Der Schweizer Priester, Kanonist und frühere Generalvikar der Diözese Chur, Martin Grichting, diagnostiziert in seiner jüngsten Analyse für InfoVaticana eine tiefe Vertrauenskrise innerhalb der katholischen Kirche. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist eine ebenso einfache wie brisante Frage: Was geschieht, wenn jene Instanz, die in der Kirche höchste Autorität besitzt, selbst den Eindruck erweckt, nicht mehr uneingeschränkt an die überlieferte Glaubensordnung gebunden zu sein?
Grichtings Text ist nicht bloß eine Kritik an einzelnen Maßnahmen des gegenwärtigen Pontifikats oder seines umstrittenen Vorgängers. Er ist vielmehr eine grundsätzliche Reflexion über Wesen, Grenzen und Legitimität päpstlicher Autorität. Seine zentrale These lautet: Die Kirche kann nur dann Einheit bewahren, wenn der Papst sichtbar und glaubwürdig der Heiligen Schrift und der apostolischen Tradition gehorcht. Sobald dieser Eindruck schwindet, zerfällt das Vertrauen der Gläubigen – und mit ihm die kirchliche Einheit.
Absolute Macht – aber nicht ohne Grenze
Grichting beginnt mit einem politischen Vergleich. Moderne Demokratien seien aus dem Mißtrauen gegenüber Macht entstanden. Gewaltenteilung, Föderalismus, Grundrechte und zeitliche Begrenzungen politischer Ämter dienten dazu, Macht zu kontrollieren und zu begrenzen. Die berühmte Formel des liberalen Historikers Lord Acton – „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“ – bildet den Hintergrund seiner Argumentation.
In der Kirche jedoch existieren solche institutionellen Sicherungen nicht. Nach dem Kirchenrecht verfügt der Papst kraft seines Amtes „über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt“ über die ganze Kirche. Äußerlich betrachtet erscheint das Papsttum daher als eine Form absoluter Monarchie.
Für Grichting ist jedoch entscheidend, daß diese Macht theologisch nicht schrankenlos ist. Die eigentliche Begrenzung des Papstes liege nicht in Institutionen oder Gegengewichten, sondern allein in seiner Bindung an die göttliche Offenbarung. Der Papst sei nicht Herr der Tradition, sondern ihr Diener. Nur deshalb könne die Kirche einem einzelnen Menschen eine derart umfassende Autorität anvertrauen.
Gerade hier sieht Grichting heute das Problem: Viele Gläubige hätten den Eindruck gewonnen, daß diese innere Bindung an die Tradition faktisch aufgegeben worden sei.
Der Vorwurf der doktrinären Zweideutigkeit
Besonders scharf fällt Grichtings Kritik an den Entwicklungen seit dem Pontifikat von Papst Franziskus aus. Das nachsynodale Schreiben Amoris laetitia habe die Unauflöslichkeit der Ehe praktisch relativiert. Zwar bleibe die katholische Lehre theoretisch bestehen, in der pastoralen Praxis jedoch werde sie durch individuelle „Unterscheidungsprozesse“ ausgehöhlt.
Auch die vatikanische Erklärung Fiducia supplicans, welche Segnungen für homosexuelle und irreguläre Paare zuließ, wertet Grichting als weiteren Schritt weg von der traditionellen Ehelehre. Hinzu kämen Ereignisse wie die Pachamama-Zeremonien im Vatikan oder die Erklärung von Abu Dhabi über die Brüderlichkeit aller Menschen, die aus seiner Sicht den einzigartigen Heilsanspruch Christi verdunkelten.
Die Kritik beschränkt sich nicht auf moraltheologische Fragen. Grichting sieht auch die sakramentale Verfassung der Kirche bedroht. Die Übertragung von Leitungsämtern an Laien im Vatikan widerspreche nach seiner Auffassung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigten sakramental-hierarchischen Ordnung der Kirche.
Besonders alarmierend erscheint ihm, daß diese Entwicklungen unter Papst Leo XIV. nicht korrigiert, sondern teilweise fortgeführt würden.
Synodalismus und die Angst vor der Selbstauflösung
Grichting richtet seinen Blick sodann auf den sogenannten „Synodalismus“. Mehrere vatikanische Studiengruppen hätten Dokumente veröffentlicht, die zentrale Elemente der katholischen Lehre relativierten oder in Frage stellten. Besonders problematisch sei dabei, daß Rom solche Texte ohne klare Korrektur oder Zurückweisung publiziere.
Darin erkennt er ein fatales Signal: Nicht mehr die überlieferte Lehre begrenze das Handeln kirchlicher Autoritäten, sondern die jeweilige Machtkonstellation innerhalb der Hierarchie. Genau dies aber zerstöre das Vertrauen vieler Gläubigen.
Traditionelle Katholiken als Zielscheibe
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Analyse betrifft den Umgang mit den traditionsverbundenen Gläubigen. Während schwerwiegende liturgische Mißbräuche oft geduldet würden, erfahre die überlieferte Liturgie massive Einschränkungen. Priester würden an der Feier der klassischen Messe gehindert, Gläubige aus Pfarrkirchen verdrängt und faktisch marginalisiert.
Hier erkennt Grichting eine schwer verständliche Doppelstrategie: Einerseits lasse Rom etwa den deutschen „Synodalen Weg“ trotz offenkundiger Angriffe auf die kirchliche Ordnung weitgehend gewähren. Andererseits drohe man der Priesterbruderschaft St. Pius X. mit Sanktionen bis hin zur Exkommunikation.
Diese Ungleichbehandlung untergrabe nach seiner Auffassung massiv die Glaubwürdigkeit kirchlicher Autorität.
Die Piusbruderschaft als Symptom, nicht als Ursache
Vor diesem Hintergrund deutet Grichting die angekündigten unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft nicht als Ursache der Krise, sondern als deren Symptom. Sie seien Ausdruck eines verlorengegangenen Vertrauens in das Papstamt.
Dabei verhehlt er keineswegs die Problematik eines solchen Schrittes. Doch er versucht zu erklären, warum viele Gläubige dafür Verständnis aufbringen: Wenn die Lehre nicht mehr sichtbar Grenze päpstlichen Handelns sei, entstehe zwangsläufig der Wunsch, die päpstliche Macht anderweitig zu begrenzen.
Schismen erscheinen bei Grichting daher nicht einfach als Rebellion gegen Rom, sondern als Reaktion auf eine vorausgehende Autoritätskrise in Rom selbst.
Heilung nur durch Rückkehr zur Tradition
Der Schluß seiner Analyse ist ebenso klar wie eindringlich. Die Kirche werde die gegenwärtige Krise nicht durch Machtausübung, Drohungen oder Exkommunikationen überwinden. Solche Maßnahmen könnten Symptome unterdrücken, heilten aber nicht die eigentliche Krankheit.
Die einzige wirkliche Lösung bestehe darin, daß der Papst selbst die entstandenen Wunden heile, indem er die Kontinuität mit der überlieferten Lehre unzweideutig wiederherstelle. Nur eine sichtbare Rückkehr zur doktrinären Kohärenz könne das verlorene Vertrauen zurückgewinnen.
Damit formuliert Grichting letztlich eine Mahnung von großer Tragweite: Die Einheit der Kirche beruht nicht zuerst auf juristischer Autorität, sondern auf der Glaubwürdigkeit jener Autorität im Dienst der Wahrheit. Sobald dieser Zusammenhang zerbricht, beginnt die Kirche innerlich zu erodieren.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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