Die Kirche als Feldlazarett der Followers — Zuspruch umgekehrt proportional zur Klarheit der Botschaft?

Vom Verständnis des richtigen Dialogs zwischen Kirche und Welt. Allerheiligen, das Fest, an dem die triumphierende, die streitende und die leidende Kirche am Altar zusammentreffenWie­viel kostet die Ver­su­chung eines Chri­sten­tums ohne jede Anstren­gung und ohne jedes Opfer in einer Kir­che, die ihre Anhän­ger auf Twit­ter zählt? Es ist aber etwas ande­res, Teil des Lei­bes Chri­sti oder Teil einer Com­mu­ni­ty zu sein. Mit der Fra­ge, ob es sich eig­net, die Jün­ger­schaft Chri­sti anhand der Twit­ter-Fol­lo­wers zu mes­sen, befas­sen sich der Rechts­phi­lo­soph Mario Palma­ro und der Jour­na­list Ales­san­dro Gnoc­chi. Sie ergrün­den dabei den Ist-Zustand der Kir­che und Ver­än­de­run­gen und Ursa­chen, die dazu geführt haben. Die bei­den katho­li­schen Intel­lek­tu­el­len fie­len durch einen Auf­satz auf, in dem sie sich kri­tisch mit dem bis­he­ri­gen Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus befaß­ten. Der Auf­satz hat­te ihre Ent­las­sung durch „Radio Maria“ zur Fol­ge, denn einen Papst dür­fe man nicht kri­ti­sie­ren. An ihre dama­li­ge Kri­tik knüp­fen sie, wenn auch auf einer ande­ren Ebe­ne mit dem neu­en Auf­satz an, der am 30. Okto­ber in der Tages­zei­tung „Il Foglio“ erschie­nen ist. Die Zwi­schen­ti­tel wur­den von der Redak­ti­on gewählt.

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Das Feldlazarett der Followers

von Ales­san­dro Gnoc­chi und Mario Palma­ro

Man muß nicht so alt sein, um noch eine Vor­stel­lung davon zu haben, was ein Cro­ni­con ist, oder um viel­leicht sogar eines gese­hen zu haben. Es war das Tage­buch, in das jeder Prie­ster die wich­ti­gen Ereig­nis­se sei­ner ihm anver­trau­ten Pfar­rei ver­zeich­ne­te. Eini­ge waren klei­ne lite­ra­ri­sche Glanz­stücke, weil die alten Prie­ster nach dem Bre­vier nicht vor dem Fern­se­her, vor Face­book und Twit­ter sit­zen muß­ten. Sie bete­ten, stu­dier­ten, lasen, und wenn sie etwas Talent zum Schrei­ben hat­ten, setz­ten sie es für die Pfarr­chro­ni­ken ihrer Her­de ein. Auf jeden Fall bemüh­te sich jeder auf sei­ne Wei­se, das Denk­wür­di­ge für die Erin­ne­rung zu bewah­ren und wei­ter­zu­ge­ben. Dabei fehl­te eine Anga­be nie: die Zahl der Hei­li­gen Kom­mu­nio­nen, die sie gespen­det hat­ten.

Heu­te hin­ge­gen erfolgt die Zäh­lung anhand von Fol­lo­wers auf Twit­ter. Eine Sache aber ist das Zäh­len der einer Her­de gespen­de­ten Kom­mu­nio­nen, von der man Schaf für Schaf kennt. Eine ganz ande­re Sache ist es, die Klicks eines unbe­kann­ten Uni­ver­sums zu zäh­len. Eine Sache ist es, ein Glied des mysti­schen Lei­bes Chri­sti zu sein und sich phy­sisch mit Sei­nem Fleisch und Sei­nem Blut zu näh­ren. Eine ganz ande­re Sache ist es, sich als Teil einer anony­men, vir­tu­el­len Com­mu­ni­ty zu füh­len, ohne sich phy­sisch zei­gen zu müs­sen.

Idee der Bekehrung wird mit der Idee des Erfolgs ersetzt

Der Nach­druck, mit dem auf die 10 Mil­lio­nen Fol­lo­wers ver­wie­sen wird, die von Papst Fran­zis­kus auf Twit­ter erreicht wer­den, trägt nicht dazu bei, die­se Berei­che aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Im Gegen­teil, er führt dazu, daß die Idee der Bekeh­rung mit der des Erfolgs ersetzt wird, der ein­zi­gen Idee, die die Welt imstan­de scheint, zu ver­ste­hen. Die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, die natu­ra­li­ter welt­lich sind, kön­nen es sich nicht erlau­ben, Inhal­te zu ver­mit­teln, die Anstren­gung ver­lan­gen wie den radi­ka­len Wan­del des eige­nen Lebens. Alles muß viel­mehr leicht und zugäng­lich für alle sein, also sich auf dem klein­sten gemein­sa­men Nen­ner bewe­gen. Wenn die Katho­li­sche Kir­che nach die­ser Logik dabei sein will, dann muß sie ein Phä­no­men wer­den, das auf der Ebe­ne aller ande­ren behan­delt wer­den kann. Die Pax media­ti­ca reicht nicht über die Gren­zen und Geset­ze der Medi­en­sphä­re hin­aus.

Die Vor­stel­lung aber, daß es dem Katho­li­ken erlaubt ist, mit der Welt eine befrie­de­te Bezie­hung zu haben, ist eine Illu­si­on, die nicht ein­mal als fromm bezeich­net wer­den kann. Sie beruht auf der Über­zeu­gung, daß es kei­ne Feind­se­lig­keit der Welt gegen Chri­stus gäbe. Daß die Welt viel­mehr nur auf die Ver­kün­dung des Evan­ge­li­ums war­te, die – bis heu­te – durch die Unzu­läng­lich­keit der Kir­che und ihrer Tra­di­ti­on unmög­lich gemacht wor­den sei. Die­ser Irr­tum ent­steht durch die Auf­lö­sung der klas­si­schen Unter­schei­dung zwei­er Welt­sich­ten, die in allen Evan­ge­li­en und in der Tra­di­ti­on neben­ein­an­der bestehen. Zum einen gibt es eine Welt, die Gegen­stand der Lie­be Got­tes ist, die vom Chri­sten geliebt wer­den soll. Dann gibt es aber auch das Wort „Welt“, mit der Chri­stus das Reich des Fein­des benennt und die im abtrün­ni­gen Engel ihren unum­strit­te­nen Für­sten hat. Eine Katho­li­zi­tät, die die­se zwei­fa­che Natur der Welt ver­gißt, ist streng­ge­nom­men nicht mehr wirk­lich katho­lisch. Sie wird eine Reli­gi­on des „guten Wil­lens“, die dazu bestimmt ist, sich im Fern­se­hen auf schmerz­lo­se Wei­se auf­zu­lö­sen, eben geeig­net für das Haupt­abend­pro­gramm mit hohen Ein­schalt­quo­ten.

Die einzige authentische und gesunde Begegnung der Kirche mit der Welt ist die der makellosen Beichtväter, der unbeugsamen Kirchenlehrer, der treuen Jungfrauen und der unbesiegbaren Märtyrer

„Der Dia­log der Kir­che mit der Welt, von dem man heu­te so viel spricht“, schrieb 1967 der Domi­ni­ka­ner Roger Tho­mas Cal­mel, „kann nie der zwei­er Gesprächs­part­ner auf glei­cher Ebe­ne sein, wie auch immer man die Welt ver­ste­hen mag. Die ersten Din­ge, die in der Begeg­nung zwi­schen Kir­che und Welt ins Auge ste­chen, sind die Tran­szen­denz der Kir­che und ihre Unüber­wind­lich­keit (…). Das bedeu­tet, daß die Begeg­nung der Kir­che mit der Welt nie der zwei­er freund­li­cher Gefähr­ten ähneln kann, die an einem Som­mer­abend unter Bäu­men in einem öffent­li­chen Gar­ten auf Augen­hö­he einen Dia­log begin­nen. Die ein­zi­ge authen­ti­sche und gesun­de Begeg­nung der Kir­che mit der Welt ist die der makel­lo­sen Beicht­vä­ter, der unbeug­sa­men Kir­chen­leh­rer, der treu­en Jung­frau­en und der unbe­sieg­ba­ren Mär­ty­rer, die vom schar­lach­ro­ten Gewand bedeckt sind, das mit dem Blut des Lam­mes getränkt ist (…). Wir müs­sen uns von der Welt tren­nen, wenn wir nicht so han­deln kön­nen, wie die Welt möch­te, ohne Chri­stus zu belei­di­gen.“

Wor­te, die selt­sam klin­gen, beson­ders, wenn man gera­de dabei ist, ein Feld­la­za­rett auf­zu­schla­gen, wo man nicht so genau auf die Fein­hei­ten ach­ten kann. Aber selbst wenn man Erste Hil­fe lei­stet, um so mehr, wenn dies für die See­len geschieht, muß man sorg­sam den Platz aus­su­chen, wo man die Zel­te auf­schlägt. Nicht alle Feld­la­ger sind gleich. In die­sem Zusam­men­hang kommt die tho­mi­sti­sche Leh­re von den drei Städ­ten zu Hil­fe. Es gibt die Stadt Got­tes, die Kir­che, die im Wesent­li­chen über­na­tür­lich ist, ohne Sün­de, obwohl sie aus Sün­dern besteht. Ihre grund­le­gen­de Auf­ga­be ist es, das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, das Hei­li­ge Opfer zu fei­ern und die See­len zu ret­ten. Das bedeu­tet natür­lich nicht, daß die Kir­che nicht auch einen Nut­zen beim Auf­bau der Kul­tur lei­stet. Daher gibt es kei­nen Wider­spruch zwi­schen der ersten und eigent­li­chen Auf­ga­be der Kir­che, der salus ani­ma­rum, und der För­de­rung einer mensch­li­che­ren Gesell­schaft.

Die zwei­te ist die Stadt Satans, die aus den drei Begier­den besteht, die der Mensch in sich trägt und aus dem Han­deln des Teu­fels. Die­se Stadt befin­det sich in stän­di­ger Ent­wick­lung, und führt ohne Unter­laß ihre Angrif­fe auf zwei unter­schied­li­chen Ebe­nen. In erster Linie auf der reli­giö­sen Ebe­ne, die dem intim­sten Wesen des Men­schen ent­spricht, durch ihre fal­schen Prie­ster und ihre fal­schen Dog­men. Und dann auf der Ebe­ne der poli­ti­schen Gesell­schaft, wo sie mit Nach­druck dar­auf hin­wirkt, die Sit­ten und Ver­hal­tens­wei­sen zu for­men, die Geset­ze zu ändern und die Auto­ri­tät, die die Bür­ger regiert, umzu­wan­deln.

In irgendeinem kleinen, abgelegenen Kirchlein wird es immer einen Priester geben, der heilig das Meßopfer zelebriert …

Und schließ­lich gibt es noch die Stadt der Men­schen, in der sich die Kul­tu­ren und Gesell­schaf­ten im Lauf der Jahr­hun­der­te abwech­seln. Die­se Stadt hat eine Orga­ni­sa­ti­on, Geset­ze, Sit­ten und Gebräu­che, eine Auto­ri­tät, die ein­mal bes­ser ein­mal schlech­ter sind, je nach­dem wel­che der bei­den ande­ren den ent­schei­den­den Ein­fluß aus­übt. Die Stadt der Men­schen gerät stän­dig in die Anzie­hungs­kraft einer der bei­den höhe­ren Städ­te und erlebt das gebie­te­ri­sche Vor­drin­gen des Für­sten der Welt. Den­noch kann sich die Stadt Satans nie im gesam­ten Gebiet des Men­schen durch­set­zen. In irgend­ei­nem klei­nen, abge­le­ge­nen Kirch­lein wird es immer einen Prie­ster geben, der hei­lig das Meß­op­fer zele­briert, in irgend­ei­ner klei­nen Woh­nung wird es immer eine ein­sa­me alte Frau geben, die mit uner­schüt­ter­li­chem Glau­ben den Rosen­kranz betet, und in irgend­ei­nem ver­bor­ge­nen Win­kel wird es immer eine Ordens­schwe­ster geben, die für ein Kind sorgt, des­sen Leben von allen als wert­los betrach­tet wird. Auch wenn alles ver­lo­ren zu sein scheint, strahlt die Kir­che, die Stadt Got­tes wei­ter ihr Licht auf jene der Men­schen aus.

Die dramatische und universelle Aufforderung, dem Mann am Kreuz nachzufolgen: ein unverzeihlicher Affront für die stolze moderne Welt

Ein Katho­lik, der im Schat­ten die­ser ein­fa­chen und effi­zi­en­ten Leh­re auf­ge­wach­sen ist, soll­te wis­sen, daß die Ver­fol­gung der Kir­che durch die Welt unge­recht, aber nicht unlo­gisch ist. Im Gegen­teil, es ist viel­mehr die Befrie­dung, die unmög­lich ist. Und sei es nur wegen der unab­läs­si­gen, dra­ma­ti­schen und uni­ver­sel­len Auf­for­de­rung, dem Mann am Kreuz nach­zu­fol­gen: ein unver­zeih­li­cher Affront und eine unver­ständ­li­che For­de­rung für die stol­ze moder­ne Welt.

In die­sem Zusam­men­hang besteht zumin­dest die Sor­ge, daß die Zahl der Fol­lo­wers auf Twit­ter sich umge­kehrt pro­por­tio­nal zur Kraft und Klar­heit der Bot­schaft ver­hält. Eine ernst­haf­te Ver­kün­di­gung der Vier letz­ten Din­ge, eine authen­ti­sche Schil­de­rung einer alles ande­re als lee­ren Höl­le, des schmerz­haf­ten Königs­weg, der durch die enge Tür führt, die Stren­ge des Dog­mas, der Ernst der Ver­nunft schei­nen nicht der Grund für so vie­le zustim­men­de Klicks zu sein.

Wer mit dem Leidenden geht, lernt zu leiden, wer mit den Bloggern geht, lernt zu bloggen

Katho­li­ken, Anders­gläu­bi­ge und Ungläu­bi­ge bevor­zu­gen es weit­aus mehr, mit einer leich­te­ren Vor­stel­lung von Barm­her­zig­keit zu spie­len, so als könn­te jeder ein­fach wei­ter­hin so sein wie er ist und so tun wie er tut, ohne daß von ihm je Rechen­schaft ver­langt wür­de. Eine sol­che Vor­stel­lung von Barm­her­zig­keit kann das Herz von Don Rodri­go erwär­men, aber sicher nicht das des Unge­nann­ten in Ales­san­dro Man­zo­nis Werk Die Ver­lob­ten. Und sie ist sicher leich­ter twit­ter­bar als jene, die zum Bei­spiel Pater Pio lehr­te, wenn er sag­te: „Ich habe mehr Angst vor der Barm­her­zig­keit Got­tes als vor sei­ner Gerech­tig­keit. Die Gerech­tig­keit Got­tes ist bekannt: man kennt die Geset­ze, die sie lei­ten und wenn einer sün­digt und die Gerech­tig­keit Got­tes belei­digt, kann er an die Barm­her­zig­keit appel­lie­ren, wenn er aber die Barm­her­zig­keit miß­braucht, an wen soll er dann appel­lie­ren?“ Man könn­te aber nicht behaup­ten, daß Pater Pio kei­nen Anhang hat­te. Die­se Zustim­mung aller­dings ging ande­re Wege als die des gro­ßen Welt­net­zes. Wer mit dem Lei­den­den geht, lernt zu lei­den, wer mit den Blog­gern geht, lernt zu blog­gen.

Die Versuchung eines leichten Christentums: maßgeschneidert für Menschen der Massenhaltung

Die Ver­su­chung eines leich­ten Chri­sten­tums ohne Anstren­gung und ohne Opfer, scheint maß­ge­schnei­dert für Men­schen der Mas­sen­hal­tung, die in einer Welt von Kon­sum und Fern­se­hen auf­ge­wach­sen sind, und wo auch die ande­re Säu­le der Erzie­hung, die Schu­le, seit Jahr­zehn­ten unter­gra­ben wur­de. Die per­fek­te Ana­ly­se die­ses ande­ren Desa­sters fin­det sich im Sach­buch von Pao­la Mastro­co­la über die „Frei­heit nichts zu ler­nen“, wenn sie das Buch „Brief an eine Leh­re­rin“ aus dem Jahr 1967 unter die Lupe nimmt, das von Schü­lern des Schul­pro­jekts von Don Loren­zo Mila­ni (1923–1967) geschrie­ben wur­de. Ein päd­ago­gi­sches Reform­pro­jekt, das für einen „sozi­al enga­gier­ten“ Katho­li­zis­mus steht. Die schlimm­ste Idee, so Mastro­co­la, fin­det sich am Schluß. Das Buch endet mit einem Traum, dem Traum von neu­en, demo­kra­ti­schen Leh­rern, die end­lich ihren Schü­lern sagen, daß sie von ihnen eigent­lich gar nichts wol­len. Ihnen weder etwas bei­brin­gen, noch ihre Kennt­nis prü­fen wol­len. Die Men­schen sol­len so blei­ben, wie sie sind! Jeder soll sei­ne Vor­stel­lun­gen behal­ten, die er schon hat, die ihm die Fami­lie, in die er hin­ein­ge­bo­ren wur­de, wei­ter­ge­ge­ben hat. Jeder soll das Leben haben, das ihm das Schick­sal zuge­wie­sen hat. Es wird eine Schu­le ver­langt, die nichts hin­zu­fügt, nicht erhebt, nicht her­aus­for­dert und nicht för­dert. Es ist eine Schu­le, die sich anpaßt, die sich gleich macht den Glei­chen, sich ver­stellt und unwei­ger­lich auf die unter­ste Stu­fe des Gleichseins begibt. Damit benach­tei­ligt sie alle, aber vor allem die Schwäch­sten, die nicht gestärkt und zu den ande­ren hin­auf­ge­ho­ben wer­den, son­dern denen alle ande­ren gleich schwach gemacht wer­den sol­len. Alle ganz unten, aber alle gleich.

Die Ent­fer­nung des Pode­stes, auf dem das Pult stand, ent­stell­te das nor­ma­le Ver­hält­nis zwi­schen Leh­rer und Schü­ler. Das kum­pel­haf­te „Du“ statt des „Sie“ mach­te aus dem Leh­rer irgend­ei­nen Glei­chen des Schü­lers. Die Deklas­sie­rung der for­ma­len Spra­che zum All­tags­ge­re­de führ­te zu einer Ver­än­de­rung der Lern­in­hal­te. Die Idee, daß die mit­ge­brach­te Bil­dung und Erzie­hung eines jeden Stu­den­ten bereits aus­rei­che, führt zur Über­zeu­gung der Schü­ler, daß sie sich selbst genü­gen wür­den, letzt­lich gar kei­ner Bil­dung mehr bedürf­ten und schließ­lich zur Leug­nung jeder Not­wen­dig­keit, sich über­haupt noch ver­bes­sern zu müs­sen.

Eine Kreatur, die sich dank der Gesten und der Worte, die ihr geschenkt wurden, zu Gott hin erheben und dem Teufel fliehen kann

Die vier Ach­sen ent­lang derer die Zer­stö­rung der Schu­le erfolg­te, ent­spre­chen in Form, Inhalt und Metho­de jener der katho­li­schen Lit­ur­gie­re­form. Es genügt an die Ent­fer­nung der Kom­mu­ni­onbän­ke zu den­ken und an die Ver­schie­bung der Altä­re hin­ein in das Kir­chen­schiff in Form von ein­fa­chen Tischen, an den zum Volk statt zu Gott hin­ge­wand­ten Prie­ster als einer Art Ver­samm­lungs­vor­sit­zen­dem, an die Ver­sto­ßung der latei­ni­schen Spra­che zugun­sten der Volks­spra­che, an das Ein­drin­gen der soge­nann­ten „Theo­lo­gie des Oster­ge­heim­nis­ses“, die jeden Men­schen bereits für defi­ni­tiv geret­tet hält, sich selbst genü­gend und daher in der Vor­aus­set­zung, Gott nicht anbe­ten zu müs­sen, aber sich selbst zu fei­ern. Viel­leicht ist es in die­sem Zusam­men­hang, um auf die Schul­par­al­le­le zurück­zu­kom­men, gar kein Zufall, daß am Ursprung der Revo­lu­tio­nie­rung der Schu­le zumin­dest in Ita­li­en ein Prie­ster steht.

Einer Welt, die sich sowohl in ihrem zivi­len als auch in ihrem reli­giö­sen Leben durch Man­gel an Opfer und Ehr­er­bie­tung aus­zeich­net, muß Jemand und Etwas zurück­ge­ge­ben wer­den, für das man sich opfert und ehr­erbie­tig zeigt. Bene­dikt XVI. ver­such­te, das Kreuz als Mit­te des Alta­res und die kniend emp­fan­ge­ne Mund­kom­mu­ni­on wie­der­her­zu­stel­len. Das war kei­ne Sze­ne aus einem Feld­la­za­rett, aber es berühr­te direkt die See­len, weil es aus dem Bewußt­sein kam, daß der Mensch ein ratio­na­les und daher ein lit­ur­gi­sches Geschöpf ist. Eine Krea­tur, die sich dank der Gesten und der Wor­te, die ihr geschenkt wur­den, und die daher irre­forma­bi­lis sind, zu Gott hin erhe­ben und dem Teu­fel flie­hen kann.

In den Apoph­theg­ma­ta Patrum der Wüsten­vä­ter wird erklärt, wie der Teu­fel unfä­hig ist, die Gedan­ken der Men­schen zu ken­nen, weil er von ande­rer Natur ist, aber wie er sie erra­ten kann, indem er die Kör­per­hal­tung beob­ach­tet. Dar­aus ergibt sich die Bedeu­tung des äuße­ren Ver­hal­tens und der Ver­eh­rung, die in der Katho­li­zi­tät immer gepflegt wur­den, denn um jene, die per­fek­te Gesten voll­zie­hen, ent­steht ein unan­tast­ba­rer Ring der Rein­heit und sie voll­zie­hen einen Exor­zis­mus, der auch jenen zur Wohl­tat wird, die in ihrer Nähe sind.

Die dramatischste Erkenntnis im Leben des Menschen: Das Bewußtsein der Sünde als Beleidigung Gottes

Das alles kostet Anstren­gung, ver­langt Dis­zi­plin und Aske­se, for­dert ein Aus­har­ren unter dem Kreuz und ein Zufrie­den­stel­len der gött­li­chen Gerech­tig­keit durch Mit­tra­gen der Pas­si­on Chri­sti. Dar­aus ergibt sich die dra­ma­tisch­ste Erkennt­nis, die es im Leben des Men­schen geben kann: Das Bewußt­sein der Sün­de in erster Linie als Belei­di­gung Got­tes und erst in zwei­ter Linie als Scha­den für die Geschöp­fe. Wenn aber, wie die vor­herr­schen­de Theo­lo­gie lehrt oder dem zumin­dest nicht wider­spricht, daß der Mensch schon geret­tet ist, allein durch die Tat­sa­che sei­ner blo­ßen Exi­stenz, wenn die Sün­de auf einen sozia­len Aspekt redu­ziert wird, wenn es nicht mehr not­wen­dig ist, die Ver­nunft einer in ein Myste­ri­um ein­ge­hüll­ten Wahr­heit anzu­glei­chen, dann hat die Anstren­gung natür­lich kei­nen Sinn mehr.

Die Oberhand der Nacktheit des Diskurses über die Verhülltheit des Ritus

Durch die­se Hori­zont­ver­än­de­rung nimmt die Lit­ur­gie, cul­men et fons des christ­li­chen Lebens, eine rein sozia­le Bedeu­tung an, sie spricht vom Men­schen zum Men­schen und ver­wan­delt sich in eine Art sozia­les Trak­tat. Nicht zufäl­lig sam­melt und ver­brei­tet man heu­te mit über­trie­be­nem Ein­satz die Pre­dig­ten des Pap­stes, wäh­rend sei­ne Zele­bra­ti­on in die zwei­te Rei­he zurück­tritt. Das ist ein typisch moder­ner Tick. Wäh­rend einst die Groß­ar­tig­keit der Lit­ur­gie selbst eine kur­ze Pre­digt fast als stö­ren­den Ein­bruch der Welt in das Hei­li­ge emp­fin­den ließ, läßt die Gewichts­ver­schie­bung auf das gepre­dig­te Wort heu­te fast die hei­li­ge Lit­ur­gie als stö­ren­des Bei­werk emp­fin­den.

Die Nackt­heit des Dis­kur­ses hat die Ober­hand über die Ver­hüllt­heit des Ritus gewon­nen. Der Dis­kurs allein aber kann, gera­de weil er nackt ist, nicht das Wesent­li­che erfas­sen. Die Bedin­gung des Men­schen, der durch die Sün­de des Adam den Stand der Gna­de ver­lo­ren hat, macht ihn unfä­hig zu die­ser Auf­ga­be. Der Mensch allein ist nicht mehr imstan­de, den letz­ten Sinn der Din­ge wahr­zu­neh­men und des­halb auch nicht die Lit­ur­gie. Aber solan­ge er sich nicht durch Blend­werk fas­zi­nie­ren ließ, hat sie ihm immer gehol­fen, weil sie die Mate­rie vor sei­nen Augen neu klei­de­te. Die Ver­hül­lung wird dadurch zum sicht­ba­ren Zei­chen des Nim­bus der Gna­de und der Hei­lig­keit, die für das Auge des Men­schen unsicht­bar gewor­den sind. Sie will gera­de nicht das Objekt vor den Blicken ver­ber­gen, um ein Geheim­nis dar­aus zu machen. Der mate­ri­el­le Aspekt der ver­hüll­ten Din­ge ist bekannt, aber allein für sich sagt er nichts über ihre zusätz­li­che und eigent­li­che Natur aus. Das drückt aber der Schlei­er aus, der sie bedeckt. Und wenn man ihn durch­schnei­det und auf die­sel­be Wei­se auch die ande­ren Schlei­er zer­schnit­ten wer­den, die über­ein­an­der­ge­legt sind, trifft man auf einen ande­ren Schlei­er: die Hostie selbst, wie ein eucha­ri­sti­scher Hym­nus besingt.

Es ist gera­de die­se, mensch­lich gese­hen, völ­lig sinn­lo­se Pracht, die die Welt so drin­gend braucht, die an dem Tag auf­ge­hört hat, die Intel­li­genz zu gebrau­chen, an dem sie die Scham ver­lo­ren hat.

Ein­lei­tung und Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Chri­tus Pan­to­kra­tor umge­ben von den Engeln und Hei­li­gen (Giu­s­to de’ Men­abuoi, 1378, Padua, Dom, Bap­ti­ster­um)

3 Kommentare

  1. Pas­send zu die­sem ein­mal mehr treff­li­chen Arti­kel ein Aus­zug aus einem Vor­trag des Domi­ni­ka­ner­pa­ters Gio­van­ni Caval­co­li , Dozent für Moral­theo­lo­gie und Christ­li­che Anthro­po­lo­gie an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Emi­lia-Roma­gna, zum The­ma
    „Der Dia­log­kult und die Fein­de Jesu“:
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    „Chri­stus sagt uns klar und deut­lich, wenn wir sei­ne Jün­ger sein und mit ihm an der Ret­tung der Welt mit­wir­ken wol­len, dann müs­sen auch wir den Mut haben, unse­re Iden­ti­tät als Kin­der Got­tes zu zei­gen, indem wir uns den Irr­tü­mern und Sün­den der Welt für deren Rei­ni­gung und Ret­tung wider­set­zen auch um den Preis, wie Selbst­ge­rech­te zu erschei­nen.
    Dar­aus folgt eine letz­te Kon­se­quenz: Wir müs­sen den scha­len, ergeb­nis­lo­sen und zwei­deu­ti­gen Dia­log­kult unse­rer Tage kor­ri­gie­ren, eine Pra­xis, die, wenn wir das Vor­bild von Chri­stus ernst neh­men, ganz und gar nicht christ­lich ist und unter des­sen Deck­man­tel von Freund­lich­keit und Tole­ranz sich ein beschä­men­der Oppor­tu­nis­mus und ein Dop­pel­spiel ver­steckt, das eines wah­ren Jün­gers Chri­sti abso­lut unwür­dig ist. Wenn wir von uns wirk­lich sagen wol­len, sei­ne Jün­ger zu sein, dann müs­sen wir in einer Art mit den Men­schen unse­rer Zeit spre­chen, die wenn nötig – und wir hof­fen natür­lich, daß dies sel­ten der Fall ist – auch har­te und muti­ge Töne gebraucht, auch auf die Gefahr hin, Ver­fol­gung zuer­lei­den oder sogar zum Preis unse­res Lebens.
    Wenn Chri­stus sich damit begnügt hät­te, es wie Bud­dha oder Moham­med zu machen, gäbe es kein „Myste­ri­um cru­cis“, das der Weg und das Unter­pfand für unser ewi­ges Heil ist“.
    [.…]
    -
    Soweit der Aus­zug. Unser Herr und Gott Jesus Chri­tus hat ange­mahnt hat, dass ER für die Welt, die sich an den per­so­na­len Bösen weg­wirft, NICHT beten wür­de. Bei der Für­bit­te für die Jün­ger bete­te Er:
    -
    Joh 17,9
    Für sie bit­te ich; NICHT für die Welt bit­te ich, son­dern für alle, die du mir gege­ben hast; denn sie gehö­ren dir.
    [.…]
    Joh 17,14
    Ich habe ihnen dein Wort gege­ben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.
    Joh 17,15
    Ich bit­te nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, son­dern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.
    Joh 17,16
    Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.
    Joh 17,17
    Hei­li­ge sie in der Wahr­heit; dein Wort ist Wahr­heit.
    Joh 17,18
    Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.
    Joh 17,19
    Und ich hei­li­ge mich für sie, damit auch sie in der Wahr­heit gehei­ligt sind.
    Joh 17,20
    Aber ich bit­te nicht nur für die­se hier, son­dern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glau­ben.
    -

    War­nend hat Er denn auch den per­so­na­len Bösen, Satan drei­mal als den „Für­sten die­ser Welt“ als den „Archon die­ses Äons“ bezeich­net! Durch den hei­li­gen Pau­lus lässt ER ihn gar den
    „Gott die­ser Welt“ bezeich­nen !
    -
    2 Kor 4,3
    Wenn unser Evan­ge­li­um den­noch ver­hüllt ist, ist es nur denen ver­hüllt, die ver­lo­ren gehen;
    2 Kor 4,4
    denn der Gott die­ser Welt­zeit hat das Den­ken der Ungläu­bi­gen ver­blen­det. So strahlt ihnen der Glanz der Heils­bot­schaft nicht auf, der Bot­schaft von der Herr­lich­keit Chri­sti, der Got­tes Eben­bild ist.
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  2. Ein sehr guter Bei­trag. Eini­ge Stel­len muß man sich ein­mal zu Gemü­te füh­ren, zB:

    „…wird erklärt, wie der Teu­fel unfä­hig ist, die Gedan­ken der Men­schen zu ken­nen, weil er von ande­rer Natur ist, aber wie er sie erra­ten kann, indem er die Kör­per­hal­tung beob­ach­tet. “

    Das ist ein wich­ti­ger Hin­weis für die Kom­mu­ni­ons­pen­dung bzw. den Kom­mu­nion­emp­fang. Es ist eben nicht das eine so gut wie das ande­re — es käme nur auf die inne­re Hal­tung an. Nein, die äuße­re Hal­tung ist eben­so wich­tig.

  3. Der Arti­kel erscheint viel­leicht stel­len­wei­se etwas kryp­tisch, aber er hat es in sich. Man muß ihn öfters lesen.

    „Es ist gera­de die­se, mensch­lich gese­hen, völ­lig sinn­lo­se Pracht, die die Welt so drin­gend braucht, ——» die an dem Tag auf­ge­hört hat, die Intel­li­genz zu gebrau­chen, an dem sie die Scham ver­lo­ren hat.“
    Genau­so ist es; die Intel­li­genz hört auf, wo die Scham abhan­den gekom­men ist.
    Das berühm­te Zitat von Tho­mas von Aquin paßt auch hier: „Die Ver­blen­dung des Gei­stes ist die erst­ge­bo­re­ne Toch­ter der Unzucht“.
    Dar­in drückt sich das gan­ze Elend der heu­ti­gen Gesell­schaft aus, und lei­der auch das der Kir­che.

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