar der Ungarn wurde. Dort ist er als St. Gellert bekannt und heute Stadtpatron von Budapest. Dort erlitt er auf dem nach ihm benannten Gellertberg 1046 das Martyrium.

Seit 1109 werden in der Abteikirche Reliquien des heiligen Erzmärtyrers Stephanus aufbewahrt, die aus Konstantinopel in das Kloster gelangten. 1177 kam es in der Abtei zur historischen Begegnung zwische Kaiser Friedrich I. Barbarossa und Papst Alexander III., die sich versöhnten und den Vertrag von Venedig schlossen.

1585 wurde von Palladio, der zuvor bereits das neue Refektorium schuf, mit dem Bau der heutigen Kirche begonnen. 1800, Rom war von französischen Truppen besetzt und der von ihnen verschleppte Papst in Gefangenschaft gestorben, fand in der Abteikirche das Konklave zur Wahl von Papst Pius VII. statt.

In der Krypta, ausreichend vor indiskreten Blicken versteckt, erlaubten die Mönche in den 70er Jahren das ununterbrochene Überdauern der überlieferten Form des Römischen Ritus. Der Benediktinerkonvent selbst war zum Novus Ordo gewechselt. Dem Diözesanpriester Don Siro Cisilino, der sich mit der Liturgiereform von 1969/70 nicht abfinden wollte, wurde die Krypta als Zelebrationsort gewährt.

Die alte Benediktinerabtei San Giorgio Maggiore
Die alte Benediktinerabtei San Giorgio Maggiore

Unter der Kuppel steht derzeit mitten im Kirchenschiff ein hoher, vielfarbiger, innen hohler Quader. Bekanntlich geht das Kunstschaffen seit dem Mittelalter auf die sakrale Kunst zurück. Deren Vielfalt im Laufe der Stilepochen und Länder ist von unglaublicher Vielfalt und doch immer von eindeutiger Botschaft. Andernfalls wäre sie für die Kirche und den Glauben wertlos gewesen. Auch die Palladio-Basilika, dem heiligen Stephanus geweiht, ist reich an sakraler Kunst, die durch die vielen Jahrhunderte darauf abzielte, den Betrachter zu „umarmen“ und in die Wahrheit des Seins und damit Gottes zu führen. Dazu zählte die berühmte Darstellung der Hochzeit zu Kana von Paolo Veronese, die heute im Louvre in Paris zu sehen ist, wohin sie Napoleon als Kriegsbeute verschleppen ließ.

Blick auf die Kuppel
Blick auf die Kuppel

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich das grundlegend, als die profane Kunstsprache verstärkt in den Kirchenraum eingelassen wurde. Profane und sakrale Kunst sind seither vielfach nicht mehr unterscheidbar. Beiden gemeinsam ist, daß sich dem Betrachter Sinn und Aussage der Kunstwerke häufig nicht erschließen. So bedarf es auch für sakrale Kunstwerke nicht selten einer ausführlichen „Gebrauchsanleitung“, in der wie in der weltlichen Kunst erklärt werden muß, was ein bestimmtes Kunstwerk überhaupt darstellen will.

Auch das turmähnliche Quaderkunstwerk, das derzeit in der Abteikirche auf San Giorgio Maggiore zu sehen ist, hat keine erkennbare Botschaft. Sie muß in den dazugehörenden Erläuterungen erst erlesen werden.

Das Werk stammt vom irischen Künstler Sean Scully, der sein Gesamtwerk als Ausdruck der „geistigen Freiheit“ sieht. Scullys buntes Werk nennt sich „Opulent Ascension“

Betritt man die Kirche, verdeckt der quadratische „Turm“ Scullys den Blick auf den Altarraum.

Insel und Kloster gehören seit dem Anschluß Venedigs an Italien dem Staat. Unter Napoleon war es 1808 aufgehoben worden. Nur wenige Mönche durften auf der Insel bleiben und die Liturgie weiterfeiern. Das Kloster wurde in ein Munitionsdepot umgewandelt. Der Verfall schien unaufhaltsam.

Blick auf den Altarraum verdeckt
Blick auf den Altarraum verdeckt

1951 begann Graf Cini sich für den Erhalt von San Giorgio Maggiore einzusetzen. Dazu gründete er eine Stiftung, die für die Restaurierung aufkam. Sie übernahm die Insel vom Staat in Pacht. Zu seinem Plan gehörte auch die Wiederansiedlung der Benediktiner. Diese kamen 1957 aus der Benediktinerabtei Praglia bei Padua.

Nachdem der Konvent mehrere Jahrzehnte selbständig war, wurde er 2012 wegen Berufungsmangel in die direkte Abhängigkeit der Abtei Praglia zurückgeführt. Die Details des Nutzungsvertrages zwischen Staat, Abtei und Stiftung sind nicht bekannt.

Da die Ausstellung in der Kirche und anderen Räumlichkeiten der Abtei auf der Internetseite des Klosters beworben werden, dürfte auf sie auch die Initiative zurückgehen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL

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9 Kommentare

  1. Ist das Kunst oder kann das weg? Es kann weg!
    In einen sakralen Raum gehört auch nur sakrale Kunst, für alles andere gibt es genug Ausstellungshallen.
    Wichtig allein scheint hier zu sein, den Blick auf Altar und Tabernakel zu verstellen.

    • Da offensichtlich viele sog. „Geweihte“ (besonders in den oberen / obersten Etagen der Hierarchie) nicht mehr an die Realpräsenz glauben, wird halt vieles, sogar das Wesentliche des katholischen Glaubens, einfach relativ.
      Wie ich neulich bereits in einem Kommentar bemerkte, scheint die Angst auch unter im Grunde gläubigen kirchlichen Mitarbeitern (Geweihte und Laien) zunehmend anzusteigen, was zu typischen Verhaltensweisen führt. Traurig, aber…

  2. Ob nun auf Anhieb verständlich oder nicht, es ist doch großartig wenn in der Basilika auf der Insel San Giorgio Maggiore moderne Kunst betrachtet werden kann. Kunst war zu allen Zeiten rätselhaft und oft auch unterschiedlich interpretierbar. Festzulegen was nun Gott gefällig, und der Würde eines ehrwürdigen Gebäudes entspräche, zeugte von religiösem Kleingeist.

    • Wir Kleingeister müssen uns von überdrehten Hohlköpfen gar nichts vorgeben lassen. Niemand macht Ihnen streitig, bis zum Jüngsten Tag über diesen Schmarrn zu sinnieren und zu meditieren.

      Darf ich Sie an eine Rede Picassos erinnern, die er am 2.5.1952 gehalten hat. In Die Welt zit. am 4.11. 1981.

      „Seit die Kunst nicht mehr Nahrung der Besten ist, kann der Künstler sein Talent für alle Launen und Wandlungen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. ./. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen!“

      Hans Graf Huyn: Ihr werdet sein wie Gott. 1988, als TB dann bei fe-Verlag, Kisslegg.
      (Ja wer liest denn sowas?)

  3. Liebe Frau Wahl, im Sinne Ihrer Definition bin ich ein religiöser Kleingeist. Die Kirchen wurden in der Vergangenheit nicht gebaut, um
    Kunst zu zeigen, sondern zur Anbetung Gottes. Der Schmuck des Gotteshauses wurde zwar künstlerisch gestaltet, aber nur um zum Gebet und Verehrung Gottes anzuregen. Künstlerisch gesucht wurde das Erschaudern der Beter vor der Größe und Schönheit Gottes. Und ich hoffe,
    dass es noch lange so bleibt, und dass nicht selbsternannte Künstler die Kirche entheiligen.
    Mich erinnert diese Kunst an Wilhelm Busch und seinen Maler Klecksel:
    Maler Klecksel kritisiert vor allem den bürgerlichen Kunstkenner, dessen Schlüssel zur Kunst vor allem der Preis des Werkes ist.
    Busch schreibt dazu:
    Mit scharfen Blick nach Kennerweise
    Seh ich zunächst mal nach dem Preise,
    Und bei genauerer Betrachtung
    Steigt mit dem Preise auch die Achtung.
    Ich blicke durch die hohle Hand,
    Ich blinzle, nicke: ‚Ah, scharmant!‘
    Das Kolorit, die Pinselführung,
    Die Farbentöne, die Gruppierung,
    Dies Lüster, diese Harmonie,
    Ein Meisterwerk der Phantasie.
    Bitte verschonen Sie die Kirche(n) mit dieser Eigendarstellung von Künstlern, die nur Verunstaltung sind!!!

  4. Die Konzilskirche dient dem Menschen und nicht mehr Gott, insofern ist die Umwidmung der Kirchen in was auch immer nur logisch.
    Ich werde das niemals akzeptieren und bleibe diesen Orten der Verwüstung fern.
    Kirchen sind gebaut worden zur Feier des Sühneopfers und nicht für etwas Anderes.

  5. Nun, ich erlaube mir jetzt mal ein Urteil:
    Dem Teufel dürfte dieses „Kunstwerk“ sicherlich gefallen !
    Nehmen wir mal an, dass ich richtig liege – nur mal angenommen.
    Was sagt uns das dann (über den Künstler, und vor allem über diejenigen welche das alles genehmigt haben) ?
    Im besten Fall sind sie nur verblendet.

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