Wiederentdeckte frühchristliche Basilika


Boden der wiederentdeckten frühchristlichen Basilika von Oderzo
Boden der wiederentdeckten frühchristlichen Basilika von Oderzo

In unmit­tel­ba­rer Nähe des Doms von Oder­zo, dem anti­ken Opi­ter­gi­um, sind unter dem Are­al der ehe­ma­li­gen Pesche­ria (Fisch­markt) bedeu­ten­de Reste einer früh­christ­li­chen Basi­li­ka frei­ge­legt wor­den. Der Befund gilt als einer der wich­tig­sten archäo­lo­gi­schen Neu­fun­de zur spät­an­ti­ken Sakral­to­po­gra­phie im nord­ost­ita­lie­ni­schen Raum und erwei­tert das Bild der Chri­stia­ni­sie­rung der Regi­on erheblich.

Eine große frühchristliche Basilika unter der Stadt

Die aus­ge­gra­be­ne Kir­che weist einen monu­men­ta­len drei­schif­fi­gen Grund­riß auf. Beson­ders ein­drucks­voll sind die mas­siv aus­ge­führ­ten Mau­ern, die teil­wei­se noch bis zu meh­re­ren Metern Tie­fe erhal­ten sind, sowie die kla­re Glie­de­rung durch Lisen­en und regel­mä­ßi­ge Stre­be­pfei­ler. Die Kon­struk­ti­on zeigt eine aus­ge­feil­te Bau­tech­nik: In dem von Schwemm­land gepräg­ten Unter­grund wur­den zunächst Holz­pfäh­le ein­ge­rammt, auf denen anschlie­ßend Mau­er­werk aus Zie­geln und Mör­tel errich­tet wur­de – ein Ver­fah­ren, das auch aus ande­ren spät­an­ti­ken Bau­pro­jek­ten in Ober­ita­li­en bekannt ist.

Die Ent­deckung wird in die Zeit des spä­ten 4. bis frü­hen 5. Jahr­hun­derts n. Chr. datiert. Die­se Pha­se ist ent­schei­dend für die Aus­bil­dung früh­christ­li­cher Zen­tren in Nord­ita­li­en, als sich das Chri­sten­tum nach der Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de insti­tu­tio­nell ver­fe­stig­te und reprä­sen­ta­ti­ve Kir­chen­bau­ten zuneh­mend die urba­nen Struk­tu­ren prägten.

Herausragende Mosaiken und liturgische Ausstattung

Beson­ders bemer­kens­wert ist der außer­ge­wöhn­lich gut erhal­te­ne Mosa­ik­bo­den, der in meh­re­ren Berei­chen der Basi­li­ka frei­ge­legt wur­de. Geo­me­tri­sche und flo­ra­le Moti­ve domi­nie­ren das Dekor: ver­schränk­te Okto­go­ne, Dop­pel­kno­ten, kon­zen­tri­sche Krei­se sowie soge­nann­te „Windmühlen“-Motive struk­tu­rie­ren die Flächen.

In der Zone des süd­li­chen Sei­ten­schif­fes befin­det sich ein beson­ders reich gestal­te­tes Feld mit einem gro­ßen Okto­gon, einem Velum-Motiv und einem Salo­mo­ni­schen Kno­ten – Sym­bo­lik, die häu­fig mit Schutz, Ewig­keit und dem kos­mi­schen Ord­nungs­den­ken der Spät­an­ti­ke in Ver­bin­dung gebracht wird. Ergänzt wird das Bild durch den Fund von Glas­mo­sa­ik-Tes­ser­ae (Plätt­chen), die auf eine beson­ders hoch­wer­ti­ge Aus­stat­tung hinweisen.

Sol­che Mosa­ik­pro­gram­me sind typisch für früh­christ­li­che Bischofs­kir­chen im adria­ti­schen Raum und zei­gen enge sti­li­sti­sche Par­al­le­len zu Anla­gen in Aqui­leia und Con­cor­dia Sagit­ta­ria, die als zen­tra­le Ver­gleichs­or­te für die Ent­wick­lung der früh­christ­li­chen Archi­tek­tur in Nord­ost­ita­li­en gelten.

Bedeutung für die Siedlungs- und Kirchengeschichte

Die Lage der Basi­li­ka im süd­öst­li­chen Sub­ur­bi­um des anti­ken Opi­ter­gi­um zeigt, daß die Stadt auch nach dem Ende der klas­si­schen römi­schen Urba­ni­tät kon­ti­nu­ier­lich genutzt und umge­formt wur­de. Die früh­christ­li­che Kir­che steht damit nicht iso­liert, son­dern in einer lang­fri­sti­gen Sied­lungs­kon­ti­nui­tät, die bereits in der Eisen­zeit beginnt und über die Pha­se des römi­sche Muni­ci­pi­ums bis in die Spät­an­ti­ke reicht.

Meh­re­re im Umfeld ent­deck­te Grä­ber, die zwi­schen archi­tek­to­ni­sche Ele­men­te ein­ge­bet­tet sind, deu­ten dar­auf hin, daß der Bereich früh als Bestat­tungs­ort in sakra­lem Zusam­men­hang genutzt wur­de – ein typi­sches Merk­mal früh­christ­li­cher Kir­chen­area­le, in denen sich Lit­ur­gie und Memo­ri­al­kul­tur räum­lich überlagern.

Werkstätten und Bauorganisation

Neben der Kir­che wur­den zuge­hö­ri­ge Funk­ti­ons­räu­me ent­deckt, dar­un­ter Lager- und Pro­duk­ti­ons­be­rei­che mit Mar­mor­frag­men­ten, Zie­geln, Glas, Ampho­ren und metal­le­nen Objek­ten. Beson­ders inter­es­sant ist der Nach­weis einer klei­nen Brenn- oder Ofen­struk­tur, die auf eine loka­le Her­stel­lung oder Bear­bei­tung von Bau­ma­te­ria­li­en und Aus­stat­tungs­ele­men­ten hin­weist. Dies spricht für eine hoch­or­ga­ni­sier­te Bau­stel­le oder ein ange­schlos­se­nes Werk­statt­are­al, wie es auch bei ande­ren spät­an­ti­ken Kir­chen­bau­ten nach­weis­bar ist.

Der Fund lie­fert wich­ti­ge neue Erkennt­nis­se zur Ent­wick­lung früh­christ­li­cher Archi­tek­tur in Nord­ita­li­en und zur Trans­for­ma­ti­on römi­scher Städ­te in der Spät­an­ti­ke. Ins­be­son­de­re die Kom­bi­na­ti­on aus monu­men­ta­lem Grund­riß, hoch­wer­ti­ger Mosa­ik­aus­stat­tung und inte­grier­ter Nekro­po­le macht die Basi­li­ka von Oder­zo zu einem Schlüs­sel­be­fund für die Forschung.

Die Aus­wer­tung der mensch­li­chen Über­re­ste mit­tels anthro­po­lo­gi­scher, iso­to­pi­scher und gene­ti­scher Ana­ly­sen könn­te zudem neue Infor­ma­tio­nen über Her­kunft, Lebens­be­din­gun­gen und sozia­le Struk­tur der dort bestat­te­ten Per­so­nen liefern.

Historischer Überblick

Oder­zo liegt in der Pro­vinz Tre­vi­so in der Regi­on Vene­ti­en. Die ein­sti­ge Sied­lung der Vene­ter kam im 2. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert unter römi­sche Herr­schaft und lag an der Via Postu­mia, die Genua mit Aqui­leia ver­band. 49 v. Chr. wur­de sie Municipium.

Im 2. nach­christ­li­chen Jahr­hun­dert wur­de die Stadt von Mar­ko­man­nen und Qua­den erobert. Heer­scha­ren bei­der ger­ma­ni­scher Völ­ker kehr­ten zwei­hun­dert Jah­re spä­ter zurück. Ihnen folg­ten die West­go­ten unter Ala­rich, die Hun­nen unter Atti­la und schließ­lich die Ost­go­ten unter Theo­de­rich (Diet­rich von Bern). 554 kam Oder­zo unter byzan­ti­ni­sche Herrschaft.

Bis­her wur­de ange­nom­men, daß Oder­zo spä­te­stens im 6. Jahr­hun­dert ein Bischofs­sitz war. Die neu­en Fun­de legen eine frü­he­re Datie­rung nahe. 667 wur­de die Stadt von den Lan­go­bar­den und Gri­mo­ald dem Erd­bo­den gleich­ge­macht, weil zwei sei­ner Brü­der bei der Stadt im Kampf ums Leben gekom­men waren. Damit fand auch der Bischofs­sitz an die­sem Ort sein Ende und wur­de nach Hera­clea in die Lagu­ne von Vene­dig verlegt.

Oder­zo ist seit 1968 ein Titularbistum.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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