Martin Mosebach: „Von Papst Benedikts Wirken hat nur Summorum Pontificum eine Chance auf Zukunft“

Alter Ritus im Petersdom in RomPaix Lit­ur­gi­que ver­öf­fent­lich­te im Brief 40 eine Ana­ly­se des deut­schen Schrift­stel­lers Mar­tin Mose­bach zur aktu­el­len Lage der Kir­che, den Bemü­hun­gen von Papst Bene­dikt XVI. um die lit­ur­gi­sche Erneue­rung und des­sen Feh­ler, unter­schätzt zu haben, „wie tief der Geist der anti­lit­ur­gi­schen Häre­sie schon in den hohen Kle­rus ein­ge­drun­gen war“. 

Die Kir­che erlebt unter Papst Fran­zis­kus eine Schwer­punkts-Ver­schie­bung auf die pasto­ra­le Arbeit und einen neu­en Stil in vie­ler­lei Hin­sicht. Die lit­ur­gi­schen Rat­ge­ber des Pap­stes wur­den bereits aus­ge­wech­selt. Auch für die Beob­ach­ter der päpst­li­chen Lit­ur­gien sind nach einer ste­tig wach­sen­den Sakra­li­tät unter dem letz­ten Pon­ti­fi­kat bereits Ver­än­de­run­gen bemerk­bar. Wie steht es nun um die von Bene­dikt XVI. ein­ge­lei­te­te „Reform der Reform“? Wie steht es um das Motu Pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum? Was kön­nen die Anhän­ger der außer­or­dent­li­chen Form in Zukunft vom Papst erwar­ten? Wie steht es um die Zukunft der Liturgie?

Mar­tin Mose­bach, preis­ge­krön­ter deut­scher Schrift­stel­ler und renom­mier­ter Autor (jüng­stes Buch: Der Ultra­mon­ta­ne. Alle Wege füh­ren nach Rom) hat bereits in sei­nem berühm­ten und in vie­le Spra­chen über­set­zen Buch „Häre­sie der Form­lo­sig­keit“ mit schar­fem Blick, treff­si­cher und ohne ein Blatt vor den Mund zu neh­men, die Ver­feh­lun­gen in der nach­kon­zi­lia­ren Ent­wick­lung der Lit­ur­gie aufs Korn genom­men und damit den Gläu­bi­gen, die beson­ders unter der weit ver­brei­te­ten lit­ur­gi­schen Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit mit all ihrem Form­ver­lust der römi­schen Lit­ur­gie, der Mar­gi­na­li­sie­rung des Opfer­cha­rak­ters und der ver­brei­te­ten Umdeu­tung der Hei­li­gen Mes­se zu einer Gemein­de­ver­samm­lung lit­ten, zutiefst aus der See­le gespro­chen. Er schil­dert dort mit schrift­stel­le­ri­scher Bril­li­anz sei­ne per­sön­li­chen Erfah­run­gen in ver­schie­de­nen Län­dern und sei­ne dar­aus fol­gen­de Hin­wen­dung zur über­lie­fer­ten Liturgie.

Heu­te kom­men­tiert er scharf­sin­nig und exklu­siv für Paix Lit­ur­gi­que die momen­ta­ne Lage nach dem Pon­ti­fi­kats­wech­sel und sei­ne Ein­schät­zung der Zukunft

Was ist Ihrer Mei­nung nach die Zukunft der lit­ur­gi­schen Reform von Papst Ratz­in­ger? Kann sie noch Frucht tra­gen oder bewe­gen wir uns in eine Sack­gas­se hinein?

Mose­bach: Papst Bene­dikts wich­tig­stes lit­ur­gi­sches Anlie­gen ist sicher eine „Reform der Reform“ gewe­sen. Die­ses Vor­ha­ben war kaum begon­nen; man muss sich wohl ein­ge­ste­hen, dass Papst Bene­dikt es mit sei­nem Rück­tritt auf­ge­ge­ben hat. Gegen­wär­tig dürf­te es kei­ne Chan­ce mehr haben, wei­ter ver­folgt zu wer­den, zumal die Riten­kon­gre­ga­ti­on dem Ver­neh­men nach vom neu­en Papst mit erklär­ten Fein­den einer „Reform der Reform“ besetzt wird. Umso wich­ti­ger ist das Erbe, das Papst Bene­dikt in Gestalt von Summorom Pon­ti­fi­cum hin­ter­las­sen hat: die Wie­der­ein­glie­de­rung des Alten Ritus in die Riten der Kirche.

Aber dies dürf­te zumin­dest für die Zeit des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus das letz­te posi­ti­ve Wort sein, das wir nicht nur über den Alten Ritus, son­dern über Lit­ur­gie ganz gene­rell aus Rom zu hören bekom­men. Papst Bene­dikt hat die Situa­ti­on offen­sicht­lich voll­stän­dig falsch ein­ge­schätzt. Er hat offen­sicht­lich nicht gese­hen, wie tief der Geist der anti­lit­ur­gi­schen Häre­sie schon in den hohen Kle­rus ein­ge­drun­gen war.

In sei­nem Inter­view mit den Jesui­ten erklär­te Papst Fran­zis­kus, dass Summorum Pon­ti­fi­cum eine klu­ge Geste von Bene­dikt XVI. war, um eini­ge Gläu­bi­ge zufrie­den zu stel­len, die dem Vetus Ordo anhän­gen. Die tra­di­tio­nel­le Welt hin­ge­gen hält dar­an fest, — sich auf die Erklä­run­gen von Kar­di­nal Cañi­za­res und Kar­di­nal Cas­tril­lón Hoyos stüt­zend — dass der Welt­kir­che damit ein Schatz offen­bart wird: Wer hat Recht?

Mose­bach: Von Papst Bene­dikts Wir­ken hat nur Summorum Pon­ti­fi­cum eine Chan­ce auf Zukunft. Wahr­schein­lich war eine „Reform der Reform“ von Anfang an ein aus­sichts­lo­ses Pro­jekt. Bei der all­ge­mei­nen lit­ur­gi­schen Unbil­dung und Ver­ständ­nis­lo­sig­keit des Kle­rus war es hoff­nungs­los, für die Rück­kehr ein­zel­ner sakra­men­ta­ler For­men zu wer­ben, die erst aus dem Gesam­ten des sakra­men­ta­len Cor­pus ihren Sinn und ihre Bedeu­tung emp­fan­gen. Papst Bene­dikts Schei­tern in die­ser Fra­ge bestä­tigt, daß das Maxi­mal­pro­gramm der „Unein­sich­ti­gen“ und „zu kei­nem Kom­pro­miss Berei­ten“, das Rea­li­stisch­ste war: die vor­be­halt­lo­se Rück­kehr zur Überlieferung.

Vom 24. bis zum 27. Okto­ber fand in Rom eine Pil­ger­fahrt des Coe­tus Summorum Pon­ti­fi­cum statt. Nach Kar­di­nal Cañi­za­res hat die­ses Jahr Kar­di­nal Cas­tril­lón Hoyos im Peters­dom zele­briert: Wie wich­tig war es für die Kir­che, dass die Gläu­bi­gen, die der außer­or­dent­li­chen Form des römi­schen Ritus anhän­gen, bei die­sem Ereig­nis ihre Nähe zur tra­di­tio­nel­len Lit­ur­gie bezeugt haben? Kann auf die­se Wei­se auch der neue Papst eine Wirk­lich­keit ken­nen­ler­nen, die er viel­leicht nur wenig kennt?

Mose­bach: Wir erle­ben als Katho­li­ken das bedrücken­de Schau­spiel eines Pap­stes, der gegen­über der Öffent­lich­keit den Weg des gering­sten Wider­stan­des geht und der dafür, wie jeder, der dem Main­stream folgt, als „mutig“ beju­belt wird. Wir dür­fen Papst Bene­dikt glau­ben, wenn er die gro­ße Über­lie­fe­rung der Lit­ur­gie als Schatz der Kir­che ansah. Es war kei­ne schlaue diplo­ma­ti­sche Geste von ihm, die­ser Über­lie­fe­rung wie­der einen Platz in der Kir­che zu sichern. Dass Papst Fran­zis­kus das anders sehen mag, passt lei­der nur all­zu gut ins Bild.

Schließ­lich, wenn man an den Wider­stand gegen die lit­ur­gi­sche Restau­rie­rung von Papst Bene­dikt denkt, und auf der ande­ren Sei­te das Schei­tern der Ein­heit von Rom und Écà´ne gewahr wird: Müs­sen wir Angst vor einem neu­en lit­ur­gi­schen Kriegs­aus­bruch haben?

Mose­bach: Es ist sehr wich­tig, dass die Pil­ger­fahrt des Coe­tus Summorum Pon­ti­fi­cum vie­le Men­schen nach Rom führt. Für einen popu­li­stisch geson­ne­nen Papst mag eine ein­drucks­vol­le Betei­li­gung viel­leicht sogar ein klei­nes posi­ti­ves Argu­ment ent­hal­ten, aber die Anhän­ger des Alten Ritus soll­ten sich jetzt ganz fest ent­schlos­sen dar­auf ein­stel­len, in den näch­sten Jah­ren nicht mehr nach Rom zu blicken und auf Rom fixiert zu sein, son­dern die neu­ge­won­ne­ne Frei­heit am jewei­li­gen Ort zu befe­sti­gen und aus­zu­bau­en und die Hoff­nung ganz und gar auf eine neue Genera­ti­on von Prie­stern zu set­zen. Ver­ges­sen wir nicht, das Schlimm­ste, das wahr­haft Unvor­stell­ba­re, liegt schon hin­ter uns: ein römi­scher Papst, Paul VI., der die Lit­ur­gie zerstört.

Sechs Mona­te nach der Wahl Papst Fran­zis­kus‘ scheint es, dass von der lit­ur­gi­schen Reform Papst Bene­dikts nicht viel übrig geblie­ben ist: Ist es so?

Mose­bach: Grund­sätz­lich ist das vor­stell­bar. Wir sehen zum Bei­spiel beim Ein­grei­fen des Vati­kans in das Ordens­le­ben der Imma­cu­la­ta-Fran­zis­ka­ne­rin­nen, dass jede tra­di­tio­nel­le geist­li­che Gemein­schaft, in der nicht ein unge­bro­che­ner gemein­sa­mer Wil­le alle Mit­glie­der ver­eint, in ihrem Bestand gefähr­det ist. Auf der ande­ren Sei­te dür­fen wir natür­lich fest­stel­len, dass die offi­zi­el­le Kir­che in West­eu­ro­pa ins­ge­samt viel schwä­cher gewor­den ist und des­halb auch nicht mehr ohne Wei­te­res über die Kraft ver­fügt, mit der sie in den 70er- und 80er-Jah­ren ihr Zer­stö­rungs­werk betrei­ben konn­te. Und auf der ande­ren Sei­te sind die Tra­di­ti­ons­grup­pen stär­ker gewor­den; man kann sie nicht mehr ein­fach ein­schüch­tern und weg­fe­gen, wie das so vie­le Bischö­fe „im Geist des Kon­zils“ getan haben.

Die Chan­cen für die Tra­di­ti­on ste­hen nicht so schlecht, wenn sie sich dar­auf kon­zen­triert, im Inne­ren stark zu blei­ben, sich nicht in Strei­te­rei­en zu ver­zet­teln und vor allem jun­ge Leu­te, jun­ge Prie­ster, für sich zu gewin­nen. Wir hat­ten eine kur­ze Rekrea­ti­ons­zeit, jetzt muss es wie­der ohne Rom gehen; aber das ken­nen wir ja schon.

Text: Paix Liturgique
Bild: Paix Liturgique

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