Von Roberto de Mattei*
Der 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, die am 4. Juli 1776 in Philadelphia verkündet wurde, bietet Gelegenheit zu einigen Betrachtungen, die über die bloße historische Gedenkfeier hinausgehen.
Ich gehe aus von einer Aussage Luigi Marco Bassanis, eines der maßgeblichsten Kenner der USA und vor allem eines der vom politisch Korrekten – sowohl von links als auch von rechts (denn es gibt auch eine politische Korrektheit von rechts) – unabhängigsten Denker. In seinem jüngst erschienenen Band Occidente contro Occidente. Elegia prima del suo trionfo (Der Westen gegen den Westen. Elegie vor seinem Triumph, Liberilibri, Macerata 2025) bemerkt Bassani:
„Jede große Kultur zerfällt, wenn sie nicht mehr an ihre Gründungsmythen glaubt: Die amerikanischen überleben auf erstaunliche Weise, auch wenn sie bisweilen wie Erinnerungsstücke einer kleinen Agrarrepublick von vor zweieinhalb Jahrhunderten erscheinen. Die Gründungsmythen Europas sind endgültig beseitigt worden.“ (S. 56)
Das Bild, das heute beinahe alle von den USA haben, ist das einer industriellen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Supermacht, entschlossen, ihre Vorherrschaft über die Welt auszuüben. Dabei wird jedoch vergessen, daß Amerika, entstanden aus der Unabhängigkeitserklärung von 1776 und gefestigt durch die Verfassung von 1787, eine kleine, im wesentlichen landwirtschaftlich geprägte Republik war, geführt von einer Elite, deren wichtigste Absicht darin bestand, die von der britischen Krone errungene Unabhängigkeit zu sichern.
Als die dreizehn Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärten, dachten die Hauptgestalten der Amerikanischen Revolution keineswegs daran, eine neue Epoche der Weltgeschichte einzuleiten. Es waren Grundbesitzer, Juristen, Kaufleute und Militärs, die sich mit äußerst konkreten Problemen auseinanderzusetzen hatten: sich der Kontrolle des britischen Parlaments zu entziehen, die überlieferten Freiheiten der Kolonien zu bewahren und eine politische Ordnung aufzubauen, die hinreichend fest war, um sowohl die Tyrannei als auch die Anarchie zu vermeiden.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts, besonders während und nach der Präsidentschaft Andrew Jacksons (1829–1837), trat jedoch eine neue Führungsschicht hervor, und die Auffassung vom amerikanischen Republikanismus selbst wandelte sich tiefgreifend. Damals nahm die Vorstellung der Manifest Destiny Gestalt an, also die Überzeugung, daß die geschichtliche Erfahrung der USA eine universale Bedeutung besitze und daß das amerikanische Volk berufen sei, eine von der Vorsehung bestimmte Sendung zu erfüllen.
Hier muß eine grundlegende Unterscheidung eingeführt werden. Das eine ist die Geschichte der USA; etwas anderes ist der amerikanische Mythos. Das geschichtliche Amerika gehört zur politischen Entwicklung einer bestimmten Nation. Der amerikanische Mythos dagegen gehört zur Ideengeschichte. Er entsteht, wenn die konkrete Erfahrung der USA nicht länger als ein besonderer Einzelfall gedeutet wird, sondern zum Musterbild für das Schicksal der gesamten westlichen Zivilisation erhoben wird. Von diesem Augenblick an ist Amerika nicht mehr einfach ein Staat, sondern wird zu einem Symbol.
Im 20. Jahrhundert verstärkt sich dieser Vorgang parallel zum Aufstieg der USA als großer Weltmacht. Die USA werden mit dem Westen, mit der liberalen Demokratie, mit dem Kapitalismus, mit dem technischen Fortschritt und mit der Moderne selbst gleichgesetzt. Doch gerade im selben Augenblick entsteht der entgegengesetzte Mythos: der des Antiamerikanismus.
Auch der Antiamerikanismus nämlich verwechselt das Symbol mit der Wirklichkeit. Er schreibt den USA die Verantwortung für alle Ungleichgewichte der Moderne zu und macht sie zum universalen Sündenbock. Der amerikanische Mythos und der antiamerikanische Mythos scheinen Gegensätze zu sein, doch teilen sie dieselbe Voraussetzung: Beide setzen die USA mit einem universalen Prinzip der Geschichte gleich.
Bassani stellt fest, daß es in den USA keinen Antieuropäismus als vergleichbares Phänomen gibt, während in Europa der Antiamerikanismus inzwischen einen festen Bestandteil der gegenwärtigen Kultur bildet.
Wer die Vereinigten Staaten von Amerika kritisiert, „spricht niemals von den wirklichen Vereinigten Staaten, sondern von einem Mythos, einem Phantom, einem bequemen Symbol“ (S. 218).
Der europäische Antiamerikanismus ist ein psychologisches Phänomen, noch bevor er ein politisches ist. Der – oftmals unbewußte – Wunsch besteht darin, die Vereinigten Staaten den Preis ihres geschichtlichen Erfolges „bezahlen“ zu sehen, als könnte das amerikanische Scheitern das Scheitern Europas ausgleichen. Daraus ergibt sich das Paradox, das Bassani treffend zusammenfaßt:
„Während die USA sich weiterhin mit ihrem eigenen Niedergang auseinandersetzen, besitzt Europa nicht einmal mehr die Kraft, sich seine eigene Zukunft vorzustellen.“ (S. 208)
Der Antiamerikanismus ist die Religion jener, die keinen Glauben mehr an die Zukunft haben, weil sie die Grundlagen ihrer eigenen Geschichte, also – so könnte man hinzufügen – ihre christlichen Wurzeln, ausgerottet haben.
Die demographischen Entwicklungen bestätigen diese Diagnose. Im Jahre 2024 wurden in der EU ungefähr 3,9 Millionen Geburten gegenüber 5,2 Millionen Todesfällen verzeichnet: ein natürlicher Rückgang von mehr als 1,3 Millionen Menschen, der schlechteste Wert in der europäischen Friedensgeschichte.
In den USA gab es im gleichen Zeitraum ungefähr 3,7 Millionen Geburten und 3,1 Millionen Todesfälle; die Bevölkerung wächst außerdem weiterhin durch Einwanderung, während das mittlere Alter der Bevölkerung deutlich niedriger bleibt als jenes Europas.
Hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine tiefere kulturelle Wirklichkeit. Europa bringt nicht mehr Kinder zur Welt, weil es nicht mehr an die Zukunft glaubt. Eine Zivilisation, die aufhört, Leben hervorzubringen, verliert nicht nur Einwohner: Sie verliert das Vertrauen in sich selbst. Sie nimmt sich nicht mehr als eine Geschichte wahr, die dazu bestimmt ist, fortgeführt zu werden, sondern als ein Geschehen, das bereits auf den Niedergang ausgerichtet ist.
Nach Bassani kann Europa heute nur noch überleben, indem es sich „wie der Efeu“ an ein Amerika klammert, das weiterhin Energie, Zuversicht und die Fähigkeit hervorbringt, sich die Zukunft vorzustellen (S. 25). Denn:
„Die USA haben jene geschichtliche Rolle übernommen, die dem Europa des 19. Jahrhunderts zukam: die Macht zu sein, welche sowohl die Waren als auch die vorherrschenden Ideen hervorbringt“ (S. 46),
und:
„solange es weiterhin Ideen und Reichtum hervorbringt, wird der Westen nicht am Ende sein“ (S. 56).
Wie soll man schließen?
Auch wenn die USA eine schwere kulturelle und moralische Krise durchleben, ist es unbestreitbar, daß das Schicksal Europas eng mit jenem Amerikas verflochten ist. Sich den Zusammenbruch der USA zu wünschen, würde bedeuten, am Selbstmord Europas mitzuwirken.
Die USA könnten, zumindest theoretisch, ohne Europa fortbestehen. Europa hingegen könnte ohne die USA nur schwer überleben. Die Gefahr bestünde nicht in einer wiedergewonnenen strategischen Eigenständigkeit, sondern vielmehr in einer fortschreitenden geopolitischen Zersplitterung: vielleicht in einem nordöstlichen Europa, das sich immer stärker in den russisch-asiatischen Einflußbereich bewegt, und einem südwestlichen Europa, das einer zunehmenden Islamisierung ausgesetzt wäre, bis hin zu Formen der Unterordnung, die mit der Dhimmitude vergleichbar wären.
Es handelt sich nicht um ein unausweichliches Szenario, doch um eine geschichtliche Möglichkeit, die nicht als bloße Phantasie abgetan werden kann. Zivilisationen sterben nicht nur deshalb, weil sie von außen besiegt werden; oftmals lösen sie sich auf, weil sie aufhören, an die Gründe ihrer eigenen Existenz zu glauben.
Vielleicht ist dies die tiefste Lehre, welche der zweihundertfünfzigste Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Europa heute bietet: nicht so sehr die USA zu feiern, sondern sich über die Gründe der Krise des Westens und über den Verlust seiner Wurzeln Rechenschaft abzulegen.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom. De Mattei ist zudem Autor zahlreicher Standardwerke, Vorsitzender der Stiftung Lepanto für den Erhalt der katholischen Tradition, Schriftleiter des Internetmediums Corrispondenza Romana und der Monatszeitschrift Radici Cristiane. Von 2002 bis 2011 war er Vizepräsident des italienischen Nationalen Forschungsrates (CNR) mit Zuständigkeit für die Geisteswissenschaften. Er veröffentlichte mehr als dreißig Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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