„Es fällt mir schwer, gewisse Richtungen zu verstehen…“ – Kardinal Ruinis Kritik an Papst Franziskus

Kardinal Ruinis geistliches Testament


Kardinal Camillo Ruini hinterließ in seinem geistlichen Testament kritische Anmerkungen zum Pontifikat von Papst Franziskus
Kardinal Camillo Ruini hinterließ in seinem geistlichen Testament kritische Anmerkungen zum Pontifikat von Papst Franziskus

Die Exe­qui­en des ver­stor­be­nen Kar­di­nals Camil­lo Rui­ni wur­den von Papst Leo XIV. selbst gelei­tet. Es war zum zwei­ten Mal, daß er per­sön­lich den Exe­qui­en eines Kar­di­nals vor­stand. Sie wur­den für den ehe­ma­li­gen Kar­di­nal­vi­kar von Rom am Kathe­dr­aal­tar im Peters­dom gefei­ert. In sei­ner Pre­digt nahm der Papst bei­läu­fig auf das geist­li­che Testa­ment Kar­di­nal Rui­nis bezug und zitier­te dar­aus einen Satz.

Weni­ge Stun­den spä­ter ver­öf­fent­lich­te Mes­sa in Lati­no den voll­stän­di­gen Wort­laut die­ses geist­li­chen Testa­men­tes, das vor zehn Jah­ren ver­faßt wur­de. Der bemer­kens­wer­te­ste Abschnitt fin­det sich dort, wo Kar­di­nal Rui­ni erklärt, er habe sich ange­sichts der Rich­tung, in wel­che Papst Fran­zis­kus die Kir­che füh­re, zuneh­mend unbe­hag­lich gefühlt.

Die Vati­ka­ni­stin der römi­sche Tages­zei­tung Il Mess­ag­ge­ro ver­öf­fent­lich­te dazu fol­gen­den Bericht:

Das letzte Bekenntnis Ruinis in seinem Testament
„Es fällt mir schwer, einige Auffassungen von Papst Franziskus zu verstehen“

Die voll­stän­di­ge Ver­öf­fent­li­chung des geist­li­chen Testa­men­tes von Kar­di­nal Camil­lo Rui­ni, die weni­ge Stun­den nach den von Papst Leo XIV. im Peters­dom gefei­er­ten Exe­qui­en auf der Inter­net­sei­te Mes­sa in Lati­no erschien, fügt dem Ver­ständ­nis einer der ein­fluß­reich­sten Gestal­ten der ita­lie­ni­schen Kir­che der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts ein wich­ti­ges Ele­ment hin­zu. Es han­delt sich weder um ein poli­ti­sches Doku­ment noch um eine kirch­li­che Bilanz. Viel­mehr ist es ein lan­ges Gebet, nie­der­ge­schrie­ben im Jah­re 2016, als der ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz begann, sich mit den Gren­zen des Alters und dem all­mäh­li­chen Rück­zug aus dem öffent­li­chen Leben auseinanderzusetzen.

Zwi­schen den Zei­len tre­ten jedoch auch Über­le­gun­gen her­vor, die beson­de­res Inter­es­se her­vor­ru­fen dürf­ten, vor allem jene zum Pon­ti­fi­kat von Papst Franziskus.

Rui­ni, der nach der Wahl Jor­ge Mario Berg­o­gli­os zunächst Freu­de und Unter­stüt­zung bekun­det hat­te, ver­hehlt nicht ein gewis­ses Unbe­ha­gen, das sich in den fol­gen­den Jah­ren ent­wickel­te. Er tut dies nicht im Ton der Pole­mik, son­dern als einer, der sich vor Gott selbst befragt.

„Als Papst Fran­zis­kus gewählt wur­de, habe ich mich gefreut und war, soweit es mir mög­lich war, von Anfang an einer sei­ner Unter­stüt­zer. Auch heu­te freue ich mich und dan­ke ihm für sei­nen außer­or­dent­li­chen mis­sio­na­ri­schen Eifer.“

Unmit­tel­bar dar­auf fol­gen jedoch Wor­te, wel­che eine der Sor­gen wider­spie­geln, die wäh­rend des Pon­ti­fi­ka­tes Berg­o­gli­os einen bedeu­ten­den Teil des ita­lie­ni­schen und euro­päi­schen Katho­li­zis­mus beschäf­tigt haben:

„Ich muß beken­nen, daß ich mich in einer Lage des Unbe­ha­gens befin­de, nicht aus per­sön­li­chen Grün­den, son­dern weil es mir schwer­fällt, gewis­se Rich­tun­gen zu ver­ste­hen, die mir Wun­den wie­der auf­zu­rei­ßen schei­nen, wel­che nach dem Kon­zil kaum ver­heilt waren.“

Es han­delt sich nicht um eine offe­ne Kri­tik. Viel­mehr ist es das Bekennt­nis eines Man­nes, der dem Papst zutiefst ver­bun­den bleibt und den­noch Mühe hat, bestimm­te kirch­li­che Ent­wick­lun­gen nach­zu­voll­zie­hen. Nicht zufäl­lig schließt die­ser Abschnitt mit einem Aus­druck des Vertrauens:

„Demü­tig bit­te ich den Herrn, mich inner­lich davon zu über­zeu­gen, daß die Kir­che die sei­ne ist und daß Er selbst für sie Sor­ge trägt, jen­seits unse­rer mensch­li­chen Vorstellungen.“

Die­se Über­le­gung erhält beson­de­res Gewicht im Lich­te der per­sön­li­chen Geschich­te Rui­nis. Jahr­zehn­te­lang gehör­te er zu den maß­geb­li­chen Inter­pre­ten des Lehr­am­tes Johan­nes Pauls II. und spä­ter zu den eng­sten Mit­ar­bei­tern Bene­dikts XVI. Sein stän­di­ger Bezugs­punkt blieb das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, des­sen Bedeu­tung er im Testa­ment mit Wor­ten tie­fer Dank­bar­keit würdigt.

„Ich dan­ke Dir für das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, dafür, daß ich es erle­ben durf­te und mit Freu­de in Reg­gio Emi­lia leben­dig machen konn­te, und eben­so dafür, daß Du mir die Klar­heit und die Kraft geschenkt hast, den Fehl­ent­wick­lun­gen der nach­kon­zi­lia­ren Zeit entgegenzutreten.“

In die­sen Zei­len tritt einer der Grund­zü­ge sei­nes Kir­chen­ver­ständ­nis­ses her­vor. Rui­ni ver­stand sich stets als Mann des Kon­zils, jedoch eines Kon­zils, das in Kon­ti­nui­tät mit der Tra­di­ti­on und nicht im Bruch mit ihr aus­zu­le­gen sei. Wahr­schein­lich erklärt gera­de die­se Hal­tung das von ihm emp­fun­de­ne Unbe­ha­gen gegen­über spä­te­ren Ent­wick­lun­gen, ohne daß er jemals die päpst­li­che Auto­ri­tät in Fra­ge gestellt hätte.

Im übri­gen ist das gesam­te Doku­ment von einem zutiefst per­sön­li­chen Ton getra­gen. Der eigent­li­che Gesprächs­part­ner ist nicht der Leser, son­dern Gott. Rui­ni erin­nert sich an die Men­schen, die sein Leben geprägt haben: sei­ne Eltern, sei­ne Schwe­ster, sei­nen Pfar­rer, sei­ne eng­sten Mit­ar­bei­ter und die Sekre­tä­re, die ihn auf sei­nem kirch­li­chen Weg beglei­tet haben. Mehr als ein öffent­li­ches Testa­ment erscheint der Text wie eine Gewis­sens­er­for­schung, die der gött­li­chen Barm­her­zig­keit anver­traut wird.

Beson­ders ein­drucks­voll sind die Sei­ten über das Alter. Bereits 2016 nahm der Kar­di­nal die ersten Anzei­chen des kör­per­li­chen Ver­falls und das all­mäh­li­che Schwin­den sei­ner öffent­li­chen Rol­le wahr. Er akzep­tiert dies als Vor­be­rei­tung auf die end­gül­ti­ge Begeg­nung mit Gott.

„Herr, hilf mir, das klei­ne Kreuz mei­nes Nie­der­gan­ges anzu­neh­men, vor­erst des kör­per­li­chen, eben­so wie das all­mäh­li­che Erlö­schen mei­ner Auf­ga­be. Dies ist die Gna­de, die Du mir jetzt schenkst, damit ich mich bes­ser auf die Begeg­nung mit Dir vorbereite.“

Die­se Wor­te erschei­nen heu­te bei­na­he pro­phe­tisch. Rui­ni, der mehr als zwan­zig Jah­re lang als einer der ein­fluß­reich­sten Män­ner der ita­lie­ni­schen Kir­che galt, deu­tet den Ver­lust von Macht und Sicht­bar­keit als letz­te Schu­le des Glau­bens. Kei­ne Nost­al­gie, kei­ne For­de­run­gen, son­dern das Bewußt­sein, daß selbst der Lebens­abend zu einer Form der Gna­de wer­den kann.

Das Doku­ment schließt mit einer sei­ner ein­dring­lich­sten Anrufungen:

„Herr, treu­er Gott, wer­de nicht müde, mich zu lie­ben und mich zu rufen, mich zu bekeh­ren. Vater, reich an Erbar­men, schen­ke mir und allen mei­nen Brü­dern in der Mensch­heit die Gna­de der Beharr­lich­keit bis zum Ende.“

Letzt­lich sind es viel­leicht weni­ger die Vor­be­hal­te gegen­über Papst Fran­zis­kus oder die Über­le­gun­gen zum Kon­zil, die als Ver­mächt­nis die­ses Testa­men­tes blei­ben. Es ist viel­mehr der Glau­be eines Man­nes, der nach einem hal­ben Jahr­hun­dert als prä­gen­de Gestalt der kirch­li­chen und poli­ti­schen Geschich­te Ita­li­ens vor Gott tritt, nicht als Fürst der Kir­che, son­dern als Gläu­bi­ger, der wei­ter­hin um Barm­her­zig­keit bittet.

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­News (Screen­shot)

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