„Todos!“ Die Kirche San Antón in Madrid wird zum Fernsehsaal für die Fußball-WM

„Alle sind herzlich willkommen – samt Hund und auch für die Fußballweltmeisterschaft 2026!“


Die Pfarrkirche San Antón im Herzen von Madrid ist die Kirche "aller", samt Hund und Fußball-WM
Die Pfarrkirche San Antón im Herzen von Madrid ist die Kirche "aller", samt Hund und Fußball-WM

Es gibt nichts, was es nicht gibt, sagt eine Volks­weis­heit. Dar­an mag man den­ken, wenn man hört, daß die Kir­che San Antón in Madrid dazu genützt wird, um sich die Fuß­ball-WM anzu­schau­en. Genau so geschieht es der­zeit in der genann­ten Pfar­rei im Her­zen Madrids. In dem Got­tes­haus wur­den gro­ße Bild­schir­me auf­ge­stellt, auf denen die Spie­le der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft über­tra­gen wer­den. Es han­delt sich dabei nicht um eine ein­ma­li­ge Aktion.

Wie die Zei­tung La Nue­va Espa­ña berich­tet, geht die Initia­ti­ve auf Pater Ángel Gar­cía zurück, den Grün­der der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on „Men­sa­je­ros de la Paz“ („Boten des Frie­dens“) und Pfar­rer der Gemein­de. Der Geist­li­che erklär­te, die Über­tra­gun­gen wür­den wäh­rend des gesam­ten Tur­niers fort­ge­setzt, solan­ge Spa­ni­en im Wett­be­werb ver­blei­be. „Und wir wer­den wei­ter­ma­chen, bis wir Welt­mei­ster sind“, sag­te er der Zeitung.

Die Bil­der zei­gen Gemein­de­mit­glie­der und Besu­cher auf Kir­chen­bän­ken, auf denen die Gläu­bi­gen gewöhn­lich der Lit­ur­gie bei­woh­nen. Statt zum Altar rich­ten sie ihren Blick jedoch auf die über das Kir­chen­schiff ver­teil­ten Bild­schir­me, um das sport­li­che Gesche­hen zu verfolgen.

Als soziale Initiative dargestellt

Die Ver­ant­wort­li­chen begrün­den das Vor­ha­ben mit sozia­len Erwä­gun­gen. Die Über­tra­gun­gen rich­te­ten sich ins­be­son­de­re an Men­schen, die zu Hau­se kei­ne Mög­lich­keit hät­ten, die Spie­le zu ver­fol­gen, oder die wäh­rend der hei­ßen Tages­stun­den einen küh­len Auf­ent­halts­ort suchten.

Die Kir­che San Antón ist rund um die Uhr geöff­net und dient seit Jah­ren als Zen­trum ver­schie­de­ner sozia­ler Akti­vi­tä­ten der „Boten des Frie­dens“. Bereits in der Ver­gan­gen­heit fan­den dort Ver­an­stal­tun­gen statt, die – um es euphe­mi­stisch zu sagen – über den gewöhn­li­chen lit­ur­gi­schen Rah­men hin­aus­gin­gen. So wur­den unter ande­rem auch bedeu­ten­de öffent­li­che Ereig­nis­se und, wie man betont, schon auch Papst­be­su­che übertragen.

Zwischen Seelsorge und Unterhaltung

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben zahl­rei­che kirch­li­che Ein­rich­tun­gen ver­sucht, Men­schen durch Kon­zer­te, kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen, Vor­trä­ge oder ande­re Ange­bo­te anzu­spre­chen. Die Befür­wor­ter sol­cher Maß­nah­men sehen dar­in „neue Wege der Evan­ge­li­sie­rung und der Kon­takt­auf­nah­me mit kir­chen­fer­nen Menschen“.

Kri­ti­ker wen­den dage­gen ein, daß die eigent­li­che Bestim­mung eines Got­tes­hau­ses nicht in der Unter­hal­tung liegt. Die Kir­che ist in erster Linie Got­tes­haus, eine Kult­stät­te, hei­li­ger Boden – bestimmt für Gebet, Anbe­tung und die Zele­bra­ti­on des hei­li­gen Maß­op­fers und den Emp­fang der Sakra­men­te. Dar­aus ergibt sich die Fra­ge, ob sport­li­che Groß­ereig­nis­se inner­halb des Kir­chen­rau­mes über­tra­gen wer­den soll­ten oder ob hier­für nicht bes­ser Pfarr­sä­le und ande­re Gemein­de­räu­me geeig­net wären, über die jede Pfar­rei ver­fügt. In Madrid scheint die Ant­wort auf die­se Fra­ge in den kirch­li­chen Krei­sen nicht so ein­deu­tig aus­zu­fal­len, wie man es sich erwar­ten würde.

Gera­de an die­sem Punkt ent­zün­det sich die Dis­kus­si­on. Der Vor­wurf, es mang­le an lit­ur­gi­schem Feind­ge­fühl und Ver­ständ­nis für das Hei­li­ge, steht dabei ganz oben bei der Kri­tik. für Fuß­ball­über­tra­gun­gen für einen Man­gel an lit­ur­gi­schem Fein­ge­fühl. Ande­re ver­wie­sen dar­auf, daß vie­le Pfar­rei­en seit lan­gem Sport­ver­an­stal­tun­gen in Gemein­de­sä­len über­tra­gen und dadurch Kon­tak­te zu Jugend­li­chen und Suchen­den knüp­fen konnten.

Man­che ver­wei­sen dar­auf, daß zahl­rei­che bekann­te Fuß­ball­ver­ei­ne ursprüng­lich von Geist­li­chen oder kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen gegrün­det wor­den sei­en. Fuß­ball an sich kön­ne daher schwer­lich als etwas Ver­werf­li­ches ange­se­hen wer­den. Ent­schei­dend sei viel­mehr die Fra­ge nach dem ange­mes­se­nen Ort. Und da gibt es mas­si­ve Zweifel.

Die eigentliche Frage

Hin­ter der Kon­tro­ver­se steht letzt­lich eine grund­sätz­li­che Fra­ge: Wird jede Ver­an­stal­tung, die Men­schen in eine Kir­che bringt, bereits dadurch zu einer sinn­vol­len pasto­ra­len Maß­nah­me? Oder besteht die Gefahr, daß die Beson­der­heit des sakra­len Rau­mes ver­lo­ren geht, wenn er zuneh­mend für Zwecke genutzt wird, die auch anders­wo erfüllt wer­den können?

Die kir­chen­recht­li­chen Bestim­mun­gen sind ein­deu­tig. Jede Form der kult­frem­den Nut­zung ist zu ver­mei­den, da es sich nicht um ein blo­ßen Bet­raum han­delt, wie es für vie­le pro­te­stan­ti­sche Deno­mi­na­tio­nen der Fall ist oder für eine Syn­ago­ge oder eine Moschee, son­dern um um eine Kult­ort, um das Haus Got­tes, in dem Gott selbst im Altar­sa­kra­ment gegen­wär­tig ist. 

Laut einer neu­en Pasto­ral, die auch in Madrid ver­tre­ten wird, sei die Akti­on eine „Mög­lich­keit, Gemein­schaft zu för­dern und Men­schen in Kon­takt zu brin­gen“, doch ein sol­cher Zweck ist im eigent­lich Sinn nicht für einen Kult­ort vor­ge­se­hen, der ein­zig Begeg­nung mit Gott ist und Sei­ner Anbe­tung dient.

Die Debat­te um San Anto­nio zeigt, wie unter­schied­lich die Auf­fas­sun­gen heu­te in der Kir­che dar­über sind, was Seel­sor­ge ist und wo die Gren­zen einer Öff­nung des Kir­chen­rau­mes liegen.

Vor der Pfarr­kir­che San Antón im Her­zen von Madrid steht jeden­falls eine Ein­la­dungs­ta­fel, auf der nicht geschrie­ben steht: „Will­kom­men im Haus Got­tes“, son­dern „Will­kom­men im Haus aller“. Die For­mu­lie­rung erin­nert stark an die von Papst Fran­zis­kus aus­ge­ge­ben Paro­le: „Todos, todos, todos“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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