Der heilige Goar – Schutzpatron der Zerstreuten?

Die kontemplativsten Heiligen sind um so gegenwärtiger, wenn es darum geht, Gott und den Nächsten zu lieben

Der heilige Goar lebte als Eremit am linken Rheinufer nahe der heutigen Stadt Sankt Goar.
Der heilige Goar lebte als Eremit am linken Rheinufer nahe der heutigen Stadt Sankt Goar.

Von Rober­to de Mattei*

Wer sind die Zer­streu­ten? Es sind jene Men­schen, denen es schwer­fällt oder die es nicht dau­er­haft schaf­fen, ihre Auf­merk­sam­keit auf das zu rich­ten, was sie gera­de tun. Zer­streut­heit ist an sich kei­ne Tugend, denn Voll­kom­men­heit besteht dar­in, jede Auf­ga­be gut und mit gan­zer Hin­ga­be zu erfül­len. Unser Herr selbst ist dafür das voll­kom­me­ne Vorbild.

Doch Zer­streut­heit ist nicht immer und nicht not­wen­di­ger­wei­se ein Feh­ler. Ent­schei­dend ist viel­mehr, wor­auf sich der Geist rich­tet, wenn er dem, was er gera­de tut, nur wenig Auf­merk­sam­keit schenkt.

Kar­di­nal Giu­sep­pe Siri spricht bei­spiels­wei­se von „Zer­streut­heit“, wenn er einen Geist beschreibt, der sich von den wesent­li­chen Din­gen abwen­det, um sich den ver­gäng­li­chen, wech­sel­haf­ten und sub­stanz­lo­sen zuzu­wen­den. Dann wird Zer­streut­heit zu einem stän­di­gen Sprin­gen von einem The­ma zum näch­sten, ohne jemals in die Tie­fe zu gehen.

Es gibt jedoch auch eine ande­re Art von Zer­streut­heit: Sie ent­springt nicht man­geln­dem guten Wil­len, son­dern einem schöp­fe­ri­schen Ver­stand oder einer leb­haf­ten Vor­stel­lungs­kraft. Das Gehirn wird unab­läs­sig von Ideen­ver­knüp­fun­gen und Ein­ge­bun­gen durch­zo­gen. Es ist eine Fra­ge des Tem­pe­ra­ments. Sol­che Men­schen haben oft Mühe, sich auf die prak­ti­schen Anfor­de­run­gen des All­tags zu kon­zen­trie­ren. Vie­le Künst­ler, Erfin­der, Wis­sen­schaft­ler und Schrift­stel­ler gal­ten als „zer­streut“. Sie waren so sehr in ihre Gedan­ken­welt ver­sun­ken, daß sie die Zeit, ihre per­sön­li­chen Gegen­stän­de oder sogar das Essen vergaßen.

Auch unter den Hei­li­gen fin­den sich Men­schen, die von Natur aus zer­streut waren. Vie­le Hei­li­ge zeich­ne­ten sich durch außer­ge­wöhn­li­che Boden­stän­dig­keit und Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent aus. Man den­ke an den hei­li­gen Johan­nes Bos­co, der sei­ne zahl­rei­chen Wer­ke mit bewun­derns­wer­ter Prä­zi­si­on lei­te­te. Ande­re hin­ge­gen wirk­ten oft wie abwe­send, weil sie ganz in die Betrach­tung hoher gött­li­cher Wahr­hei­ten ver­tieft waren. Des­halb muß man zwi­schen der Zer­streut­heit als mensch­li­cher Schwä­che und einer nur schein­ba­ren „Zer­streut­heit“ unter­schei­den, die aus der Samm­lung des Gei­stes erwächst – einem Geist, der sich von den kon­kre­ten Din­gen löst, um sich den höhe­ren zuzu­wen­den. Ein Geist, der sich hin und wie­der ver­liert, kann mit einem Her­zen ver­bun­den sein, das zutiefst mit Gott ver­eint ist. Und ein Herz, das Gott gehört, kann trotz man­cher Ver­geß­lich­keit wahr­haft hei­lig wer­den. So ist etwa bekannt, daß der hei­li­ge Phil­ipp Neri bis­wei­len so sehr im Gebet ver­sun­ken war, daß er jedes Zeit­ge­fühl verlor.

Man­che Hei­li­ge waren metho­disch ver­an­lagt – wie der hei­li­ge Igna­ti­us von Loyo­la –, ande­re impul­siv – wie der hei­li­ge Petrus –, wie­der ande­re erschie­nen zer­streut, weil sie ein beson­ders inten­si­ves inne­res Leben führ­ten. Hei­lig­keit besteht nicht dar­in, einen bestimm­ten Cha­rak­ter zu besit­zen, son­dern dar­in, jeden Zug der eige­nen Per­sön­lich­keit von der Lie­be Got­tes ver­wan­deln zu lassen.

Der hei­li­ge Goar ist einer jener weni­ger bekann­ten, aber fas­zi­nie­ren­den Hei­li­gen, in des­sen Leben sich ein bemer­kens­wer­tes Bei­spiel sol­cher Zer­streut­heit fin­det. Er wur­de in Aqui­ta­ni­en gebo­ren, wahr­schein­lich gegen Ende des 6. oder zu Beginn des 7. Jahr­hun­derts, in der Früh­zeit des Fran­ken­rei­ches. Nach sei­ner Prie­ster­wei­he sehn­te er sich nach einem stil­le­ren Leben in grö­ße­rer Nähe zu Gott. Des­halb ver­ließ er sei­ne Hei­mat und ließ sich im Rhein­tal, das damals noch teil­wei­se heid­nisch war, im Bis­tum Trier eine Ein­sie­de­lei errich­ten. Er ent­schied sich für das Leben eines Ere­mi­ten – jedoch nicht in völ­li­ger Abge­schie­den­heit. Er bau­te eine klei­ne Kapel­le und eine Zel­le und wid­me­te sei­ne Tage dem Gebet sowie der Auf­nah­me von Reisenden.

Berühmt wur­de er vor allem durch sei­ne Gast­freund­schaft. Jeder, der an sei­ne Tür klopf­te, fand bei ihm eine Mahl­zeit, ein Bett, ein trö­sten­des Wort und geist­li­chen Bei­stand. In einer Zeit, in der Rei­sen lang und gefähr­lich waren, wur­de sei­ne Behau­sung zu einem siche­ren Zufluchts­ort für Pil­ger, Kauf­leu­te und Rheinschiffer.

Des­halb wird er bis heu­te als Schutz­pa­tron der Gast­wir­te, Her­bergs­wir­te, Schif­fer, Win­zer und Töp­fer verehrt.

Sei­ne wach­sen­de Beliebt­heit rief jedoch den Neid eini­ger Geist­li­cher her­vor. Sie ver­klag­ten ihn beim Bischof von Trier und behaup­te­ten wahr­heits­wid­rig, er habe aus sei­ner Ein­sie­de­lei eine Schen­ke gemacht, weil er – ent­ge­gen der Gewohn­heit von Ere­mi­ten – gemein­sam mit einer Schar von Rei­sen­den gespeist und ihnen vor­züg­li­che Spei­sen vor­ge­setzt habe.

Auf dem Rück­weg nach Trier ver­lo­ren sei­ne bei­den Anklä­ger jedoch ihren Rei­se­pro­vi­ant. Erschöpft und vom Hun­ger gequält war­te­ten sie am Weges­rand auf Hil­fe. Aus­ge­rech­net Goar wur­de zu ihrem Ret­ter. Der Hei­li­ge, der den­sel­ben Weg nahm, um sich vor dem Bischof zu recht­fer­ti­gen, küm­mer­te sich um sie, stärk­te sie mit Nah­rung und über­zeug­te sie von sei­ner Unschuld.

Als er schließ­lich in Trier ein­traf und den Vor­raum des bischöf­li­chen Pala­stes betrat, häng­te er sei­nen Man­tel an einen Son­nen­strahl – weil er ihn für einen Stock hielt. Doch der Man­tel blieb auf wun­der­ba­re Wei­se frei in der Luft hän­gen, vor den Augen aller Anwe­sen­den. Die­ses Wun­der, das aus sei­ner Zer­streut­heit her­vor­ging, bewies sei­ne Unschuld und ent­hüll­te zugleich die Bos­heit sei­ner Ankläger.

Die Bege­ben­heit, in der der hei­li­ge Goar sei­nen Man­tel an einen Son­nen­strahl hängt, gibt Anlaß zum Nach­den­ken. Es war eine hei­li­ge Zer­streut­heit. Man kann sich vor­stel­len, daß er, erfüllt von der Gelas­sen­heit eines Men­schen, der bestän­dig in der Gegen­wart Got­tes lebt, die­se Hand­lung mit der­sel­ben Selbst­ver­ständ­lich­keit voll­zog, mit der man einen Man­tel an einen Stock hängt. Es war eine „hei­li­ge Zer­streut­heit“, die nicht aus Ober­fläch­lich­keit ent­sprang, son­dern aus einem Her­zen, das Gott so innig ver­bun­den war, daß es nicht mehr den Berech­nun­gen mensch­li­cher Klug­heit ver­haf­tet blieb.

Der hei­li­ge Goar wird auch gegen Ver­leum­dun­gen und fal­sche Anschul­di­gun­gen ange­ru­fen. König Sigi­bert III.1 woll­te ihn zum Bischof von Trier ernen­nen, doch Goar lehn­te ab. Nicht, weil er das Bischofs­amt gering­ge­schätzt hät­te, son­dern weil er über­zeugt war, daß Gott ihn zum Dienst im Ver­bor­ge­nen beru­fen hat­te. Er zog es vor, in sei­ne beschei­de­ne Zel­le zurück­zu­keh­ren und wei­ter­hin Pil­ger aufzunehmen.

Nach sei­nem Tod, der am 6. Juli ein­trat – nach tra­di­tio­nel­ler Über­lie­fe­rung im Jahr 575, nach ande­ren Chro­no­lo­gien im Jahr 649 –, wur­de sein Grab zu einem viel­be­such­ten Wall­fahrts­ort. Um sei­ne Ein­sie­de­lei ent­stand eine klei­ne Stadt, die bis heu­te sei­nen Namen trägt: Sankt Goar am Rhein. Die alten Lebens­be­schrei­bun­gen schil­dern ihn als einen Men­schen, der tief in Gott gesam­melt war. Doch sei­ne Kon­tem­pla­ti­on ent­frem­de­te ihn kei­nes­wegs den Mit­men­schen: Wer an sei­ne Tür kam, wur­de stets mit Güte und Fein­füh­lig­keit empfangen.

Die kon­tem­pla­tiv­sten Hei­li­gen wir­ken gegen­über den mate­ri­el­len Din­gen bis­wei­len wie abwe­send. Um so erstaun­li­cher sind sie gegen­wär­tig, wenn es dar­um geht, Gott und den Näch­sten zu lie­ben. Dar­an erin­nert uns der hei­li­ge Goar – den wir uns gern als einen mög­li­chen Schutz­pa­tron der Zer­streu­ten vorstellen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

  1. Nach der tra­di­tio­nel­len Über­lie­fe­rung dürf­te es sich um Sigi­bert I. gehan­delt haben oder einen sei­ner Vor­gän­ger. ↩︎

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