Kardinal Müller verteidigt den Titel „Miterlöserin“

Mariologiekongreß De Maria numquam satis

Kardinal Müller verteidigt den Marientitel "Miterlöserin", zu dem er sich noch vor einigen Jahren zurückhaltend äußerte
Kardinal Müller verteidigt den Marientitel "Miterlöserin", zu dem er sich noch vor einigen Jahren zurückhaltend äußerte

Damit war nicht unbe­dingt zu rech­nen: Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, ehe­ma­li­ger Prä­fekt der römi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, sprach sich für den Mari­en­ti­tel Cor­re­demptrix aus. Bei dem inter­na­tio­na­len Mario­lo­gie­kon­greß De Maria num­quam satis, der am 7. und 8. Okto­ber im Päpst­li­chen Patri­sti­schen Insti­tut Augu­sti­nia­num in Rom statt­fand, ver­tei­dig­te er in sei­nem Vor­trag über die Mit­wir­kung der seli­gen Jung­frau Maria an der Erlö­sung sowohl den Titel „Mit­erlö­se­rin“ als auch die theo­lo­gi­sche Leh­re, die sich dar­in ausdrückt.

Die Stel­lung­nah­me über­rasch­te, denn Kar­di­nal Mül­ler hat­te sich in der Ver­gan­gen­heit, ins­be­son­de­re wäh­rend sei­ner Amts­zeit als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und im Zusam­men­hang mit sei­nem 2016 erschie­ne­nen Buch Infor­me sob­re la espe­ran­za (dt. Aus­ga­be: „Bot­schaft der Hoff­nung“, Her­der Ver­lag), gegen­über die­sem Mari­en­ti­tel zurück­hal­tend bis ableh­nend geäußert.

Nun ver­tritt er öffent­lich eine Posi­ti­on, die zumin­dest im Hin­blick auf die Bewer­tung die­ses Titels einen bemer­kens­wer­ten Wan­del zu frü­he­ren Äuße­run­gen erken­nen läßt.

Eine unerwartete Wende?

Der Vor­trag mit dem Titel „Die Mit­wir­kung der seli­gen Jung­frau Maria an der Erlö­sung“ liegt bis­lang im ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal vor, ver­öf­fent­licht durch die Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na; eine deut­sche Über­set­zung wur­de der­zeit noch nicht veröffentlicht.

Kar­di­nal Mül­ler ver­tei­digt dar­in die Mit­wir­kung Mari­ens am Erlö­sungs­werk Chri­sti und spricht sich dafür aus, den Titel „Mit­erlö­se­rin“ nicht wegen mög­li­cher Miß­ver­ständ­nis­se auf­zu­ge­ben. Die damit bezeich­ne­te Mit­wir­kung sei im Zusam­men­hang der gesam­ten katho­li­schen Erlö­sungs­leh­re zu verstehen.

Dabei gehe es um eine grund­le­gen­de theo­lo­gi­sche Unter­schei­dung: Jesus Chri­stus ist der ein­zi­ge Erlö­ser der Mensch­heit. Die Mit­wir­kung Mari­ens set­ze sein Erlö­sungs­werk vor­aus, sei ihm unter­ge­ord­net und ent­sprin­ge der Gna­de Got­tes. Sie bedeu­te kei­ne Gleich­stel­lung Mari­ens mit Chri­stus und kei­ne von ihm unab­hän­gi­ge Erlöserschaft.

Gera­de die­se Unter­schei­dung ist für die Beur­tei­lung des Titels ent­schei­dend. Wäh­rend Kri­ti­ker behaup­ten, die Bezeich­nung „Mit­erlö­se­rin“ kön­ne die Ein­zig­keit Chri­sti ver­dun­keln, hal­ten ihre Ver­tei­di­ger sie bei ent­spre­chen­der theo­lo­gi­scher Erklä­rung für geeig­net, die beson­de­re Rol­le Mari­ens im Heils­plan Got­tes auszudrücken.

Im Gegensatz zur römischen Erklärung von 2025

Die Äuße­rung von Kar­di­nal Mül­ler fällt in eine Zeit, in der die Fra­ge erneut Gegen­stand kirch­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen ist. Das Dik­aste­ri­um für die Glau­bens­leh­re unter Kar­di­nal Vic­tor Manu­el „Tucho“ Fernán­dez hat­te in sei­ner Note Mater popu­li fide­lis vom Novem­ber 2025 die Ver­wen­dung des Titels „Mit­erlö­se­rin“ als unan­ge­mes­sen bewer­tet. Zugleich beton­te es die beson­de­re Mit­wir­kung Mari­ens am Heils­werk Christi.

Mül­lers nun vor­ge­tra­ge­ne Posi­ti­on setzt einen ande­ren Akzent: Er ver­tei­digt aus­drück­lich den umstrit­te­nen Titel und die theo­lo­gi­sche Wahr­heit, die er dar­in aus­ge­drückt sieht. Damit steht sei­ne aktu­el­le Stel­lung­nah­me in einem erkenn­ba­ren Span­nungs­ver­hält­nis zur Bewer­tung des Glau­bens­dik­aste­ri­ums, just jener Behör­de, die er selbst von 2012 bis 2017 gelei­tet hatte.

Die Fra­ge, ob dar­in eine voll­stän­di­ge Kehrt­wen­de gegen­über sei­nen frü­he­ren Äuße­run­gen liegt, muß anhand der jewei­li­gen Tex­te beur­teilt wer­den. Die Ableh­nung einer dog­ma­ti­schen Defi­ni­ti­on ist nicht ohne wei­te­res mit der Ableh­nung des Titels selbst oder der Leh­re von der Mit­wir­kung Mari­ens gleichzusetzen.

Fest steht jedoch, daß Kar­di­nal Mül­ler den Titel nun öffent­lich verteidigte.

Was hat Kardinal Müller zu einem Umdenken bewogen?

Ob der Kar­di­nal sei­ne frü­he­re Posi­ti­on aus­drück­lich revi­diert hat und wel­che theo­lo­gi­schen Über­le­gun­gen dafür aus­schlag­ge­bend waren, läßt sich erst nach einem genau­en Ver­gleich sei­ner dama­li­gen Aus­sa­gen mit dem voll­stän­di­gen Wort­laut des neu­en Vor­trags beantworten.

Die über­ra­schen­de Stel­lung­nah­me gibt jeden­falls Anlaß, die Ent­wick­lung sei­ner theo­lo­gi­schen Ein­schät­zung näher zu betrach­ten. Ein Posi­ti­ons­wech­sel wäre dabei anhand sei­ner sach­li­chen Begrün­dung zu untersuchen.

Für die Debat­te um die Stel­lung Mari­ens in der katho­li­schen Theo­lo­gie ist Mül­lers Wort­mel­dung von gro­ßem Gewicht. Sie zeigt, daß die Fra­ge nach dem Titel „Mit­erlö­se­rin“ kei­nes­wegs erle­digt ist. Viel­mehr bleibt zu klä­ren, wie sich die ein­zig­ar­ti­ge Erlö­ser­schaft Chri­sti und die beson­de­re Mit­wir­kung sei­ner Mut­ter in einer Wei­se aus­drücken las­sen, die der katho­li­schen Glau­bens­über­lie­fe­rung gerecht wird.

Der voll­stän­di­ge Vor­trag dürf­te des­halb nicht nur für die Bewer­tung von Kar­di­nal Mül­lers eige­ner Posi­ti­on auf­schluß­reich sein, son­dern auch für die wei­te­re Dis­kus­si­on über einen Mari­en­ti­tel, der in der Kir­che seit vie­len Jahr­hun­der­ten leben­dig ist.

Sie­he zum Mari­en­ti­tel die Arti­kel­samm­lung Mit­erlö­se­rin, dar­un­ter beson­ders die Auf­sät­ze:
Prof. Rober­to de Mat­tei: Die Fol­gen der Note Mater popu­li fide­lis
Prof. Ivan Pol­ja­ko­vić: Die seli­ge Jung­frau Maria: Co-Redemptrix et Mediatrix

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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